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Meta atmete erleichtert auf und reichte ihin dankbar Lis Hand. v,
„Ich hätte nicht igciuagt, Sie darum zu betten — aber nun Sie es selber tun wollen, bin ich Ihnen von Herzen dankbar, Herr von Montelli."
Selbstverständlich beeilten sich die Gäste mit dem Aufbruch. Professor Burger erbot sich noch, der alten Frau Petermann die Nachricht zu bringen, aber Meta wahrte ab.
' „Ich will selbst zu ihr. Sie soll es nicht aus fremdem Mund erfahren." " ,
Während die Gäste wegsuhren, spannte Johann bereits die Pferde ein. Meta stand fröstelnd im Flur. Es war ihr so lvirr iin Kopf, noch konnte sie die Größe und Tragweite des Geschehenen nicht fassen. . ,
Irgendwo in einem Nebenraum hörte sie bte Stunme Fräulein LändekeZ, welche der versammelten Dienerschaft beii Tob ihres Herrn mitteilte.
Fräulein Ländoke schluchzte dabei und auch von den übrigen weinten einige. ,
„So Heb' hat man ihn gehabt?" dachte Meta oeschamt; denn sie selbst konnte keine Tränen finden. Nikis Tod 'erschütterte sie, aber er bereitete ihr keinen Schmerz.
Freilich — der Dienerschaft war er ein launenhafter, aber freigebiger Herr gewesen...
Dann fiel ihr ein, daß sie noch das weiße Kleid trug, das sie zur Feier des Weihnachtsabends angelegt hatte. So konnte sie doch nicht zu Frau Bettina...! Langsam stieg sie die Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer und vertauschte das helle Gewand mit ein ent dunklen. Da meldete Fräulein Landeke auch schon, daß der Wagen bereit sei.
Frau Bettinas Billa lag in St. Johann. Mau mußte nicht nur durch die ganze Stadt, sondern noch ein gutes Stück außerhalb derselben fahren, um sie zu erreichen.
Es war eine klare, eisige Winternacht. Schnee lag Mer den Wegen und die Bäume waren reifgeschmückt. Am Himmel stand der Mond in einem Heer glitzernder Sterne wie eilt einsamer, stummer König inmitten seines schweigenden Volkes.
Ein geheimnisvoller, märchenhafter Zauber lag über der schlafenden Welt. Weihnacht . . .
Und während dieser einsamen Fährt durch stille Kassen Und zwischen verschneiten Wiesen kam es Meta zum erstenmal zum Bewußtsein, daß sie nun frei war.
Frei — frei — Herrin über sich selbst, ohne das Kind hergeben zu müssen. ...
Das Blut strömte ihr siedendheiß durch den Leib. Dann strich sie sich das Haar aus der Stirn, lieh das Fenster herab und beugte beit Kopf weit hinaus in bie schneidende Nachtluft.
Nein — nicht daran denken. Jetzt — heute iticht!
Wie schön die Welt war! So glitzernd, feierlich und stift! i
All das, was sie in den letzten vier Jahren gelitten, K" tte, kam ihr zum Bewußtsein. Die Kämpfe, Qualen, mütigungen . . . wo war alles hin? Weit, weit hinter ihr, tief versunken in das schweigende Meer der Vergangen- heit. i
, 'Nichts als Friede um sie. ... ;
Und plötzlich, ohne recht zu, wissen warum, begannen ihr Tränen zu fließen. Sanfte, erlösende Tränen, die ihr die Seele, frei, machten. :
Armer Niki — er war ja auch nicht glücklich gewesen! Sie hatten sich beide getäuscht. Wielleicht, wenn sie eine pikante Weltdame gewesen wäre... wäre alles anders gekommen ...
Da hielt der Wagen.
Frau Bettina war noch wach, obwohl es schon beinahe zwei Uhr war. Meta sand sie an ihrem Betpnlt knieend.
Ms sie eintrat, erhob sich die alte Frau und blickte halb erschrocken, halb ergeben auf die Schwiegertochter.
Meta suchte nach Worten. Es war doch schwerer, als sie gedacht hatte... ehe sie noch eine Einleitung sand, faßte Frau Bettina plötzlich ihre Hand und sagte mit bebender Stimme: „Meta — du kommst mir zu sag em daß Niki... tot ist?"
Meta fuhr bestürzt zurück.
„Mama! Woher weißt du... ?"
Die! alte Frau schüttelte den Kopf.
