Ausgabe 
23.1.1913
 
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'Sire, ich Stoffe, Sie legen die Schuld' nicht mir und m'etncn Gefährten bei, daß Ihre Absicht mit diesen Papieren zu den Ohren Ihrer Feinde gekommen ist."

Tas läßt sich durchaus nicht annehmen," war die Antwort, denn dieser Anschlag ist in Paris geschmiedet worden, Sie aber haben Ihre Befehle erst 'vor wenigen Stunden in Fontainebleau empfangen."

Wer wie"

Lassen Sie das sein!" siel er ein,darüber zu reden kommt Ihnen nicht zu."

Das war so ganz des Kaisers Art. Zuweilen konnte er mit jemand wie ein Freund oder Bruder reden, und wenn man nun für einen Augenblick die Kluft vergaßt die zwischen beiden lag, so. brachte er den Unvorsichtigen mit einem Wort, einem Blick bfioder ^ur Besinnung. .Ich muß oft an den Kaiser denken, wenn ich meinen alten Hund streichele, bis er sich einige kleine Freiheiten herausnimmt, so daß ick) ihü wieder zur Räson bringen muß.

Nun wendete er sein Pferd, und ich folgte ihm anfangs schweigend und schweren Herzens; aber als er jetzt wieder zu reden anfing, ließ ich schnell alle meine eigenen Kümmernisse fallen.Konnte keinen Schlaf finden, bis ich wußte, was aus Ihnen geworden war," sprach er.Meine Papiere sind mich teuer zu stehen bekommen zwei alte Soldaten in einer Nacht!"

Ms ich das hörte, überrieselte es mich kalt.

Oberst Despienne wurde erschossen, Sire."

Und der. Hauptmann Tremeau niedergehauen. Wäre ich nur einige Minuten früher gekommen, so hätte ich ihn retten können."

Da fiel mir der Reiter ein, der querfeldein gesprengt war, ehe ich den Kaiser getroffen. Hätte ich das nur früher gewußt, und wäre Violetta unverwundet gewesen, mein alter Waffen­bruder wäre sicher gerächt worden! Wie mochte das nur ge­kommen sein? Waren vielleicht seine steifen Glieder daran schuld 'gewesen? Der Kaiser riß mich aus meinen Gedanken.

Ja, ja, Brigadier, Sie sind nun noch der einzige, der um diese Papiere weiß!"

Fast wollte es mich dünken, als ob diese Worte nicht gerade in einem Tone des Bedauerns geäußert würden. Aber das war gewiß /nur eine ganz unb egründete Einbildung von mir, worüber ich mich innerlich tüchtig zur Rede setzte, als er jetzt fortfuhr: Ja, habe meine Papiere teuer erkauft, treue Diener, treue Diener!"

Unterdessen waren wir an der Stelle angelangt, wo der Kampf stattgeftinden hatte. Despienne und der Mann, den wir erschossen hatten, lagen nebeneinander am Wege, während ihre Pferde friedlich beisammen graßen. Der Hauptmann Tremeau lag etwas abseits auf dem Rücken, und seine Hand umklammerte noch den zerbrochenen Säbel. Napoleon sprang vom Pferde und beugte sich über ihn.

Er ist seit Rivoli bei mir gewesen; der alte Brummbär hat schon den Feldzug in Aegypten mitgemacht."

Ter Klang dieser Stimme rief den Mann von den Toten zurück. Ich sah, wie seine Augenlider zitterten, wie er mit dem Arme zuckte und den Griff des Säbels ein ganz klein wenig bewegte, wie um ihü znnr Salut zu erheben. Dann öffnete sich der Mund, und der Säbel siel klirrend zu Boden.

Möchte unser Ende ebenso ruhmvoll sein!" sprach der Kaiser, worauf ichAmen" sagte.

