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Im Gießener Kunstverein hatte ein junger hiesiger Künstler, Regiernngsbaumeister Kuhlmann, kürzlich eine Anzahl farbiger Silhouetten ausgestellt, die der Bettachtung teert und zu großem Teil geeignet waren, der neuen Kunstforin einen Platz neben der alten Bildsorm erobern zu helfen. Da waren Landschaften von beträchtlichem Stimmungsgehalt! Hochsommer — im Vordergrund ein der Ernte entgegenreifendes Kornfeld, im Hintergrund dunkelgrüne Wiesen, mitten dazwischen, eben noch mit Dächern und Kirch- turnt über die Mehren lugend, das Dorf, sicher in die reiche Flur gebettet, die ihm Unterhalt und Bestand verbürgt, über allem ein tiefblauer Sommerhimmel. Herbst — vorn ein schwaches Bäumchen, das müde und resigniert seine rotbraunen Blätter zur Erde gleiten läßt, dahinter braune Sturzäcker, abgeerntete Wiegen, weit int Hintergrund sehnfuchsblan das deutsche Mittelgebirge. Winter — eine gute Illustration zu dem Gedichte Eichendorffs:> Berschneiet liegt die ganze Welt, Ich hab' nichts, was mich freuet;
Verlassen steht der Baum im Feld, Hat längst sein Laub verstreuet. — Auch entsprechende figürliche Darstellungen und Interieurs waren da. Ein kleines Bild „Im Vorzimmer". Eine junge kokette Schöne sitzt auf dunkelgrünem Sofa vor golddurchwirkter Seidentapete, ihre Hand hält elegant ein Buch, doch gespannte Erwartung läßt sie nicht zum Lesen kommen, ein prächtiges Tischchen mit Büchern und Blumen steht vor ihr.
So gab es vieles zu. sehen und wer Augen hatte, erkannte!, daß buch Wilder aus Papier Bilder sein können. Tie viel beachtete Ausstellung ist jetzt zu Banger nach Bad-Nauheim übergesiedelt. Sich dir die Sachen dort an, Freund! Dein Urteil über die Zeit der alten Silhouette hast du ja beträchtlich gemildert, sieh dir die Sachen an und du denkst auch besser von der Tochter dieser Zeit und ihrer Kunst, der farbigen Silhouette. O. B e r t h.
Mannissegen.
Johannistag! ■— Der junge Sommer hat vor wenigen Ta^en dem scheidenden Frühling friedlich die Hand gereicht und die Pflicht übernommen, dessen Werk zu einem gedeihlichen Ende zu führen, und ebenso friedlich sollen sich nach dem alten Volksbrauche am Johannistage die Nachbarn, auch wenn sie sonst verfeindet sind, die Hände reichen und den Johannissegen trinken, auf daß sie iM Frieden leben und der Sommer warm und fruchtbar sein möge. Der schöne alte Brauch des Johannissegentrinkens der ehemals weit verbreitet war. und sich in Bayern, Tirol, Voralberg, Schwaben, einigen Teilen Oesterreichs und Böhmens, wie im Hildesheimischen fand, liegt gegenwärtig im Aussterben. „Man stellte am 24. Juni Tisch und Stühle v'ors Haus" — so behandelt Meier den Brauch als etwas in Schwaben der Vergangenheit Angehöriges —• „und die Nachbarn nebst Bekannten und Verwandten setzen sich hier zusammen. Wenn manche Nachbarn auch das ganze Jahr hindurch sich angefeindet hatten, so Mußten sie an diesem Tage sich aussöhnen und miteinander essen. Der eine brachte Brot, der andere Fleisch, em dritter Wein usw., dann aß und trank man auf offener Straße und sang dazu lustige Lieder bis tief in die Nacht." Meier fügt hinzu, daß der Brauch in Neuerer Zeit wieder austebe. Auch bei andren Gelegenheiten müßte der Johannissegen getrunken werden, z. B. bei Trauungen, damit die eben geschlossene Ehe glücklich werde, ferner trank man beim Abschied den Johannissegen: die Johannisminne, wie man e ausdrückte. um dem Scheidenden Glück und Schutz auf seiner ise zuzuwenden. Der Wein, der dabei getrunken wurde, war ehemals vom