Ausgabe 
22.5.1913
 
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hürückgehenden Kultgeiiofsenschaften des frühe» Mittelalters, der Philosophenschulen", die die Menschheit im Gegensatz zur Rechtsanffasfung des Staates als eineFamilie von Briidcm Und Schwestern atiffassen; darum ist zugleich Freiheit, Brüder­lichkeit, Tugend in diesem Begriffe enthalten.

Das Zeitalter, das eine neue Blüte der antiken Kultur iM Mendland heranreifen laßt, das Zeitalter der Renaissance, aber ist zugleich die eigentliche Epoche des Humanismus'; seine Führer bezeichnen sich selbst alsHumanisten".

Auf der Grundlage dieser humanistischen Neberzeugung hat vor allem Comenius eine Erziehung der Menschen gefordert, durch die alle ohne Ausnahme, auch die Ungläubigen, in einen Tempel der Allwcisheit" eingeführt werden, der nach denIdeen, Normen und Gesetzen des höchsten Baumeisters errichtet ist".

Zu neuer Blüte aber gelangt der Humanismus im 18. Jahr­hundert ; denn unsere deutschen Klassiker gehören ausnahmslos zu seinen Vorkämpfern. So sieht Herder in denBriesen zur Beförderung der Humanität" das sittliche Ideal in einem Zustand -erhöhter Geistigkeit und Sittlichkeit", in einem' durchVernunft Und Heiligkeit" geleiteten Menschentum, das mit denr Kern des Christentums zusanimenfällt; das Christentum aber ist für ihn, ebenso wie für Kant,die Iicligion innerhalb der Grenzen der Humanität".

Schiller zeichnet in den Briefen über ästhetische Erziehung, sowie in seinen philosophischen Gedichten das Idealfreier, schöner Menschlichkeit", deren Träger,frei durch Vernunft, stark durch Gesetze", eine alle Menschen umfassende Verbrüderung bilden. Liebe und Sehnsucht nach empfindenden Geistern", so schreibt er in den Briefen des Julius an Raphael,ist die Quelle gewesen, durch die einst aus Gottes Geist die Schöpfung Hervorging"; Liebe ist somit die Leiter, auf der wir emporklimmen zur Gott­ähnlichkeit". UndVerbrüderung der Geister", so schreibt er an Körner,ist der unfehlbare Schlüssel zur Weisheit". So ist also der Humanitätsgedanke auch der Ausdruck für Schillers sittliches Ideal.

In diesem Menschlichkeitsideal haben wir auch den Schlüssel W den Werken, die das persönliche Glaubensbekenntnis Goethes vor allein enthalten: zumFaust", tvie zu denWauderjahren". In beiden Werken finden seine Helden nach endlosen Irrungen und Versuchen tiefste Befriedigung und Erlösung in hingehender, dem Wohle der Menschheit gewidmeter Tätigkeit, in dienender Arbeit für andere. Goethe bcfcimt die Notwendigkeit humaner Gesinnung zu sittlicher Vollendung ausdrücklich in dem Erziehungs­ideal, das er in derpädagogischen Provinz" entrollt. Zu der Ehrfurcht vor dem', was über uns ist, und der Ehrfurcht vor Leid und Tod, sollen die Zöglinge in ihre Seelen die Ehrfurcht auf-, nehmen vor dem, was uns gleich ist, die Ehrfurcht vor allen' Menschen.

Mag die Ausprägung, die die führenden Geister der ver­schiedenen Epoche» dem humanistischen Ideal gegeben haben, in einzelnen Zügen unterschieden sein; sein Wesen und seine innerste Bedeutung ist allenthalben dieselbe: es stellt den in sich vollen­deten Menschen dar, der alle seine Brüder mit gleicher Gesinnung umfaßt. So haben wir das Recht, in wahrer Humanität, in reiner edler Menschlichkeit, auch den Ausdruck unseres eigenen Etlichen Ideals zu erblicken.

