Ausgabe 
23.4.1913
 
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Ich nüberg'ganMl yi dein Maler und hab' utit ihm g'redt: Wir b'halteir o-as kleine Mädel. Wer schriftlich müßt er niir's geben, daß er ganz auf das Kind verzichten will.

Zuerst hat er mich so verwirrt ang'schaut, als Hütt' er gar nicht verstanden, was ich mein'. Aber nach einer Weil', hat er so recht tief aufgeseusz-t und hat g'sagt:Ja, das ist das beste die Rettung! Die einzige Erlösung'st Und er hat alles unterschrieben, was ich verlangt hab'. Ich hab ihm noch ein paar Bilder abtänft ich glaub, sie stehen noch auf dein Speicher droben, denn mir ivaren's viel zu traurig, nur, damit er einen Zehrpfennig hat. Nachher ist er fort und wir haben nie mehr von ihm g'hört. Er wird ivohl g'storben und verdorben sein, der arme Teufel."

Mali war bei den letzten Worten zusammengezuckt und hatte sich entfärbt.

Wer sie schwieg.

So bist also Lei uns blieb'n und etliche Jahre später, wie ich meine Fünfziger auf dem Buckel g'habt hab, haben wir die Sache mit der Adoption richt! g g'macht. Für dich ist's natürlich das größte Glück g'wesen, daß es so kommen ist. Ich weiß nicht, was aus dir worden wär, Werin wir halt nicht in dem Haus g'wohnt hätten und wenn dich die Mali nicht so gern g'habt Hütt'. Ja, ja, ihr hast es zu verdanken, daß du das gute Leben g'furrden hast. Ich ivill ja nicht groß tun. Wir sind halt in der glücklichen Lag'. Und wir haben dich g wist g'halten, wie unser eigenes Kind. Ja, dabei bleibt's andX da ändert sich nix, Hildegard. Gib der Mama einen Kuß und nach­her reden wir überhaupt nicht mehr von den alten G'schichten. Tu g'hörst zu uns, und wenn ich auch manch­mal em bißl hitzig werd', du weißt's ja doch, wie gut ich's mein' mit dir!"

Er hatte sich allmählich in eine Weiche, rührselige Stim- mung hineingeredet; sein Zorn und Aerger waren ver­flogen, ja er hatte vollständig vergessen, aus welchem Anlaß er zu dieser ernsten Aussprache gekommen war.

Hildegard lehnte ihren Kopf an die Schulter der guten Mali, die ihr sanft das Haar streichelte.

Einen Moment lang hatte sie in dieser Klarheit, die sich tvie eilte große Weiße Lichtwelle um sie breitete, ein wonniges Gefühl der Befreiung empfunden.

Nun brauchte sie sich nicht mehr wie eine Schuldige zu erscheinen, wenn, sie sich so fremd und vereinsamt vor­kam in diesem Heim.

Sie gehörte ja auch nicht hierher, sie war ja ein wil­der Sprössling, den man in eine andere Erde verpflanzt und der hier nicht so recht Wurzel gefaßt hatte.

Ihre eigentste Natur hatte sich geregt, das Ursprüng­lichste, das Elementare ihre Wesens hatte sie ausge- Sett in deut Zwiespalt, von dem sie sich bisher be- gefühlt.

Nun stand sie in einer großen Einsamkeit und ein feier­licher Schauer überrieselte sie, während die Fäden sich lösten, die sie mit ihrer Umgebung verbunden, während sie fort­rückte von den beiden, die sie bisher Vater und Mutter genannt.

Ein wilder Trotz flammte in ihr auf, ein unbändiges Verlangen, hinaus zu eilen vor die hohe Mauer, mit der sich die Familie Bernhobler gegen alles ablehnte, was nicht zur Verwandtschaft gehörte; einmal zu sehen, wie da draußen das Leben flutet, einmal den Impulsen ihrer eigenen Natur zu gehorchen nur einmal auf atmen zu dürfen in einer anderen, freieren Luft!

Aber dieser Freiheitsjubel, dieses tolle Sehnsuchtsfie­ber, währte nicht lange.

Tann senkte sich plötzlich eine Bergesläst auf ihre Seele nieder.

Fester als alle Bande der Natur mußte sie ja die Tankbar- keit an diese guten Menschen knüpfen, die sich ihrer er- barnit hatten. Wenn sie dieses Heim nicht gefunden hätte, was wäre aus ihr geworden? Wo hätte man das verlas­sene Kind aufgenommen? Vielleicht im Waisenhaus! Sie sah sich in dem Zug der einförmig in Grau gekleideten kleinen Mädchen, die ihr oftmals auf der Straße begegnet waren, die ihr immer so leid getan hatten. Das wäre ihre Kindheit gewesen! Und jetzt müßte sie wohl längst arbeiten, ihr Brot verdienen in einer abhängigen Stellung als Köchin oder Kindermädchen. Das Herz preßte sich ihr zusammen bei diesem Gedanken.