Keine hündert Schritt entfernt stand ein Bauernhäuschen am Wege. Der Bauer war durch den Hufschlag und die Schüsse aus dem Schlaf aufgeschreckt worden und stand nun stumm vor Staunen und Entsetzen da. Ihm überließen wir die Sorge für die vier Toten und vertrauten ihm auch die Pferde an. Auch Violetta blieb in seinem Schutz zurück, während ich Montlncs Schimmel bestieg; ich mußte doch ihbe Wunden bedenken, da wir immer poch einen langen Ritt vor uns hatten.

Eine Zeitlang ritt der Kaiser schweigend neben mir her; walfischeinlich lastete der Verlust der wackeren Männer zu schwer auf seiner Seele. Er war ja überhaupt ein schweigsamer Mann, unser Napoleon, und jetzt, wo jede Stunde fast ihm Kunde von neuen Enttäuschungen brachte, konnte man es' ihm nicht ver­argen, wenn er fein fröhlicher Geselle war. Aber so ganz zufrieden war ich damals doch nicht mit ihm. War er doch nun wieder im Besitz feiner geliebten Papiere ich bemerkte ganz deutlich, wie seine Hand immer und immer wieder liebkosend über sie hin­strich er wußte auch recht wohl, wem er sie »zu verdanken hatte, und doch nahm er nicht die geringste Notiz von .mir. Endlich schien es ihm selbst zum' Bewußtsein zu konimen, denn als wir die Landstraße verließen und in den Wald einbogen, wendete er sich zn mir und begann nun von dem zu sprechen, was mich so lange schon beschäftigt hatte.

Wie ich Ihnen bereits gesagt, weiß niemand außer Ihnen und mir, wo diese Papiere verborgen sein werden, auch nicht mein Mameluck, der auf meinen Befehl die Spaten nadji dem Häuschen gebracht hat. Den Plan, die Papiere aus Paris zu entfernen, habe ich zwar schon seit Montag gefaßt; drei Personen waren ut das Geheimnis gezogen worden eine Frau und zwei Männer. Für die Treue der ersteren stehe ich mit meinem eigenen Leben ein; wer von den Männern her Verräter gewesen

ist, weiß ich bis jetzt nicht, ich denke aber, ich werde es ans Licht bringen können."

, Ich konnte jetzt seine Züge nicht erkennen, aber ich Hörte, tote er fortwährend mit der Reitpeitsche an die Stiefelschäfte schlug und Prise um Prise nahm ein Zeichen Sei ihm, daß er sich in großer Aufregung befand. Abermals eine Panse, dann fuhr er fort:

Es wundert Sie wohl, warum man den Wagen nicht direkt vor Paris angehalten hat, statt hier so nahe an Fontainebleau?"

Um offen zu rckden, hatte ich mir nun darüber gar keine Gedanken gemacht, aber wozu ihn in seiner gstten Meinung von mir irre machen?

In der Tat, Sire, sehr befremdend!"

War ganz klug von ihm eingefädelt, ganz klug. Ter Alte 'wollte um jeden Preis alles Aussehen vermeiden, um ja ganz sicher zu gehen. Hätten ja den Wagen gänzlich auseinanderlegen müssen, um die Papiere zu finden! Ja, ja, sehr mit geplant, konnte von jeher gut planen hatte auch seine Männer gut gewählt, aber die meinigen waren noch besser!"

Es ist jetzt nicht an der Zeit, liebe Freunde, Ihnen alles zu erzählen, was der Kaiser damals zu mir sagte, als wir so langsam durch den dichten Wald und über mondbestrahlte Halden dahinritten. Wer mein Herz hat jene Worte in treuem Gedenken bewahrt, und ehe ich von hinnen scheide, möchte ich alle meine Erinnerungen auszeichnen, um sie künftigen Geschlechtern zu über­liefern. Er sprach viel von vergangenen Tagen, berührte aber auch die Zukunst; gedachte des treuen Macdonald, des abtrünnigen Marmont, des kleinen Königs von 9tom> dem er mit derselben Zärtlichkeit zugetan war, wie irgend ein Vater seinem heiß­geliebten, einzigen Kinde. Endlich erwähnte er auch noch seinen Schwiegervater, den Kaiser tian Oesterreich, der, wie er hoffte, zwischen ihn und seine Feinde treten würde. Ich aber ritt stumM nebenher, denn der Gedanke an jene Zurechtweisung verschloß mir den Mund; aber glaubt mir, ich konnte kaum meinen Sinnen trauen, daß mein großer Kaiser so an meiner Seite ritt und mir, einem einfachen Soldaten, all feine Hoffnungen und Wünsche, seine Sorgen und Kümmernisse anvertraute. Möglich, daß ihm eine solche offene Aussprache nach dem Zwange des Hof- und' Staatslebens das Herz erleichterte.

