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Die Mammrnzeichen rauchen.
Romcnr aus dein Jahrs 1813 von Mlcüx Karl Böttcher-Chemnitz.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Der Arzt tippte Gisela auf die Schulter. Sie stand tuf und suchte Toinette vou Bourgee, die sich einige Schritte arückgezo gen hatte. Gisela ging zu ihr und reichte ihr die Hand. — „Ich danke Ihnen herzlichst, — daß Sie meinen Bruder gelabt haben. — 9hm habe ich eine Bitte, eine große Bitte, nein, «zwei, Fräulein. Erfüllen Sie sie mir um des Sterbenden willen, der Sie lieb hat: Sagen Sie dem Junker nicht, wer Sie sind. Er soll in fröhlichen Gedanken sterben. Wollen Sie das?" Toinette blickte und preßte ihre Hände ineinander. „Und die andre Bitte: Wir wollen setzt unfern alten Vater herbeiholen, Abschied von seinen) einzigen Sohne zu nehmen. Ja, es ist sein einziger Sohn, denn der andre ist für ihn tot, sobald er erfahrt, was er getan, oder besser, was er unterlassen hat. Bitte, Schwester Toinette, ziehen Sie sich zuriick, wenn Sie meinen Vater und uns zurückkommen hören. Ersparen Sie dem alten Manne Ihre Gegenwart! Wollen Sie?"
Wieder nickte Toinette und duldete es, daß Gisela ihre Hände nahm und sie herzlich drückte. Dann trat Gisela wiederum zu Werner, doch der war schon wieder in Ohnmacht verfallen. Sie verließen den Saal, aus dem man.fortgesetzt Tote trug, und auf die freigewordenen Lagerstätten neue Verwundete legte.
In Hof und Park war es stockdunkel. Pfarrer Tempel nahm Giselas Arm und trug sie stellenweise über große Pfützen hinweg. „Baroneß, setzt kommt wohl die schwerste Stunde unsres Lebens!"
„Ja, Herr Pfarrer, bleiben Sie bei uns!" —
Als sie in das Zimmer des alten Freiherrn traten, das sie vor etwa zwei Stunden verlassen hatten, rief dieser voll Ungeduld: „Endlich kommt Ihr! — Lebt Werner?" „Ja, er lebt!"
„Gott sei gedankt!" sagte nun der Baron mit tiefem Stöhnen und fiel in sich zusammen.
,-Woher weißt du von Werner, Vater?" fragte Gisela und flößte ihm einen Schluck Wein eilt.
,-Jch schickte dreimal zu Etzinger, und beim dritten Male erfuhr ich, daß Ihr zwei ins Schloß gegangen wäret, Werner zu suchen. — Bringt Ihr Werner her zu mir?"
„Es geht nicht, Herr Baron — die Wunde würde beim Transport aufreißen!"
„Ist es schlimm?"
„Leicht ist es nicht, Herr Baron, aber es ist ein Altenlohe, und die sind zähe!"
„Ja, ja, waren es, bester Tempel, ivaren es! — Jetzt sind sie bald mürbe! — So führet mich ins Schloß!" Er richtete sich mit fast übermenschlicher Kraft auf, stützte sich
auf feinen alten Diener und auf Tempel und schritt zur Tür. Msela umhüllte ihn mit Decken und setzte ihm einen Hut auf. An der Tür zauderte jedoch dec Freiherr. „Wer hätte gedacht, daß ich uoch jemals einen Fuß in das SchlvH setzen würde! — Und nun aus solchem Anlaß!" Dann gingen sie ganz, ganz langsam durch die finstere Nacht.
Alle zwanzig Schritte mußte der Freiherr rasten. Er mochte unsägliche Schmerzen leiden, aber er zwang sie nieder. Wohl eine halbe Stunde brauchten sie zu dem kaum tausend Schritt langen Wege. Endlich, endlich waren sie im Schloßhof. An einigen Stellen brannten Fackeln.
„In Linthardts Zimmer ist doch Licht?" fragte der Freiherr hastig. I '
„Ja, das find die Operationsräume fiir den Feldchirurgen," beeilte sich Gisela zu versichern, und es stieß sie aus Herz, daß sie um des Verräters willen die Unwahrheit sagen mußte. ■
„Und wo wohnen die.Franzosen?"
„Links von dem Altan!"
Schweigend schritten sie über den Hof und stiegen die Freitreppe empor, und ehe sie in die Tür traten, warf der alte Freiherr nochmals einen langen Blick nach dem Seitenflügel, wo heller Lichtschein ans Linthardts Fenster in die Nacht drang. Gisela eilte jetzt voraus, und als sie in den Saal trat, erhob sich Toinette von Bourges vom Lager Werners, an dem sie gekniet hatte, strich noch einmal mit der Hand über seine Stirn und ging dann in ein Nebenzimmer.
Nun führten sie den alten Freiherrn herein. Es war kein leichtes Stück Arbeit, den schwachen Greis durch die engen Reihen der Strohlager bis an die Statt Werners zu bringen. Und nun kniete der Vater, vom Diener gestützt und gehalten, an des Sohnes Sterbebett. Der Tod hatte ihn schon geküßt. Müde schlug der Junker die Augen auf Und blickte lange auf des Vaters Antlitz. „Mein Werner!" sagte der Vater weich und gütig.
Erst des Vaters Stimme schien in Werner das volle Bewußtsein zu wecken. — Er hob jetzt mit sichtlicher Anstrengung beide Arme und umschlang den Vater und küßte ihn. — „Vater, wir haben gesiegt!" lispelte er dazu. — Das war sein letztes Wort. Seine Arme fielen herab, und dann ioar seine Seele sanft und still davon.
„Wir haben gesiegt!" wiederholte der Freiherr die Worte des Verschiedenen. Dann richtete er sich auf, griff nach Giselas Hand und sagte zu der Schluchzenden: „Ihm ist wohl, aber wir sind nun allein, Gisela, ganz allein! — Laßt uns gehen!" Noch einen letzten Blick warf er auf den Toten, Tränenlos wandte er sich an den Pfarrer: „Begrabt ihn mir gut — wie einem Altenlohe gebührt! Die Gruft werden sie uns wohl nicht streitig machen! „Und nun gingen sie aus dem Saale. —
Toinette war unterdessen nach Linthardts Zimmer gei gangen. Es war gegen elf Uhr nachts, und doch wagte sie anzuklopfen. „Herein!" rief drinnen der Erbjnnker.


