Ausgabe 
22.10.1913
 
Einzelbild herunterladen

660

120 Mann in Darmstadt an. DaS 1. Bataillon der Garde­füsiliere zählte nur noch 1 Offizier und 27 Gemeine. Mehrere Offiziere und Soldaten waren als Kranke in Neu-Ruppm zurück- g^So waren denn nach und nach ans dem Feldzug 1813 von der hessischen Brigade in die Heimat zurückgekehrt: am 30. O k- tober die Artillerie-Abteilung Müller mit 71 Mann, am 3. November 100 Mann von der Bagage und eine Anzahl Versprengter, die sich unmittelbar nach der Schlacht bei Leipzig am 18. Oktober der retirierenden Armee Napoleons angeschlossen hatten, ferner Reste de? Chevaulegersregiments, am 25. -.Dezember die Reste des 2. Füsilierbataillons und 2. Marfch- regmients aus Torgau, etwa 222 Mann, und 160 Mann aus der Gefangenschaft in Neu-Ruppiu. Der Gesamtverlust, den bte hessischen Truppen während des Feldzuges 1813 erlitten hatten, läßt sich nicht bestimmt feststellen, da immer noch Nachzügler, Versprengte, Rekonvaleszenten, Entlassene ans der Gefangenschaft in die Depots zurückkehrten. Doch ungefähr läßt sich em Verlust von 1500 Mann annehmen. Am schlimmsten waren die Verluste bei dem Leibregiment und Gardefüsilierregimeut. ..

Während des ganzen Feldzuges 1813 haben die Heften m kritischen Augenblicken besondere Ruhe, Entschlossenheit und Tapfer­keit gezeigt, was auch Freund und Feind rückhaltlos anerkannte. Nur'notgedrungen tvaren die Hessen einem fremden Eroberer ge­folgt, um für ihn Heeresdienste zu leisten: aber einmal vor diese Aufgabe gestellt, erachteten sie es für ihre Pflicht, allen an sie gestellten Anforderungen zu genügen. Man hat das dem Volks­stamme der Hessen beigelegte, viel geschmähte Beiwort ,,b liud dahin ausgelegt, als bezeichne cs kühnes Wagen ohne Beachtung der drohenden Gefahr. Mag die Deutung gesucht fein oder nicht: wenn aberb l i n d" als ehrendes, schmückendes Beiwort in die,em Sinne gelten kann, dann darf es mit vollem Recht der heffffche Soldat in Anspruch nehmen.

Zn Audienz bei Pius X.

In italienischen Blättern erzählt ein Eingeweihter:

Wenn Pius X. Audienz erteilte, so pflegte er ein fchwcres weißes Gewand zu tragen, und auf seiner Brust wurde ein kost­bares Smaragdkreuz an goldener Kette sichtbar. Der Eindruck, den der ehrwürdige Greis auf seine Besucher machte, war er­greifend. Jedermann wurde durch sein schönes blaues Ange gefesselt, das tiefe EmpfWung verriet, und sein Gesichtsausdruck pflegte von Güte und Milde zu strahlen. Trotz der natürlichen Würde, mit der Pius X. seine Pflichten verrichtete, ist er immer ein durch und durch natürlicher Mensch geblieben, und ganz besonders fiel denen, die in Audienz vor ihm gestanden haben, sein herzliches Lachen auf. Ein Engländer erzählt von einer Audienz, daß es das Lachen des Papstes ihm förmlich an­getan habe: er habe nie geglaubt, daß ein so alter Mann so voll und herzlich lachen könne. Der Papst liebte einen kleinen uii- schuldigen Scherz. Da kniete einmal vor ihm in einer Audienz eine Bäuerin mit ihrem Heinen Töchterchen. Als .der Papst das Jesnsbildchen berührt und betrachtet hatte, das die Bauerui trug, wandte er sich zur Kleinen und stellte ihr im Scherze di: Frage, ob dies Bildchen wohl als Geschenk für ihn bestimmt ge­wesen sei.Nein, nein!" versetzte eifrig die Kleine, während ihre Mutter ganz verlegen und rot wurde. Ta brach Pius X. in sein herzliches Lachen aus, und als die Audienz beendet Ivar, da konnte man durch die noch halb offene Tür sehen, wie er, immer noch voller Heiterkeit, einem Kämmerer die lebhafte Antwort des Kindes und die Verlegenheit der Mutter schilderte.

