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Der Amtsrichter Hildebrandt toar nicht umsonst wegen seiner Geistesgegenwart mib Schlagfertigkeit berühmt. .
„Sie sollten ein 'kleines Osterangclnnde fein für das reizendste aller Zwillingspaare, gnädige Frau!" '
Ach wie nett," sagte Fräulein Gerda mit einem säuerlichen Lächeln, uiid Fraulein Elli fügte- hinz-u: „Riesig aufmerksam! Um ersten Feiertag wirst du sie ailf dein Zimncer stellen, Gerda, und mit zweiten gebären sie mir."
„Und Martha?" sekundierte der altere Zwilling. „Da sie doch nicht -ganz leer ausgehen darf, lassen wir, tme ich denke, auch sie an dem bezaubernden Ostergeschenk des Herrn Amtsrichters Parti- gifteten **
„Verzeihung, meine Damen! Aber Fräulein Martha hat sich bereits mit einem anderen, allerdings noch bescheideneren Angebinde zufrieden erklärt. Meine teuerste gnädige Frap, ich habe die Ehre, Sie um die Hand Ihrer von mir innig geliebten Nichte zu bitten." , „ ,, ,
Eine halbe Stunde später schworen sich die Zwillinge in der Einsamkeit ihres Stübchens aufs neue ewige und unverbrüchliche schwesterliche Liebe. Tas diesmalige Osterfest aber war ihnen gründlich verleidet.
Heidesrühling.
K.-K. Es ist etwas Merkwürdiges um! das Schicksal der Heide. Erst kannte sie niemand. Im näselnden Ton der Geringschätzung redete man von ihr. Plötzlich gingen der Welt die ?(ugeit für die Schönheit dieses unverdorbenen Naturkindes auf. Man entdeckte sie. Und als sie entdeckt war, da vergiftete und erwürgte man sie: das alte Lied von der Unschuld vom Lande, die in Großstadthände fällt.
Wer zum erstenmal in die Lüneburger Herde kommt, ist von dem Charakter des Geländes überrascht. Statt geradliniger, langweiliger Einförmigkeit findet er die welligen Hügelketten des deutschen Mittelgebirges. Zwei, drei Horizonte bauen sich hintereinander auf. Die letzten Konturen verlieren sich im fernen Blau der Unendlichkeit. Gerade in der Zentralheide finden sich Partien von so wunderbarer Schönheit, eine weite, freie Unendlichkeit. Dazu diese tiefe, wundersame Stille. Wem das große Schweigen dieser unberührten Natur nicht zum Herzen spricht, der hat kein Herz.
Es ist sonderbar, zu jeder Jahreszeit und bei jeder Tagesstimmung packt die Heide den Beschauer. Und wen sie an sich gezogen hat, den gibt sie wie ein starkes, gesundes Weib nicht wieder frei bis an seinen Tod. Brann und grau liegt sie im Frühling da. Nur langsam macht sie sich von den Fesseln des Winters los. Ihr scheint der Schlaf unter dem weißen Hermelinmantel zu gefallen. Aber die Sonne findet auch sie und weckt die Schlummernde. Die Tannen stecken ihre Lichter auf, die Birke schlägt einen grünen Schleier um ihre schlanken, weißen Glieder, der Ginster prangt int Gold seiner Blüten und die Vöglein locken mit hellem Ruf. Aber die Heide bleibt still. Es ist, als verschmähe sie es, sich zu schmücken, um der Schönheit ihrer Gäste keinen Abbruch zu tun. Erst im Frühsommer treibt sie den jungen Schuß. Duffes Grün legt sich wie feine Patina über das Braun. Fast glaubt man, das kleine Kraut schäme sich seines späten Erwachens und wage nicht, sich in frische Farben zu kleiden. Und doch spürt man das junge Leben, das in diesem Gestrüpp pulsiert und das sich in der vergoldenden Herbstsonne dann in seiner feierlichen Pracht zeigt. Wundersam ragen die ewig gleichen dunklen Büsche dazwischen auf, die schwarzen Macholdergruppcn. Bald einzeln, bald in förmlichen Waldungen vereinigt, sind sie das charakteristische Stück der Landschaft. Auch ihre Form ist mannigfachem Wechsel unterworfen. Hier sind sie bizarr und urkomisch in ihrer Unregelmäßigkeit, dort wiederum schlank und regelmäßig, wie Pinien, die unter der Schere des Gärtners gehalten werden.
