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Wiehernd belachte der rohe Mensch seinen vermeintlichen Witz.
Erich wurde die Situation unerträglich. Er sah, daß von dem Kondukteur doch nichts zu erfahren war, sprang- deshalb hastig auf, warf fünfzig Centimes' für den Kaffee auf den Tisch und eilte mit kurzem Gruß davon. Albrecht sah rhür verblüfft nach, nahm dann einen tiefen Zug aus letnetn Glas, füllte nochmals Wasser nach und sagte dann brummend: J
»Das ist ja ein netter, höflicher Junge. Wenn die Unter- Haltung am schönsten geht und der Suff am besten schmeckt, lauft er ohne Abschied auf und davon. Ein seiner Kerl, könnte enr Graf sein, der verstände das auch nicht besser. So sind: aber die Menschen, die keinen Absinth nicht mögen, zu denen is nischt. Erst der Absinth gibt uns die rechte Lebensart und macht uns zu was. Ich wüßte nicht, wie ich den lieben, laugen Arbeitstag ertragen sollte, wenn ich ihn mir nicht durch ein gelegentliches Glas verkürzen könnte. Em merkwürdiger Junge, der Sanner, und schielt nach der Gassen! Das ist zu tolle, so'n Junge! Wenn ich das noch wäre, ich bin doch wer und stelle was vor mit die Muskeln. Nee, die Gassen, die würde das Kind ja schön abflitzen lassen. Das ist zu gut"--der Rest des Selbstgespräches er
stickte im, Glas, welches Albrecht zu einem neuen, tiefen Zug an die Lippen führte.
Auch in Lausanne konnte Erich nichts über Hedwigs verbleib erfahren. Im „Orientale" mußte er bei seinen Fragen verschiedene schlechte Witze über sich ergehen lassen, die er geduldig ertrug. Aber es war alles umsonst, Hedwig war verschwunden und blieb es auch; Erich verniochte ihre Spur nicht aufzufinden.
Müde und abgespannt traf Erich gegen Abend des zwei- teii Tages seiner Abwesenheit wieder in der Pension von Monsieur Jarnaux ein.
(Fortsetzung folgt.)
Sonnenstäubchen.
. Mit peinlicher Gewissenhaftigkeit hat die sorgsame Hausfrau im Salon oder in der guten Stube die Möbel und alle Gegenstände mit dem Staubtuche abgewischt. Sie glaubt nun, allen Staub entfernt zu haben, und schließt die Fenster und Gardinen. Da fällt ein Sonnenstrahl durchs' Fenster ins dunkle Zimmer, und mit Schrecken sieht die Frau, daß die Lust erfüllt ist von unzähligen schimmernden Lichtpünktchen, den Sonnenstäubchen, die bei gewöhnlichen- Tageslicht und Lampenlicht unsichtbar sind.
'Es war schwer, über die Beschaffenheit dieser Sonnenstäubchen Aufschluß zu erhalten, weil die wirbelnde Bewegung der Stäubchen die mikroskopische Beobachtung unmöglich macht. Es ist bekannt, daß sich auf allen Gegenständen nach kürzer Zeit Staub absetzt' und die Hausfrau muß sich täglich damit mühen, diesen Staub von den Hausgeräten fernzuhalten. Er setzt sich hartnäckig in alle Vertiefungen der Möbel fest, er verschafft sich Eingang in die festverschlossenen Schränke und Kommoden; er bildet nach ein paar Stunden einen zarten, abfärbenden Hauch, nach einigen Tagen eine graue Schicht, und nach Jahr und Tag hat er, sich selbst überlassen, zu einer meßbaren, dicken Lage sich aufgeschichtet. In derselben Weise, wie die im Wasser schwebenden feinen Teilchen durch Niederschlagen Schlamm bilden, setzt sich auch aus der Lust Staub ab.
