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jemand, ans den man sich verlassen kann und der' einen, nicht etwa gleich Lei der Polizei anmeldet." .
Sabine sann nach; der zukünftige Schwager, der ernst selbst ihr Bräutigam gewesen war, tat ihr leid; sie wollte! versuchen, ihm beizustehen.
„Weißt du," hob sie nach einer Weile an, „wenn dir, einer aus der Patsche helfen kann, so ist es der alte Ge-f Lauer unten."
„Wer ist das?"
"Der Kellerbewohner, dem ich meinen Koffer zur Beaufsichtigung gegeben habe? Er ist lahm und hustet wie ein- Pferd."
„Derselbe. Komm •mit! Wir wollen gleich zu rhm hinuntergehen." ' ,, ,
Sie huschten beide über die hohen steilen Treppen hinab und klopften an eine Tür des Kellergeschosses.
Ein mittelgroßer Mann mit freundlich blickenden, gutmütigen Augen, starkem, blondem Schnurrbart und einem, wie es schien, etwas verkümmerten, krummgezogeuen Arm humpelte ihnen etgegen und fragte mit leicht belegter Stimme:
„Ei, Fräulein Meerholt, was verschafft nur denn die hohe Ehre? Sie bringen mir förmlich Sonnenschein in diese finstere Höhle!" Ein kräftiges Aufhusten schloß diese artige Bemerkung.
„Guten Tag, Herr Gebauer, ich habe eine Bitte an Sie: Wollen Sie diesem Herrn hier wohl auf einige Zeit ein Unterkommen in Ihrer Wohnung gönnen?"
Der Kriegsinvalide, der nach dem französischen Feldzüge noch jahrelang Weichensteller bei einer Eisenbahn gewesen und nun doppelt pensioniert war, sah den Fremden musternd an, und offenbar befriedigt von dem gewonnenen Eindrücke, erwiderte er in munterem Tone, aber von neuen Hustenanfällen unterbrochen: „Warum denn nicht? Wenn's dem feinen Herrn hier nicht zü ungemütlich ist; dort hinten in der zweiten Stube ist Platz genug: da kann er ganz allein hausen."
„Und was soll ich an Miete entrichten?" fragte Peter, der im geheimen ausgerechnet hatte, wieviel er ungefähr noch durch Sabinens freundliche Vermittelung von seinem Bruder würde herausschlagen können.
Der Alte warf den Kopf in den Nacken und! sagte sorglos und ungekünstelt: „An Miete? Gar nichts! Vermieten darf ick ja dre Stube nicht ohne Erlaubnis des Wirtes, der sie sicher nicht geben würde; aber 'n guten Freund, 'n arrge-- neymen Besuch, so uff 'ne Woche oder 'nen Monat hier kampieren zu lassen, det kann mir keener nicht verbieten; det is reene Privatangelegenheit und geht keenen was an."
„Sre sind ein Prachtmensch, Gebauer," sagte Peter und klopfte dem wiederum hustenden Alten auf die Schulter. „Sie betrachten die Sache genau so, wie ich sie betrachtet; zu sehen wünsche. Sie werden sich daher auch meinem Wunsche fügen und meine polizeiliche Anmeldung unterlassen, nicht wahr?"
Der Invalide schaute den so Verdächtiges Begehrenden von der Seite an, stieß durchs die gespitzten Lippen einen leise pfeifenden Don und fragte gemütlich: „Wat haben Sie denn uff'm Gwissen?"
„Etwas, das Sie als älter Soldat vielleicht nicht recht verstehen werden: Ich bin Sozialdemokrat und' man will mich verhaften."
„Das geschieht Ihnen Hänz' recht!" erklärte der Alte mit vollkommenster Aufrichtigkeit: „Nee, hören Sie, eenen von den Sozialisten beherberge ick nicht; ick bin 'n oller Krieger und habe vor meinem Kaiser und vor mein Vaterland mir hier diesen Flügel und hier dieses Spazierholz zusammenknallen lassen, so daß ick nur noch umherkrabble wie 'ne kranke Padde; aber mit so 'n sozialdemokratischen Stänker teile ick meine Bude nicht! Bombenelement! Ick bin 'n Königlicher" — neue Hustenunterbrechung — „und meinetwegen kann de Polizei Sie und Ihre ganze Sippschaft von Armelxntedummacheru ins Loch stecken!"
„Aber, Herr Gebauer", beschwichtigte ihn Sabine, die unt irgend eine Ausflucht nicht so leicht verlegen war und zudem die im Grunde gutmütige Natur, des alten Knasterbartes aus vielfacher Erfahrung kannte, „Sie verkennen diesen Herrn ganz und gar, eben weil er nicht so will wie die roten Parteiführer, deshalb ist er mit ihnen zusammengeraten und man hat ihn ausgestoßen unb nun steht er allein und ohne Anhang da, oHne daß ihm die Polizei seine früheren Beziehungen vergessen will."