Wir haben schon angedeutet, daß mäu eilte, wenn auch noch so allmähliche Annäherung der Menschheit an das Ideal der Liebe und Menschlichkeit, oder doch einen langsame» Fortschritt in dieser Beziehung, in der tatsächlich sich vollziehenden Mensch­heitsentwickelung anerkennen darf. Gewiß: wir sind im einzelnen noch unendlich weit von der - Erfüllung des Ideals entfernt; es wird jeder neuen Generation wieder schwere, oft unüberwindlich scheinende Ausgaben stellen; aber wir dürfen dennoch!, wenn wir die ganze uns bekannte Menschheitsgeschichte überblicken, eine Ent­wicklung zu ihm hin anerkennen.

So liegt also das höchste.Gut, das wir über das menschliche Gemeinschaftsleben gestellt h!aben, in der Richtung eines Fort- ichrittes, den die Menschheit tatsächlich zu erstreben sich anzu- chicken scheint. Sollen wir nun die einzelnen sittlichen Pflichten, sie den im Leben stehenden Menschen aus der Gesinnung der Liebe und Humanität erwachsen, noch! näher erläutern, oder ver­stehen sie sich Nicht vielmehr von selbst? Sie sind ja in allem, was wir int! Anschluß an die größten ethischen Genien aller.Zeiten! ündeuteten, deutlich enthalten. Oder könnte Man ihren Sinn zu erfüllen hoffen, wenn Man in seinem Tun und Lassen und vor allem in seiner Gesinnung, nicht GerMtigkeit und Feindesliehe, Milde Und Güte verwirklichte ? Wenn man mit helfender, suchender Liebs nicht bestrebt wäre, an seinem! Platz ein bescheidenes Teil zur Lösung der Dish!arMonien des Lebens beizutragen? Und könnten wir diese Güter zu verwirsiichen Höffen, wenn uns nicht Wahrhaftigkeit, Treue und Zuverlässigkeit, vergebende Nachsicht Und Opferwilligkeit zu sittlichen Werten und zur Richtschnur unseres Wollens und Handelns würden? Wir werden das Mensch- liche Idealbild, das wir damit andeuten, nicht gegen den Vorwurf unmännlicher Weichheit und Milde z'u verteidigen haben; denn über allem steht ja imMer als oberste Verpflichtung: die Heraus- bildtmg unseres Wesens zu charakterfester, willenskrästiger, in sich selbst gegründeter sittlicher Persönlichkeit. Sie hat auch unserer Beziehung zu unseresgleichen die oberste Richtung zu geben. Und

sie lehrt uns, daß 'wir die Menschenliebe, die der sittliche Ausdruck dieses Verhältnisses ist, nicht in untätiger Gefühlsseligkeit, sondern im Wirken und Schaffen für die Menschheit suchen müssen. Nicht dieschöne Seele", die bei cbdfter Gesinnung ihre besten Kräfte im Anschauen und Zergliedern ihrer Gefühle verzehrt, ist darum der wohlverstandene Ausdruck der Humanität; er liegt vielmehr in der zielbewußten, entsagungsvollen Tätigkeit, im Arbeiten und Wirken zum Segen der Menschheit; in einer Arbeit, in der unsere innerste Persönlichkeit und unsere besten Kräfte sich bekunden. Jene soll ein Ausdruck fein unseres zweckbewußten Willens', Nutzen zu schaffen und Werte zu verwirklichen, und unseres opfermutigen Entschlusses, um unseres Werkes willen allem zu entsagen, was in unserem Wesen oder Wollen ihm' entgegeusteht. Gehört diese Entsagung und zielbewußte Beschränkung zu jedem Werke, zur Durchführung jedes zweck-vollen Wollens, so soll das selbstlose Einsetzen unserer besten Kräfte für unsere Arbeit erst der vollendete Ausdruck wahrer Persönlichkeit sein.

rrino-Trkck§.

Wer hat nicht schon im Kinematographentheater manche Auf­nahmen gesehen, die lebensgefährliche und manchmal auch grausige Szenen veranschaulichen und denen dann während der Pause im Zuschauerraum oft eifrige Erörterungen darüber folgen, durch welche technische Kniffe es möglich geworden sei, diese Aufnahme zustande zu bringen. In einem englischen Blatte verrät ein Fachmann, W. G. Faulkner, einige dieser geheimelt Tricks des Kiiicmatographen. In den letzten Wochen sah man beispiels­weise sehr oft einen Film, auf dem, in einer Arena, eine Schar von Löwen auf eine entsetzte Gruppe wehrloser Männer, Kinder und Frauen zugetrieben wird. Und der Originalfilm zeigte noch ein zweites viel gransigeres Bild, dessen Vorführung in vielest Städten unterblieb: man sah die Bestien die Leichen zerfleischen, während im Hintergründe von den Tribünen eine gewaltige Volksmenge dies Schauspielgenoß".

