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Ms er in der Eintretenden seine Base erkannte- sprang er auf. „Toinette! — Und in meinem Zimmer?"
„Ja, Lintyardt — ich aeb'e zu, es ist ungewöhnlich mtb uicht schicklich- aber der Krieg kehrt sich nicht an Form und Sitte. Ich wollte Ihnen nur zweierlei verkünden!"
„Etwas Gutes?"
„Nein, das hätte Zeit bis morgen früh. — Etwas Hartes. — Seien Sie starr!"
„Ick bin ein Mann!"
„Ihr Bruder liegt schwerverwuudet int Ahnensaale!" „Werner?"
„Ja — und er ist am Verscheiden!"
„Wollen Sie mich zu ihm führen?"
„Ja!"
Sie schritten ben Gang vor und nach dem Mittelbau des Schlosses und kamen gerade im selben Augenblick zur Tür, als der alte Freiherr, vom Totenbette Werners kommend, heraustrat.
Beide prallten zurück. „Vater!" — stieß Linthardt hervor und stand daun, schuldbewußt und mit gesenktem Kopfe, vor dem greisen Freiherrn.
Der Preßte beide Hände auf fein Herz und zitterte am tgauzeu Körper, daun fiel er in sich zusammen und sagte: „Also doch!" Daun schritt er an seinem Erstgeborenen vorüber. Linthardt lehnte sich einen Augenblick in ihn übermannender Schwäche an die Wand, dann reckte er sich auf und schien dem Vater nacheilen zu wollen, aber Pfarrer Tempel, der diese Bewegung sah, hob die Hand zur Abwehr. Da stampfte Linthardt mit dem Fuße auf, lachte kurz auf und wandte sich ab. —
Neben ihm stand Toinette von Bourgee. Blaß und zitternd hatte sie diesen Vorgang mit angesehen. Jetzt trat sie dicht zu Linthardt. „Lassen Sie den alten Manu nicht so gehen, Junker. Ich bitte Sie! Sie sind im Unrecht, unbedingt. Ihr törichter Sinn, das Erbe Ihrer Väter retten zu wollen, raubt Ihnen Ihre Familie und Glück und. . ."
„Nut: — und?"
„Und meine — Zuneigung!"
„Toinette!"
„Ich kann nichts andres sagen: Meine Zuireignug und..meine Achtung!"
„Toinette, nehmen Sie diese Worte zurück!"
„Ich kann es nicht!"
Er faßte in rohem Zorne ihre Hand, daß sie vor Schmerz erbebte. „Ich zwinge Sie!" Da sah er Tränen In ihren Augen und ließ sie los. „Sie sollen mich achten, gerade Sie, Toinette!" Sie schwieg — „Hören Sie, Toinette, Sie sollen mich achten, .gerade Sie!"
„Warum ich?"
„Weil Sie die einzige sind, die mich verstehen könnte, wenn sie wollte — und — und —"
„Und?"
„Weil Sie schön sind!"
Sie stampfte mit dem Fuße auf und machte eine zornige Gebärde und wollte in die Tür des Saales treten. Uber einige Krankenträger kamen ihr in den Weg. Sie trugen einen Toten heraus, einen mit lockigem Haar und einem fröhlichen Lächeln auf ben Lippen, einem Lächeln, durch seine letzten Worte hervorgerufen: „Wir haben ge= siegt!"
Toinette berührte den Arm des vordem Trägers, und sie standen still. „Wohin mit dem Toten?" fragte sie.
„Hinüber in den Schuppet:, wo die andern liegen!"
Linthardt trat an die Bahre und warf einen Blick darauf, und nachdem er sich einigermaßen gefaßt hatte, sagte er zu den Trägern: „Folgt mir nach!" — Er schritt an Toinette vorüber, schwer und müde, ging ben laugen Korridor entlang und stieg die Treppet: empor, die in den Seitenflügel führtet:. Er wandte sich nicht um, aber das dümpse Stampfen der Männer, die die schwere, tote Last trugen, klang in fein Ohr. Sein Diener harrte seiner in der offenen Tür. „Anatole, rüste mein Bett für einen Toten!"
„Gnädiger Herr!" — „Ja, ja, schnell!"
Schot: waren die Träger zur Stelle. „Legt ihn auf das Bett da. — So, ich danke Euch!" Er reichte jedem ein Geldstück und schickte mit ihnen auch Anatole hinaus. Nun war ?r mit dem toten Bruder allein.
Er setzte sich an das Bett, rückte die Lauche näher und betrachtete das Antlitz des Toten, lange, lange Zeit. —
Er strich Werner die Haarlocken aus der Stirn, ivusch ihm das Antlitz und die Hände und setzte sich dann wieder still an seit: Lager. Schon dämmerte der Morgen. — Dal rief er Anatole, der sich draußen vor der Tür ein Bett gerüstet hatte, und sie kleideten den Toten aus, legten ihm frische Wäsche an, und Linthardt suchte in den riesige:: Schränket: so lange, bis er Kleider des Gestorbenen gefunden hatte: eine gelblederne Galahose mit silbernen Knieschnallen und eine blauseidene Schnürjacke, die der Bruder zu einer Hoffestlichkeit als Page getragen.
