Ausgabe 
22.10.1913
 
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mtb Leuteschindern," erividerte Peter, indem er ans der inzwischen gebrachten Flasche einschenkte.Sie trinken doch auch ein Glas, Herr Pflegevater?" fragte er zögernd, pls er drei Gläser gefüllt hatte und nun den Hals der Flasche über das leere vierte hielt.

Lampert nickte:Die nächste Flasche zahle ich greß nur ein!"

lind durch diese kurze Bemerkung durchaus nicht von dem verhandelten Thema abgelenkt, setzte er fragend hinzu: Um was kümmert Ihr Euch denn sonst?"

Um das geistige Wohlbefinden der Menschen, nm Bil­dung, um Freiheit und- Glück. Wir >vollen keine bevorzug­ten Klassen mehr; dem verfluchten Mammonsdienste muß ein Ende gemacht werden. Wer da behauptet, der Freiheits- siuir sei eine Mageufrage, der lügt! Gebt mt§ doppelte, dreifache Tagelöhne, und wir werden bleiben, was wir sind, wenn Ihr die Schranken nicht niederbrecht, die den Gold- vrotzen und Börsenschwindler vom ehrlichen Handarbeiter trenne«!" " , .,

Herr Lampert kniff die Lippen zusammen und schaute nachdenklich in das rubinrote Naß, das da im Glase vor ihm den Schein der Gasflammen widerspiegelte.

Allgemeine Bildung! Freiheit unb Gleichheit und Brü­derlichkeit ! Das sind schöne Worte!" Ein tiefer Seufzer quoll ihm aus seiner nicht gerade hochgewölbten Brust. Daun fuhr er väterlich fort:Mein lieber Junge! Gott ist mein Zeuge, wie ich aus vollstem Herzen allen meinen Menfcheubrüdern die Bildung gönne; aber Bildung mehrt nur unsere Erkenntnis, nicht unser Glück. Gleichheit ist ein Unding, ein Widerspruch gegen das Naturgesetz, dessen Wesen der Kampf zwischen dem Ungleichartigen ist. Und Freiheit? Nun ja, wir alle schwärmen für sie, und doch gewinnen wir sie nur, Weint wir uns willig dem Joche des Gesetzes beugen."

Man blickte auf und erkannte Herrn Haßlach, den In­haber einer flottgehenden Fabrik von Holz- und Älech-Blas- inftruinenten, der eigens hierher gekommen war, um mit Adolf Techner, den er schon halb und halb als Teilhaber an seinem demnächst zu vergrößernden Geschäft gewonnen glaubte, weiter zu verhandeln. Er war ein Mann in den Fünfzigern, mit klugen, freundlichen Augen; sein Gesicht war von zahllosen Pockennarben zerrissen, ohne daß dies dem sympathischen Eindrücke, den er machte, wesentlich Abbruch tat. Er trug einen vortrefflich sitzenden, hecht­grauen Frühjahrs-Paletot und einen nagelneuen, glänzeit- den Zylinder.

Ach, Haßlach", rief der Goldschmied,das i)t nett, daß du auch da bist! Setze dich zu uns, mein Pflegesohn, wird dir einen Stuhl besorgen."

Herr Haßlach zog erst vor den beiden Damen den Hut, beglückwünschte Frau Lampert zu ihrem ausgezeichneten Aussehen und sagte Sabinen eine kleine altfränkische Artigkeit.

Braver Mann!" wandte er sich dann gegen Peter, der ihm einen Stuhl herangeschafft hatte,empfangen Sic meinen Dank!" Und er fetzte sich! behaglich zwischen das Ehepaar.

's gern geschehen", versetzte Peter; in Gedanken fügte er hinzu:Möchte der Kerl mit dem Stuhl zusammen- brechen!" Er konnte Herrn Haßlach, der ein etwas alter­tümlicher Zunftschwärmer war, nicht leiden.

Schallendes Händeklatschen und laute Bravorufe er­schütterten die Luft: der erste Teil des Programms war beendet, und namentlich die letzte Nummer desselben hatte allgemeinen Beifall gefunden.

Hochroten Antlitzes stieg Adolf von der Tribüne hinab und eilte an den Tisch, wo seine Braut saß. Er griff nach Sabinens Glas und sagte:Dars ich? Mir klebt die Zunge am Gaumen."

Sabine nickte Erlaubnis, und er trank in einem Zuge ihr Glas aus. Jetzt erst merkte er, daß er Wein und kein Pier getrunken hatte, und verwundert fragte er:Nanu? Wer ist denn der leichtsinnige Spender dieses Stoffes?"

Teilt reicher Bruder," versetzte spöttisch der Gold- schtnied,die Taler sprengen ihm sonst das Taschenfutter."

Adolf schüttelte den Kopf und wollte dem Bruder eine mißbilligende Bemerkung machen; da ihm Peter aber aufs neue einschenkte und munter zurief:Prosit, Adolf, der Tenor soll leben!" unterdrückte er das Wort, das ihm schott auf der Zunge lag; er ergriff vielmehr das frisch gefüllte Glas und stieß mit dem Bruder freundlich an.

Wer kann ihm widerstehen?" fragte Adolf strahlend, eine Braut,wo er nur hinkommt, bringt er Leben in die Bude; er ist wie die Maisonne."

