Ausgabe 
22.9.1913
 
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lief), geachtet und geehrt, und alles, was einmal war, ver- gesten. Später kam dann die Ernüchterung über mich, ich! sah klarer in die Zukunft und fühlte zugleich, was Du mir geworden bist. Und da wußte ich, daß aus meinen Träumen niemals etwas werden kann, niemals etwas werden darf. Ich habe mich mit Dir.verglichen, mein Erich! Da kam ich mir so schlecht, so schmutzig vor, daß ich erschrak. Du bist ein guter, edler Mensch uni) siehst auch andere mit Deinen guten treuen Augen an. Ich weiß. Du hältst mich für besser, als ich bin, bist liebevoller und treuer zu mir, als ich es verdiene. Ach mein Erich, Du kennst mich ja nicht, hast mich nie gekannt.

Es tut mir weh, ich schäme mich so vor Dir, selbst das Bild zerstören zu müssen, welches Du Dir vielleicht von mir geschaffen hast, aber ich will, ich muß ehrlich zu Dir sein, weil ich Dich so unaussprechlich lieb habe.

Meinen ersten Fehltritt, die Flucht aus meinem elter­lichen Haus mit einem Nichtswürdigen ach, damals hielt ich ihn ja für den besten der Menschen hast Du mir so lieb, so mild verziehen. Aber das ist ja nicht alles, Erich. Was Dir Gerasimi am letzten Tag imOrientale" zurief, der wievielte sind Sie denn? war nur zu wahr. Wenn ich heute zurückdenke an die letzten Jahre des Leichtsinnes, faßt mich ein so unsäglicher Ekel vor mir selbst, daß ich--

ach Erich, warum lernte ich Dich nicht früher kennen.

Aber bas ist nun zu spät. Ich darf, ich will Dir kein böses Hindernis auf Deinem aufsteigenden Lebensweg sein. Du bist noch so jung, hoffnungsfreudig, lebensfroh, und ich komme mir mit meinen dreiundzwanzig Jahren so alt, so greisenhaft vor, als könnte die Welt mir nichts mehr bieten.

Und Du, mein schöner, treuer, lebenshungriger Junge, K Zeit Deines Lebens an mich gefesselt sein? Niemals, abe ich Dich zu lieb. O mein Erich.

Ich kenne mich, ich kenne Dich, Du Pflichtgetreuer, Du Ehrlicher, Du würdest mich nicht lassen und würdest Dich' freiwillig an mich schmieden trotz allem Schlechten, Häß­lichen, Gemeinen. Ich sehe Dich setzst vor mir, in Deinen lieben braunen Augen funkelt eine Träne und Deine Lippen sagen weich und voll Mitleid:

Arme Hedwig, was-hast Du gelitten."

Du klagst mich nicht an, schiltst mich nicht schlecht und leichtsinnig, Du hast nur Mitleid, echtes, großes Mitleid für mich.

Und deshalb gehe ich, gehe ich weit fort von Dir, in ein neues Leben, in andere Verhältnisse, damit zwischen uns eine Scheidewand errichtet ist. Der Zufall war mir günstig, er bot mir noch einmal die Hand, mich an Dir aufzurichten. Denn das tue ich, mein Erich. Dn wirft mir anch in der Ferne ein Halt sein in dem neuen besseren Leben, das zn be­ginnen ich mich stark durch Dich fühle.

Forsche mir nicht erst nach, denn mein Entschluß ist fest, und meine Anordnungen konnte ich, Gott sei Dank, so treffen, daß Du mich anch nicht finden wirst.

Lebe wohl, mein Liebster, und habe nochmals Dank für die schönen herrlichen Stunden, welche Du mir noch ge­schenkt; ich wußte ja damals schon, daß es unsere letzten gemeinsamen sind.

Lebe wohl, Gott sei mit Dir, er schütze Dich und lasse Dich glücklich werden. Deine Hedwig.

Erich las den Brief immer und immer wieder. Er konnte kaum fassen, daß er Hedwig nie, niemals wieder-; sehen sollte. Erst in dieser Stunde wurde sie ihm lieb und! teuer, als sei sie ein Stück von ihm. Wo er sie für immer Valoren hatte, kam es ihm erst znm Bewußtsein, daß Hed­wig ihm vieles, ja alles war.

In Genf angelangt, wo Hedwig zuletzt mit ihm weilte, wo er sie zum letztenmal sah, setzte Erich alle Hebel in Be­wegung, um etwas über den Verbleib der Geliebten zu er-, fahren. Er eilte in das Hotel, in dem sie beide gemeinsam! gewohnt hatten; aber Erich erfuhr dort nur, daß Hedwig bereits vor vier Tagen abgereist war und keine Adresse hinterlassen hatte. Er _ suchte ein paar Bekannte von M auf; vergebens, niemand kannte ihre gegenwärtige Adresse. Auf der Polizei das gleiche Resultat, man wußte nichts. Auch Herr Schutz, sowie ein paar andere Stellen­vermittler, die Erich aufsuchte, konnten ihm nur die Auskunft geben, daß Hedwig seit Monaten nicht bei ihnen gewesen war.