Priester geweiht, jedoch entartete der Bolksbrauch, bis man schließlich den letzten Trunk im Wirtshaus als Johannissegen bezeichnete. Wie der Johannissegen beim Abschiede getrunken wurde, als der Brauch noch nicht herabgewürdigt war, schildert Panzer einmal: „Vor der Abfahrt eines Salzzuges von Passau nach Regensburg brachte der Seilträger aus dem Seilnachen einen Plutzer Wein, füllte einen kleinen Becher und sprach zu den vorüberreitenden Roßleuten: Bring Euch den heiligen Johannissegen! Leerte den Becher, schwang ihn rückwärts, über den Kopf und goß einige Tropfen aus. Dann reichte er jedem der Roßleute den gefüllten Becher und jeder sprach: In Gottes Namen den heil. Johannessegen, leerte den Becher, schwang ihn rückwärts über den Kopf und goß einige Tropfen aus. Hatten alle getrunken, so sprach der Seilträger: In Gottes Namen fahren wir!" Das Johannissegentrinken muß ein sehr alter Brauch sein, denn schon Hartmann von der Aue (ebenso andere mittelalterliche Dichter) kennt ihn. In vielen Dichtungen wird er erwähnt, es gibt Chro- mken, die Ihn ^aufzeichnen, er ist sogar von einem Dichter am Ausgange des 15. Jahrhunderts in einem Schwanke verwendet wov- den, m, es gab ein beliebtes volkstümliches Scherzrätsel, welcher eilige der größte Füller sei, dessen Lösung lautete: Johannes.
Zvhcmnes, um den es sich hier handelt, ist nun freilich nicht Johannes der Täufer, dessen Fest der 24. Juni ist, sondern Johannes der Evangelist, dem der 27. Dezember gilt. Der Brauch, den ^ohanmsfegen zu trinken, hat nämlich, wie man hieraus entnehmen kann, mehrere Wurzeln; die volkstümliche tteberliefe- rung hat verschiedene heilige Personen zusammengeworfen, und
es fehlt auch nicht der Zusammenhang mit heidnischen Gottheiten Uebrigens ist das Johannessegentrinken nicht auf den 24. Juns beschränkt, sondern es geschieht auch aM 27. Dezember, ant Tage des Evangelisten Johannes, und wenn der Brauch bei Trauungen oder beim Abschiede ausgeübt wird, an jedem be» kiebigen Tage des Jahres. Woher mäg er nun stammen? Eine Legende aus dem 16. Jahrhundert gibt am Schlüsse die Antwort: „der Papst Pelagius ansing / daß Man segnen sollt den weine! / an Sanct Johannes tag alleine/daß jedermann den Segen tranck. / also name zu danck/em anfang Sanct Johannessegen/". Nach I. Grimm geht das Johannissegentrinken ans das Heidentum zurück und ist eine abgewandelte Form! des Trankopfers; in heidnischen Zeiten wurde zu Ehren eines Anwesenden oder Verstoß denen ein Becher getrunken, und bei festlichen Opfern und Gelagen wurde „Minne getrunken". Nach den Forschungen Zingerles geht das Johannissegentrinken auf den altnordischen Gott Frehr zurück, und die Verschiebung auf Johannes den Täufer und den Apostel Johannes beruht auf Parallelen zwischen dem altnordischen Gott und dem Apostel Johannes und der Vermengung des Apostels mit dein Täufer. Freyr ist der strahlende Sonnengott, der über Regen und Sonnenschein herrscht, der Gott der Liebe und des Friedens, und so ist Johannes, der Jünger der Liebe, der freundlichste und schönste unter den Aposteln; das Attribut des Johannes ist schließlich der Becher. Es gibt auch eine Legende, nach der der Götzendiener Aristodemus dem heiligen Johannes vergifteten Wein zum Trinken mit der Erklärung überreichte, er wolle Christ werden, hierin der Apostel den Becher ohne Nachteil leeren würde. Johannes trank den Wein und es schadete ihm nichts. Ans diesem Grunde wird der Johanniswein geweiht. Die Vermengung des Apostels mit dem Täufer beruht natürlich nur auf der Gleichheit der Namen.