Frau Lampert tätschelte gerührt die Schulter des Lob> reduers, er war doch eilt zu guter Bruder, und daß er so liebevoll und selbstlos sich entwickelt hatte, daran schrieb sie sich und ihren Erziehungsgrundsätzen nicht gerade den kleinsten Anteil zu. .

Herr Haßlach winkte Adolf zu sich 'heran und zog ihn tit ein leise geführtes, geschäftliches Zwiegespräch. Peter schlug Sabinen vor, mit ihm einen Ruudgaug durch den Garten zu machen; man säße sich sonst ja die Beine steif, und auf ihren Bräutigam sollte sie nur heute nicht rechnen, den hielte Herr Haßlach fest und würde ihn sobald nicht wieder loslassen. . t ,, , ,

Sabine sah Frau Lampert au, tote um deren Erlaub- nis zu erbitten. Die gute Frau hatte nichts einzuwenden. Geht nur in Gottes Namen, aber nicht zu lange, Kinder. Peter, du bringst sie bald wieder her, verstanden? Die Pause dauert nur zehn Minuten.":

Peter bot der Schwägerin de« Arm und führte fie zivi- scheu bett Tischen hindurch, damit sie die Versammelten; mustent und hier und: da einer Bekannten einen Gruß zu,-» nicken konnte. Endlich sagte er:Nun ivollen wir aber einen Gang durch den eigentlichen Garten machen; hier vorn wird mau durch das Plappjern der Menschen ordentlich betäubt."

Ohne Widerstreben gab sie nach.

Beide schritten bei der Tribüne vorbei und drangen! tiefer in die schattendunklen Wege ein. Hin und wieder be­gegneten sie einem ebensalls' lnstwaudelnden Pärchen, aber bald wurde der Garten einfacher und stiller; sie waren allein.

Er blieb mit ihr stehen und deutete auf eine Gruppe Karaganen, deren gelbe Blüteit int Schimmer des Mond- lichtes fast weiß erschienen.Ist es nicht ein himmlischer Lenz ab end, Sabine? Sieh nur die Erbsensträucher, toic sie sich baden im Mondschein! Und dort die Eberesche ihre Blüten sind weiß; wenn sic aber von der Sommersonne! geküßt sein werden, dann werden sic sich in blutrote Früchte: wandeln gerade wie die jungen Mädchen! Ha, ha, ha!"

Wie meinst du das, Peter?"

Nun, müßt ihr nicht auch erst vom Kusse der Liebe' getroffen werden, ehe euch die richtigen Rosen auf den Wan­gen aufblühen?" Er hatte seinen Arm um ihren Wuchs ge­legt, zog sie sanft au sich ustd blickte ihr tief in die femW glänzenden Augen. Daun, ehe sie noch begriff, preßte er ihr einen Flammenkuß auf die schwellenden Lippen.

Einen Moment lag Sabine still und ruhte widerstands­los au Peters Brust, ja, es wär ihm, als wenn sie seinen Kuß sanft erwidert hätte: doch schon stieß sie ihn von sich und sagte vorwurfsvoll:Was tust du, Peter?" Und streng erklärte sie:Wir wollen nach vorn gehen."

Er hielt sie fest mtb suchte sic zu beruhigen.

Sabine, liebes, kleines, süßes Mädchen! so warte doch nur! Erst mußt du mir sagen, daß du mir nicht böse bist. Sieh mich doch nur wieder freundlich an!"

Sic kämpfte mit Tränen.

Was würde Adolf sagen, wenn er uns gesehen hätte! Psui, wie schlecht war das von uns!"

Nein, mein holdes Täubchen, es war nicht schlecht! Es war das Machtgebot der Natur, dem wir gehorcht haben,- gehorchen mußten. Sabine, ich liebe dich, mehr als dich mein Bruder liebt! Werde mein!".

Sie verstand kaum, was er sagte; sie war außer sich vor Scham und Entrüstung. Wie hatte er sich nur erdreisten: dürfen, sie so zu behandeln? War das eine Folge der neu­lichen Verivechselung, da sie ihn für den Bräutigam ge­halten und geküßt hatte? Ach, einer ähnlichen Täuschung war sie auch heute nun zum Opfer geworden! Als er sie vorhin in feinen Armen hielt und ihr sein heißes Gesicht so nahe brachte, da war er ihr wieder wie sein Bruder! erschienen, so daß sie sich nur allzu gern der Einbildung hingab, es wäre Adolf, der fie so zärtlich umfangen hielt, und nur weil sie Adolf' liebte, weil sie sich nach dessen Lieb- ko ungen sehnte, die er ihr gerade in der letzten Zeit der: Verstimmung öfters trotzig tiertoeigert hatte, nur deshalb! hatte sie sich dem Küsse des Ungestümen nicht entzogen. Aber, daß er von ihrer Schwäche einen so unredlichen Vor­teil ziehen wollte, daß er nicht mit ihr die Täuschung einer flüchtigen Sekunde schmerzlich bereute, sondern sie förm­lich einlud, ein so verbrecherisches Verhältnis' mit ihm fort­zusetzen, das war schlecht von ihm, das war eine Demütigung