Ausgabe 
22.2.1913
 
Einzelbild herunterladen

119

Aini 16. Dczenrber 1812 war Napoleon, als Herzog Don Piacenza reisend, in Hanau angekommen, von wo er nach kurzer Mast int GasthausZum Riese»:" schleunigst weiter fuhr. Ihm folgten Scharen kranker und verwundeter Soldaten. Aber nicht nur ans der großen Leipziger Straße über Hanau, sondern auf Men Heerstraßen bewegten sich die Trümmer der einst so stolz «usgezogcnen französischen Armee, die im elenden Zustande jetzt uns Rußland zurückkehrtcn.

Auch Gießen passieren schon imJ Januar 1813 auf der Rück­kehr befindliche Franzosen. Um 30. Januar wird hier schon rinQ u a r t i e r a m-1" errichtet, um für die durchziehenden Fran- Aosen zu sorgen. Am 28. Februar erhalten Lollar, Heuchelheim und Wieseck französische Einquartierung; denn es werden nach der Rechnung Botengänge dahin vergütet,nm1 Franzosen, 1 Kom- Pagnie Franzosen dahin zu leite::". Unter den ankommenden Franzosen befanden sich viele Kranke. Außer demBürger- Ko spit al" am Selters weg müssen noch 3 Lazarette er­richtet werden, vor dem Neustädter Tor,ander Ziegel- Hütte" (Kaiserallee, hinter demKrokodil") und im Schul­tz a n s ei nderHinterga ß" (jetzt Wetzsteingasse neben Metzger Sack). Während des Monats März kamen tagtäglich Wagen mit Kranken an, die so elend waren, daß siemit der Bortschaise" (Porte-Chalset ins Spital getragen werden mußten. So wurden am 1. März 30 Kreuzer bezahltvor 2 Mann, Franzosen mit der Bortschaise in daß Lazarett zu tragen". Gleiche Vergütung für dieselbe Arbeit wurde bezahlt am 3., 17. und 18. März. > Das Blufwarten und Wachen in den vier Lazaretten erforderte besondere Ausgaben, und nicht imMer waren die nötigen Kräfte zu haben, um, wie , es in den Randbemerkungen der Rechnungsbelege oft Heißt,d i e eke lhafte" Arbeit zu verrichten. Auch dieKriegs- f ährten, die Gießener Fuhrleute am 2. Februar nach Wetzlar, MM 16., 20., 24., 25., Februar, am 4., 8., 14., 20., 27. und 30. März nach Friedberg zu unternehmen hatten, werden wohl meist der Weiterbeförderung der Kränken gedient haben. Anr 22. März wird ein Transport Kranker nach Kloster Arnsburg gebracht.

Im März finden die Bewegungen der französischen Truppen von Friedberg aus über Gießen nach Norddeutschland statt. Es waren Truppen, die ans den deutschen Kantonierungen, hauptsäch­lich aus Mainz, Frankfurt itnb Umgegend kamen. Tag und Nacht treffen Franzosen in Gießen ein, und das Quartieramt hat vollauf zu tun, nur die Ankommenden durch besondere Boten nach den um­liegenden Ortschaften zu leiten.

Am 1., 2., 3. und 4. März erhalten Mainzlar, Wieseck, Daubringen, Staufenberg und Mten-Buseck französische Einquar­tierung. AM 5. März muß ein Bote einen Brief nach Großen- Linden an den ankommenden französischen Kommandanten bringen, damit in Großlinden und Kleinlinden die Einquartierung zurück­bleibe", jedenfalls, weil Gießen und Umgegend schon zu sehr be­lastet waren. Am 7. März müssen zwei Boten gestellt werden, die 1 fl. 30 Krz. erhalten,um bei der Nacht französische Quartier- Macher nach Großbuseck zu bringen". In derselben Nacht müssen Boten französische Kompagnien nach Burkhardsfelden, Alten- buseck, Reißkirchen leiten.

In Großbuseck befand sich das Standquartier desfranzö­sischen Kommandanten", dem 'in der Nacht vom 10./11. März durch einen Boten ein Eilbrief aus Gießen überbracht wird. Dort­hin werde:: anch am 11. die ankommenden Pulvertransporte ge­bracht. Am 14., 16. und 17. März erhalten Heuchelheim, Wieseck, Ruttershausen, Burkhardsfelden, Steinbach, Daubringen Einquar­tierung. Am 16. Muß ein Bote gestellt werden, um des Nachts einen Tram französischer Artillerie nach Lollar zu bringen. Am 22. wird je eine Kompagnie Franzosen in Heuchelheim und Leihgestern emquarticrt. Am 19. und 24. März gehen Boten mit Briefen an den französischen Kommandanten in Laubach ab. Anr 29. wird ein Bote des Nachts nach Schotter: beordert, um Fuhr­werke nach Gießen zu bestellen.

