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Die Bergstraße.
Aon. Kans Otto Becker.
Bergstraße — so heißt der westliche Rand des Oden- walds, dle Strecke von Darmstadt bis Heidelberg, wo das Ge- vrrge sich schroff Mr Rheinebene, zum Ried hinabsenkt — gehört den Ichonsten Gegenden der deutschen Heimat und wird mit Macht der Garten Deutschlands genannt. Tie Landschaft hat das müdeste Klima Deutschlands. Ende Februar oder Anfang Mürz! schon beginnt hier die Baumblüte mit der Mandel, die hier zur Reife gelangt wie die Edelkastanie. Dann folgen Pfirsiche, dlp-ri- rosen, Pflaumen, und endlich -Mepsel und Birnen und hüllen ^.Hvnhlingsmonaten die ganze liebliche Landschaft in einen Blutrnsch.muck, in dessen Weiß und Rosa das Auge trunken schwelgt. Wenn der Lenz in die Bergstraße einzieht, so empfindet das Gemüt des M-enschen etwas wie eine Ahnung von Seligkeit und Glück. Und ist die Baumblüte vorüber, dann erquickt das junge Grün der Laubwälder, die allenthalben die Hänge der Berge decken und unter ihrem dichten Dach zum' Wandern lochen, den Blick. Im Herbst fesseln die Wälder, in Flammenglut getaucht, durch die Pracht ihrer Farben, und die Weinernte mit ihrer frohen Stimmung zaubert Bilder von hvhem Reiz hervor. Dann wird der feurige Bergsträßer, derMuerbacher Rott, der Heppenheimer Steinköpfler, der Bensheimer Kirchberg und der Lützelsachser Rote gewonnen, die auf den fonnendurchgllihteir Weinbergen der Bergstraße wachsen.
Wenn wir von mildem Klima und Sonnenglut sprechen, so dürfen wir keine falschen .Vorstellungen, etwa von einer heißen Gegend, erwecken. Der Bergwald wie die Wiesen und Wässerchen der Quertäler wirken abkühlertd genug, um auch die nölige -Erquickung zu schaffen. Die günstigen klimatischen Verhältnisse haben der Bergstraße große wirtschaftliche .Vorteile gebracht; sie schufen zaUrerche Kurorte und lenkten den Strom der Sommerfrischler ünd Touristen hierher, begünstigten aber auch die Ansiedlung in den entzückenden Städtchen. Eine Kette von alten Orten, erweitert durch die geschmackvollen neuen .Villenquartiere, die hauptsächlich einem M-etzend-orff ihr Dasein verdanken, zieht sich am Fuße her Berge dahin. In der nördlichen Bergstraße reiht sich, fast ein Ort unmittelbar an den andern, fo sehr haben die Landhausbauten die räumliche Trennung der Orte überwunden. Droben aber, von den Bergen, grüßen die altersgrauen Burgruinen -und Türme, die Zeugen wehrhafter Vergangenheit, und mahnen an wilde Kriegsstürm-e, die in früheren Jahren dies« gesegnete Landschaft heinrsuchten.
Die Geschscht-e der Bergstraße reicht weit zurück bis in die römische -Zeit. Sie war damals schon eine wichtige Verkehrs- und Militärstraße, ihr Hauptort Lupodurrum, das heutige Ladenburg. Am Felsberg brachen die Römer ihre Steine und bearbeiteten sie an Ort und Stelle. Im .frühen Mittelalter, in fränkischer Zeit, gehörte der größte Teil der Bergstraße dem in ganz Westdeutschland begüterten reichen Kloster Lorsch an der Weschnitz, dessen -.fränkische Dorhalle" tiS hochberühmtes Architekturstück karolingischer Kunst bekannt ist. Im 13. Jahrhundert trat Kurmainz. die Erbschaft von Lorsch an. Auch Kurpfalz hatte hier Besitzungen, ebenso die Grafen von Katz.enellnbogen, deren Nachfolger die hessischen Landgrafen wurden. Viel Ungenrach kam im 17. Jahrhundert, im dreißigjährigen Krieg und in den Franzosenkriegen, über das Land. Aus der Neuzeit verdient das Jähr achtundvierzig Erwähnung, da an der Bergstraße Kümpfe zwischen den: hessischen Militär und den badischen Aufständischen stattfanbeu.
