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lich um das Glück, den süßen Kerl einen ganzen Tag bei sich haben zu dürfen.
Da Hildegard ihr Söhnchen dann so wohl geborgen wußte, war es ihr eine rechte Erholung, einmal ttae. Mutterpflichten abzuschütteln, und sie freute fiel) kindisch, die alte wohlbekannte Landschaft wiederzusehen, in der ihr so süße Erinnerungen erwachten.
Ein neuer, überraschender Eindruck war es nun freilich.
Die Berge erschienen so scharf blan über den werten Schneefeldern, so ernst und groß in ihrer weißen Winterpracht. Sie spiegelten sich in dem Wanken Eis, auf dem nur wie verstreute weiße Blumen der Reif lag. lind es weckte ein leises Gruseln, den durchsichtigen Boden zu betreten, durch ben inan das Gründer Tiefe schimmern sah. Aber man folgte mutig den vielen anderen, die im Stachelschlitten, auf Schlittschuhen, sogar auf dem Rad dahineilten, aus der von Tannenbäumchen ausgestreckteu Bahn, die zu deu Inseln führte. - ,
Eine solche Schar von Menschen tummelte sich in der hellen Winterpracht, als feierte man ein Volksfest, Werl die weite Wasserfläche so gefangen und gebändigt unter den Füßen lag.
■ Hildegard hatte im ersten Winter ihrer Ehe ein wenig Schlittschuhlaufen gelernt, und kam an der Hand ihres Gatten ganz gut vorwärts.
Auch Holst, der jahrelang den Wintersport nicht mehr getrieben hatte, aber als junger Mensch ein eifriger Schlittschuhläufer gewesen war, fand allmählich die alte Sicherheit wieder.
So landete man denn sehr vergnügt in dem Dorfe am Westufer und wurde von den Bauersleuten und Wirtstöchtern aufs freundlichste begrüßt.
Die Sonne schieir so warm, daß mau nach Tisch im Freien sitzen und sich ganz durchfluten lassen konnte von Her Lichtfülle, von der reinen Luft, daß man alle Stadt- soraen vergaß in der sonnigen Stille, in der glanz-- vollen Heiterkeit des köstlich-en Wintertages.
Ms man sich ausgeruht, schlug Holst eine Fahrt nach der Insel vor und steckte sein Skizzenbüch ein, um von dem, Ausflug auch eine kleine Ausbeute für seine Postkarten mit nach Hause zu bringen.
Während die jungen Leute langsamer folgten, manchmal stehen blieben und mit einem entzückten Ausruf: „Wie zauberhaft schön es ist!" eilte Holst in großen Zügen voraus, auf die Fischerhäuschen zu, die er rasch in einer Skizze festhalten wollte.
Sie waren ganz nahe an die kleine Insel herange- kommen.
Hildegard schaute dem Eisschießen zu, das eine ganze Schar von Inselbewohnern am Ufer vereinte.
Ihr Vater war mittlerweile in nördlicher Richtung weitergefahren und ihren Blicken entschwunden.
Plötzlich bemerkte Emanuel, daß ein Mann in sichtlicher Aufregung dem Rordnfer zulief, mit den Armen Zeichen machte und laut einen Warnungsruf hinabschrie.
Emanuel ließ die Hand seiner Frau los:
„Bleibe hier! Warte, Schatz!" stieß er hastig hervor und eilte seinem Schwiegervater nach.
Er sah die hohe Gestalt vor sich, die sich dem malerischen alten Häuschen näherte.
„Papa! Papa Holst!" rief er in dumpfer Angst; denn der aufgeregte Mann stand nun am Ufer und hob immer-- ~ fort die Arme und suchte sich bemerkbar zu machen, den rastlos Borwärtsgleitenden aufzuhalteu.
Im nächsten Moment hörte man ein Krachen und Splittern, die hohe Gestalt des Vaters war jählings unter der Eisdecke verschwunden.
Menschen liefen zusammen, man rief nach Leitern, der Warner stürzte auf Reichmann zu und hielt ihn zurück, totenblaß vor Schrecken:
„Nicht dahin, Herr, an die andere Seite! — Sie kommen ja schon! O Jesus, Maria und Josef! Ich hab mir ja Denkt, daß der Herr grab' dahinfahren will, ich hab' mein Schiff gestern herausg'haun. Tie Lucken ist nur überfroren. Ich hab' ja geschrien aus Leibeskräften."
Emanuel wehrte sich gegen die Arme, die ihn festhalten wollten.
„Sv helfen Sie doch! Um Gotteswillen, lassen Sie mich!"
Holst hatte sich allerdings im nächsten Moment wieder emporgearbeitet.
