Msntag, den 22. September
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Dom Pikkolo zum Millionär.
Heitere Erzählung von Harry Nitsch.
(Nachdruck tierboten.)
(Fortsetzung.),
Der Abschied von Hedwig war auch Erich sehr nahe gegangen. Das heitere, fröhliche Geschöpf hatte geweint und geschluchzt, als gälte es eine Trennung für ewig. Immer und immer wieder hatte sie an seinem Halse gelegen, und ihm Liebesworte ins Ohr geflüstert, als sie Erich zu dem Zug geleitete, der ihn nach Romont' führen sollte. Erich hatte sich in einem kleinen Dorf bei Romvnt in einer Lehrersfamilie, die seit Jahren auf solche Pensionäre eingerichtet war, und einen guten Ruf genoß, für sechs Monate angemeldet.
Seit sechs Tagen befand sich Erich bereits bei Monsieur Jarnaux. Er stürzte sich mit wahrem Feuereifer auf seine Studien; aber nach einigen Tagen hatte sich eine steigende Unruhe und Angst seiner bemächtigt. Hedwig, die in, Genf zurückgeblieben war, versprach ihm sofort und täglich zu schreiben. Doch war noch nicht eine Zeile von dem Mädchen eingetroffen, auch auf seine eigenen Briefe erhielt er keine Antwort. Ebenso wartete er vergebens auf ein Lebenszeichen von seiner Mutter. Sie hatte ihm auf seine offenen Bekenntnisse noch nicht geschrieben; zürnte sie ihm so sehr? Erich,war daher in heftiger Unruhe und konnte sie seinem freundlichen Lehrer und dessen liebenswürdiger Gattin nur schwer verbergen.
Madame Jarnaux, eine sympathische, angenehme Erscheinung in der Mitte der vierziger Jahre, hatte Erich sofort in ihr Herz gefchlossen. Die kleine rundliche Frau mit den gesunden roten Wangen machte hieraus auch kein Hehl, sie verwöhnte Erich, ganz offen. Außer diesem befanden sich noch vier Pensionäre, drei davon junge Kaufleute, der vierte Kellner wie Erich im kleinen, aber freundlichen, ganz weiß gestrichenen Haus der Familie Jarnaux. Die Pension lag inmitten eines großen, wohlgepflegten Gartens am Fuße eines stattlichen Berges, welcher die Orangen- und Feigenbäume gegen die rauhen Nordwinde schützte. In diesem terrasfen- sörmig angelegten Garten ergingen sich die Pensionäre, wenn sie ihr streng nach der Uhr geregeltes Tagespenfum erledigt hatten. Vormittags unterrichtete Monsieur Jarnaux mit seiner ältesten Tochter, einem klugen, aber leider verwachsenen, unansehnlichen Mädchen von vierundzwanzig Jahren, in der französischen, englischen nnb deutschen Sprache, sowie im Rechnen. Nachmittags, wenn die hanswirtschaftlichen Sorgen und Mühen überstanden waren, beteiligte sich auch Madame beim Unterrichten. Fünf gesunde, kräftige junge Herren pfle- gen keinen schlechten Appetit zn entwickeln. Deshalb, mußte Madame Jarnaux ihre ganze Kunst anwenden, um die Darbietungen ihrer Küche mit den gezahlten niedrigen Pensionspreisen einigermaßen in Einklang zu bringen, was der gutmütigen Frau zum Schaden ihres glücklicherweise nicht
schlecht bestellten Portemonnaies nicht immer gelingen wollte. Bessere Erfolge wies fie beim Unterricht auf. Die Pensionäre waren bei ihr in der Hotel- nnd kaufmännischen Buchführung in einigen Monaten gewöhnlich weiter, als, wenn sie sich im Geschäft einige Jahre bemüht hätten, in, die Geheimnisse der roten Kolumnen, in die schier unergründbaren Katakomben des Debet und Kredit mit ihrem Gefolge von lateinischen Substantiven einzudringen.
Madame Jarnaux interessierte sich lebhaft für Erich, seine Unrnhe war ihr aufgefallen. Mit einem verschmitzten Lächeln und einem freundlichen Drohen der Hand überbrachte sie dem fleißig Lernenden daher am Morgen des siebenten' Tages seiner Anwesenheit einen Brief. Mit franenhafter Logik schloß sie von der zierlichen Mädchenhandschrift des Kou- verts auf die Unruhe in des hübschen Pensionärs Wesen und glaubte mit dem einen den Schlüssel zum andern in der Hand zu haben.
Erich wurde rot, als er den Brief in Empfang nahm. Doch ebenso jäh erblaßte er, als er die Marke auf dem Brief- nmschlag betrachtete. Es war eine deutsche, keine schweizer Marke, während die Handschrift doch die Hedwigs war. Was hatte das zu bedeuten? Der Aufgabeort war nicht zu erkennen, der Brief war jedenfalls in einen Zug geworfen worden, denn der Stempel trug nur den Vermerk: Bahnpost, Zug Nr. 43.
Liebenswürdigerweise benutzte Monsieur Jarnaux bte Gelegenheit zu einer kleinen Pause, um Erich bte Lektüre seines Briefes zu ermöglichen. Mit klopfenbem Herzen eilte ber junge Mann in ben Garten. Doch schon nach wenigen Minuten kam er wieber hereingestürzt, bleich nnb in höchster Aufregung: „Monsieur Jarnaux, ich muß sofort aüreisen, auf einige Tage."
„Haben Sie schlechte Nachrichten erhalten?" fragte ber Lehrer teilnehmenb.
„Ja, schlechte," mehr brachte Erich nicht hervor.
Auch Mabame Jarnaux eilte herbei. Als praktische Hausfrau brachte sie sofort Erichs Reisetasche, nachbem sie gehört hatte, baß er einige Tage verreisen müsse. Sie, packte selbst bas Nötigste ein nnb fügte auch einiges zur Stärkung mit bei. Nach einer halben Stunde befand sich Erich bereits auf dem Wege zur nahen Bahnstation.
Im Koupee zog Erich den Brief hervor und las ihn nochmals halblaut; er befand sich ganz allein in dem Abteil. Hedwig schrieb:
Mein Liebster. Verzeihe mir, daß ich Dich durch mein langes Schweigen in Unruhe und Sorgen gestürzt habe. Aber ich konnte nicht anders, ich mußte erst selbst über mich klar werden.
Wenn Du diesen Brief erhältst, bin ich schon wert, weit fort von Dir, damit ich nicht in Versuchung geraten kann, meinen Vorsätzen untreu zu werden. Doch höre, Liebster.
Als Du mir damals sagtest, daß,Du mich heiraten willst, hast Du mich unaussprechlich glücklich gemacht. Ich schmiedete Pläne für die Znknitft, sah mich au Deiner Seite glück-


