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einen Puff vor die Brust bekommen hätte. „Kommen Sie nur näher," sagte Kapitän Hansen trocken, und der Steuermann kam näher Er bat um Entschuldigung und gab dem Kapitän mit artiger Haudbewegung ein Kuvert. „Danke," sagte der Kapitän, „es- ist gut" Schiffer Kristensen und Schiffer Semen drehten sich auf ihren Stühlen herum und folgten dem Steuermann mit den Augen, als er ging.
Kapitän Hansen erbrach das Kuvert und las das Telegramm. Schiffer Kristensen beobachtete seinen G-esichtsausdruck, und sah, daß sein Freund Hansen alt geworden war. Nein, alt war er wohl eigentlich nicht geworden, aber er hatte Falten auf der Stirn bekommeit und feine Augen hatten einen Unruhigen Ausdruck erhalten : er sah nicht mehr aus wie ein Seemann, aber es war nicht mehr der sichere und gleichgültige Ausdruck in seinem Gesicht, es lag etwas Unruhiges, Angespanntes über ihm. Schiffer Stiften» fett war kein Menschenkenner und hatte nicht viel Berstand vom Leben, aber er war immerhin ein gut Teil herumgeklommen.
„Das ist von der Reederei," sagte Kapitän Hansen und faltete das Telegramm zusammen. „
„Mit denen ist gewiß nicht gut Kirfchen efien," tagte Schiffer Kristensen vorsichtig. Kapitän Hansen trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte und sah in eine Gche der Kajüte. Plötzlich hielt er inne, sah auf Kristensen und von Kristensen an Jensen Md wieder zurück. „Nein, wahrhaftig nicht," sagte er. Es folgte eine kleine Pause, bann begann er wieder. „Du kannst mir glau- beu, Kristensen," sagte er, und jetzt war et weder der Dampfschiffer noch der Prahmschiffer, der sprach, „Du fannft mir glau- fiett, daß ich oft genug an die Zeit gurückdenke, als ich noch Steinen kleinen Zweimaster hatte." „Die bezahlen aber wohl gut, diese Leute?" sagte Schiffer Kristeitseil. Der Kapitän lächelte aber fein Lächeln war matt und höhnisch. „25 000 Kroneti habe ich hineingesteckt, um dies Schiff zu führen; das soll nun verzinst werden, je nach dem Ueberschuß, den das Schiff bringt, aber es bringt keinen Ueberschuß und wird,es nie tun. Ich bekomme 3000 festen Gehalt jährlich. Fünf Prozent von 25Ö00 macht 1250, ziehen wir die Von den 3000 ab, so bleiben 1750 übrig. Und für das Geld muß ich mich herumschlagen mit Müllern, Spediteuren, Frachtleuten und Zollbeamten, und wie zum Henker man sich auch dabei benimmt, in jedem Fall kann man sichet sein, daß es verkehrt war, wenn man das nächstemal von der Reederei etwas zu hören bekommt." Kapitän Hansen nahm' die Goldbetreßte vom Tisch und schleuderte sie in das Sofa; sie siel mit dem Deckel nach oben und zwar so, haß sie ganz und gar ihr imponierendes Aussehen verlor. „Das kannst Du mit glauben, Kristensen, daß hier nicht -eitel Freude und Herrlichkeit herrscht."
Schiffet Kristensen nickte. „Neee, neee, so ist es Wohl nicht." 1 „Damals, als ich meinen kleinen Zweimaster noch hatte," fuhr Kapitän Hansen fort, „da konnte ich in Holzpantinen über die Gasse laufen; das kann ich nun nicht mehr. Jetzt ift man Kapitän und geht mit goldenen Tressen und solchem Dreck."
„Jawoll," sagte Schiffer Kristensen.