Heute ist die Bergstraße ein .Gebiet der Kultur, des Verkehrs. Eine der stärkst frequentierten Eisenbahnlinien, Fvankfurt-Darm- .stadt-Heidelberg, zieht an ihr vorüber und erschließt sie dem internattonalen Reiseverkehr. Reges Leben herrscht in den Kurorten im Sommer, aus -allen Gegenden finden sich die Fremden in den Hotels der Bergstraße ein. Auch für Unterhaltung ist gesorgt, man braucht nicht „nur für Natur" M schwärmen, Konzerts Theater, Reunions, Tennis, Jagd, Fischerei, ergänzen den Genuß, den die in ungezählter.Fülle auf die Berge und zu den Burgen möglichen Wanderungen dem Besucher verschaffen. Leicht ist die Verbindung mit den naheir Großstädten Frankfurt, Mannheim', Darmstadt und Mainz, und der Besuch aus diesen an den Sonntagen ist enorm. Kräftig pulsiert hier das Leben, der Verkehr in allen feinen Erscheinungen: elegantes moudaines Publikum im Automvbil, der schlichte Tourist im Lodengewand, alles kommt Mer zü seinem.Recht.
Mit Recht wird, der historischen Forschung zufolge, Darmstadt als -erste Stadt, der Bergstraße genannt, wird doch dessen südlicher Stadtteil Besserungen in einer Urkunde des 11. Jahrhunderts „an der Bergstraße" gelegen bezeichnet, und mit ihren letzten Ausläufern endet die Bergstraße unmittelbar vor Darmstadt. Mit Eberstadt und Seeheim am Fuße des Frankensteins, dessen Burgruine Weit in die Ebene hinausschMt, sind wir schon in einem Gebiet schönen Bergwalds angelangt und die nächsten Orte, Bickenbach, Jugenheim und Alsbäch liegen inmitten einer herrlichen Gebirgsnatnr von Rebhugeln und grünen Bergen, deren stolzester und höchster Gipfel, der Melibo'kus- oder Malchen, von einem Turm gekrönt, die Landschaft beherrscht. Herrlich ist der Blick von dessen Höhe auf den Odenwflld, Taunus, Donnersberg und Hardgebirge, Vogesen, Hunsrück und die weite Rheinebme mit dem silbernen Bänd des Stromes und den Städten Darmstadt,
^rms mit seinem Dom, Mannheim, Speyer, Mainz. Am' Fuß Berges hegt das -alte Städtchen Zwingenberg mit seiner charak- tensttschen -Kirche hoch über dem Ort — sie ist als Buchschmuck ®ootc m Berlin erschienenen Odenwaldromans Michael ftarrrtloit in Weinheim schon manchem im Bild ÄÄ , !"^darrlber erhebt sich der schon geformte Kegel des nVr J zwischen zwei ihm vorgelagerten niedrigen Vorbergen, Orblshdhe und Lnzcherg.
< schaut der Turm des Msbacher Schlosses aus
hervor, das ein nördlicher Ausläufer des Melibvkus ^ Fp^ ?eherbergte ernst Landgraf Philipp der Großmütige t r .auS stmer Heimat vertriebenen Herzog Ulrich von F^'^^mbcrg, -bis -er den Freund mit Waffengewalt wieder in sein d?«ch Süden senkt sich der Berg in wundervoll ge- hVn3U6§n^t>'Ttwl'ek$lt AuKrbacher Schloß- dessen Türme auf äÄT« Bergstraße, Auerbach, herabschauen. Der wachste Ort, Bmshum, hat keine beir-aldeten Berge, sondern nur Rebhugol tn fernem Rüchen; überragt wird die Stadt, die unter den Villenorten die hervorragendsten Bauten aufweist, von dem Kirchberg nut einem Tempel in antikem Stil und dem Heinsberg mit dein Bismarckturm. -Eine sehr waldreiche Umgebung hat wieder Heppenheim, am Ausgang zweier hübscher Täler und am Fuß steiler Hohen gelegen. Hier drückt die Starkenburg auf ihrem M Berg der Landschaft ein markantes Gepräge auf.
Balo ist die hessische Grenze überschritten und das Nachbarland Baden nimmt uns auf.