Vuchertisch.
— Neuerscheinungen in Reclams Universal- Biblio the k. Nr. 5551. Richard Voß, Ken t aur enli ebe. — DieToteninsel. Zwei antike Novellen. Novellen aus dem Italien des Klassischen Altertums hat Richard Voß bereits in zwei Universal-Äibliothek-Vändchen dargeboten, in „Amata — Liebesopfer" (Nr. 5324) und in den antifett Idyllen von „Stärker als der Tod" (Nr. 5460), farbenprächtigen, stimmnngsreicheni Dichtungen, die viel BeilMnderung gefunden haben. Ans gleicher Höhe stehen die beiden vorliegenden Erzählungen. — Nr. 5552. Karl Roeßler und Ludwig Heller, Im Klubsessel. Lustspiel in drei Aufzügen. Soufflierbüch nach den Aufführungen am Berliner Lustspielhaus. — Nr. 5553. Der hürnene Siegfried. Ein Heldengedicht. Nach dem ältesten Drucke bearbeitet von Karl Pannier. — Nr. 5554. Otto von Fabricius, Süße Mädel und andere Bitterkeiten. Humoresken. Mit einem Vorwort von Ttt. Emil Kumli? und einem Bildnis des Verfassers. Inhalt: Einleitung. Braunschweiger Würste. Hoflnft. Ein unschuldiges junges Mädchen. Die Futuristin. — Nr. 5555—5560. Ludwig Häusser, Di e Freiheitskriege 1813—1815. Neu herausgegebeii von Dr. Max Meudhnm. Zweiter Baud. Die Niederwerfung der Napoleonischen Herrschaft. Mit 6 Schlacht- plänen. Inhalt: Vorwort des Herausgebers. Fünfter Abschnitt. Die Zeit der Siege. Sechster Abschnitt. Die Entscheidung bei Leipzig. Siebenter Abschnitt. Die Heerfahrt nach Paris. Achter Abschnitt. Ter Feldzug von Waterloo. Der zweite Teil von Häussers, des berühmten Heidelberger Historikers, Darstellung der Befreiungskriege setzt mit der Wiederaufnahme der Feindseligkefteu nach dem Waffenstillstände im August 1813 ein und schildert in einer Folge glänzender Bilder nun vor allem die großen Ent- scheidungsschlachteii bei Großbeeren, an der Katzbach, bei Tresdeu und Leipzig, sowie den Feldzug von 1814 in Frankreich und die endgültige Niederlage Napoleons bei Waterloo, dabei überall auch den diplomatischen Verhandlungen in freimütig-kritischer Beleuchtung die gebührende Beachtung schenkend. lieber Häussers Darstellung hinaüsgehende Forschungsergebnisse find wieder wie beim' ersten. Teil (Universal-Bibliothek Nr. 5517—5520) in den Anmerkungen des Herausgebers mitgeteilt. Eine Anzahl klarer Schlachtenpläne unterstützt die Schilderungen des Verfassers aufs beste. ________________
Magisches sahienquadrat.
In die Felder nebenstehendeii Quadrats sollen die Ziffern
34 220 302 443
viennal derart eingetragen werben, daß die Summe der Zahlen in jeder der senkrechten, wagerechten und Diagonalreihen stets 999 betragt.
Auflösung in nächstev Nummer.
Auflösung des Tauschrätsels in voriger Nummer: Fagd — Äfd)e — Michel — Mer — Segen — Weber — Aft — Teller — Topf;
James Watt.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R, Lange, Gießen.