Sie zogen, ihm diese Kleider an, und daun nahm Liut- hardt aus seinem Wafsenschrank einen Dege::. Den legte er lang über den Leib Werners und faltete seine Hände über dem bloßen Stahl. Kaum fertig mit dieser Arbeit, klopfte es, und als Anatole öffnete, stand Toinette in der Tür, in jeder Hand einen Leuchter mit je drei brennenden Kerzen. Schweiget:- nahm ihr Linthardt die Leuchter ab und! setzte sie auf kleine Tischchen zu Häupten Werners, und schweigend duldete er, daß sich Toinette über den Toten beugte und ihn auf die Stirn küßte. —
Da erfaßte sie ein Weinkrampf — so heftig und jäh, daß Linthardt sie in seine Arme nahm und in einen Sessel trug. Und unter Tränen stieß sie hervor: „Er hatte tnich lieb bis in ben Tod!"
Linthardt wußte kein Wort des Trostes zu saget:. Seine Zunge schien ihm wie gelähmt. Er fuhr der Weinenden tröstend mit der Hand über das Haar, und als sie sich erhob, stützte er sie und geleitete sie zur Tür t:t:d ben Korridor entlang bis zu ihrem Zimmer, und wortlos verabschiedete er sich von ihr.
(Fortsetzung folgt.)
Gesundheit und Reisen.
Von Dr. Med. E::: i l K önig.
Unser Körper ist vielseitig tätig: Er bewegt sich, er atmet, er pulsiert, verdaut, leistet geistige Arbeit u. a., alles gleichzeitig und nebeneinander. Er übt die verschiedenen Tätigkeiten mit besondere!: Organen (Lunge, Herz, Arme und Beit:e nsw.) aus, unser Körper ist ein Organismus. Diese besonderen Lebensbetätigungen bilden ein zusammenhängendes Ganzes und repräsentieren in ihrer Gesamtheit das Leben. Sie sind in ihrer Möglichkeit voneinander abhängig und beeinflussen sich gegenseitig. Bei einer „Herzschtväche" z. B. ist auch die Atmung verlangsamt, die Bewegungsfähigkeit; säst ausgehoben und meist auch das Bewußtsein geschwunden. Andererseits beschleunigt eine körperliche Anstrengung (Bewegung) die Atmung und treibt das Herz zu schtrellerem Tempo air. Tut jedes Organ seine Schuldigkeit, leistet es nicht zu viel uird nicht z:t wenig, dann herrscht Harmonie in der Tätigkeit aller Organe, unser Organismus lebt in gehöriger Weise, wir selbst fühlen und wohl, wird sind „gesund".
Aber wie leicht könnte doch eine so kompliziert arbeitende Maschine, wie unser Organismus sie ist, gestört oder wohl gar zum Stillstand gebracht werden! Nur ein geringes Versagen oder eine Ueberleistnng dieses oder jenes lebenswichtigen Organes, und die Harmonie ist gestört, das Leben aus den Fugen gehoben! EI wäre fürtvahr keine Freude zu leben.
Da besitzt nun unser Organismus eine eigenartige Fähigkeit. Er reguliert die einzelnen Tätigkeiten, bremst hier, treibt dort an, er hat das Bestreben, die einzelnen Tätigkeiten in harmonischem Einklang zu erhalten, und falls Störungen sich einstellen, die Harmonie wieder aufzubringen. Dieses Bestrebet: unseres Organismus kommt uns znm Bewußtsein als „Bedürfnisse". Beginnt dem Körper die Nahrnng, der Lebensmaschine das Fenerungs- material zu mangeln, so meldet sich der „Hunger", das Bedürfnis zu essen. Nach körperlicher und geistiger Anstrengung haben wir das Bedürfnis zu ruhen. Nach des Tages Mühen und Lasten haben wir noch ein weiteres und stärkeres Ruhebedürfnis, nämlich zu „schlafen". Das Zuviel an Arbeit am Tage gleicht der Organismus durch ein Weniger in der Nacht aus. Dort das Lebenstempo beschleunigt, hier verlangsamt, das Gleichgetvicht wird hergestellt. Und hat der Körper einmal zu lange der Ruhe gepflegt, dann tnacht sich umgelehrt ein gewisser Bewegnngszwang geltend, wir haben das Bedürfnis, uns zu bewegen. Nach einer „Sitzung" z. B. „ergeht" man sich.
Für den Menschen der Neuzeit hat sich in den letzten Jahrzehnten alln:ählich noch ein ganz besonderes Bedürfnis herausge- bitdet.
Mit den zahlreichen Veränderungen, die das rasende Tempo der Entwicklung in den letzten 100 Jähren auf allen Gebieten hervorbrachte, haben sich auch, und zwar nicht minder schnell, d:e Erwerbsverhgltnisse geändert. 1 Wje überall, so wurde auch h:er die Spezialisierung aufs Höchste geschraubt. Spezialarbeiter aus allen Gebieten! Die Folge war eine einseitige Anspannung der Körper- und Geisteskräfte des Menschen. Die eine Kraft wurde