In den frühesten Zeiten hat die menschliche Phantasie den leeren Raum des Luftmeeres mit den Lustgestalten religiöser und naturphilosophischcr Träumereien bevölkert. Schon Anaxagoras, der Freund des Perikles, hatte behauptet, die Luft enthalte Samen von allem, und wenn dieser sich ins' Wasser senke, so entständen Gewächse. Aber erst seit der Entdeckr-ng des großen Forschers von Leeuvenhoek, der den Beweis' führte, daß die Aufgußtierchen im Regenwasser aus der Luft stammen, indem sie sich aus Keimen entwickeln, die in der Luft verbanden waren; erst seit dieser Entdeckung wurde die Aufmerksamkeit der Forscher auf jene kleinsten aller lebenden Wesen, auf die Bakterien gerichtet, die alles Lebende umschweben. Man hat gefunden, daß es" Außer dem gewöhnlichen 'grauen Staub, der in unseren Wohnungen sich ablagert, noch einen anderen ungewöhnlichen Staub gibt, den rötlichen Passatstaub, der im Winter, wenn der schmelzende Föhn unter heftigen Stürmen den strengen Nvrdostwind verdrängt, die Luft erfüllt, den Himmel verdunkelt, dem Wanderer das' Atmen benimmt und zwischen den Zähnen sich eindrängt. Am höchsten verdient gemacht hat sich um die Erforschung der mikroskopischen Welt und speziell um die Natur der Sonnenstäubchen der große Forscher Ehrenberg, der durch seine mikroskopischen Forschungen in den Jahren 1848 bis 1858 uns ein Bild von der Beschaffenheit und Abstammung der Sonnenstäubchen zusammenstellte. Wie die Wildbäche der iMtPen mächtige Felsblöcke mit sich schleppen, im Tale dann aber nur faustgroße Kiesel als Gerölle mit sich führen, wie weiter die
MMe mit langsamer Strömung Sand anschwemmen und in der Nahe des Meeres nur feine Schlammteilchen absetzen, so er- le-den auch bte von der Luftströmung fortgeführten Körperchen e-ne ähnliche Schichtung; bte größten und schwersten setzen sich, dem Gesetze der Schwere, folgend, am ersten als Staub ab, während die femsten und lerchtesten schwebend erhalten bleiben und von wdem neuen Luststrome wieder in die Höhe gewirbelt werden. Wie unreines Wasser durch einen Papierfilter geseiht wird, so hat man auch bte Lust burch Baumwolle und Watte filtriert und opnpch rem gemacht, und so hat denn Pasteur vermittels eines Saugapparates b.ie Staubteilchen der Luft in der Schießbaumwolle ausgetangen diese in Aether aufgelöst und nun die unlöslichen, m der Kollodtnmflüssigkeit als Niederschlag abgesetzten Staubteilchen mikroskopisch untersucht. In Verfolg der weiteren Unter-« 'Äun,9ert tn dieser Richtung besonders durch Cohn nnd Robert Koch hat man in Wanderung der Pasteurschen Methode nun ge- sundeii, daß die meisten Sonnenstäubchen aus dem Mineralreich stammen. Wenn die austrocknende Lust die obersten Schichten des Bodens ausgedörrt hat, dann vermag der darüber hinwehende Wind die leichtesten Teilchen in die Luft zu wirbeln und dort schwe- ds.std.zu erhalten, bis sie als Staub herabsinken, um bald wieder vom nächsten Winde aufs neue in die Höhe geweht zu werden. Die Sonnenstäubchen sind feine Kieselsplitter von der feinsten Form, glashell oder gefärbt; häufig finden sich im Staube Kalk- und Kohleteilchen. Im Winter sind in ben Städten die K'ohlensplitter, die mit bem Rauche aus den Schornsteinen der Häuser aufsteigen, so inassenhaft in der Luft verbreitet, daß der Staub dadurch schwarz gefärbt ivird.
