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„Ja, -amr freilich . . .Herta War -nun doch ein wenig Verlegen; „aber bleibe noch! Willst du nicht die Kinder sehen? Ich werde Raff rufen —"
„Nein, bitte, bemühe dich nicht. Ich muß wirklich gehen."
„Nun, wie du willst,"
Herta begleitete ihren Besuch! bis an die Gartenpforte hinab. Etwas erstaunt blickte sie sich dort um.
„Ja, bist du denn 311 Fuß gekommen?"
„Ich fuhr ein Stück mit der Straßenbahn von der Bahnstation aus."
„Aber, Liebste, wenn du doch noch ein wenig warten wolltest ich muß nachher ohnehin in die Stadt fahren wegen der neuen Hausdame, wir könnten so gut zusammen fahren, unser Kupee ist wirklich Bequem."'
„Ich danke dir, Herta, aber ich habe Vormittag noch verschiedene Wege zu tun und möchte nicht gerne Zeit verlieren."
In Wahrheit beherrschte sie nur der 'Drang, fort von da zu kommen, so rasch wie möglich. Allein zu sein. Nicht mehr dieses hübsche, "kühle Gesicht Hertas vor sich zu sehen mit dem 'konventionellen Lächeln und der Weltdamem grimasse.
Es stand in so schreiendem Gegensatz zu dem Bilde der Herta Renner, mit der sie einst im Garten der kleinen Mietvilla ihre Mädchengeheimnisse ausgetanscht und Zu- kimststräume gesporiueu hatte.
Meta legte den Weg bis zur Bahnstation zu Fuß zurück. Sie schluckte die Enttäuschung sehr tapfer hinunter und beschloß, anstatt zu Berta zurückzukehren, lieber gleich in die innere Stadt in ein großes Vernüttelungsbureau zu fahren, um womöglich noch heute etwas Passendes zu finden. ,
An Adressen solcher Bureaus fehlte es ihr uicht, denn sie hatte sie ja früher selbst mehrfach in Anspruch genommen.
Meta stellte sich in drei Instituten vor. Ueberall wurde sie zuerst als vornehme Kundin angesprochen, welche eine Gesellschafterin oder Erzieherin suchte. Ueberall lautete der Bescheid daun so ziemlich gleich.
Es werde schwer halten, irgend etwas Passendes für sie zu finden. In guten Häusern verlange man Zeugnisse, Prüfungen, Empfehlungen. Ihr Aussehen verriet viel zu sehr die „Dame". Ihr auffallend hübsches Exterieur würde ein bedeutendes Hindernis fein. Und zu alldem eine Frau, welch« von ihrem Mann getrennt lebe, ohne geschieden zu sein!
Möglich, daß im Laufe der Zeit irgend ein Zufall etwas für sie Passendes brächte, aber es würde sehr schwer sein — man glaube kaum jedenfalls müsse sie Geduld haben und warten. ।
Sehr niedergeschlagen trat Meta endlich gegen Mittag den Heimweg an. Es war alles gekommen, wie Berta vorausgesagt hatte. Daneben hatte sie noch das Gefühl, als ob alle ihre Schritte kindisch und unpraktisch wären und sie sich dadurch halb lächerlich gemacht hätte.
Aber sie mußte doch etwas finden! Sie konnte nicht warten! Konnte Webers nicht gitr Last fallen, es mußte doch irgend einen Weg geben, auf dem man sich anständig ernähren konnte.
Zwecklos schlenderte sie die Ringstraße entlang. Es war schwül und über den Himmel hatten sich Dunstschleier gelegt. „Ich muß zurück," dachte Meta ein paarmal und konnte sich nicht -entschließen, iit einen Straßenbahnwagen zu steigen.
Ihr graute davor, Berta ihre Mißerfolge zu schildern. „Sie werden mich heute trösten und morgen doch einander heimlich besorgt anseh-en und sich fragen, wie lange ich bleibe?" dachte sie verzweifelt.
Seit gestern Abend hatte Meta, außer einer Tasse Tee äm Morgen, nichts zu sich genommen. Dazu die lange un- Wwohnte Wanderung. Die Beine begannen, ihr plötzlich zu zittern, sie mußte sich einen Augenblick auf eine zufällig leere Bank setzen.
Schweiß stand auf ihrer Stirn und das Herz klopfte in lauten dumpfen Schlägen.
Und aus einmal war ihr, als stände es ganz still in jähem Schreck.
Eine hohe, schlanke Gestalt) die im Begriff war, vorüber zu. gehen, -blieb plötzlich freudig erstaunt vor ihr stehen und eine wohlbekannte, noch so lange nicht gehörte
Stimme sagte: „Welch' glücklicher Zufall, gnädige Frau! Ich komme soeben aus ihrer Wohnung, wo mir niemand Auskunft über sie geben konnte, und nun finde ich Sie hier, wie vom Himmel gefallen!"