Auf dieses Gebiet hat der Verein Natursckmtzpark (Stuttgart) sein Augenmerk gerichtet, um es in seiner Eigenart kommenden Geschlechtern zu erhalten, als ein großes Volksmajorat für Nord und Süd, als ein Fideikommiß für alle, so weit die deutsche Zunge klingt. Worte und Bilder können von der Herrlichkeit und Eigenart dieses Gottesgartens keine richtige Vorstellung geben. Wer wirklich wissen will, wie glücklich der Griff war, der diesen Nationalpark schuf, der muß kommen und ihn sehen. Er wird bei der Heimkehr von demselben Gedanken erfüllt sein, den Lenau in die Worte formte:
„Du warst Mir ein gar trauter, lieber Geselle, komm, du schöner Tag, Zieh noch einmal an mir vorüber, Daß ich mich deiner freuen mag."
vermischtes.
kf. Deutsch, das der Deutsche nicht kennt. Wer sein „geliebtes Deutsch" wirklich liebt, hat wohl schon einmal über das „Kaufmannsdeutsch" gewettert, und ebenso bekannt wie diese Sondersprache sind die Studentensprache und die Gaunersprache. Es gibt aber eine ganze Reihe anderer Berufs- und Standes- sprachen, die zum Teil recht reichhaltig sind, trotzdem aber wenig
bekannt sind. Dahin gehört z. B., wie Dr. Alfred Schirmer in der „Germanisch-Romanischen Monatsschrift" an einem längeren Aussatze über die Forschung der deutschen Sondersprachen angibt, die P e n n ä l e r s p r a ch e, die manches mit der Studentensprache gemeinsam hat, aber auch zahlreiche, oft recht witzige selbständige Schöpfungen puiweist. Stach dem klassischen Latein hat sie z. B. Wörter gebildet wie Direx für Direktor, Ex, Exer für Extemporale, Scrips für Skriptum, aus dem Griechischen entnimmt sie in freier Bearbeitung das Zeitwort eispipsen für Hineiukallen, und auch die neueren Sprachen verarbeite! sie: der Direktor heißt Chef, der Schüler kennt den Begriff des Soufflierens und den des Schassens, ja er nennt nach dem englischen ugly (häßlich, ekelhaft), einen unangenehmen Menschen einen „Oegler". Ohne Zuhilfenahme fremder Sprachen sind „bie spöttischen Bezeichnungen „blecherner Heiland" für den Religionslehrer und „Probeknochen" und „Hülssbremser" für den Probekanbibalen und den Hülfslehrer gebildet, und ebenso ist es mit den Bezeichnungen Witzblatt, Wurstpapier oder Kummeraktie für das Zeugnis. Bei den Angehörigen des Heeres und der Flotte gibt es ebenfalls eine sehr reichhaltige, gleichfalls oft witzige Sprache. Die Kürassiere heißen darin nicht Kürassiere, sondern Klempner, die Husaren sind Bindfadenjungen oder Pfeffer» kuchemnänner, die Infanteristen werden zu Sandhasen oder Fuß» latschern, die Pioniere erscheinen als Maulwürfe und der Train ist die „Kolonne Prr", wenn ferne Angehörigen nicht als Mistkutscher, Armeespediteure oder schweres Getränk bezeichnet werden. In der „Bordsprache" wird die Torpedobootflottille zur Hammelkohlflottille, die Schiffe vom Typ der Brandenburg heißen die „Plcstt- eisenklaffe", „schwimmende Särge" oder „Gummipanzer" sind veraltete Schiffe, das Hebeschiff Vulkan ist als „Marinehebeamme" bekannt, und der Schiffspfarrer hat den nautischen