„Last nur... der Mrz-t hat mich, 'lange darauf vorbereitet. Mks ich dein Gesicht sah, wußte ich', daß es geschehen sei..
Sie stand einen Moment und blickte starr vor srch hin. Dann seufzte sie tief auf.
„Tot — tot..." murmelte sie tonlos und wandte sich nach dem Nebenzimmer, ohne Meta anzusehen.
Meta 'eilte ihr nach. • i \
„Mama — laß mich bei dir bleiben...."
Fast heftig schüttelte Frau Bettina, den Kops.
„Nein — geh. Dir war er nichts... laß mich allein mit meinem Toten."
Hastig zag sie die Tür hinter sich zu, als fürchte sie, Meta könne ihr folgen.
Langsam stieg die junge Frau die Treppe hinab zum Wagen.
Ein Wort klang ihr immer im Ohr: „Allein."
Es fröstelte sie plötzlich' und wie eine schwere Last (egte sich das Wort auf ihre Brust.
Mein. Ganz allein.
Wie eisig kalt die Freiheit war! Oder war es bloß die Winternacht?
VIII.
Die Glut des Sommers lag über dem Süden. Aber nicht brütend und lähmend wie auf dem Festlande drückte sein Hauch die Menschen zu Boden auf der kleinen Insel tm Adriatischen Meer zwischen Istrien und Italien.
Es atmete sich dort leicht in der feuchten, salzigen Luft, im Schatten mächtiger Steineichen, Lorbeer- und Erdbeer- bäume.
Vom Meer wehte der Seirokko über Wälder von blühenden Myrten. Die rote Erde leuchtete im Sonnenschein und wilde Klippenselsen spiegelten sich malerisch in der ewigen Bläue der See, die leise glucksend an die Ufer stieß.
Meta, welche seit dem Tode ihres Mannes auf Brioni weilte und sich nicht entschließen konnte, das herrliche Fleckchen Erde zu verlassen, saß auf einem der Klippenfelsen und träumte hinaus aufs Meer.
Ein Stück von ihr entfernt spielte Konradchen, van Fräulein Ländeke behütet, mit Muscheln. Er lachte jetzt oft, und feit einigen Wochen mühten feine Lippen sich sogar, Worte zu formen.
Freilich ging es langsam aber es ging doch vorwärts. Auch die schwachen Beinchen stemmten sich manchmal gegen die Erde, als wollten sie endlich einmal aufrecht stehen.
Links von Meta erhoben sich weiße, geborstene Mauern, einzelne Säulen und terrassenförmig ansteigend die Reste weitläufig,er Bauten aus der Römerzeit. Irgend ein kaiserlicher Prinz aus dem alten Rom hatte hier sein Tuskulum an der füllen Bucht von Brioni gehabt.
Unter den Feigenbäumen dort war ein Neptunstempel gestanden. Daneben das Haus der Priester.
Weiter westlich waren Ruinen aus dem zwölften Jahrhundert. San Pietro, die Kirche der Tempelherren, die damals auf Brioni eine Niederlassung gehabt hatten. .
Meta hatte das von Schlinggewächsen, umrankte Gemäuer zeichnen wollen, aber nach einigen Strichen ließ sie den Stift sinken und wandte sich dem Meere zu.
Sie konnte nicht müde werden, auf die tiefblauen, glitzernden, schaukelnden Wellen zu blicken. Südöstlich sah man den Hafen von Pola mit seinen mächtigen Kriegsschiffen.
Westlich gegen Italien zu glitten Barken und Segelschiffe mit bunten Flaggen durch bie Flut.
Etwas Ruheloses, Sehnsüchtiges lag über beut Meer, und je länger Meta darauf hinstarrte, desto deutlicher fühlte sie den verwandten Ton in sich selbst.
Auch in ihr war etwas Ruheloses, Sehnsüchtiges. Manchmal lächelte sie darüber und 'schalt fid) eine Törin. So auch jetzt —
War sie nicht frei? Gedieh das Kind nicht jetzt? Was wollte sie denn noch? Woraus wartete sie berat?
Dann ergriff sie plötzlich eine große Unruhe. Ihre Gedankett flogen weit nach Norben. Ja, sie wartete! Ahnte er denn nicht, daß sie wartete? War jener Abend int Steinachtal vpr mehr als einem Jahre nicht Wirklichkeit gewesen?
Ober — das Blut stieg ihr ins Gesicht r—. war sitz schon vergessen?
(Fortsetzung folgt.)


