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kommen — aber nicht durch die Anstrengung, nein, erst jetzt durch dies Umfangen, durch das Fühlen seines Leibes, so dicht, so nah, daß sein warmer Atem sie im Gesicht streifte.
Aber nun warf sie sich fast heftig wieder empor, einen Zug von Unwillen über sich selbst im Gesicht.
„Es ist nichts. Entschuldigen Sie nur. Ich bin wieder ganz au fait. Und nun — bitte weiter!"
Er sah sie ein wenig verwundert an — wieder jener stille, prüfende Blick, vor dem sie unwillkürlich das Auge wegwandte — dann aber wandte er sich schweigend wieder dem Angriff auf den Berg zu, der sich nun in dem lang! hinaufsteigenden Mamin wesentlich leichter gestaltete.
Eine letzte große Schwierigkeit stellte sich dann nachher noch einmal den kühnen Angreifern entgegen, ein glatter, wie polierter Plattenhang, an dem weder Hand noch Fuß einen Halt fanden, und den es also durch ein Traversieren weiter unterhalb zeitraubend zu umgehen galt. Dann aber gelang es, in einem neuen Kamin weiter hinaufzukommen, auf das die Wand oben abschließende Plateau, dem die wild zerborstenen Schroffen des jardiz delle domnizelle aufgesetzt waren. Nun nur noch eine ^urze, aber strapaziöse -Kletterei am Fels und! im Firngeäder der Hauptzinne, dann hrar die Hochburg, genommen. Auf dein winzigen Dreieck -der -abgepl-atte-t-en Zinne standen Mal- mort und Gottliebe, am Ziel — als Siegespreis den erhobenen Rundblick über das weite Bündnerland mit seinem Meer von Schnee und ewigem Eis eintauschend. In den Wolkenlosen blauen Himmel ragten all die hundert licht- Mmmernden, bediad-emten Häupter — so flog der Blick per kühnen Bezwinger der gefürchteten Bergzinne stolz, und- Ängehindert über das Zauberreich, grandioser Schönheit.
Schweigend hielten die beiden Einsainen da droben Heerschgu. Dann brach Malmort die Stille. Aus tiefster Brust kamen seine Worte:
„Wenn es nicht diese Momente gäbe — was wäre am Lebert? Es lohnte wirklich nicht, die elende Last weiter zN schleppen, jahraus, jahrein! — In dem Erkämpfen solcher Momente, ihrem restlosen Auskvsten suche ich Ersatz für asles, -was mir das Leben sonst versagt hat. — Sie verstehen mich, Fräulein Gottliebe?"
Sein Auge suchte mit tiefem Ernst die Gefährtin, und wied>er stand darin jener feuchte Glanz wie in jener Stunde, W das chehe Lied- aus seinem Munde, das Lied vom ver- ldrenen Gluck, ihr Herz bis ins Innerste -aufgerührt hatte. Urch- wieder quoll in ihrem Herzen jetzt jenes heiße, über- tro tuende Gefühl ans: Könntest du ihm helfen, ihn ent- chädigen für alles, was ihm das Leben schuldig geblieben ist!
Da griff sie nach seinen Händen. Die Erhabenheit des Augenblicks — zwei Menschen so verloren allein hier in weiter Unendlichkeit, Hingedrängt, angewiesen aufeinander — ließ! afle falsche Scheu schwinden. So entfuhr es ihr, während! in ihren Augen eine grenzenlose Hingabe an ihn Leuchtete:
„Ob ich Sie verstehe, Herr v. Malmort? Helfen möcht ich Ihnen, mit meistem Herzblut — könnt' ich es nur!"
Mit jähem Druck preßten feine starken Hände ihre chlanken Finger; es -arbeitete gewaltig in ihm, w-ährend- eine Blicke auf den Grund ihrer Seele drangen, mit einem suchten, das sie selig machte, Und dann in einem so tröst- Lösen Weh, daß es. ihr das Herz zerschnitt.
„Mir kann niemand helfen — auch Sie nicht, Gottliebe. Wer unvergessen sei Ahnen dies Wort!"
Und plötzlich führte er, ehe sie sich dessen versah, ihre Linke -an seine Lippen — fühlte sie seinen Kuß aus ihrer Hand.
Gottliebe hatte ungezählte Male dies Zeichen kava- lierer Ehrenbezeugung empfangen, ohne den leisesten Hauch! eines Empfindens dabei. Wer in diesem Augenblick durchzuckte es sie wie ein elektrischer Schlag.
Mit Gewalt fast entzog sie ihm ihre Hand. Er sollte an ihrem Erbeben nicht merken, wie -es um sie stand-, und-, nm es 'zu verbergen, zeigte sie, deren Herz- in diesem Augenblick in hellem Aufruhr war, ein Lächeln um die zuckenden Lippen, und leichthin sagte sie in scherzhaft mahnendem Ton:
„Unser Pakt, Herr v. M-almort! Keine Galanterien, Wenn ich bitten darf!"
