Ausgabe 
22.12.1913
 
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Da sollte Käte drin walten, ihre Kinder, seine Enkel, kern fremder Fuß. Alles vorbei! Dieser Herr Eberhard, der hatte das Studentenmühel wieder aufgesetzt, das der alte Sturmbach abge­schleudert, als er seinen Einzigen in den Müllerkrttel zwang.

Nun quälte die Erinnerung sein Herz. Wenzel Harting rast umher und Plötzlich schlägt eine Feuerlohe vor seinen wilden Blecken auf. Ja, ja, keim Zufall; das hatte er ja gewollt, die Muhle wegpfeifen vor seinen Augen.

Gierig rafft er die dürrere Tanneiezrveige von dene Boden auf und schleudert diese in die Glut,' da verfängt sich sein Fuß- xrt einem leeren Wassereineer, der ihm in den Weg gerollt, und er stürzt nieder.

Es schien, als ob mit diesem Sturz das tief gebettete Herz erwachte. Mit einem wilden Satz sprang der Gestürzte auf, und die Arme reckten sich zum Himmel.

Herr Gott, lösch das Feuer" schmetterte seine Stimme nach oben. -Meine Wiege, meine Wiege."

Kraftlos, Ivimniernd stürzt er auf die Kniee und hämmert auf dem harten Schädel mit den Fäusten. Stier hängt jein Blick an der Felsenwand.

Da ein Schrei. Ciui Engel erscheint im schneeigen Ge­wand, mit goldener Krone und goldenen Flügeln.

Ha! Wie er niedersaust auf die Brandstätte. Der Eimer rasselt in den rauschenden Mühlbach, die Flammen zischen. Wenzel werft das Angesicht zur Erde.

Da ein wildes Geschrei von ein paar Dutzend Mciischen- kehlen.Die Sturmbachmühle brennt!" Aber dann lautlose Stille. Die Dörfler stehen eng gepackt nebeneinander und starren nach der Brandstätte. Kein Fuß wagt sich vor.

Da ist andere Hilfe schon da.Ein Engel ein Engel!" flüsterten sie scheu. Der hatte kaum gedacht, die Flammen zerstört und war davon geflogen.

Nun kam Leben in die Gepackten. Der eine und der andere hatte ganz deutlich gesehen, wie eine große Gestalt um dse Mühle herum gehuscht und eilig entflohen.

Ach ja, der arme Seppel. Das war ein armer Kerl im Dorfe, der keine Fliege töten konnte, aber jede Untat im Dorfe kam doch auf den Menschen, er heißt einmal Bläß.

Und so wurde der Seppel an dem Weihnachtsntorgcn aus dem Bette geholt, vor die Dorfobrigkeit geführt, unbekümmert, das; es- gerade Zeit zum Kirchgang war. Der Bürgermeister ist gepeinigt durch den Vorfall, er weiß, daß der Seppel der Sündenbock in dem Torfe, doch die Uebermacht anderer Meinung, und daß der Vor­geführte einmal den StempelLump" hat.

Die Kirchgänger stehen geschart um das Haus der Obrigkeit, und da kommt noch einer dazu hergesteuert, das Kirchenbuch in der Hand was der Müller Harting.

Der Bürgermeister vergißt den Seppel über diese Erscheinung, der Wenzel, sein Busenfreund, der im tiefen Hader mit Gott steht.

Ter Verblüffte schlägt das Fenster auf. Da steht Wenzel mitten in dem Haufen der Erregten und forscht, was denn geschehen?

Der Seppel ist verhaftet, er hat die Sturmbachsche Mühle angesteckt," erklärt man ihm. Der Wenzel taumelt schier und packt sich an dem Fenstersims, sein Gesicht wird so schlohweiß wie seine Haare.

Laßt den Menschen los", kreischt er.Muß denn der alles verübt haben?"

Der Bürgermeister ist hocherfreut über die Hilfe und wirst dazu:Ter Müller Harting hat recht, muß denn der Seppel alles verübt haben? Heute ist! er frei, wachs den Feiertagen geht die Untersuchung an. Seppel, marsch"

Nun bimmelte die Dorsglocke. Alles eilt zur Kirche.

Da tritt der Wenzel wie ein Trunkener in die Bürgermeister­stube. Er sinkt auf einen Stuhl, der Schweiß rinnt von der mar­kigen Stirn.

Henrich, der Seppel hat die Mühl' uit anstecke wolle. Hörst der Seppel nit, der uit. Das war ein Tollhäusler, glaub' mir, ich weiß es bestimmt"

Der Bürgermeister dreht die Daumen und fixiert den hoch Erregten.

So ist's, Wenzel, ein Tollhäusler war's, ein Herr, der mit Gott haderte. Komm, wir wollen zur Kirche gehen, unser Herrgott mag den Brandstifter in das Gericht mal nehmen."

Der Wenzel schnauft und der harte Schädel sinkt auf die keu­chende Brust, so klein war er noch nie in seinem Leben gewesen wie in diesen Stunden. -

Mein Feind, mein Freund, er hat mir einen Engel geschickt," rumorte er.