Man merkte es Pius X. nicht an, welche Zumutung diese Aildienzen eigentlich für ihn bildeten. Eine amtliche Aufstcl- lung des Staatssekretariats des Vatikans ergibt, daß Pius X. allein im Jahre 1910 nicht weniger als 49 597 Personen zu empfangen gehabt hat und hierbei sind noch, nicht die Tau­sende von Pilgern gerechnet, die nach Rom wallfahren, um dem Oberhaupte der Katholischen Kirche ihre Verehrung darzubringen. Besonders im Anfänge seines Pontifikates hatte Papst Pius bei der Erledigung seiner Audienzen mit mancherlei Schwierigkeiten zu kämpfen. Denn als er zur Regierung kam, da war Italienisch die einzige Sprache, die er vollständig beherrschte, und die hier­aus sich ergebende Notwendigkeit, mit den Angehörigen und Vertretern fremder Völker immer nur durch einen Dolmetscher zu verkehren, verstimmt den Papst, der gern frei von Mensch zu Mensch sprach. Dazu war die Kenntnisnahme der umständlichen und rigorosen Titulaturen, die er den einzelnen, vor ihm in Audienz erscheinenden Würdenträgern zu geben hatte, dem Papste, der im Grunde immer der schlichte Landpfarrer geblieben ist, verdrießlich. Was seine Sprachenkenntnis nngetangt, so hat er bann int weiteren Verlaufe seiner Regierung sich des Französischen besser bemächtigt. Auch mit dem Deutschen hat er einmal einen Versuch gemacht: gehörte doch sein Geburtsort Riese zur Zeit, da er das Licht der Welt erblickte, noch dein: österreichischen Staatsverbande an. So versuchte er in seiner Jugend, mit einem elsässischen Geistlichen deutschen Sprachunterricht auszutauschen. Aber, so pflegte er lachend zu erzählen, et müsse sich wohl nicht

sehr geschickt angestellt haben, denn er eriitnere sich noch wohl, wie der Herr Konfrater ihn wiederholt Esel! Esel! gescholten habe. So hat es denn Pius X. über einiges Radebrechen im Deutschen nicht herausgebracht. Seine Abneigung gegen alles Zeremonien­wesen hat bei seinen Audienzen zuweilen zu ergötzlichen Zwischen­fällen geführt. Noch trug er die dreifache Krone nicht lange/ als auf seine Einladung eine Anzahl von Priestern bei ihm zur Audienz im Batikane erschien. Als Pius X. das Äudienz- zimmer betrat, sah er mit großem Erstaunen seine Besucher alle auf den Knien liegen.Teure Söhne," so sagte er,steht auf, steht gleich auf und setzt euch alle!" Der bei der Audienz an­wesende Zeremoniemneister geriet durch diese freundliche Ein­ladung des Papstes in solche Bestürzung, daß er das Gemach verließ: und nach der Audienz mußte der Papst von dem Staats­sekretär hören, daß, wenn Seine Heiligkeit einen Geistlichen einlade sich zu setzen, dies die Ankündigung bedeute, daß er binnen kurzem seine Ernennung zum Kardinal zu erwarten habe.Lieber Himmel," rief der Papst hierauf aus,beinahe hätte ich die Kirche mit dem Gehalte von nahezu 100 neuen Kirchenfürsten belastet!" Und seitdem hat Pius X. nie wieder bet seinen Audienzen einen Geistlichen aufgefordert, Platz zu nehmen.

VssZEchLss.

* Französische R e k.r u tenweishei t. Der Hauptmann Charlot, der sich die Aufgabe gemacht hat, den unbefriedigenden Bildungsstand des französischen Re- krutenmaterials zu beleuchten, veröffentlicht in ber Revue Hebdomadaire eine neue Auslese von Antworten, die neu- eingestellte Rekrutett auf bestimmte Fragen zu erteilen wußten. Cs scheint, daß sich in den Köpfen vieler juugev Franzosen die Welt gar wunderlich spiegelt. Auf die Frage nach- den Taten Napoleons I. erfolgten die Antworten: Napoleon hat den 70er Krieg erklärt",Napoleon hat den 70er Krieg beendet." Als daraufhin die Rekruten aufgesor- dert wurden, vom 70er Krieg zit erzählen, begannen viele von derSchlacht bei Elsaß-Lothringen" zu berichtens und als dann die jungen Leute aufgefordert wurden, die größten und wichtigsten Schlachten votr 1870 zu nennen, hatten die Antworten gar seltsame Ergebnisse. Denn es stellte sich heraus, daß nach der Ansicht der von Hauptmann Charlot geprüften Rekruten folgende Kämpfe die wichtigsten ivaren 11870/71): Tie Schlacht bei Magenta, bei Solferino, bei Austerlitz, Wagram, der llebergang über die Beresina, die Schlacht' von Waterloo und die Schlacht von Camp-Robert. Und zum Schluß zwei ganz merkwürdige und überraschende Schlachten: DieSchlacht von Richelieu" und dieSchlacht von Bonaparte". Nicht weniger merkwürdig ivaren die Er­gebnisse der geographischen Prüfung. Aus einer Reihe von Antworten ging' nacheinander hervor, daß Frankreich von den Fluten des Kaspischen Meeres, des Roten Meeres, des Schwarzen Meeres und desSüdmeeres" bespült wird.

Schach-Ausgabr.

Schwarz.

ab,cdefgh

a b c d e f g h

8

8

6

5

3

3

Weiß.

Weist setzt mit dem zweiten Zuge Statt. Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Auf Freunde im Unglück rechne nie.

Redaktion: K. Ne»ratb. - Rotationsdruck und Rsrlaa h->- Brühl'fchen Umv-Aitäts.Nuch- und Steindrucker-i, R. Lange. Gießen