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Überspannt, während die andere mehr oder weniger vernachlässigt wurde.
Eine länger dauernde Ueberspannung aber, eine besondere Anspannung nach einer Richtung hin, kann unser Organismus nicht ertragen. Es meldet sich gar bald das Bestreben, einen Ausgleich zu schassen, das Gleichgewicht der Kräfte ivieder her- zustellen, das Bedürfnis „auszuspannen".
*So, haben wir heute von Zeit zu Zeit das dringende Bedürfnis, die Arbeit einmal niederzulegen und uns zu „erholen".
Dazu kommt noch ein anderes. Mit der fortschreitenden Spezialisierung der Arbeit wurden die Menschen, bisher auf dein Lande zerstreut wohnend, gezwungen, näher aneinander zu rücken. An den gemeinsamen Arbeitsstätten reihten sich Wohnung an Wohnung, cs entstanden immer mehr „Städte" und schon vorhandene wurden größer. Man denke nur an die rapide Entwicklung des rheinisch-westfälischen Industriegebietes und die Ausdehnung unserer Großstädte, Berlin voran. Mit dieser Entwicklung wurde der einzelne in seiner Bewegungsfreiheit immer mehr eingeschränkt, der Lust und dem Licht entzogen. Seine Wohnung und die Stadt wurden, ihm gleichsam zum Gefängnis. Gegen dieses Einzwängen in beschränkte Verhältnisse, in licht- arme und enge Räume wehrt sich der Organismus, er fühlt das Bedürfnis, die Fesseln zu sprengen, aus den Mauern zu fliehen, ins Freie zu stürmen, er spürt Hunger nach Licht, Luft und Wasser. — Ein schöner Sonntag, und die Großstadt speit Tausende aus, nach allen Richtungen strömen die „Ausflügler".
Also die Notwendigkeit auszuspanuen und der Drang ins Freie, das Sehnen nach der „Natur" drücken den Menschen den Wanderstab in die Hand, die Erholungsreise ist eine ständige und wahlberechtigte Erscheinung in unserm Leben geworden. Und da das Reisen sich gegen früher auch wesentlich verbilligt und gar viele Erleichterungen erfahren hat, so ist es heute ganz allgei- mcin geworden. Wir leben im Zeitalter des Reisens.
Die Notwendigkeit, sich zu erholen, hat man allenthalben anerkannt. Der Bearute und Angestellte erhält heute seinen jährlichen Erholungsurlaub. Auch den Arbeitern in Fabriken und Bergwerken wird neuerdings vielfach die Möglichkeit gegeben, auszuspannen und zwar ohne daß für diese Zeit der Lohn ausfällt.
Wie wichtig auch ein öfteres Verweilen im Freien, eilt Aufenthalt auf dem „Lande" für eine gedeihliche Entwicklung unserer Heranwachsenden Jugend in den Städten ist, das hat man schon lange erkannt. So hat man vielerorts „Ferienkolonien" errichtet, wo blasse Stadtkinder in Lust und Sonne ihre Wangen röten.
Wie aber soll man sich erholen? Wie reifen und wohin? Das man sich für seine Erholungszeit die warme Jahreszeit wählt, wo die Tage lang sind und die Temperatur den Aufenthalt im Freien erlaubt, ist selbstverständlich. Die übrigen Fragen beantwortet sich jeder am besten selbst, lasse sein Empfinden sprechen, besondere Vorschriften wären hier verfehlt. Man folge lediglich der Stimme des Organismus, dem Bedürfnis und lasse alle Verlockungen und Rücksichten unbeachtet. Der Bureauarbeiter und andere, die wenig.Bewegung haben, werden Fußwanderungen den Vorzug geben. Der geistig Angestrengte, wie der Journalist u. a. wird an einem stillen Fleckchen Erde Erholung finden, wo die hastenden Ereignisse des Weltgetriebes ihn nicht erreichen und nur allgemeine Eindrücke seine Gedanken führen.
Wie und wo auch imtaer man sich erholt, alles mit Maß und Ziel! Ein ruhiges, gleichmäßiges Tempo des Lebens und keine Uebertreibungen, wozu vor allem der Sport in allen seinen Variationen Gelegenheit bietet und verlockt! Andernfalls könnte es so kommen, daß man sich von seiner „Erholungsreise" erst wieder erholen müßte.