Am 28. März müssen Bürg erwachen gestellt werden zur Sicherung der französischer: Bagage im Zeughaus. Am 31. März Aussen Gießener EmwohUer die ganze Nacht wachen, um die an- i o mm end en französischen Tru p p e n zurechtzu- w c: l e n. Vom 2. bis 14. März werden Gießener Bürger be­ordert, um ÜB n gen zu stellen und Vorspanndienste zu leisten zu Kriegs fahrt en nach Marburg. Am 17. Werder: Wagen reqmriert zu Kriegsfuhren nach Lich und Laubach. 12 fl. werde:: an Anton Krailings Witwe bezahlt,für eine Stube und Hand- werksgesch:rr pro 15 Tage vom 9./2G. März an die franzö- ,s:ichci: Büchsenmacher verliehen gewesen."

Nachdem Napoleon im März seine neuen Aushebungen in .Frankreich beendet hatte, werden nun auch im April die Be­wegungen der französischen Truppen in Deutschland lebhaft, namentlich gegen die Mitte des Monats. Am 16. April marschierte die französstche Kaisergarde, 1618 000 Mann stark, durch Hanau. Napoleon selbst reiste anr 25. April über Hanau zum Kriegs- schauplatz Am 1 April muß, ein Bote nachts 2 .Uhr von Gießen nach Lechgestern nnt Wagen'abgehen, nm die Franzosen fortzu- schaffen . Am 9. April war eine KompagnieWestphälinger" nach Daubringen und Mainzlar zu leiten. Am 8. und 9. April fanden zahlreiche Durchmärsche französischer Truppen über Gießen statt, ö fl. 20 Krz. erhieltenDaniel Flett und Eonsorten, welche vom 1. bis 8. Llpril die bei Nacht angekommenen Truppen zurecht gewiesen haben". In der Nacht vom 8. zum 9. war

außer im Quartieramt auch eine starke Wachmaunschafk ins Gasthaushum Schwa::" (Walltorstraße) nötig,wegen des an- komnienden Militärs zurecht zu weisen". Am 9. April wurdeuj 4 ffi. verausgabt für Arbeitslohn,um eine:: großen Transport Cf- fekteu von nachmittags 3 Uhr bis nachts 1 Uhr, da beständig Fuhrleute ankamen, abzuladen". 12 fl. erhält Peter Flettfür die Bestellung beim Fuhrwesen Von: 1. bis 30. April", ebenso 4 fl. 50 Krz.Daniel Flett und Consorten, welche den in der Nacht Von: 9. bis 19. April angekvmmenen Militärs Personen frische Fuhren herbeigeschafft haben". Fuhrwerke mußten gestellt werden am 17., 18., 19. und 24. April nach Marburg. Am 14. April bekommen Heuchelheim, Kinzenbach, Gleiberg, Launsbach, Krof­dorf französische, Einquartierung, die an: 19. ivieber Ordre zum Abmarsch erhielten. An: 17. April zeigen sich zum ersten Mal Polacken in Gießen. An diesem Tage muß ein Bote einem polnischen General bei: Weg nach Großbuseck zeigen. Am 19. kommen Polacken in Grvßlinden, am 30. in Wismar und Oppen­rod ins Quartier.