„Ansgestoßen haben sie ihn, weil er nicht mehr mit-» Machen will?" fragte Gebauer mit einem jetzt viel wohl-j gefälligeren Schielblick nach dem 'Fremden, „das ist was! anderes! Wenn er's mit der Bagage nicht mehr hält, dann ist er mein Mann und kann hier bleiben, so lange er will; und wenn die Polizei ihn suchen sollte, weil er früher einmal jenen Menschen zulieb Dummheiten gemacht hat, nun, so wird sie ihn hier bei mir gewiß nicht finden; anmelden werde ich 'n nicht, ick kann det verfluchte Jeschmiere so wie so nich leiden, aber" — hier wandte er sich direkt an Peter — „Sie müßen ooch keene neuen Dummheiten mehr machen und sich 'n bisken still verhalten...."
„Das heißt nur den Tag über; zur Nacht gestatten Sie mir doch wohl auszugehen", fragte Peter.
Gebauer lächelte. „Wenn ick nur jünger wäre und noch meine gesunden Knochen hätte, ick ginge mit!"
So war das Abkommen geschlossen; der Alte hatte einen Hausgast und die Aussicht auf ein anständiges Gastgeschenk gewonnen und Peter atmete wieder freier auf, weil er vorläufig hier sicher sein konnte vor der Gefahr einer Per-» Haftung. ,, _
Wie die Füchse ihre besondere Art haben, ehre Spur im Schnee oder Sande mit der hin und her gezogenen Rute zu verwischen, so verfällt der durch fein schlechtes Gewissen oder durch den Arm des Gesetzes bedrohte Uebeltäter fast immer auf dieselben Kniffe und Schliche, um sich den rächenden irdischen Gewalten zu entziehen.
Der mit seinem Diener offenkundig nach dem' Bahnhofe Friedrichstraße abgefahrene Marquis Carvalho hatte unbewußt eine ganz ähnliche Komödie gespielt wie Peter Dech- ner. Auf seinen Kisten und Kasten, die er durch feinen Gepäckträger abfertigen ließ, stand groß und breit sein voller Name gemalt; der Gepäckdiener fragte den als, Livreediener fungierenden Fritz, nach' welchem Bahnhofe in London die Stücke aufzugeben wären. Fritz wiederholte die Frage an feinen Herrn unter deutlicher Betonung' der Anrede: „Nach welchem Bahnhofe, Herr Marquis?" und Carvalho gab ebenso laut und deutlich zur Antwort: „London, Viktoria-Station".
Am Schalter, an dem die Fahrscheine zu lösen waren',, wiederholte sich eine ähnliche Szene.
Fritz forderte zwei Billets nach London, eines erster^ das andere zweiter Klasse. Der Beamte fragte: „Nach welcher Station?" und Fritz, der sich stellte, als ob er verstanden hätte: „Für wen?" gab deutlich zur Antwort: „Für den Herrn Marquis Carvalho und Bedienung."
Das Gepäck wurde verladen, Herr und Diener nahmen ihre Plätze in zwei verschiedenen Wagenabteilen und der Zug fuhr von dannen.
jFortsetzung folgt.) (<
Die goldenen Treffen.
Bon Karl Soerensen (Skagen).
Tagelang 'hatte der Sturm geheult, und es sah diesmal so auf; als! ob der Wind seine Lungen gar nicht leer bekommen könnte- die beständig wie dicke schwarze Beutel über dem Meere draußen hingen. Es blieb wirklich kaum soviel Platz darunter, daß die paar Dampfer, die sich hin und wieder auf der unruhigen See zeigten, in den Hafen hineinrollen konnten. Drinnen im Fischerhafcn lagen alle Schaluppen Bug an Bug gepreßt, die Masten bildeten einen wunderlichen hin- und 'herwiegenden Wald, und am Lande standen die älteren Fischer mit den Händen in den Hosentaschen und schwatzten, während die jungen allerlei Possen trieben wie Schuljungen, die unerwartet frei bekommen haben Und nun nicht wissen,- wie sie die Zeit hinbringen sollen.
Der Regen bollerte und platschte auf baä Deck der „Marie nieder, als ob! sie ein Tongefäß wäre, das mit dem Boden nach oben lag, und nicht ein wohlgebauter Zweimäster von 45! Tonnen. Das mochte nun sein, wie es wollte; störend war nur dieses Aufspritzen, jedesmal Wenn ein Regentropfen durch den undichtew Lukendeckel auf die Fußbodenplanken der Kajüte niederklatschte.
Der Schiffer Kristensen lag in der Koje und beobachtete, während er nach Iber Luke stierte, wie das Wasser beständig hinein- träufelte und sich zu Tropfen sammelte, die in die Pfütze am Boden niederplumpsten und. gleich 'wieder einem neuen Platz machten. Schiffer Kristensen hatte hier seit Mittag die ganze Zeit in der Koje gelegen, sich geärgert und nach der Pfütze hingesehen, er Hatte gesehen, wie sie sich -ausbreitete und wuchs und es hatte' ihn jedesmal verdrossen, wenn ein Tropfen rascher auf den anderen folgte als in der Ordnung wär. Er konnte natürlich aufstehen und einen Kübel untersetzen; und zuerst, als es losging, hatte er auch daran gedacht, aber er wollte nicht, nein, zum Teufel-