Wie werden solche Ausnahmen erzielt? Die Lösung ist ver- hältitismäßig einfach. Die für die Szene verwendeten Löwen gehörten einer Tierbäudigergruppe, und einige der Bändiger be­fanden sich inmitten der entsetzten Menschengruppen, die der Film zeigt. Während eine Anzahl auf dem Bilde nicht sicht­barer Bändiger die Tiere auf die Gruppe zutrieb, in der die an­deren Bändiger mit Revolvern bereits gerüstet waren, um ihre gesährlichen Zöglinge durch Schüsse zurückzuschrecken, arbeitete der Kinematograph bis zu dem Augenblick, da die Schüsse sielen und die erschreckten Tiere zurückwichen. Nur einer der Löwen war hartnäckiger und mußte mit Gewalt zürückgetrieben wer­de». Dann wurde die Arena geräumt und an der Stelle, an der sich vorher die Schauspieler befunden hatten, legte man die Leichen" nieder: Puppen mtb Nachbildungen von menschlichen Gliedern. Nun wurden die Löwen wieder zu dieser Stelle ge­trieben, und der Kinematograph trat von neuem in Tätigkeit. Bei der späteren Vorführung folgen die beiden Films einander so schnell, daß der Zuschauer den Untergang nicht bemerkt, die Lücke nicht sieht und ben Eindruck hat, alle Phasen des grausigen Vorgaitges wahrzuitehmeit. In Wirklichkeit war zwischen den beiden Attfnahmen eine Panse von mehr als zwei Stimdeit. Ein wesentliches Hilfsmittel für .die Illusion der Zuschauer ist dabei natürlich auch die Publikumsmeitge auf den Tribünen, die dem Vorgang scheinbar mit großem Vergnügen folgt und aus beiden Bilder» natürlich die gleiche Gruppierung aufweist. Ebenso sieht man oft Bilder von Menschen, die von schwindelitd hohen Klippen oder Abgründen in einen Fluß oder in das Meer hinab­stürzen. Aus einer dieser Ausnahmen beispielsweise sieht man einen Mann eine etwa 80 Meter hohe, saft senkrechte Felswand hinaufklettern und dann abstürzen; andere Bilder zeigen oft Kämpfe am Rande eines Mgrundes, in den bann der eine der Kämpfer hinabstürzte. In diesem Falle erfolgt die Aufnahme stets von der Landseite aus, weil sonst der Apparat natürlich die Maschinerie zeigen würde, die am Rande des Abgrundes er­richtet ist: die Matratze, auf die derBesiegte" hinabgeschleudert wird. Sein Fall erreicht kaum -einen Meter. Zugleich aber arbeitet eine zweite Kamera unten auf dem Wasser: und nimmt das Bild eines an ben Felsen zerschellenden und abstürzenden Menschen­körpers auf, der bann in den Fluten verschwindet. Natürlich ist das wiederum eine Puppe, die aber bei der große» Schnellig­keit des Sturzes in Anknüpfung an das vorhergesehene Bild die Suggestion eines wirklichen menschlichen Körpers erweckt.

Noch einfacher sind jene Aufnahmeit, in beiten man schein­bar einen Mann an einer senkrechten Hauswand emporklettern sieht. In Wirklichkeit klettert der Schauspieler nicht, sondern er kriecht auf allen Vieren über eine sozusagen als Teppich über dem Atelierbodeit gelegte gemalte Dekoration, während die Kamera von der Atelierdecke herab das Bild aufnimmt. Es ist dasselbe Prinzip wie die Ausnahme jenes Mannes, der mit einer Frau auf dem Rücke» einen großen Baum erklettert: in Wirklichkeit kriecht er nur über einen itmgefallenen Baumstamm. Eines der wesentlichsten Hilfsmittel der Kinematographie liegt naturgemäß auch in der Möglichkeit, das Tempo der Bilderfolge bei der Vorführung zu beschleunigen. Man sieht z. B. während der Aufführung einen Mann mit der Schnelligkeit eines Expreß-