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Samstag, den 22. November tfo
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„ Äsuernbiut.
Libman von Gerhart v. A m h n t o r (Dagobert v. Gerhardt).
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
In dem Gasthofe, in dem Carvalho abgestiegen war, wurde Peter mit der verblüffenden Erklärung des Portiers abgefertigt: „Der Herr Marquis ist nicht mehr anwesend, er ist mit seinem Diener nach London abgereist."
Ganz niedergeschmettert wankte Peter auf die Straße zurück. Er nannte kaum noch einen Groschen sein eigen, er verdiente nichts mehr und konnte aus den Quellen, aus denen er geschöpft hatte, nicht mehr schöpfen, auf den Empfang der ihm versprochenen 1000 Taler hatte er daher mit voller Sicherheit gerechnet. Und nun war der Marquis mit dem Gelde verschwanden! Scham und Reue, Zorn und Verzweiflung tobten in seinem .Herzen. Er hatte sich schon mit dein Gedanken vertraut gemacht, daß das Sündengeld, wie er es bis vor kurzem heimlich uoch genannt hatte, doch eigentlich kein Sündengeld war, sondern ein ehrlich verdienter Sold für Kriegsdienste, die er im Kampfe gegen die Gesellschaft und im Auftrage jener Unbekannten geleistet hatte, denen die sittliche Verantwortung für die Dat ganz allein zufiel. Rot lehrt beten, heißt es wohl im Sprichwort; oft lehrt sie aber auch, dem Gewissen Zwang antun und sich mit Sitte und Gesetz entzweien; es kommt allein auf die Person und ihren Charakter an.
Wie betäubt schritt Peter durch das Gewühl der Meu- schen. Er wußte uicht, was er nun beginnen sollte. Daher von Carvalho betrogen iverden würde, das hatte er nicht für möglich gehalten. Also uoch tief unter dem gemeinen Verbrecher stand jener heuchlerische Schurke; Diebe und Einbrecher pflegen doch sonst einander die Treue zu wahren. Dein Grolle auf sein feindliches Geschick gesellte sich eine zähneknirschende Wut gegen sich selber, daß er so blind und töricht gewesen ivar, sich durch die Teilnahme an einem Verbrechen in Gefahr zu bringen, ohne sich wemgf- stens den materiellen Ertrag dieses Verbrechens sicherzu- stellen.
Durfte er noch eiuiuäl in seine Wohnung zurückkehren oder ivar es nun auch für ihn Zhit, den immer heißest werdenden Boden Merlins zu verlassen? Die Zeitungen hatten schon eine kurze Mitteilung von dem in Giersdorf verübten 'Einbrüche und die Nachricht gebracht, daß sich die Staatsanwaltschaft bereits mit der Sache beschäftige. War der von ihm draußen verlorene Brief nicht jetzt schon gefunden? Sollte er abwarten, bis man kommen und ihn verhaften würde? Er mußte fliehen. Aber zur Flucht gehörte Geld. Tod und Teufel! Welch' ein erbarmungswürdiger Dummkopf war er gewesen! Es geschah ihm recht, daß er sich in dieser blutigen Verlogenheit und in hissest nervenzerrütteuden Angst befand, warum hatte er noch
einer Menschenseele Glauben geschenkt, warum vergessen, daß alle Zweihänder Kannibalen sind, bie ohne Ausnahme: einander verschlingen, sobald sie der Hunger dazu treibt?
Er begab sich nach seiner Wohnung, steckte die wenigen Sachen, die sein eigen waren, in einen Reisekoffer, und teilte seiner Wirtin mit, daß er in GeschäftsangelegenheitiöN sofort nach Hamburg und später vielleicht noch weiter nach England fahren müsse. Dem Kutscher, der ihn und' seinen Koffer in die Droschke aufgenommen hatte, rief er eilt lautes, für das Ohr der sich am Wagenschlage verabschiedenden Wirtin mitbestimmtes „Nach Bahnhof Friedrich- straße" zu und fuhr grüßend davon-
Auf dem Bahnhof angekommen, nahm er aber keinen Fahrschein; er wies vielmehr, nachdem er mehrere Minuten gewartet hatte, einen Gepäckträger an, seinen Koffer nach einer Droschke zu schaffen und ließ sich dann, wie einer,; der eben erst in Berlin angekommen ist, nach dem Hausfej der Frau Meerholt fahren. _______
Dort ließ er feinen Koffer im Hausflur, indem er ihn der Obhut des im Keller hausenden Vizewirtes üb-epgab^ und stieg möglichst geräuschlos drei Treppen in die Höhe, um an Frau Meerholts Tür zu klopfen. Das „Herein!", das er deutlich als einen Ruf Sabinens erkannte, verursacht^ ihm ein freudiges Aufatmen.
„Gott sei Dank! Sie ist anwesend!" Er öffnete aber! nicht, sondern klopfte zum zweiten Male.
Auch auf das wiederum ertönende „Herein!" drückte er doch nicht auf die Klinke, sondern fuhr leise zu klopfen; fort; da wurde die Tür ungeduldig aufgerissen und eine weibliche Stimme fragte verweisend: „Wer klopft denn da in einem fort?" , :
„Ich bin's, schöne Sabine. Bist du allein?"
„Ach, Peter! Du bist es? Ich Lin allein; nur Muttest ist noch drinnen."
„Die braucht mich nicht erst zu sehen, ich mochte dich! gern unter vier Augen sprechen."
„Dann komm hier in die Küche." Sie öffnete eins andere Tür auf dem Flur !und forderte ihn mit einest Handbewegung zum 'Eintritt astf. I
„Deine Mutter wird mich aber hier finden."
„Unbesorgt! Sie hat dein Klopfen gar nicht gehört."
Er wußte, daß die alte Frau etwas schwerhörig war, und schlüpfte beruhigt in die halb dunkle Küche.
„Du hast doch nichts ausgefressen," fragte Sabine, „daß du so geheimnisvoll tust?"
„Man will mich ausweisen," versetzte er, Wohl vorbereitet auf diese Lüge; „man möchte sich des sozialdemokratischen Agitators entledigen; die Polizei fahndet nach mir. Ich bin den Schergen zuvorgekommen, inbein ich meine Wohnung aufgegeben und meiner Wirtin weißgemacht habe, ich müßte sofort nach Hamburg abreisen. Statt nach Hamburg bin ich labest zu dir gefahren; puj mutzt mir helfen, einen Unterschlupf finden bei irgend