„Herr v. Münster!" murmelte Meta und- wollte sich erheben, fiel aber kraftlos wieder auf die Bank zurück. „Sie waren bei mir?"
„Ja, und weiß Gott, hätte mich nicht der Zufall in Ihren Weg geführt, ich hätte mich an die löbliche Polizei wenden müssen, um Sie aufzufinden."
Fragend sah sie ihn an. Und während sein Blick ernst und to-arm auf ihr ruhte, stieg plötzlich langsam eine tiefe Röte in ihr blasses Gesicht.
Einen Augenblick vergaßen sie b'eide Zeit, Ort und Umgebung. Sie waren wieder int Steinachtal und empfanden die unauflösliche Gemeinschaft, die ihre Seelen verband. , Alles, was dazwischen lag, war ausgelöscht. Und es schien ihnen ans einmal diese Zusammengehörigkeit so selbstverständlich, daß sie nicht begriffen, wie Jahre vergehen konnten, ohne daß sie etwas voneinander wußten.
Es hatte ja immer in ihnen gelebt, immer! Und was das Schicksal auch darüber gehäuft hatte — sie fühlten es beide in dieser Minute: es war unverändert geblieben, weil es unsterblich war.
Münster faßte sich zuerst. Er stand auf und nahm M!etas Arm in den seinen.
„Wir wollen -diese Stunde des Wiedersehens nicht auf der Straße feiern. Wir haben einander viel zu sagen und! da Sie kein eigenes Heim mehr haben, schenken Sie mir vielleicht die Ehre, hier irgendwo in der Nähe ein bescheidenes Mahl mit mir einzuuehmen. Ja?"
Meta folgte ihm ohne Widerstreben. Sie wäre ihm bis ans Ende der Welt gefolgt in dieser Stunde, die ähr gezeigt hatte, daß -er derselbe geblieben war, als der -er -einst von ihr gegangen.
Sie traten in «in elegantes Restaurant am Step-Hans- platz. Wie Zeit, wo andere Leute zu Mittag speisen, war vorüber und es hielt nicht schwer, ein ruhiges Plätzchen zu sind-eu, w-o man ungestört sprechen konnte.
Während Münster rasch das -Essen bestellte, suchte Metck ihre Geo-anken zu -ordnen. Eine fast mädchenhafte Verwirrung hielt sie gefangen, in der nur ein Gedanke Aar war: „Er ist gekommen! Endlich! Endlich!"
War es nicht wie ein Wunder? Ihr war zumute wie der Prinzessin im Märchen, die nach langen, schauerlichen Leiden endlich von ihrem Ritter erlöst wurde . < .
Auch ihm erging es ähnlich. Was war nicht mehr der ernste, maßvolle Münster, an dem Wort und Blick immer korrekt waren. Seine Augen leuchteten hell und freudig wie in der Jugend, und an Stelle- des Ernstes trugen sein« Züge den Ausdruck neu -erwachter Hoffnung.
Auf einmal legte Meta ihre Hand auf Munsters ArM.
„Warum haben Sie mich gesucht? Was wollten Sie von mir?"
„Das Recht, endlich für Sie -eintreten zu dürfen! So lange ich Sie zufrieden und geborgen glaubte, mußte ich schweigen, nun ich aber weiß, in welcher Lage Sie sind —"
Meta erblaßte, der frohe Schimmer in ihrem Gesicht erlosch. Sie erwachte aus dem Märchentraum und besann sich auf die Wirklrchkeit.
„Sie wissen . < .?"
„Alles. Darum bin ich gekommen, weil Sie einen wahren Freund brauchen."
Sie begriff nicht, woher er wissen könne. War denn ihr Elend in aller Leute Münd?
(Schluß folgt.)
Aus der Zeit der Befreiungskriege.
Kriegslasten der Stadt Gießen im! Jahre 1813..
(Nach allen Bürgermeistereirechnungen.)
Von Dr. H. Bergär-Gießen.
Die üblichen Vorstellungen von den Kriegsbedrückungen, die die Stadt Gießen mit Umgebung während der Napoleonischen Kriegsoperationen im Jahre 1813 habe erfahren müssm, beschränken sich gewöhnlich nur auf die Zeit nach der Völkerschlacht bei Leipzig. Nachforschungen in alten Gießener Bürgermeistereirechnungm ergaben, daß das ganze Jahr 1813 von Anfang bis zu Ende der Stadt Gießen, wenn sie auch fern vom Kriegsschauplatz, lag, Bedrückungen aller Art gebracht hat, Heimluchungen, wie sie wohl schlimmer schwerlich ein anderer Ort in Deutschland damals erfahren hat.