„Aber man ist ja gebunden und kann Nicht wieder loskommen; aber das 'kann ich Dir sagen, hätte ich mich nicht erst hiermit eiiigelassen, so wünschte ich, ich säße noch auf meinem! Zweimaster." Kapitän Hansen schwieg, und es 'ö-erbreitete sich eine tiefe Stille über die Kajüte, und bald danach gingen die beiden Schiffer. , ,
■ / „Jetzt wollen wir, hol's der Teufel, einen richtigen Grog! Von Rum haben, der nicht halbkalt ist," sagte Schiffet Kristensen. Er stand nuten in der „Marie" und wirtschaftete herum, mit einem Streichholz in der einen Hand und einem Lampenzylinder in der anderen. „Jawoll," sagte Schiffet Jensen. „Ich war weiß "Gott, schon nahe daran, den Hansen mit eiitzuladen," sagte Kristensen.
. „Jawoll," sagte Schiffer Jensen, und trat tn die Pfütze am Fußboden, daß es platschte. „Das hat hier ja schön bei Dir hereingeregnet." „Hol's der Henket," sagte Schiffet Kristenseil und wandte sich von der Lampe ab, bie nun in Orbnung war und mit einer schwachen, schmutzig gelben FlamUie biitch das bas rußige Glas hindutchschien, „meinetwegen soll es zum Teufel mit Bütten auf mich heruntergießen, wenn es Lust hat. . . Biel schlimmer ist es, wenn es ach einen nicht herunterregnen kann, weil einem die Kajüte nicht gehört."
„Jawoll," sagte Schiffer Jensen und setzte sich auf bie Holz- bank. „So'n Dampfschiffer, der ist doch im Munde bloß 'ne dreckige Laus!" -
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'*■ * Erfahrung eines ehemaligen Vegetariers. Im Jahre 1899 fing ich an, vegetarisch zu leben und habe diese Nährweise zwei Jahre streng durch-! geführt. Infolge davon ging jedoch mein Körpergewicht nicht gerade rasch, aber stetig zurück, so daß ich unter dem Kvy-i Pergewicht ankam, das ich seinerzeit als Soldat in nor-t maler Körperbeschafsenheit hatte. Auch meine Gemütsstim-j Mung 'war keine gute, sie war nicht affektiert, ;aber eine er-, regte oder aufgeregte infolge ungenügender Ernährung, so
daß sich bei körperlicher Ermüdung nicht nur eine Schlaffheit in den Gliedern, sondern auch eine Müdigkeit im Kopf bemerkbar machte. Der Landmann lebt zur SomUkerzdit auch ziemlich vegetarisch, nicht aus -eigenem Willen, sondern aus Zwang, aber er hat für Fleisch guten Ersatz durch frischßs Milch, Eier und gute Luft. Seine Beschäftigung ist eine afa wechslungsreiche und zwar Mehr körperliche als geistige. Der Städter muß seine Gedanken vom Gelehrten bis herab zum Arbeiter weit mehr ansp-annen. Ich bitt zu der Ansicht gekommen, daß man bei strenger Arbeit den Alkohol gut entbehren kann, aber das Fleisch sollte man nicht unter die Por-i tum herunter setzen, wie sie beim Soldaten gegeben wird.- Der Berliner Schutzmann 'S., der bis jetzt bei allen, Arm-e-e-i rekordmärschen Sieger blieb, ist auch kein Vegetarier; dasi Fleisch bringt, mäßig genossen, keine Ermüdungsstoffe, aber der Alkohol, der darauf gegossen wird. Was mir die vegetarische Lebensweise am meisten entleidete, das war der Ge- inüsebaü und ich glaube, daß man weit weniger Fremdstoffe in sich aufnimmt, wenn man etwas Fleisch ißt und weniger von dem durch Dung durchseuchten Gemüse. Ein Vegetarier sollte selbst über ein Stück Grund und Boden verfügen, töo, er sich das Notwendigste bauen kann. Es wird ja bald alles verfälscht, die einheimischen Trauben werden durch das Bespritzen der Weinberge gesundheitsschädlich, die importierten Trauben und Obstarlen werden bei der Verpackung durch Bespritzen mit irgend welchen chemischen,Stoffen verdorben. Nach meiner Erfahrung ist die vegetarische Kost für gewisse periodische Kuren unersetzbar, aber als Nährweise für die Allgemeinheit wird sie nie die gemäßigte gemischte Kost verdrängen. Das Wohlsein liegt nicht allein in der Nahrung, sondern auch in der Gemütsstimmung und es werden auch hier die Worte Schillers wahr: „Aus der Kräfte schön vereintem Streben, erhebt sich, wirkend, erst das wahre Leben."