Vom Mai bis August sind die Polacken die Herren in Gießen. Am 1. Mai kam ein großer Transportpolnischer Effekten" au, der am 3. Mai nach Laubach befördert wurde. Am 7. Ma: mußte das philosophische Auditorium geräumt werden zum Einnehmei: des polnischen Magazins". Am 11. Mai kamen 15 zweispännige Wagen mit polnischen Effekten an. Am 1., 5. und 7. Mai erhalten Reiskirchen, Dudenhofen, Wetzlar, Lützellinden und Wismar .Einquartierung. In Wetzlar uuo L a u b a ch waren Stationen für hie Oberleitung der polnischen Truppen; dem: es müssen von Gießen aus Boten gestellt werden für Ueberbringung Von dringenden Nachrichten. In Gieße:: befand sich eine polnische Kanzlei; 24 Krz. werden ver­ausgabt für Ausbesserung eines Tischeszur Canzleh der Po- lacken". In den Stallungen des Gasthauseszun: Schwanen" und in dem Zeughaus waren Monate lang die Pferde der hier in Quartier liegende:: polnischen Soldatei: untergebracht, wo­durch dem Quartieramt ständige Ausgaben für Besorgung von Stallwachen erwachsen. Das bis zu Ende des Monats Mai noch in Gießen ankommende polnische Militär wird meist nach Lollar, Staufenberg und Großbuseck, Klein-Rechtenbach, Duden­hofen abgeschoben. Die Monate Juni itnb Juli verliefen etwas ruhiger, insofern, als die seitherigen Truppeickmrchinärsche nach- lreßen.

Um so größer war der tägliche Zugang Von Kranken.und Verwundeten. Nicht nur die bereits bestehenden Lazarette waren überfüllt, sondern auch das Rathaus war beständig mit 100 Mann belegt. Die Lieferung von gemischtem Brot und Weißbrot zu:n Frühstück, die Job. Heinrich Moll Wwe. übernommen halte, erforderte durchschnittlich eine Ausgabe von 3 fl. Für den Wärterdienst auf dem Rathaus waren täglich 1520 Personen zu bestellen, die etwa 6 fl. insgesamt täglich erhielten. Da der Wärterdienst recht unangenehm war, so mußte auch die Vergütung dafür erhöht werden. So erhielten unter anderen:Conrad Rinn und Consorten für Aufwartung bei den Verwundeten von: 17. bis 20. September 17 fl. 10 Krz".

Nachdem sich im Aug u st die Polen aus Gießen verzogen hatten, kommen wieder vereinzelte Kolonne:: Franzosen an. Vom 13. August bis 18. Oktober werden beständig Gießener Fuhrwerke requiriert zur Beförderung der Bagage in der Richtung Marburg. Am 8, Oktober müssen Fuhrwerke nach Gladenbach gestellt werden, am 22. nach Friedberg. Anfangs Ok­tober kommt französische Kavallerie nach Lollar, Daubringen und Mainzlar ins Quartier. Am 28. Oktober sind Von Gießen ans französische Dragoner nach Königsberg zu leiten.

Während der Monate November und Dezember, mit Ankunft der Truppen der verbündeten Armee, ist Gießen und Umgegend ein vollständiges Kriegslnger. Nicht nur Gieße::, sonder:: auch die umliegenden Ortschaften hatten schwere Em- quartierungslasten zu tragen. Heuchelheim erhielt am 2., 6. und 18., November russisches Militär, am 5. November preußische Artillerie., Am 2 5., 7., 13. und 16. November werden Russen in Rvdheim einquartiert. Am 2. und 14. kommen Russen nach Hohensolms ins Quartier, am 4. Kosaken nach Königsberg und russische Kavallerie nach Krofdorf, am 7. Russen nach Fellingshausen, an: 5. russische Husaren nach Steinberg, am 7. Russen nach Daubringen, am 16. nach Wieseck, am 17. nach Rödgen. Lollar er­hielt am 20. November Kosaken als Einquartierung an: 7. De­zember preußische Truppen.

Am meisten ivurdeu mit Einquartierungen heimgesucht die an den Straßen nach Wetzlar licgenben Ortschaften, weil die Marschroute der ankommenden Truppen über WetzlarWeilburg das Lahntal hinab führte. Sv kamen nach Kleinlinden ins Quartier am 2., 6., 11. und 16. November Russen, am 6., 7. und 8. preußische Truppen. Dudenhofen, Rechtenbach, Lützellinden, Hochelheim blieben gleichfalls nicht verschont. Am meisten litt Großlinde:: unter bei: Einquartierungslasten, das nicht nur 6e: dem Hinmarsch der französischen Truppen, sondern jetzt wieder bei, den: Zurückfluten der verbündeten Armee fortwährend be­lästigt wurde. Außer bei: erwähnten werden noch viele andere Ort­schaften mit Einquartierungei: heimgesncht worden sein, die nicht durch das Gießener Quartieramt veranlaßt wurden. Das Quar­tieramt'befand sich in: Hanse des Ratschöffen Schmid, der während dieser Zeit bett TitelKriegsbürgermeister"