Wessen Gesundheit aber schon mehr oder weniger Schaden genommen hat, bei wem die Harmionie der Lebensfunktionen einen Mißton vernehmen läßt, für den bleibt keine Wahl, wie er sich erholen soll. Für ihn gibt es nur die Reise ins „Bad". Hand in Hand mit dem sich steigernden Erholungsbedürfnis der Menschheit haben sich, soweit sie nicht schon vorhanden waren, zahlreiche Stätten zu dem Zweck aufgetan, den Leidenden und Erholungsbedürftigen besondere „Kurmittel" an die Hand zu geben, gleichsam Fabriken, wo die ramponierte Menschheit aufgebügelt und umgekrempelt wird. Die Vorteile einer Badekur sind zu offenbar und sprechen zu sehr für sich selbst, als daß man noch besonders aus sie hinzuweisen brauchte. Die meisten Krankheiten, die uns befallen, sind in erster Linie durch Störungen des Stoffwechsels her- beigeführt, die ihrerseits ihren letzten Grund in der Lebensweise, in den „Neigungen" und Gewohnheiten des Menschen haben. Hier, den häuslichen Sorgen entrückt, einer schädigenden Umgebung und Einwirkung entzogen, kann der Mensch sich ganh seiner Gesundheit und ihrer Pflege widmen: Er trinkt mit Andacht seinen Brunnen, badet, lebt diät, macht seine Spaziergänge und denkt an — nichts.
Vor allem sind es die Bäder selbst, die heilsam wirken. Sie regen den Stoffwechsel an, und ihre Wirkung ist so im allgemeinen die gleiche, wenn auch dem einen oder deut anderen Badeort wegen des Gehaltes der Quelle an Kochsalz oder Alkalien oder Eisen oder (tnberent eine besondere Wirkung zu verdanken ist.
Und nun gute Erholung und glückliche Reise!
Farbige Silhouetten.
„Silhouetten, ach was, pauvre, längst überholte Sache, armselig wie ihre Zeit" — also sprichst du, Freund, wirfst dich daseins- fteudig in die Brust und ein spöttisches Lächeln sitzt dir in den Mundwinkeln. Ern schnelles Urteil, aber ist es sauch ganz berechtigt? Ware nicht vielleicht anstatt des Spottes etwas Wehmut am Platze ? , Gewiß, die Zeit, in der auch der „bessere Bürger" das Bedürfnis, sich bildlich für die Nachwelt verewigen zu lassen, bescheiden bei dem Silhouettenschneider deckte, in der es sein Hauptvergnügen war, sich hinterm Ofen weit voni Schuß daran zu erbauen, wie hinten weit in der Türkei die Völker aufeinander! schlugen, sie war eng und begrenzt — und doch — Wir hüben, es ia recht weit gebracht seitdenr, wir haben den Dampf, die Elektrizität in das Arbeitsjoch für uns gespannt und sinnreiche Maschinen zur Beherrschung von Erde, Wasser und Luft erfunden. Sind wir aber glücklicher geworden dabei? Wir stellen größere Ansprüche, unser Horizont ist weiter geworden, so weit fast, daß unser Leben einer großen Ebene gleicht, ü^r die wir hinjagen, rastlos vorwärts getrieben, aber unsicher und ohne rechtes Ziel. Unsere Vorfahren lebten in der Enge, gewiß, über sicher von ihr umfriedet, sie waren bescheidener, weniger hastend wie wir und durchschnittlich wohl glücklicher. Wir haben die größere Zivilisation, sie hatten die größere Kultur! Wie, Freund, das willst du nicht glauben? Nun, so gehe in keinen '„Salon" und steh dich _ einmal um darin. Schön, gut, recht geschmackvoll, aber denkst du noch an das verbotene Paradies deiner Kindheit, die Staatsstube ber Großeltern? In bie du nur an seltenen Hoheit Festtagen Zntritt hättest, etwa deinem Geburtstage oder wenn du triumphierend mit einem „Einer" aus der Schule den Großeltern ins Haus fielst. Langsam und etwas geräuschvoll drehte, sich der Schlüssel im Schloß und du tratest ein unter den Ermahnungen der besorgten Großmutter: „Daß du dich nur ni«£ auf den Stühlen herumrekelst" oder „Wenn du die Sofasch-MÄ: wegnimmst, dann —", Da stand der alte Hausrat aus den Zeiten der Urgroßeltern, die gemütlicheii einladenden Stühle mit den geschweiften Lehnen, das lusstge kleine geblümte Sofa, der runde Tisch mit den vier leicht gebogenen Beinen, die geschwungene kleine Kommode mit einfacher Einlagearbeit und zierlichem Beschlag, alles licht, freundlich und zusammen passend wie aus einem Guß, Arbeiten längst dahingegangener schlichter, aber auf ihr Gewerbe stolzer Handwerksmeister. Und auf Tisch und KoM- mode die seltsam geformten merkwürdigen Seemuscheln, in denen das Rauschen der heimatlichen Brandung noch geheim fortlebte, uiid Tassen von beit zierlichsten Formen aus weißestem Porzellan unb mit ben schönsten Golbränbern. Und auf den weißen Tassen schwarze Silhouetten, unb schwarz-weiße Silhouetten, in schön gemasertes Birkenholz gefaßt, auf ben Wänden, wohin du sahst/ Silhouetten aus der Zopfzeit mit Haarbeutel unb zierlich gekräuseltem Spitzenjabot, Silhouetten im Werthevfrack und Bieder- meierglockenweste, Silhouetten wackerer Studenten in genialischen Hemdsärmeln, das dreifarbige Burschenband stolz um die Heldenbrust geschlungen und das Tounencerevis tief in bie gedankenreiche Stirn gedrückt. Da standest du und hattest genug zu sehen und zu staunen, bis dich dann die besorgte Hand der Großmütter wieder - zur Türe und in den Illliag hinaus führte. Denke an diese! Stunden, Freund, tue deinen Stolz auf unser Heute etwas von dir unb bekenne willig: Sie ist boch nicht zu verachten, die Zeit, bie mit ben Urgroßeltern zu Grab ging — bie Zeit der Silhouette.
Diese alte bescheibene Kunst ber schwarz-weißen Silhouette ist Wohl tot, der Silhouettenschneider mußte dem rührigen Photographen weichen. Wer die AüsschNeidekunst an sich hat sich/ wenn auch seither recht weit im Hintergrund steheub, doch in verschiedenen Formen noch zähe behauptet, und scheint in unseren Tagen wieder aufblühen zu wollen. Sie nimmt neue reichere Ausdrucksmittel in Anspruch, sie will sich! zum farbigen Scherenbild entwickeln, bildmäßige Wirkung mit farbigen, nebeneinander geklebten Papierausschnitten erzielen. Woher dieser Aufschwung? Ist er dem Impressionismus in der Malerei zNzüschreibeu? Auch dieser arbeitet ja hauptsächlich auf den Eindruck hin und. setzt die Farben ohne Zwischentöne keck unvermittelt nebeneinander. Oder kam das Heil, wie bie Sonne, von Osten, von Japan Ijter, mit seiner dekorativen, verspekttvelosen Flächeumalkunst? Oder griff Man, nachdem bie geschlossene Kultur unserer Voreltern toieber entdeckt war und einigermaßen auf unsere heutigen Verhältnisse übertragen werden soll, auch hierin tatsächlich auf sie zurück? Es wird wohl das alles zum Aufschwung der Ansschneidekunst beigetragen haben. Kürz, sie ist da und hat Daseinsberechtigung! Wie, Freund, du lächelst wieder: „Bilder ans Papier? Das gibt's ja gar nicht. Ein richtiges Bild ist auf Leinwand gemalt in Oelfarbcu, allenfalls lasse ich mir noch Aquarelle, Pastelle, auch Stiche gefallen, aber Papier —" Halt, gemach. Lieber, lasse uns zunächst mal bedenken, was eigentlich ein Bild ist. Doch wohl eine unter Außerachtlasseu des Nebensächjlichen gemachte Ausnahme, die den Eindruck, den der Künstler empfangen hak, festhälten und in beut Beschauer bes Bildes wieder wachrufen soll. Wirb bieser Einbruck stark in dem Beschauer, dann ist bas Bild gut. Ganz einerlei ist es doch, mit welchen Mitteln der Künstler das erreicht. Bringt er es mit Papierausschnitten fertig, gut, so muß auch das als wahre Knnst angesehen und gewertet werben.