Sein bärtiger Kopf, sein Oberkörper hob sich aus dem Eis, aber er suchte mühsam einen Halt unter den brüchigen Schollen, die Hände, die sich an die scharfkantigen Eis- ränder klammerten, Wüteten.
Mit einem Stoß machte sich Reichmann frei, sprang mit einem verzweifelten Satz ans Ufer, entriß den Leuten die endlich herbei geschleppte Leiter und näherte sich vorsichtig der Stelle, auf der etwa ein Meter weit das dunkle Wasser zum Vorschein kam.
Holst vermochte die Leiter zu fassen und sich nun an dem festen Halt emporzuziehen; halb kriechend erreicht« er den sicheren Boden; triefend naß^ aber lachend.
„Donnerwetter, das hätte bös ausfallen können! Es ist kalt da drinnen, sage ich! dir! Lange hält man das Bäd nicht aus!"
Hildegard erschrak natürlich heftig, als sie von dem Unfall hörte, aber es gab dann in dem warmen „Küchen-, stüberl", in dem Holst in geborgten Kleidern erschien, ivähi- rend die seinen am Herd trockneten, bei Glühwein und Apselkücheln noch eine recht vergnügte Stunde.
„In meinem Leben ist mir's nicht so wohl gewesen, wie nach diesem Eisumschlag," erklärte Holst lachend.
Nach der Fahrt über den See, bei der nächtlicher Heimreise im Schnellzug, schien er allerdings ungewöhnlich blaß, und am nächsten Morgen kam er nicht zum Frühstück.
Er wollte sich gründlich ausruhen, rief er Hildegard zu, die besorgt an seiner Tür klopfte.
Zum Mittagessen fand er sich im Wohnzimmer ein, scherzte über seine Faulheit, gab auch zu', daß er eineu Rheumatismus davongetragen habe, wollte aber um keinen Preis verraten, daß er heftige Schmerzen litt.
Hildegard aber beunruhigte der gequälte Ausdruck auf seinem Gesicht; sie bemerkte auch, daß er kaum den Löffel zum Munde führen konnte, daß: er nur mit der Linken aß. weil ihm jede Bewegung des rechten Armes sichtlich sehr weh tat.
Man gab ihm verschiedene Ratschläge, es wurde Chloroformöl, Ämeisenspiritus in der Apotheke geholt, und er, der sonst ein Feind aller Medikamente' war, ließ sich geduldig einreiben und tat gehorsam alles, was man ihm anempfahl. . , t
Nach ein paar Tagen versuchte er wieder zu arbeiten, aber die Zeichenseder fiel ihm sofort aus der Hand.
„Es geht nicht, es ist zu fatal! Ich habe die Lieferung versprochen. Ich möchte den Leuten so ungern eine Störung fccrurfci ctjicu *u
Er wollte nicht anssprechen, ivas er dachte: daß die sichere Einnahme nicht Wegfällen dürfe.
Reichmann verstand ihn recht wohl, und erbot sich auch sofort, die Postkarten auszuführen, wenn er auch den Abend zu der Arbeit verwenden mußte, um seine eigene, mit neuem Mut begonnene Illustration nicht zu vernachlässigen.
Der Rahmenhändler hatte sich ja allerdings willfährig gezeigt, eine Landschaft von Holst als Zahlung anztt- nehmen, "aber deswegen gab es der Sorgen doch genug, und leben müßte man doch auch. —
Marianne, die sich in Bubi förmlich, verliebt hatte, kant häufig zu Besuch, und! es könnte ihr nicht entgehen, wie. knapp diese Verhältnisse waren, und sie ward ordentlich erfinderisch, um Hildegard diese oder jene kleine Erleichterung zulömmen zu lassen, ohne den Stolz der jungen Frau, die sich tapfer gegen jedes Mitleid wehrte, zu verletzen.
(Fortsetzung fflgt.)
Da§ Idea! der Humanität.
Von E l s c W e u t s ch e r.*)
Der Begriff „Humanität" stammt seinem ganzen Wesen nach aus der Ideenwelt P l a t o s; denn er ist recht eigentlich das Ideal freier edler Menschlichkeit, das uns in seiner Lehre entgegentritt. Das Wort selbst begegnet uns zuerst in dem Kreise der von PlatoH Geist ergriffenen römischen Philosophen; sic kleiden das sittlich^ Gebot des Humanismus in die Forderung: „Der Mensch sei dem Menschen heilig!" In diesem Sinne bleibt die Bezeichnung „Humanismus" auch das Losungswort der auf griechischen Ursprung
*) Wir entnehmen die Ausführungen dem in der bekannten Sammlung „Aus Natur und Gcisteswelt" bei B G. Teubner in Leipzig und Berlin erschienenen 397. Bändchen „Grund- züge der Ethik (mit besonderer Berücksichtigung der pädagogischen Probleme)".


