M3 Nr. 200

Msntaa, den 22. Dezember

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Der Weihnachtsengel.

Von L. Geiß.

(Nachdruck verboten.)

Es war nur ein dünnes Glockenstimmchen, welches den Weih- riachtsgruß über das Dorf im Dal tönen ließ, doch der schwache Klang gab dem Jubel der Dorfkinder keine Beschränkung und wenn auch der Weihnachtstisch gleich dem Glöcklcin gar wenig gewaltig. Es war doch Weihnachten und das Christkind kam mit seinen weihevollen Gaben, da leuchtete auch die kleinste Hütte in denr Zauberlicht der Christnacht.

Die Krämermarie hatte ihren sieben Vaterlosen je einem ein Lebknchcnhcrz aus eilt rosa Teidenpapver gelegt und zu jedem eine kleine Kerze gestellt, die ein dicker Apfel trug, und der brausende Jubel der'sieben jungen Kehlen ließ das Geräusch nicht hindurch, das die Stubcntür verursachte, durch welche eine hohe, weißge- klest."e Gestalt schritt.

Sie trug ein Krönlein auf dem Kopfe und gar goldene Flügel, und das Angesicht lag unter einem dichten, weißen Schleier.

Das Christkind!" schrie die Aelteste der Krämermarie und verschwand blitzschnell unter dem Weihnachtstisch, diesem Beispiel folgten die anderen. i

Die Mutter der Flüchtlinge stand betreten da. Sie war ja in der Rede tüchtig, wenn es galt, ihre Ware an den Mann zu bringen, aber jetztda klapperte das Herz nicht übel vor der himmlischew Erscheinung, und sie wäre am liebsten auch unter den Tisch gekrochen.

Erst als das Christkind die mitgebrachtcn Sachen und Sächelchen ausstreute, verwandelte sich diese bedrückende Szene. Die Kinder verließen ihr Versteck, und der Krämermarie vergrämtes Gesicht Ivar nichts wie eitel Lust, war doch auf ihr Anteil ein Goldstückchcn gefallen.

Das Christkind! Das Christkind!" brüllten die Beschenkten in die Dorfgasse hinein und sahen dem Weihnachtsengel nach, der bald hier, bald dort in ein dunkles, lichtloses Häuschen schlüpfte und Weihnachtskerzen leuchten ließ.

Das ganze Dorf kam in Aufruhr, die große Kerze der Christ­nacht war hier noch nicht von dem Sturm der Zeit gelöscht, sie strahlte noch in dem alten Zauber.

Ein Streckchen von diesem Dorf standen zwei Mühlen.

Das eine Mühlrad stand stille; zauberhaft schön lag sie da, von der einen Seite umgürtet von dem rauschenden Mühlbach, im Rücken gedeckt von einem schroffen Felsen.

Nicht weit davon stand die Hartingsche Mühle, und in diese wollen wir eintreten.

Die Müllerin, eine Frau in den mittleren Jahren, sitzt beim Lampenschein, ein Buch liegt vor ihr aufgeschldgen, sie will stille Weihnachten feiern. Doch sie kommt zu keiner Andacht. Der tumnl- tuarische Schritt des Mannes, dessen Süße auf den Dreien hämmern, läßt sic nicht dazu kommen.

Ter Müller Wenzel Harting ivill keine Weihnachten feiern. Die tiefliegenden Augen unter der markigen Stirn ruhen jetzt hohn­lachend auf der Frau.

Bet'st schön, Marianne, so ist's recht. Hältst dich mit meinem Feind fein da oben" wirft er Frau Harting vor.

Wenzel, lästere nit! Was hat Gott dir denn getan?"

Mir getan? Und das fragst du noch? Guck dir nur die stumme Mühl' an, die gibt dir Antwort drauf. Ja, die Mühl', die Mühl', die ich immer vor Augen haben muß, Tag. für Tag, so 'ne Marter." Wenzel Harting ballt die Faust gen Himmel.

Du bist rein zum Tollhäusler geworden," meint Marianne. Sag', was ist im besonderen geschehen? Unsere Käte sollte partout in die Sturmbachsche Mühle hinein heiraten, aber Gott ließ es nicht geschehen, das ist alles!"

Grad genug!" schreit Wenzel.Gott hat mich zum Narren gehabt. Erst ließ er's geschehen, verlobte die Käte mit dem Eber­hard Sturmbach, ließ es his dicht vor die Trauung kommen, dann ließ er den alten Sturmbach jäh sterben, damit der junge Sturm­bach davonlaufen konnte"

Ja, Gott hat es so gewollt," sprach Marianne.Nicht Gott, dein harter Schädel und der Schädel von dem entschlafenen Sturm­bach, die arbeiteten die jungen Leute ohne ihren Willen zusammen. Eure Schädel paßten zusammen, da wollte ein jeder Gott sein, der zu regieren hat."

Wenzel Harting steht da und knirscht mit den Zähnen. Ja, dieser Wenzel, diese herkulische Gestalt, dieser Rebell, der mit seinem Schädel Mauern einhauen wollte. Marianne schaut ruhig zu ihm auf. Die kleine, schwache Frau fürchtet diesen Hartschädel, diesen Rebellen nicht. Sie weiß, unter bett scharfen, eckigen Kanten ruht, wenn auch tief unten, ein Herz, das windelweich werden kann, wenn ein Zauberstab es berührt, und sie hat diesen im Besitz.

Mit hartem Fuß geht Wenzel und schleudert die Tür auf.

Wo ist Käte?" fragt er zurück.

Im Dorf, Weihnachten feiern. Bei uns kehrt das Christkind nicht ein."

Ha, ha, ha! Den alten Weibchen die leeren Weinkrüge füllen. Wo find die Dienstleut?"

*Auch im Dorf, ich schickte alle hin, daß sie sich freuen."

Jetzt schmettert die Tür hinter Wenzels Rücken. Er steht allein in der Nacht und dec rauhe Wind jauchzt um; ihn. Stier klebt fein Blick an der stillen Mühle. O, diese Muhle. Warum nahm der Blitz diese nicht? Zweimal schlug er in nächster Nähe ein, die Mühle nahm er nicht.Gott schützte sie!" sprach die fromme Marianne.

Wenzel Harting wollte wieder hohnlächelt, aber eben fiel ihm ein, wie er sich« doch einmal auch zu diesem Gott gehalten, wie zu einem lieben Kameraden, ohne den er nicht leben konnte. Aber nun die schwere Feindschaft, die darauf folgte, als der Kamerad hinter den Sternen sich so tückisch gezeigt.

Unter diesem wüsten Gedankeugang trabt Wenzel Harting vor­wärts. Wolken jagen über ihm und bedecken die Mondscheibe, tolles Weh peitscht in ihm. Es ist, als treibe ihn ein ganz Bestimmtes vorwärts, dessen Gestalt ihm jedoch unklar. Er steht, dann hastet er wieder weiter.

Kann ich nicht auch Gott feilt, behobeln und behauen mein Geschick? Soll ich harren, bis der andere es macht?" fragt er laut.

Da schlägt Wenzels Faust auf ein Tor, cs springt auf das Tor der Sturmbachfchen Mühle. Acchzend packt er sich an dem alten Pfosten. Diese Mühle ist seine Wiege, die Wiege seiner Vorfahren, und er hatte sie lassen müssen, weil Mariannes Vater so geboten; er mußte in dessen Mühle hinein heiraten. Unsicher tastet er auf dem alten Boden hin. Der Mühlbach gurgelt neben ihm und die Wolken flattern und geben den Mond frei.

Gebannt steht Wenzel da und schaut den alten Bau an.