Ehrennamen des „Himmelslolsen". Wenn solche Sondersprachen gar zu technisch sind, bleiben sie auf die Angehörigen eines Bernies beschränkt. Wer z. B. weiß, was eine Leiche, eine Hochzeit, eine Jungfer, ein Zwiebelfisch, Fliegenköpse, Speck und Eierkuchen in der Sprache der Buchdrucker bedeuten? Das Wort „Gänsefüßchen", das gleichfalls aus der Buchdruckersprache stammt, ist dagegen Gemeingut' geworden. Einen ähnlichen Vorgang findet man auch bei vielen andere» Berufssprachen. Von älteren seien die Bergin a n n s s p r a ch e und die Jägersprache angeführt, der ursprünglich die Ausbrücke: 'Ausbeute, Fundgrube, Zutagesördern, Schlacke und Spüren, Wittern, Stöbern, ins Garn gehen, auf beit Bufch klopfen entnommen ftnb. Bei diesen Ausdrücken findet man bei einigem Ueberlegen leicht die Herkunft. Manchmal aber gehen die Ausdrücke einer Sondersprache in die Gemeinsprache über, und man weiß es nicht, wessen Sprache man eigentlich spricht, wenn man von naseweis oder vorlaut (aus der Jägersprache) spricht. Daß bas Wort „kunterbunt" aus ber Sprache der Musiker stammt uud eigentlich nichts anderes ist, als Kontrapunkt, wird von Hundert wohl kaum einer wissen. Bei technischen Ausdrücken, die neuerdings oft bildlich gebraucht werden, ist daher die Herkunft gewöhnlich leicht zu erkennen. So ist eS, wenn man „aus den toten Punkt kommt", „unter Hochdruck arbeitet", wenn man „Gegendampf gibt", und ebenso stammt das „Sicherheitsventil der öffentlichen Meinung" aus der Technik.
* Ein Glück. Fran: „Das ist ja eine schöne Bescherung! Dn gewinnst beim Preiskegeln einen Äierkrug und bringst nichts davon heim wie den Henkel!" — Mann (kleinlaut): „Ja, e8j ist immer noch ein Glück, daß ich nicht die teuere Punschbowle gewonnen habe!"
* A h n u ugsvoll. Heiratskandidat (zum' Vermittler): „Die Danke, die Sie mir da empfehlen, hat ein Haus?" — „Jawohl, ieS ist, wie sie mir sagte, ihr Geburtshaus." — Hm — das dürfte dann wohl schon recht baufällig sein, tvie?"
* Vorschlag. Kunde (der sich die Haare schneiden lieh nnd mit einem größeren Geldstück bezahlt): „Sie können wohl nicht tzeransgeben, Meister?" — Barbier seine ganze Kasse zu- sammenkratzend): „Hm, zehn Pfennige fehlen mir... zu dum! . . . Soll ich Ihnen noch für 'n Groschen Haare abschneiden?"
* Int Restanrant. „Du, da nimmt sich jemand deinen Spazierstock!" — „Halts Maul... er hat ihn wahrscheinlich wiedererkannt!"
Versteckrätsel.
Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind, wie die Silbe „an" in „Wanderer". Heinrich — Kasperletheater — Schlingpflanze — Schinken — Ziegenleder - Bauhandwerker — Geschwister — Grundbesitz — Serbien — Halsband — Sonntagsreiter — Bühnenkünstler — Taufend — Silberrnbel — Kaufmann — Bademantel — Dattelpalme — Eichenlaub.
Auflösung in nächster Nummer.
Auslösung der Schach-Aufgabe in voriger Nummerr Weiß. Schwarz.
1. Tdl-hl L b 5 — e 8.
2. Dg6 — b 1 beliebig.
3. D gibt Matt.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'Ichen UniversitätS»Buch» und Steindruckerei. R. Langem Gieße»


