M3 — Nr. 78
Donnerstag, den 22. Mai
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Zwei Welten.
Roman von Emma Merk.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Reichmau wurde am Stammtisch mit einem „Halloh" empfangen, weil er sich so lange nicht mehr hatte blicken lassen, -aber man sagte ihm auch ein paar anerkennende Worte über sein Bild, die ihm doch wieder soviel Mut und Selbstvertrauen zurückbrachten, daß er sich. aus seiner vollständigen Zerknirschung aufzurichten vermochte.
Später erschien der Maler Grönberg und wurde von all den jungen Künstlern freudig, fast ehrfurchtsvoll begrüßt.
Grönberg hatte in den letzten Jahren großen Erfolg gehabt, ein paar namhafte Persönlichkeiten gemalt, in Paris eine goldene Medaille davongetragen, und er galt auch den aufstrebenden Kollegen, die mit der Anerkennung für die älteren Herren im allgemeinen kargten, als ein Könner rind Meister.
Reichmann, der ihm noch nie begegnet war, fühltq sich sehr geschmeichelt, daß der gefeierte Künstler ihm gleich die Hand entgegenstreckte, an seiner Seite Platz nahm und sich eingehend nach seiner Frau und seinem Schwiegervater erkundigte.
„Es ist eine rechte lluterlassungssüude, daß ich mich nach meinem lieben Ateliernachbar nicht mehr uingesehen habe," sagte er. „Aber die Stadt wird nachgerade so groß, daß man sich aus den Äugen verliert, und die Zeit ist so knapp, daß sie kaum zu dem Verkehr mit den nächsten Bekannten ausreicht. Das angefangeue Bild von Ihrer Frau hängt freilich noch in meinem Atelier und mahnt mich an die heldenhafte junge Dame, die aus dem Lager der Philister zu uns herüberkam. Besuchen Sie mich doch einmal mit Ihrer Frau und sagen Sie mir, wie Ihnen das Porträt gefällt. Sie find dazu der Berufenste. Ich bin neugierig, ob sie sich verändert hat."
Grönberg und Reich manu unterhielten sich darauf so gut miteinander, fanden so pieke Berührungspunkte, daß sie sich «ein recht baldiges Wiedersehen gelobten, und der vorher so tief niedergeschlagene Ehemann kehrte jn recht erheiterter Stimmung nach Haus Zurück.
Auch Hildegard hatte mittlerweile ihre Tränen getrocknet und empfing ihren Mann mit einem zärtlichen Kuß als Zeichen der Versöhnung.
Ihr Vater hatte sich alle Mühe gegeben, sie zu einer weniger traurigen Auffassung des bedauerlichen Vorfalles zu überreden und ihr die Schreckensgestalt des Gerichtsvollziehers in einem harmloseren Lichte zu zeigen.
„So etwas kommt in den besten Familien vor, Kind!" behauptete er kühn. „Uebrigens spreche Üch: morgen mit diesem Rahmeumeuscheu. Vielleicht nimmt er ein Bild von
mir als Zahlung an. Jedenfalls soll er die Pfändung rückgängig machen. Dafür laß mich nur sorgen. Und tote vergessen die ganze Geschichte nub fahren für einen Tags arr den Chiemsee. Es istieht hellte in der Zeitgng, daß er fest zugefroren ist. Spiegelblankes Eis! Ein Winterausflug ioird uns allen gut tun. Denke nur, meint wir unser Dorf wieder sehen, , die alte Laube, jetzt alles in Schnee und Eis."
„Es wäre freilich sehr schön, Vater, aber bedenke nur, wieviel Geld das wieder kosten würde."
„Habe ich dir nicht erzählt, daß mir ein Händler, der mich zufällig besuchte, meine indischen. Götzen abgekauft hat? Das Scheusülchen, ioeißt du, du hast's ja so genannt. Ich habe soviel dafür gekriegt, daß ich euch prächtig einladen kann."
Es ivar nicht ganz währ, was er sagte.
Holst hatte sich bisher von seinem „Scheusälcheu" nicht trennen mögen. Es kostete ihm ein Opfer,- aber in dem Moment, da es galt, seinen Kindern einen erfrischende'»!! Tag zu schaffen, war das Opfer auch schon gebracht.
19.
In den jungen Menschen liegt eine wunderbare Er> neuerungskraft, wie in frischen Bäumen, die nach denk schlimmsten Sturm wieder emporschuellen, sobald die Sonne scheint.
Hildegard und Emanuel wunderten sich selbst über die fröhliche Laune, mit der sie zwei Tage nach jener ver-i zweifelten Stimmung dem geliebten Chiemsee zufuhren, i
Dch junge Frau hatte erst gezögert, ob sie mitkommen sollte.
Sie wußte nicht, ob sie ihrem zweifelhaften DienstmW chen den Kleinen für einen ganzen Tag anvertrauen konnte.
Da ivar ihr am vorhergehenden Nachmittag Marianne von Flassan begegnet, als sie eben ihr Bübchen spazieren fuhr.
Ein Wiedersehen nach langer, langer Zeit!
Marianne hatte das .Losgelöstsein von der Familie, die vollständige Freiheit des Tun und Lassens, in -dem ersten Winter an dem Gardasee so genossen, daß sie zum großen Aerger ihrer Mutter und zur Empörung der ganzen Bor-, ivan-dtschaft nicht mehr nach München zurückgekehrt wär, Im Sommer in Tirol und im -Winter tiefer int Süden gewohnt hatte.
Nur um ihres Sohnes 'willen, der nicht ohne Kameraden, nicht ohne männlichen Unterricht aufwachsen sollte, war sie nun doch wieder seßhaft geworden, freilich fest entschlossen, sich nicht wieder in die engen Familienbande einspinnen zu lassen, sondern sich ihr Recht auf eine ihr zusagende Lebensführung zu wahren.
Sie begrüßte Hildegard so herzlich, daß der junmen Frau die Augen naß wurden vor dankbarer Rührung üvev diese eine treue Seele, die sie nicht von sich stieß. Sie bewunderte und beliebkost-e den Kleinen und bat sonn-