Sie war so weich gebettet worden. Sie hatte nie hungern und frieren müssen. Sie hatte auch an Liebe keinen Mangel gelitten. Die gute Mama! Wie eine zärt­liche, liebevolle Mutter hatte sie das arme Waisenkind in die Arme genommen und gepflegt und verhätschelt.

Tränen traten in die jungen Augen, als das runde gutmütige Gesicht sie so ängstlich, so besorgt anblickte.

Hildegard mußte die heiße Stirn an die treue Schul­der lagen, an der sie ihre Kinderschmerzen verweint hatte.

Erst nach einer Weile erholte sie sich wieder so weit von ihrer Erschütterung, daß sie sich besinnen konnte, was sich vor dieser tief in ihr einschneidenden Erklärung ereignet hatte.

Sie hob den Kopf empor, trocknete sich die Augen und sagte in ganz schüchternem, bittendem Ton, mit einer vor Bewegung zitternden Stimme:

So unermeßlich viel habt ihr für mich getan, ihr beide! Aber schau, Papa, wär's nun nicht undankbar/ wenn ich den ersten besten nehmen wollte, nur um von euch fortzukonunen? Schickt mich nicht weg! Behaltet mich bei euch!"

Aber freilich, Kind, freilich!" beteuerte Mali, ganz zerfließend in Tränen.

Adolf hatte ja längst die gebieterische Strenge, zu der er nur von seiner Mutter aufgestachelt worden, wieder aufgegeben. Auch er kämpfte mit seiner Rührung. But­terweich war er, wenn Hildegard so demütig und be­scheiden zu ihm sprach.

No ja, wenn du den Leutnant nicht magst! Zwingen tun wir dich nicht, gelt, Mali? Von Fortschicken ist doch gar keine Red' nicht!"

Weil ihm aber die Unterredung am nächsten Tage sehr unangenehm war, fing er allmählich an, sich über den Leut­nant zu ärgern, der diese unliebsame Stimmung hervorriest

.Es ist schon wahr auch!" brummte er, als er allein mit ! ein er Frau war,was braucht er denn gleich anz'halten, wenn er nicht einmal weiß, ob die Hildegard ihn mag. Ein« Keckheit ist's! Natürlich, so einem armen Schlucker tüt halt das Geld passen. Eigentlich freut's mich, daß er mit einer langen Rasen abziehen muß!"

Bis zum nächsten Tage hatte er sich in eine solche Gereiztheit gegen den Freier feiner Tochter hineingestein gert, daß er den Offizier mit grimmigem Gesicht emp­fing und ihm, keines Wegs durch die Blume, nein, sehr unverblümt, feinen Korb erteilte.

Leutnant Schmidt ging mit verblüfftem Gesicht von dannen. Frau Walburga Bernhobler hatte ihm so be­stimmte Hoffnungen gemacht, der Baron ihn so freund­lich ermutigt er war auf diese brüske Abfuhr nicht vorbereitet gewesen und zerbrach sich den Kopf über! dis Ursache.

(Fortsetzung folgt.)

Napoleons Heerschau bei Mainz.

(24. April 1813.)

Won Hauptmann @reenen, Düsseldorf.

In der Nacht zum 5. Dezember 1812 hatte Napoleon die Trüm'mer der Großen Armee in Smorgoni verlassen. Schon nach! dreitägiger Schlittenfahrt versicherte er in Warschau dem dortigen ftanzösischen Gesandten:Ich gehe nach Paris, um 100000 Mann auszuheben und bin in sechs Monaten wieder am Njemcn." Und am 11. Januar 1813 stellte der französische Senat trotz, der militärischen und finanziellen Erschöpfung des Kaiserreiches deut Gewaltigen eine drittel Million Mann für einen neuen Feldzug gegen Rußland zur Verfügung. Wer auch mit dieser Masst glaubte er die inzwischen vereinigten Preußen und Russen nicht erdrücken zu können, abermals mußte ihm der Senat zu Anfang April, ans Grund der preußischen Kriegserklärung fast noch zwei weitere Hunderttausende bewilligen. Tenn er war sich wohl be­wußt, daß das Geschick seines Thrones von dem Ausfall dieses Feldzuges abhängen wurde. So stand diese fast aus der Erde gestampfte Armee der im Vorjahre in Rußland untergegangenen an Zahl wenig nach, aber das Menschen- und.Pserdematerial wie auch die Kriegsbegeisterung war dafür ganz erheblich! niedriger einzuschätzen.

Hatte doch der große.Korse mit unendlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, diesen noch zum Teil gänzlich unausgebildeten Massen durch brauchbare Stämme ein einigermaßen festes Gefüge zu geben. Trotz, ihrer Mißerfolge entnahm er schon zu Anfang Januar den in Spanien fechtenden Armeen etwa 30 000 Mann Stanimtruppen, deren Ausfall dort durch Rekruten ausgeglichen wurde. Von der Nordwest- und Westküste Frankreichs stellte er