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Die Geschichte einer Blume.
Ms König Snbtoig IX. von Frankreich im Jahre 1270 während seines zweiten Kreuzzuges sich anschickte, Tunis W belagern, brach unter seinem Heere eine Seuche aus, die den größten Teil seiner Mannschaften in kurzer Zeit wegraffte. Der in der Heil- .und Kräuterkunde seiner Zeit wohlerfahrene König war der Meinung, daß ein Land, welches eine so verheerende Krankheit erzeuge, auch das Gegenmittel derselben hervorbriugen müsse. Er vermutete dieses Heilmittel, von dem das Geschick seines großen Unternehmens abzuhängen schien, in einem heilkräftigen Kraut, und bemühte sich, in eigner Person unter den ihur fremden Pslanzenformen Nordafrikas das rettende Mittel zu finden. Dieses glaubte er schließlich in einer Pflanze gefunden zu haben, aus deren grasähnlichen, bläulich bereiften .Blättern
droben auf den Berghohen seinem gefahrvollen Beruf nachging.
„Haben Sie noch Angehörige, Toni? Natürlich doch!" fragte sie ihn aus ihtem Sinnen heraus.
„Jo freili! Mein' Mutter und Geschwister. Der Vater ist schon lang tot." t
„Haben Sie auch schon eine Braut?"
Es schien ihr das eigentlich selbstverständlich. Sie kannte es nicht anders; die jungen Leute auf dem Lande in seinem Alter pflegten doch allerwärts eine Braut zu haben, wenn sie nicht schon gar verheiratet waren. Um so mehr verwunderte es sie, daß dem Toni plötzlich eine lichte Röte ins! Gesicht schoß und er nicht gleich Antwort gab.
Gottliebe glaubte im ersten Augenblick, sie habe da aut ein heimliches, noch nicht spruchreifes Verhältnis gerührt,' und die Sache machte ihr Spaß.
„Nun, mir können Sie's doch sagen, Toni," scherzte sie^ ,Zch kenn' ja niemand drunten in Trasoi, und ich bin verschwiegen."
„Na, na — ich hab' kein' Braut nit," versicherte aber der Toni hastig, noch immer mit seiner Verlegenheit kämpfend. Sie ahnte ja nicht, in welche heimlichen Gedanken.-!, gänge bei ihm sie gerade mit ihter Frage eben hinein^ geplatzt war.
Er war ja ein armer Teufel, der für Mutter und zehn junge Geschwister zu sorgen hatte; da konnte er nicht ans! - Heiraten denken wie andere Burschen seines Alters. Darum war er den Mädchen lieber ganz fern geblieben. Aber eben war ihm, gerade wie sie so vertraut mit ihm sprach, der Gedanke durch den Kopf gegangen, wie schön es doch sein müßte, so sein Dearndl zu haben und alles Leid und Freud' mit ihm teilen zu können. Aber wie er dann weiter im Geist die Mädchen seiner Bekanntschaft drunten an sich vorüberziehen ließ, da fand sich keine drunter, die er hätte haben mögen. Das hätte schon eine Feinere und Klügere sein Müssen, so eine, vor der er auch einen rechten Respekt haben könnte — kurz, gerade so eine wie das Fräulein da neben ihm.
Und nun plötzlich ihre Frage! Ein doppeltes Schämst gefühl trieb ihm die Röte ins Gesicht: daß sic ihn gerade! bei heimlicher Beschäftigung mit ihrer Person ertappte, und dann auch das andere, daß er ein gar so armseliger Wicht war. Er konnte ihr doch nicht sagen: „Ich hab' mich halt nach keiner Braut um tun können, weil ich es aus Armut nicht kann!" Denn wenn er auch ein armer Teufel war, so hatte er doch seinen Stolz, und lieber hätte er sich die Zunge abgebissen, als daß er sich so in seiner Blöße gezeigt hätte.
Gottliebe beobachtete ihn insgeheim von der Seite her, wie in sein noch immer rotflammendes Gesicht ein Zug von Trotz trat, des Aergers über dies verräterische dumme Rot. Sein Antlitz bekam dadurch einen ganz eigenen Reiz'; zu der kindlichen Offenheit und Gutmütigkeit kam so etwas recht Mannhaftes, und sie fand in diesem Augenblick, daß er eigentlich ein bildhübscher Mensch sei. Es reizte sie jetzt wirklich, zu erfahren, Was hinter seiner Berlegeu- heit sich versteckte. Sie konnte nicht recht an seine Worte glauben. Sicherlich hatte er irgend eine heimliche Liebe und leugnete sie nur aus Diskretion ab. Diese Verschlossen^ heit gefiel ihr aber gerade. Es steckte in seiner schlichtes Art eine natürliche Vornehmheit, etwas' Ritterliches. Sie wäre nun wirklich begierig gewesen, zu wissen, wie die ausschaute, die er sich insgeheim erkoren hatte. Und sie beschloh bei sich, drunten in Trasoi zu versuchen, gelingend- lich etwas darüber zu erfahren.