. Kurze Zeit ist nun die Bergstraße etwas eintönig, bis Weinheim erreicht ist. Die Stadt liegt nm Ausgang des Birkenauer und Gorxheimer Tals, die wieder ins Hessische führen. Malerisch da.'Mit ihren alten Türmen und Bauten, am Fuße der Ruine Windcck, die noch überhöht wird von dem Wachenb-erg mit der vom Weinheimer S. C. der Technischen Hochschulen neu erbauten Wachen- ourg. Dre neuen Stadtteile Weinheims zieren schöne, elegante ^ulen. Hier verläßt nun die Bahn die seither schnurgerade längs der Bergstraße verfolgte Linie, um über Ladenburg nach Friedrichs- felü und HeidÄberg—Mannheim zu führen. Eine Nebenbahn geht dagegen längs der südlichen Bergstraße weiter über Schriesheim, Dossenheim, Handschuhsheim, SLeuenHeim nach Heidelberg. Bei Schriesheim -erhebt sich der steile Porph-yrb-erg Oelberg, an dessen Hang die Ruine der Str-ahlenburg klebt; w-eiter drinnen im ®e» birge liegt d-er von Ladenburg aus sichtbare Weiß« Stein mit einem schönen neuen Turm. Die letzte Burgruine der .Bergstraße ist dre Schauenburg bei Dossenheim. Unmittelb-är über Neuenheim -erhebt sich der imposante H-ciligenberg mit einer .Bismarckfeuer- säule auf seinem Hang .und der malerischen Ruine der Michaels- bafilikla auf seiner Höhe, und schon ruht -der Wirk bewundernd auf Heidelbergs Herrlichkeit, dem Ende der Bergstraße.
pfianMfrermdschasten.
Ebenso wie Pflanzen mit anderen Pflanzen dauernd freund- sehastlich beisammen leben, wie etwa Algen und Moose bei den Flechten (was zuerst Schwendencr nachgewiesen hat), gibt es Pflanzen, deren Freunde Tiere sind, rind das Zusammenleben von Tier und Pflanze kann soweit entwickelt sein, daß die Pflanze ohne das besreundete Tier im Kampfe ums Dasein kaum noch bestehen kann. Für diese interessante Form der Symbiose bringt G. Roux in der „Revue" ein paar interessante Beispiele, indem er die neuesten Forschungen aus diesem Gebiete zusammen mit den älteren, dahn- breehenken von Schimper, Trend und anderen behandelt. Tas schönste Beispiel sirr solche Pflanzensrenndschasten findet sich wohl bei den sogenannten Ameisenpflanzen, insbesondere bei dem Trom- petenbaum (ober Armleuchterbaum, Cecropia peltata, L?, einem Baume des tropischen Südamerikas. Einzelne Organe dieses Trom- petenbanmes sind ans die Ameisen geradezu zngeschnitten: in den Achsenwinkeln sind nämlich Oeffmmgen, dnrch die die Ameisen hineingelangen können; ein trächtiges Weibchen findet seinen Eingang in die Pflanze, erweitert die Höhlung, legt dort seine Eier ab und die Pflanze bildet eine Art Geschwulst ans, die der jungen Ameisenkolonie als Nest dient. Die Ameisen leben bann dauernd auf dem Baume; wenn man sich der Pflanze vorsichtig nähert, kann man die Azteca instabilis bei ihrem geschäftigen Treiben beobachten. Erschüttert man aber den Baum, so ändert sich das Bild: die Ameisen kommen massenhast hervor, um ihren Wirt zu verteidigen. Tatsächlich bienen sie betn Baume als Sicherheitswache unb vergelten so die Freiwohnung, die er ihnen gewährt. Tie Feinbe, die sie von dem Baume fernhalten, sind verschiedene andere Insekten, die die Blätter sonst benagen. In Brasilien gibt es gewisse Insekten, die von Blättern leben unb bie Ceeropia vollständig kahl fressen würden, wären sie nicht durch die Ameisen geschützt. Eine nahe Verwandte der Ceeropia hat Schimper am Golf von Coreo» vado beobachtet. Trotz der nahen Verwandtschaft mit der anderen Ceeropia beherbergt dieser Baum, keine Ameisen. Er hat nämlich den Schutz gegen die blattiressenden Insekten nicht nötig, weil diese an [einet glatten Oberfläche nicht emporsteigen können.
Kürzlich hat Dr. Marquis, Professor an der Nationalschule zu Panama, in Mittelamerika, eine Mimose, Acacia spbaerophala, beschrieben, bie, ähnlich wie bie Ceeropia mit der Azteea, mit Pren- domirma bicoloi zusammenlebt und ebenfalls von dieser als Entgelt für bie freie Wohnung geschützt wird. Solche »Ameffenpflanzen"