Er sah sie einen Moment an, mit durchdringendem.
starrem Blick. Konnte sie wirklich glauben, daß ihm in dieser Minute nach oberflächlicher Tändelei zumute war?
Wer sie wich diesem Blick aus und wandte sich ab; sie wollte ja nicht verraten, wie es um sie stand- Mit einer plötzlichen Bewegung ließ sie sich auf den Boden nieder.
„Verzeihen Sie — aber ich bin doch etwas müde."
Langsam folgte er ihrem Beispiel und lagerte sich auch aus den sonnendurchglühten Fels, notgedrungen dicht neben ihr, denn das winzige Plateau bot kaum für die beiden hingestreckten Körper Platz.
Sie lag ihm abgewandt, den Kopf in die Rechte gestützt und verloren in die Weite schauend; der Ausdruck ihrer Züge war ihm so verborgen. Wer dennoch sagte ihm ein untrügliches Ahnen, daß ihre Gedanken bei ihm waren/ daß das leise Scherzen eben nur -eine Maske gewesen war, hinter der sie ein tiefes Empfinden verbarg. Ja, er fühlte es nur zu gewiß, was sie dachte — was für eine quälende Frage sich immer und immer wieder in ihr erhob, die sie doch nicht laut an ihn richten mochte.
Da gab er ihr unaufgefordert die Antwort.
„Ich weiß, was Sie denken," leise sprach er es mit seiner tiefen, schwingenden Stimme zu ihr hinüber, die, aus so großer Nähe kommend, fühlbar an ihr Ohr schlug. „Sie verstehen es nicht, warum mir nicht zu helfen sein soll — nicht wahr?" i
Er sah zu ihr hin. Es war ihm, als ob den schlanken Körper des Mädchens neben ihm ein -geheimes Erzittern durchlief; aber kein Laut kam von ihren Lippen. Da sprach er unbeirrt weiter:
„Sie fragen sich, ivarum ich die Banden, die mich niederziehen, die mich umschlingen und alle Lebensfreude in nur ersticken, nicht mit starker Hand zerreiße — ich weiß es wohl, Fräulein Gottliebe, auch wenn Sie eg' taktvoll nicht aussprechen."
Eine heftigere Bewegung, ein Zucken, ging jetzt über sie hin.
„Nun, Sie sollen es wissen; so hören Sie mein Schicksal :"
„Die Frau, die Sie da drunten kennen gelernt, die dem Namen nach mein Weib! und mir doch fremder ist im! Innern als jede sonst auf der Welt, sie hat ernst mein Herz besessen, mein ganzes Sein in jedem Atemzuge."
„Freilich, das ist schon lange her, in goldenen Jugendtagen, wo ich ein schwärmender Jüngling noch mit gleichgesinnten Genossen jauchzend, mit ausgebreiteten Armen, der Sonne nachlief über lachend grüne Auen — ein arkadischer Romantiker, ein großes Kind mit schönheitsdurstigen Äugen. Unter der Künstlersippe hauste ich damals auf Capri, selber ein halber Künstler, wenigstens den Augen und dem Herzen nach, wenn auch die Hand nur laienhaftes Pfuschwerk vollführte"
„Aber was tats? Es machte mich ja so glücklich, so selig, dies Schlürfen elysischer Luft am blauen Golf, mich, der in der düsteren Enge des grauen väterlichen Schlosses aufgewachsen war ohne Licht und- Luft. Wer nun, früh verwaist und großjährig geworden, hatte es mich hinausgelockt in die Freiheit. Mit einem Jugendfreunde, einem reich begabten Künstler, hatte ich die Fahrt ins Land der Sonne schüchtern, zaghaft unternommen, und nun Ivar ein jauchzender Bacchant aus mir geworden."
Mit einem trüben Lächeln sah er zu ihr hin, die sich während feines Erzählens langsam ihm zugekehrt hatte.
„Sie glauben es wohl nicht? Freilich, es mag schwer fallen, in dem Grillenfänger int Grauhaar den rosennm- kränzten Schwärmer wiederzuerkennen. Und doch —- es war so."
„Da war's, in diesen Tagen des Jauchzens und der Rosen, daß mir ein Mädchen begegnete — auf einem Künstlerfeste in Sorrent —, süß, zauberisch lieblich, berauschend für mich in ihrem Gemisch von verführerischer Grazie und kindlicher Unschuld in bett dunklen, strahlenden Augen — Ninon Laroche, eine junge Genferin aus vornehmem Patrizierhause, die mit ihrer Mutter zu längerem Aufenthalt int Süden weilte. Sie kennen sie — die Frau, die jetzt meinen Namen trägt."
(Fortsetzung folgt.)