Ja einen Engel", wiederholte der Bürgermeister, denn die Kunde von diesem Gugel lief ja durch das ganze Dorf. Aber er hütete sich, diesen Engel zu enthüllen, wußte er doch, daß Käte Harting darunter verborgen. Gr hatte schnell den Zusammenhang der Begebenheit, daß der Weihnachtsengel, der in die lichtleeren Hütten eingekehrt, und die Kerzen der Liebe angezündet, aus seinem Heimgang nach der Mühle das Feuer um die Sturmbachsche Mühle gesehen und gelöscht, Wasser war ja zur Haird.

Nicht die Obrigkeit des Dorfes, der alte Kamerad von Wenzel, der Henrich, packte denTollhäusler", der den Brand gelegt, au beide Schultern.

Wenn der Feind da oben dir nicht die Hand gereicht, und dir einen Engel zugeschickt, wie wär's, Wenzel?"

Der Henrich kennt seinen Kameraden gründlich aus. Er hat das Heiz von Gold und den Kopf von Eisen. Der Glaube an! Gott und seine Wundertaten ist wieder wie ein Abgrund so- ttef, Gott hat ihm den Engel in schwerer Stunde geschickt, das bleibt stehen, sein Sinn ist schlicht und fromm.

Ja, das war auch ein Engel, diese Käte Harting, die in der Kirche andächtig saß und nach dem Vater sah, der zu seinem lange verwaisten. Stuhle trat, lächelnd nach oben sah, als W er dort den versöhnten Feind. Ja, es war Frieden.

vorm §est.

Wcihnachtsskizze von Anna Lahr (Hannover).

In der Kreissparkasse zu Wevelstädt standen sie Kopf an Kopf. Es war Samstag vor Weihnachten. Und wenn sich die Wevelstädter auch ausgezeichnet aufs Verdienen verstan­den in den anderen Marschen war ein unhöflicher -Spruch darüber im Schwange - so verstanden sie sich doch fast ebenso gut aufs Ausgeben und ließen manchen preußischen Taler springen, wenn Feste zu feiern waren.

Die am Samstag vor Weihnachten in dem engen Raum standen und warteten, waren nicht die Reichen, die schon seit Wochen ab und an einmal nach Bremen reisen konnten, um einzukausen. Nein, es war mehr der bescheidene Mittelstand von Wevelstädt, der seine Groschen etwas mehr zu Rate hal­ten mußte, nun aber doch auch gekommen war, um ein Stück­chen Erspartes in Tannenbaumglanz umzusetzen. Und ute offenen Gasflammen, die sonst so oft auf ernste und ver­sorgte Gesichter herabschienen, beleuchteten heute nur lauter zufriedene.

Siebenhundertneunzehn. Stichwort?" klang es vom Schreibpult her.

Rotesaud!" Und Hinnerk Focke trat vor.

Da zwinkerten die Alten sich lustig zu, und die Jungen stießen sich mit den Ellbogen an. Sie wußten es ja alle, warum der prächtige Junge, der auf einen Schifssanteil sparte, heute doch ein Goldstück von seinem Guthaben her­unternahm; seit acht Tagen hatte er eine Braut, und da konnte er sich doch nicht lumpen lassen. Etwas Schönes mußte Anke zum Heiligen Abend von ihm bekommen, und wenn sein Anteil darum auch einen Monat später zusammenkam. Strahlend zog er seinen Goldfuchs ein.

Nach ihm kam eine stämmige blonde Magd an die Reihe. Ein wenig zögerten ihre festen Hände doch, das Geld eiuzu­streichen. Es war eben ein Teil von dem, was sie sauer ver­dient hatte. Aber das Wolltuch und den süßen Klöben sollte die Mutter zum Feste haben, das hatte sie sich fest vorgenom­men. Deswegen seufzte das Mädchen wohl noch einmal auf, nahm aber die blanken Markstücke an sich und sah dann, als der kleine innere Kampf geschlichtet war, ebenso hell drein wie alle anderen.

Ganz ohne Zögern griff dann Thoms Mudder nach den Münzen, die ihr zukamen. Für wen die sein sollten, das war kein Geheimnis. Man muß den Kindern was schenken, auch wenn die Kinder längst zwei slotte große Kerle gewor­den sind, die in Matrosenuniform auf Urlaub kommen.

Da wurde die Tür breit aufgestoßen. Die Gasflammen schwankten im Zuge. Und wie ein Mißbehagen strömte es in den Raum. Der da kam, war nicht beliebt. Aber man machte ihm Platz.

Das war doch wieder mal ganz Klaus Thadje! So bis zu allerletzt seine Einkäufe zu verschieben! Er, der es gav nicht nötig hatte, auf Pfennigzinsen zu sehen! Immerhin: er kam. Er wollte Weihnachtsfreuden bereiten wie sie alle.

Klaus Thadje, ein großer schwerer Mann, grüßte nur knapp,man so eben", und trat sofort an den Zahltisch. Er war der Letzte, und es hätte sich gehört, daß er gewartet hätte wie jeder andere. Aber Warten stand nicht in seinem Wörter­buch. Und die kleinen Leute kamen gar nicht darauf, etwas dagegen zu sagen. Der eine hatte von ihm Land gepachtet, der andere hatte von ihm geliehen. Und so waren sie alle Ab­hängige.

Klaus Thadje zog sein Buch aus der Papphülle und warf es vor dem Schreiber auf den Tresen.