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„Herr Oberleutnant zweiundvierzig Menschen beschaf- ftneii Wir, zwei und vierzig mal fünf gibt zweihuridertzehn Minuten also dreieinhalb Stunden Arbeitszeit. Die Stunden urüssen wir im Durchschnitt im Winter mit achtundvrerzag! Pfennigen bezahlen, unser Verlust durch die Bummelei des Vogts beträgt also hundertachtuudsechzig Pfennige. Ist das kein Geld." * r, ,
„Sie haben recht, Drewel," mernt Hans-Wilhelm lachend, „an Ihnen ist ein Bankier verloren gegangen!"
Aber der Oberinspektor inachte ein ernstes Gesicht.
„Disziplin und .Autorität bleiben die Hauptsache. Bedenken Herr Oberleutnant im Sommer haben wir fünfmal so viel Leute. Die Löhne sind dann noch höher, da niacht eine solche Nachlässigkeit mindestens sieben Mark aus."
Hans-Wilhelm schüttelte dem Alten die Hand.
.„Ich werde nichts wieder sagen, lieber Drewel. Von Ihnen kann ich noch viel lernen."
Diese Worte entschädigten den Oberinspektor für manche trübe Stunde, die ihm sein Herr bereitet hat. Wäre es möglich, er ginge mit noch größerem Pflichteifer an seine Arbeit.
*
Weihnachten kam heran, die Erde lag unter einer dichten, weihen Decke. Eva, die» Glückliche, hatte alle Hände voll zu tim, und die Arbeit bekam ihr sehr gut. Da hieß es, Einkäufe machen für das Personal, Drewel mußte berichten, wie die Fanlilienverhältnisse lagen, wie lange die ein- zeliien Leute Auf dem Gute in Arbeit standen. Treu wurde sie von Hans-Wilhelms Mutter unterstützt, die förmlich aufblühte unter dem Glücke ihrer Kinder.
Lächelnd sagte sie:
„Du nimmst mir auch alle Sorge, liebe Eva!"
„Fühlst du dich auf deinein Altenteil nicht wohl, Mama?"
„O, doch, mein Kind, Wenn man so verwöhnt wird!"
Oft gingen die beiden Frauen die Lindenallee iils Dorf hinab oder in die Wohnungen der Gutsarbeiter, um nach dem rechten zu sehen, es gab ja so schrecklich viel Elend in der Welt!"
*
Graf Relendorff lehnte sogar eine Einladung zum heiligen Abend ab.
Da trat Hans-Wilhelm die Galle ins Blut.
«„Das ist zu viel, liebe Eva! Wenn er mir etwa ein Geschenk machen sollte, schick ichfs zurück !"
„Lieber tu' es nicht! Du bist der Sohn und, hast gegen deinen Schwiegervater nachsichtig zu sein!"
Er brauste auf.
„Hat sich was — Schwiegersohn!"
Sie schlang den Arm nun um seinen Nacken und sah ihn liebevoll an.
„Ich kenne doch Papa, der hat sich einen Termin gesetzt. Ist der heran, dann wird alles gut."
„Der scheint mir in weiter Ferne zu liegen."
„Das glaub ich nicht, Hans-Wilhelm. Bitte, übe Nachsicht — um meinetwillen!"
Da gab er nach; aber eine Wolke des Unmuts lag aus seiner Stirn.
In Wahrheit hatte es den Grafen einen harten Kampf gekostet, bis er sich zur Absage entschlossen. Von Herzen gern hätte er Frieden gemacht, aber er traute Hans- Wilhelm nicht. Jetzt, während der Flitterwochen, unter den neuen Verhältnissen, wäre es noch schöner gewesen, wenn sein Schwiegersohn nicht sein Leichtsinn beiseite geschoben hätte; ob er aber Mann genug war, durchzuhalten, bezweifelte er sehr stark. Und wenn ihm auch sein Herz dabei blutete, er mußte abschreiben; kam der Zusammenbruche dann konnte er zu seiner Tochter sagen: „Kehre zurück zu deinem alten Vater, die Vergangenheit ist tot!"
Engagierte er sich aber drüben in Moreth, so bekam das ganze Bild ein anderes Aussehen, dann mußte er versuchen, mit Hans-Wilhelm zu paktieren, ihn auf den rechten Weg zurückzuführen, und das wollte er nicht, dazu war er viel zu stolz.
*
Die Bescherung für das Gutspersonal fand in dem geräumigen Speisezimmer statt, da waren viele strahlende Gesichter zu sehen; am besten kam der alte Drewel weg, der wollte anfangs gar nicht all die schönen Sachen annehmen.
„Mas ist zuviel!"
Und als man ihm zuredetc, antwortete er mit dem Brustton der Ueberzengung:
sank.
(Fortsetzung folgt.)