Vüchertisch-
— Zu Hebbels 100. Geburtstag und 50. Todes- Lag. Hebbels Briefe, ausgewählt und eingeleitet von Theodor Poppe Deutsches Verlagshaus Song: u. Co., Berlin W 57. Preis 4 Mk. Es hat lange gebauert, bis das deutsche Volk bett Weg zu einem feiner besten Dramatiker gefunden. Von den Tagebüchern her, bas heißt von seiner menschlichen Seite, fand man) ben Zugang M dem Dichter: Der ungeheure Kampf mit bett widrigsten Verhältnissen, bie siegreiche Ueberroinbung aller Schwierigkeiten, bas beständige Ringen dieses gewaltigen Geistes, bie Reinheit des Wollens und bie Größe bes künstlerischen Strebens, kurz eine Heldenuatur gewann bie Menschen im Sturm für sich, und auch heute noch ist der M e u s ch Hebbel der beste Erkläret des Dichters. Man wird daher neben bett Tagebüchern, bie schon längst zu Hebbels größten Werken gezählt werben, mehr und mehr 'auch feine Briefe schätzen und lieben lernen und ihre Kennt- nis für ebenso unentbehrlich halten. Es ist mit Freude zu begrüßen, daß bas rührige Deutsche Verlagshaus Bong u.Jb.,- welches uns bereits eine vortreffliche Ausgabe von Hebbels Werken und Tagebüchern beschert hat, jetzt auch seine Briefe in einem' Bande vorlegt, den derselbe Herausgeber Dr. Theodor Poppe mit Geschmack und Sachkenntnis besorgt hat. Es kann sich nicht um eine Ausgabe sämtlicher Briefe.handeln, die nur für bett Fachmann wertvoll fein würbe. Was hier geboten wird, .liest sich wie ein spannendes Buch, eine abgekürzte Biographie, in der Namentlich Lebensabschnitte, die in den Tagebüchern zu kurz kommen, mit lebhaften Farben bargestellt sind.
— Ein elegantes kleines Geschenk für Damen ist der auch in diesem! Jahre 'ttfieber erschienene Hande u. Spener- sche D am e n-Al 'm an ach (48. Jahrg. für 1914. Verlag von Haube lu. Spener, Berlin). Das (geschmackvoll mit Goldschnitt!, Elfenbeinpapier, Titelbild, doppelfarbigem Druck, Bleistift mibi Visitenkartentasche ausgestattete Büchlein vereinigt in sich Taschenkalender, Notiz- und Tagebuch in zierlicher Form'. Ter Almanach enthalt ein Kalendarium, ein Tagebuch für alle Tage des' Jahres mit geschickt ausgewählteu sinnreichen Wocheusprücheu, das reichlichen Raum für -allerlei Eintragungen bietet, Familien-Gedenk- tafel, Geburtstag- und Namenstag-Kalender, Pnvat-Adreßkalen- ber, Kassenübersichten für zwölf Monate und die Genealogie allep europäischen Regentenhäuser.
Rätsel.
Nimm einem Mädchen den Kopf und setz' statt des Fußes zwei Zeichen:
Meister der Töne bin ich, in Ungarn stand meine Wiege. Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummer: Man soll das Kind nicht mit dem Bade anSfchütten.
Redaktion: K. N e u r a t ij. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts.Buch- und Steindruckerei, R. Langem Gieße«,


