Mittwoch, den 22. Januar
-i
<«
kMdML^^KMsZWZMrSßih-
W^Z
Von Frühling ;u Frühling.
Roman von Erich Eben st ein.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Der Abend verlief sehr heiler und gemütlich. Diese fünf Menschen, welche ein Zufall zusammeugeführt hatte, fühlten sich durch das Ereignis mit d-em Kinde einander plötzlich so nahe gerückt, als wären sie Familienmitglieder.
Moutelli war in allerbester Laune. Er unterhielt die ganze Gesellschaft, und Meta konstatierte erleichtert, daß sie keinen Grund habe, ihre Einladung zu bereuen. Sein Benehmen ihr gegenüber war von einer heiteren, harmlosen Galanterie, welche nie die Grenzen des Erlaubten überschritt.
Gegen. Mitternacht braute Moutelli seine Ananasbowle und brachte den ersten Toast auf Konradchens Gedeihen ans, was ihm einen dankbaren Blick Melas eintrug.
Dann erzählte er heitere Garnisongeschichten, schilderte das ungarische „Nest", in dem er zuletzt gewesen war, mit viel Humor und gab einige Kalauer zum besten.
Meta achtete nicht viel auf die Unterhaltung. Ihre Gedanken schweiften in die Zukunft, die nun viel rosiger gussah. Sie beschloß, ihr lange vernachlässigtes Klavierspiel wieder aufzunehmen und sich mit einem berühmten Psychiater zu beraten bezüglich der Methode, die bei Konrad- cheu mm eiugeschlagen werden sollte.
Erst als ein Name an ihr Ohr schlug, fuhr sie ans ihren Gedanken auf.
Michael von Münster!
Fräulein Selben fragte Moutelli, ob; er gar nichts wisse von dem ehemaligen Kameraden?
Moutelli strich sich Lächelnd den schwarzen Schnurrbart.
„Hin — wenig," antwortete er, „er ist ja fast verschollen da oben irr Galizien. War übrigens sein Wunsch, gerade dorthin zu kommen, ein sonderbarer Geschmack, nicht wahr? Polnisches Krämernest, Halbasien. Dis böse Welt behauptet allerdings, er habe seine Gründe gehabt."
Meta erblaßte und starrte mit weit geöffneten Augen fragend auf den Sprecher. Wußte... ahnte irgend jenrand?
„Nicht lvcit von Wabowice entfernt," fuhr Mvutelli fort, ihren Blick erwidernd und gleichsam nur zu. Meta sprechend, „liegt nämlich das Gut deS Grafen Pientak, dessen Frau Münsters Jugendliebe war. Er hat sie einmal verschmäht um ihres Geldes willen — — heute soll er täglicher Gast bei Pieutaks sein. ES scheint, daß ihn die Jahre klüger gemacht haben..." fetzte er mit einem Lächeln hinzu."
„Das ist nicht wahr. Das ist eine elende, gemeine Lüge!" wollte Meta ausrufen, aber sie schwieg. Wozu eine so niedrige Behauptung aufgreifen? Moutelli schwätzte
gedankenlos nach, was kleine Seelen ausdachten. War wußte er und alle anderen von Münsters grosser Seele?, Sie lächelte still vor sich hin.
Daß es solche Männer überhaupt gab ■— nicht häufig, aber doch gab — war ein tröstlicher Gedanke, der einentz mit der Erbärmlichkeit der Menge innner wieder versöhnte. Jedes große Licht wirft tausendfach Schatten nm sich. So ist es auch mit den Lichtern unter der Menschheit- Tausend und abertausend Schatten — hier und da eine Seele, die strahlt...
Moutelli stand auf.
„Ihre Gläser, meine Herrschaften! ES geht auf Mitternacht, tvir wollen den Rest der Bowle leeren, auf daß uns die Zukunft noch viel so gesegnete Weihenächte gibt wis die heutige!"
In diesem Augenblick trat.Fräulein Ländeke ein und überreichte Meta eine Depesche.
„Aus Paris."
Verwundert öffnete Meta das Telegramm. Sollte Niki an 'sie gedacht haben?
Gleich daraus ließ sie das Blatt schlaff in den Schoß fallen und blickte in hilflosem Schreck auf Professor Burger-
„Niki hat... er... tot," stammelte sie mit blassen Lippen und erhob sich mühsam. „Ein Herzschlag... da..."
Sie reichte dem alten Hausfreund die Depesche.
„Herr Nikolaus Petermann hier soeben, im „Hotel Metropole" von: Herzschlag getroffen worden. Verschied nach wenigen Minuten. Bitte Weisungen wegen der Leiche. Doktor Meunier.^
Burger las es halblaut. Dann richtete er den Blick mitleidig ans die junge Witwe.
„Ich habe es seit Jahren gefürchtet — er wollte auch niemals Rücksicht auf sein Leiden nehmen ..."
Er wollte noch ein paar tröstende Worte hinzufügen, brachte sie aber nicht über die Lippen. Niemand wußte so gut wie er, daß der Tod hier kein, liebendes Band, sondern eine drückende Fessel gelöst hatte.
„Wann werden Sie hinfahren, gnädige Frau? Wenn, ich Jhneir irgendwie von Nutzen sein kann dabei..." setzte er darum mir hastig hinzu.
„Ich?! Hinfahren?" Melas Blick wurde noch erschrockener. Sie dachte an den anonymen Brief. Sollte sie dort an der Leichs ihres Mannes vielleicht eine andere finden, die vielleicht momentan stärkere Rechte hatte, dort zu stehen?
.Moutelli erriet irgendwie ihre Gedanken. Rasch trat er vor.
„Das ist absolut nichts für die gnädige Frau," sagte er sehr bestimmt. „Petermann war mein Freund, er ist mir in einer sehr schweren Stunde beiaesprungen... ich bin ihm Dank schuldig... wenn man. gestattet, möchte ich ihm den letzten Dienst erweisen und seine Leiche in die Heimat bringen."