Zu diesen leblosen Stäubchen aus dem Mineralreiche gesellen sich aber auch andere, welche aus dem Tier- und Pflanzenreich stammen. Körnchen des feinsten Stärkemehls, Fäserchen von Leinwand, Wolle, Baumwolle, Leder, Trümmer unserer abgenutzten Kleidungsstücke, Schmetterlingsfchnppen, Haare von Tieren und Pflanzen, die feinen Daunenfasern von Federn, alles bunt durcheinandergemengt int kreisenden Wirbel der Lustströme. Im Frühling enthält die Luft,ben Blutenstaub der Haseln, Erlen, Pappeln, Birken, Buchen und Eichen, und wer im Sommer durch ent blühendes Kornfeld geht, kennt den duftigen Staubnebel, welcher von den jungen Achren aufsteigt; die blühenden Nadelwälder streuen ganze Wolken gelben Älütenstaubes aus, der meilenweit durch die Luft fliegt, bis ein Gewitter ihn als gelben Schwefelregen wieder niederschlägt. Das' überreiche Vorhänden- seiii von Blütenstaub in der Luft ist unseren Atmungs'organen nicht zuträglich; man schreibt ihm sogar die Veranlassung einer Krankheit zu, welche im Jüni, wenn die Wiesengrüser in Blüte stehen, austritt und als Heufieber bezeichnet wird.
Weit wichtiger und zahlreicher als der Blütenstaub sind die in der Lust enthaltenen Keime von Pilzen, die Sporen besonders von Schimmelpilzen, Hefepilzkeime, die Keimzellen der Rost- Und Brandpilze, die mit dem Staube durch die feinsten Ritzen dringen. Fast überall, wo Pflanzen erkranken, werden sie das Opfer unsichtbarer Feinde in der Luft. Die Rostpilzsporen führen oft in ganzen Ländern Mißwachs und Hungersnot herbei. Ein einziger rostkranker Weizenhalm kann einen ganzen Acker anstecken. Wie rasch diese unsichtbaren Feinde durch die Luft wandern, hat man am Kartosselpilz gesehen, der, bis zum Jähre 1845 in Europa noch unbekannt, sich in diesem Jähre mit einem Male, begünstigt dnrch die nasse Witterung, über den ganzen Kontinent von Irland bis Oberschlesien und Rußland verbreitete, die Kartoffel vernichtete und Hungersnot und Hnngerttzphus gebracht hat. Dieselbe Wirkung hat in diesem Jähre der Traubenpilz hervorgebrachk, der sich trotz aller angewandten Gegenmittel so rasch in den weiw- bautreibenden Gegenden verbreitet hat, daß ganze Weinbaugebiete öfters ein vollständiges Mißjahr haben. Auch Meltau und Rußtau, Pocken und Krebs, Schimmel, Fäule und Schwärze und wie die verschiedenen Pflanzenkrankheiten heißen, werden von Pilzen erzeugt, deren unsichtbare Keime aus der Lust auf wilde und zahme Gewächse anfliegen. Selbst die Insekten werden nicht verschont; schimmelartige Jnsektenpilze nisten sich ins Innere einzelner Tierchen ein, zehren Blut und Eingeweide auf, durchbohren dann die Haut des getöteten Opfers und streuen ihre Keimzellen in solcher Masse in die Luft aus, daß die Leichen wie mit weißem Meltau überzogen sind. So ist der Jnsektenpil'z oft eine wohltätige Polizei gegen die Raupenplage.
Nicht minder furchtbar sind auch jene zahlreichen ansteckenden Krankheiten unter Menschen und Tieren, welche von Zeit zu Zeit in verheerenden Epidemien von Stadt zu Stadt, von Land zu Land wandern, jene Krankheiten, die nur durch einen An- steckungsstosf entstehen, der durch die Luft übertragen und mit bem Staube in die Atmungsorgane oder durch Wunden des Körpers in die Blutlaufbahn einbringt. Zum Glück besitzt unser Organismus die Fähigkeit, ben größten Teil der Sporen und Keime wieder anszustoßen oder bereit Entwickelung zu verhindern.
Wem- es der Wissenschaft seit Leeuvenhoek gelungen ist, die Natur ynd das Wesen der Sonnenstäubchen zu ergründen und die Entstehung und Verbreitung ansteckender Krankheiten unter den Menschen, den Tieren und den Pflanzen in den Pilzen und Bakterien zu finden, so hak ,sie auch bereits feste Grundlagen gewonnen, um darauf mit Vertrauen praktische Maßregeln zu ergreifen, welche dazu bestimmt sind, die Gärungs- und Krank-