So Ivar mittlerweile der Abend angebrochen und Erich mußte seine Nachforschungen einstellen. Nach einer unruhi­gen, qualvollen Nacht eilte Erich früh morgens zur Babu, um mit dem ersten Zug nach Lausanne zu fahren. Vielleicht

daß er dort näheres über den Verbleib des Mädchens er­fahren konnte.

Am Bahnhof traf Erich einen Kollegen, der früher in Lausanne, jetzt in einem Genfer Hotel als Kondukteur an­gestellt war und als solcher die Reisenden an der Bahn itt Empfang zu nehmen, sowie zur Bahn zu geleiten hatte.

Nanu, wo kommen Sie denn her? Und so früh! Ich denke, Sie sind in Lausanne? Haben Sie Ihre Stellung aufgegeben?" rief Herr Albrecht dem jungen Mann zu.

Ich bin nicht mehr imOrientale", ich habe für ein paar Monate eine Pension ausgesucht."

Der Fremde war Erich lästig, er wollte am liebsten allein sein und suchte ihn deshalb abzuschütteln.

Ich habe es eilig, muß mit dein ersten Zug nach Lau­sanne, habe dort wichtiges zu erledigen, Herr Albrecht. Adieu, leben Sie Wohl."

Aber wo brennt's denn? Der Zug fährt doch erst in einer halben Stunde. Kommen Sie, Sanner, wir nehmen erst eilten Absinth zusammen, mir ist ohnedies so öde im Magen."

Widerwillig folgte Erich dem älteren Kollegen.

Nein, keinen Absinth, Kaffee bitte", unterbrach er ihn, als Albrecht dem Kellner zwei Absinth bestellte. Erich ver­abscheute dieses Getränk, welches in Genf namentlich, aber auch in, der ganzen französischen Schweiz in den Kaffee­häusern sehr viel getrunken wird. Schon der eigenartige, süß­lich-scharfe Anisduft dieses mit Wasser zu einem milchigen Getränk verwandelten Schnapses verursachte Erich physisches Unbehagen.

Albrecht lachte, als er Erichs widerwilliges Gesicht sah, mit dem dieser den Absinth zurückwies und sich Kaffee be- stellte. Dann goß Albrecht sich aus der Absinthflasche, die ihm der Kellner inzwischen brachte, etwas in sein Glas, und setzte dann den Apparat auf, welcher das Durchträufeln des Wassers so reguliert, daß immer nur Tropfen auf Tropfen in das Glas fällt. Nun beobachtete der Kondukteur mit Kennermiene und sichtlichem Behagen, wie das Eiswasser durchsickerte, sich mit dem Alkohol verband und zu einer weiß­lichen Flüssigkeit wurde, die Aehnlichkeit mit stark durch Wasser verdünnter Milch hatte. Erst als dieses ziemlich lang­wierige Geschäft beendet war und Albrecht den ersten Zug aus feinem nun gefüllten Glas getan hatte, begann er wie­der die Unterhaltung.

Also in Lausanne haben Sie zu tun. Uebrigens, die hübsche Gassen ist ja fort! Sie haben ja auch für sie ge­schwärmt, wie man mir erzählte. Na meinetwegen, ich gönne Ihnen die Schwärmerei. Mir hatte das Mädchen zu wenig Rasse, ich mag die Dunklen lieber, die haben mehr Feuer."

Erich horchte auf:

Woher wissen Sic, daß Fräulein Gassen fort ist?"

Sie hat mir's selbst gesagt! Vor ein paar Tagen, es können drei, auch vier gewesen sein, habe ich hier am Bahn­hof mit ihr gesprochen."

Vor drei ober vier Tagen? Bitte, erzählen Sie, was haben Sie mit ihr gesprochen, was sagte sie?" drängte Erich und rückte feinen Stuhl dicht neben den Albrechts; er hatte sich des verhaßten Absinthgernches wegen weiter entfernt gesetzt.

Albrecht nahm wieder einen Schluck und fuhr dann be- haglich fort:Eigentlich sagte sie sehr wenig. Sie wari wenn ich es mir jetzt recht überlege sehr schweigsam! und verschlossen, traurig! sogar. Es fiel titir nachher aufs weil wir sie iminer nur die lustige Hedwig nannten. Erst wolltck das Mädel gar nicht reden, dünn über erzählte sie mir» daß sie das Hotelleben satt halte und nach Deutschland! zu­rück wolle. Sie ha'be jetzt eine schöne Stelle als Jungfer ober Gesellschafterin, ich weiß es nicht mehr genau, zu einer reichen Dame angenommen, mit der sie wahrscheinlich Viel­aus Reisen sein werde." ,

Unb wohin?" forschte Erich hastig.

Wohin? Ja, das hat sie mir nicht gesagt. Ich vergaß! auch danach zu fragen. Hedwig meinte nur, daß es sehr weit von hier sei, und daß sie die Dame schon von früher her kenne."

Sie wissen nichts näheres, Herr Albrecht,- ftaben auch nicht den geringsten Anhalt, wo es sein könnte?"

Nee! Aber Sie sind ja Feuer unb Flamme? Junge, Junge, ba lassen Sie man noch; die Haube davon, Sie Kick«! indiewelt, für Sie wachsen noch keine hebwig Gassens, ba müssen sckion anbere Kerle antreten."