(Fortsetzung folgt.j
sogar unter Tonis sachkundiger Leitung! „stehend abzufahren"; es ging auch! schon ganz gut, bis sie plötzlich ins Nutschen kam, wankte und aus den Schnee sank.
Das gab ein Lachen ohne Ende, daß sie gar nicht wieder hoch kam, bis der Toni sie mit starkem Arm, aber doch so behutsam zart umfaßte und mit einem Ruck wie ein Kind hochhob und wieder auf die Füße stellte.
„Dank schön, Toni! Herrgott, Sie haben ja Riesen- kräfte!" bewunderte sie ihn. „Ich glaube, ich könnte ruhig abstürzen, Sie hielten mich spielend am' Seil!"
„Das könnten S' schon ruhig!" versicherte der Spänglcr treuherzig. „Els' ich Jhna losließe, eher stürzt' ich schon selbst lieber zum Abgrund 'nein."
„Wahrhaftig?" Ihr lächelnd aufleuchtender Blick drang ihm wie ein heißer Strahl ins Herz.
Toni wünschte sich in diesem Moment sehnlichst, sie schwebte ernstlich in Gefahr und er könnte sein Leben cin- setzen, sie zu retten.
„Sagen Sie," fuhr sie im Weitergehen an seiner Seite fort, „ist es auch hier im Ortlergebiet schon mal vorgckom- men, daß ein Führer mit seinem Touristen verunglückt ist?"
„Nit oft, aber Vorkommen ist's schon. Vor zwei Jahren ist dem Stadler-Franz sein Aelt'ster abgestürzt mit 'nem Herrn von der KönigsMtz'n."
„Wie? Unserm alten Stadler?" Gottliebe sah sich ganz erschrocken nach dem nachfolgenden Paar um. -
Der Toni nickte ernst. „Freilich, hier Herr ist nit stad g'west beim Stufenschlagen, wie der Stadler-Loisl grab' gebückt stund, und so hat's ihn mit 'nuntergerissen."
„Aber mein Gott, das ist ja entsetzlich! Der arme, alte Stadler!" Und mitleidig sah' Gottliebe nochmals zu ihm zurück.
Schweigend schritten sie einige Schritte Weiter, während deren sie ihren Gedanken nachhing.
„So verpflichten Sie sich doch eigentlich bei jeder Hoch- tour Ihrem Touristen auf Leben und Tod," kam es dann von ihren Lippen. Sie sah Toni ernst an; er erschien ihr plötzlich in ganz neuem Licht: Dieser junge Mensch da neben rhr trug eine schwere, große Verantwortlichkeit. Ein Menschenleben war ihm anvertraut, und er setzte sein eigenes, Leben dafür ein. Ernst fuhr sie fort:
„Ein schwerer Beruf, aber ein schöner! — Haben Sie auch, schon in ernster Gefahr geschwebt, Toni?"
Er antwortete nicht gleich; dann sagte er ruhig:
„Einmal bin ich mit einem! Herrn drüben im Oetztal gangen, am Wildm anns ko gel. Da hat uns auf dem Ferner der Nebel überrascht, und ich hab' den Weg nit amol könnt. Es war zudem Neuschnee gefallen, daß^ man die Gletscherspalten nimmer hat recht sehen können. Da ist's schon nit leicht gewest."
„Und wie sind Sie denn da wieder rausgekommen?"
„Ich hab' den Herrn halt an 'nen sichern Platz bracht und bin daun gangen, den Weg ausknndschaften."
„Allein — unangeseilt? Aber da hätten Sie ja doch furchtbar leicht verunglücken können!"
Der Toni zuckte leicht die Achseln.
„Es war doch halt meine Pflicht. Wenn ich am Seil gangen wär' und hält' Malheur gehabt, nachher hält' ich den Herrn leicht auch noch mitgerissen."
Gottliebe erwiderte nichts; aber eine stille Hochachtung vor dieser schlichten Größe der Gesinnung kam über sie. Den Rest des Wegs zur Ferdinandshöhe legten die beiden in ernster Unterhaltung zurück. Sie ließ! sich von dem Späng- ler Näheres über seinen Beruf erzählen, und mit lebhaftem Interesse lauschte sie seinen Worten. Sie wurde dabei immer nachdenklicher.
Was für ein hartes, armseliges Leben wär das doch! . So monatelang während! der Saison Tag für Tag auf der Tour, nachts nur wenige Stunden Schlaf, zusammengepfercht mit anderen Führern auf hartem Strohlager, und des Tags über während der Tour die Kraft hcrzugebeu im Dienst fremder Leute, immer mit dem Bewußtsein, jeden Augenblick vielleicht für sie sich opfern zu müssen! Was bedeutete dafür der Führersold von wenigen Mark? Um so weniger, als in den übrigen drei Vierteln des Jahres der Verdienst ganz kärglich war in dem kleinen, walten tlegenen Gebirgsnest, wo es höchstens einmal etwas Waldarbeit für den Förster zu tun gab. Und nicht allein, daß er für so geringes Entgelt sein Leben in die Schanze schlug, er arbeitete vielleicht noch für andere, die er erhalten half. Eine MUtter, vielleicht eine Braut bangten sich um ihn, während er da