,,Soviel wirft Moreth nicht ab für seinen Inspektor!" i Hans-Wilhelm klopfte ihm beruhigend auf hie Schulter.
-„Meine Frau ist sparsam, das wissen Sie doch!" ’ „Jawoll, Herr Oberstleutnant, jawoll!"
„Und die übernimmt die Verantwortung! — Nicht wahr/, Eva!"
Drewel schielte sie zweifelnd an.
„Ja — mit Freuden!" i
Na, da hatte der alte Mann ein Einsehen.--
Im Zimmer der Mutter, unter Hans Moreths Bild/ fand die Bescherung der Familie statt. Der Graf hatte Hans- Wilhelm einen Drilling, Eva ein silbernes Teeferviee und einen wundervollen Samowar geschenkt. Der traten doch die Tränen in die Augen. Ihr Manu nahm sie in seine
„Nächstes Jahr, so Gott will, wird beiit Vater unter unserem Christbaum nicht fehlen!"
Auch Frau von Moreth war von ihm mit einer pracht-a vollen Bonbonniere beschenkt worden, aber sie freute sich nicht darüber; das schönste Geschenk wäre für sie seine Teil-, nähme am Fest gewesen. .
Beim Abendbrot mußte der alte Drewel erscheinen, ©eitte Augen glanzten und als er eine tüchtige Portion Punsch seinem Magen anvertraut hatte, wurde er auf em- mal redselig und vergaß die Unterordnung, auf die er docy. o große Stücke hielt. ,
„Uebers Jahr," meinte er, „na, da wollen wir hoffen, daß noch ein Tisch mit so ganz kleinen Sachen unterM Baume- steht," und dabei zwinkerte er vergnügt Eva an.
Die wurde rot.
„Hans-Wilhelm sagte rasch: ,
„Dann Prosit, lieber Drewel — trinken Sie, so jung kommen wir doch nicht ivieder zusammen!"
Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Zu Weihnachten durfte sich der Christ, zu Kaisers Geburtstag der Patriot die Nase begießen; sonst aber blieb ein anständiger Mensch hübsch nüchtern! — , .
Graf Relendorff saß an diesem Wend am Kamm und sah mit gefürchteter Stirn auf die glimmenden Holzscheite; er sprach gern von der inneren Zufriedenheit, die jeder! trachten folle zu erringen; heute, am Weihnachtsfeste, war er weiter von ihr entfernt denn je.
Nach Neujahr machten Eva und Hans-Wilhelm Besuche. Ueberall wurden sie mit offenen Armen ansgenom- men Selbst die Damen, die anfangs für den leichtsinnigeu Offizier nichts übrig hatten, ergriffen nun seine Partei. Er arbeitete doch, trug sein Weib auf den Händen, da mußte man ihm doch auch zu erkennen geben, dag man anderer Meinung über ihn geworden war. Das Verhalten des Grafen wurde gemißbilligt, wie dies nun einmal unter anständigen Lenteu ist, man schlug sich für den Gemiedenen in die Schanze. ,
Eva kam dabei in heftigen Widerstreit nut ihren Gefühlen. Teils freute sie sich, teils fühlte sie sich als Tochter verletzt. Ueberhaupt kam es ihr vor, als sei der Vater in letzter Zeit sehr gealtert. Da kamen Stunden, in denen sie nicht wußte, wie sie handeln sollte. Fuhr sie oft nach Glossow, so machte Hans-Wilhelm ein langes Gesicht wenigstens bildete sie sich ein, dies bemerkt zu haben; mied sie den Vater längere Zeit, so pochte das Gewissen au ihr kindliches Herz. Oft ibar sie fest entschlossen, einmal offen mit ihrem Vater zu reden, aber dann kamen nur. allzu oft wieder Zweifel, die sie früher nicht gekannt. Ihre ganze Energie war gelähmt, das fühlte sie; so sehr sie ihren Mann liebte, ein reines Glück war es nicht, solange die Scheidewand zwischen ihnen utid bcni Vater nicht
Eiei!
Huworeske von Reinhold Ortmann.
Sonnig und fröhlich war der März-morgen angebrochen, eich Ostersonntag, wie man ihn nach all dem Regen, der letzten Wochen kaum hatte erhoffen können. Kein Wunder also, daß auch die Stimmung im Hause der verwitweten Kammerrätin Bernward sonnig und fröhlich war. Bald aus bem! einen Zimmer, bald aus dem anderen klang ein helles Mädchenlachen oder das Ge- träller eines übermütigen Liedchens; bald hinter diesem Fenster/ bald hinter jenem erschien ein allerliebstes Köpfchen, das aus blanken Augen in die schöne, leuchtende Welt hinaüsspähte. Solche« niedlichen Mädchenköpfe gabs nnwlich in der Villa Bernward