Auf diese Weise waren wir an dem Borkenhäuschen angelangt; wir fliegen ab und traten durch die verfallene Tür. Da lehnten die drei Spaten an der Wand, und als meine Blicke darauf fielen, schossen mir die Tränen in die Augen, beim ich gedachte der Hände, für die sie bestimmt gewesen.

Ter Kaiser trieb zur Eile:Schnell, schnell, die Dämmerung naht!" ergriff eins der Werkzeuge und bedeutete mir, das gleiche zu tun. Wir gruben ein Loch, legten die Rolle, nachdem wir sie zuvor zum Schutz, gegen Feuchtigkeit in eine meiner wasserdichten Pistolenhalfter gesteckt hatten, hinein und bedeckten sie mit Erde. Alsdann brachten wir den Boden wieder sorgfältig in Ordnung und legten einen Stein auf die Stelle. Ich zweifle, ob des' Kaisers Hände so fleißig gearbeitet, seit er ein junger Kanonier in Toulon war. Wir waren mit unserer Arbeit noch lange nicht zu Ende, da trocknete er sich schon mit dem seidenen Tuche die Stirn.

Als wir das Häuschen verließen, stahl sich der erste, kalte Strahl des anbrechenden Morgens durch die Bäume des Waldes'. Ich trat hurtig an des Kaisers Pferd heran, bereit, ihm auf» steigen zu helfen, als er, seine Hand auf meine Schulter legend, mit feierlicher Stimme zu mir sagte:

Gerard, wir kehren jetzt ohne diese Papiere zurück; lassen Sie jede Erinnerung daran mit ihnen begraben sein, lassen Sie sie erst dann wieder anferstehen, wenn Sie von meiner eigenen Hand den Besohl dazu erhalten. Vergessen Sie von jetzt an alles, was hier vor sich gegangen ist!"

Ich vergesse, Sire!"

Bor der Stadt gebot er mir, ihn zu verlassen; ich salutierte und war eben im Begriff, davonzureifen, als er mich zurückrief.

Ich bin mir im 'Augenblick über die Himmelsgegenden nicht ganz klar; will es' Ihnen nicht Vorkommen, als hätten wir sie in der nordöstlichen Ecke vergraben?"

Was vergraben, Sire?"

Nun, die Papiere natürlich!" rief er ungeduldig.

Was für Papiere, Sire?"

Nun, zuni Kuckuck, die Papiere, welche Sie mir wieder­geschafft haben!" . ,

Ich weiß beim besten Willen nicht, wovon Eure Maiestät reden."

Jetzt stieg ihm die Zornesröte ins Gesicht; aber plötzlich lachte er laut auf.Bravo, Brigadier, will mir scheinen, Sie sind als Diplomat und als Soldat gleich groß, und ein solches' Lob können Sie sich schon gefallen lassen."

Das war das seltsame Abenteuer, das mich zum Freund' und Verkanten des Kaisers machte. Nach seiner Rückkehr von der Insel Elba ließ er jene Papiere ruhig in ihrem Versteck, da er seine Lage noch nicht für hinreichend sicher hielt, und auch nach seiner Verbannung nach St. Helena blieben sie in der Ecke des alten Häuschens. Während seiner letzten Lebensjahre aber hätte er sie gern im Besitz seiner treuen Anhänger gesehen und schrieb auch, wie ich später erfuhr, drei Briefe an mich, die aber