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Lirnenrsulch.
Roman von Paul Grabern.
"Nachdruck verboten.)
... (Fortsetzung.)
■ „Da", Führer, wollen Sie auch, trinken?"
Herablassend hielt Bessow dem Spängler das" Glas hin. Nach einiger Ueberlegung erst, aber schließlich: So fatal es auch war, mit diesen Leuten aus einem Glas zu trinken, tncnt konnte sie doch nicht gut dursten lassen, wo man selbst sich labte.
„Danke! Ich hab schon selbst Getränk mit."
Der abwehrende Ton machte Gottliebes feines Olft dufhorchen. Sie sah zu denr jungen Führer hinunter, der aus seinem Rucksack, nachdem er ihren reichlichen Proviant herausgelegt hatte, nun ein bescheidenes Fläschchen mit kaltem Tee und em eit blechernen Trinkbecher vorholte. Das rührte sie; sie hatte auch Bessows kühle Herablassung eben empfunden und beschloß, das rasch gutzumachen.
„Aber nein, Toni! Das gibt's ja nicht," wehrte sie ihm ab und goß schnell aus ihrer Wasche den Becher bis an den Rand voll Wein. „Wir teilen selbstverständlich getreulich — Gefahren und Proviant!" scherzte sie. „So — und nun müssen Sie auf mein Wohl trinken."
Sie reichte dem Spängler das Glas mit so herzlichem Lächeln zu, daß er sein erstes Widerstreben alsbald aufgab, den Becher nahm und mit einem schnellen Zug bis auf "den Grund leerte; dann reichte er ihr, ein Aufleuchten des Dankes in den Augen, das Glas wieder zu. Sein naiver; Eifer, ihr durch die Tat zu zeigen, wiexehrlich er's meine,- machte Gottliebe wie Bessow lächeln; -aber während bei dem letzteren ein sarkastisch-mitleidiger Zug um die Lippen spielte wegen der tölpelhaften Manieren dieses Burschen, streifte Toni cüt wohlwollender Blick aus des Mädchens Augen, eine leichte Befriedigung, daß ihre Macht sich auch an ihm so spielend bewährte. Sie fand es ganz originell, zur Abwechslung auch einmal die schüchterne Huldigung eines solchen Naturmenschen in Empfang zu nehmen.
Das Frühstücken hier, 3500 Meter hoch, im ewigenj Eis und Schnee, fand selbst der Regierungsrat ganz reizvoll. Er hatte sich so gesetzt, daß er möglichst weit von dem steilen Abhang saß und von diesem nichts sah, während der hinter ihm sitzende Stadler ihm den Rucken deckte. So fühlte er sich ziemlich sicher, und Gottliebes scharmantes Wesen im Verein mit der anregenden Wirkung des roten Terlauers stimmte ihn ganz lustig. Tas nahm seine Begleiterin rasch wahr.
„Also nicht wahr, nun ist es abgemacht? Wir.machten den Ortler — übermorgen, gelt, Stadler?"
„Jo freili. Da steht sich nix in Weg," nickte ihr der Alte zu, sich sein Pfeifchen stopfend.
„Ja, Pardon, erlauben Sie — eigentlich haben wir doch noch gar nicht ernsthaft über die Sache gesprochen!"
wandte sich Bessow zu 'Gottliebe, unangenehm aus seiner behaglichen Frühstücksstimmung aufgeschreckt. Der Gedanke, daß die Schinderei von heute sich ^gleich übermorgen wiederholen und eilte vermehrte Auflage erfahren sollte — er warf einen scheuen Mick zu der mächtigen Pyramide des Ortlers drüben hinüber — war ihm höchst fatal.
„Aber, liebster Herr Bessow, Sie werden doch jetzt nicht abstoppen? Jetzt, wo Sie sich so schön eingelaufen haben!"
„Ich muß gestehen, daß mich mein Ehrgeiz in dieser Beziehung absolut im Stich läßt. Meinetwegen könnten die Berge samt und sonders unbestiegen bleiben! Ich bin heute doch nur Ihrer Frau Tante zu Gefallen mitgegangen, Fräu-i lein Rhhngaert."
„So gehen Sie das nächste Mal mir zu Gefallen mit!" bat sie mit einem Aufleuchten in den Augen, das ihn plötzlich ganz warm machte. Wer noch immer zauderte er.
„Sehen Sie — wenn Sie nicht mitkontmen, wird ja düs der ganzen Sache nichts. Und ich freue mich doch so rasend auf die Ortlertour! Allein kann ich doch nicht gehen, Tantes wegen und überhaupt nicht — also lassen Sie niich doch nicht im Stich, Herr Bessow! Bitte, bitte!" _ -
Sie bettelte wie ein Kind, mit so warmen Blicken, eine solche anschmiegende Weichheit im Wesen, daß er darüber alle Strapazen und Verwünschungen von vorhin vergaß. So hatte er sie ja noch nie gesehen. Donnerwetter, was steckte in dem Mädel drin! Wenn er das damit erringest konnte, wollte er zehnmal aus den Ortler klettern! Und schnell streckte er ihr die Hand hin, sie bedeutungsvoll äü- blickend:
„Ich komme mit! Sie dürfen auf niich zählen, Fräulein Rhyngaert — zu jeder Stunde, immer!"
Gottliebe überließ ihm ihre Hand, seinen vielsagenden,; heimlichen Druck anscheinend ganz harmlos erwidernd.
„O ivie fein! Bielen Dank! — Famos, nun geht's wirklich auf den Ortler!" Und während ihr Auge den Regierungsrat dankbar-glücklich anstrahlte, tupfte sie dem Spängler- Toni zu ihren Füßen heimlich leise mit der Fußspitze gegen den Rucksack. Der verstand das Signal, und der Stetiger, der in ihm über ihr Schöntun mit dem faden Kerl da neben ihr gegrollt hatte, verflog alsbald. Bewies ihm doch ihr heint- liches Zeichen deutlich, daß das alles nur Maskerade gewesen war, unt ihr Ziel zu erreichen. O, das Mädel war schlau! Zum Lachen, wie ihr der Gimpel ahnungslos eben auf den Leim gegangen war!
So waren sie denn alle vier bester Laune, auch der alte Stadler; denn als Vater einer zahlreichen Familie war ihm in diesem Regensommer eine Ortlerführung immerhin eine gern mitzunehmende Einnahme. Der Abstieg ging lustig, vor sich. Namentlich das Hinabgehen auf dem ungefährlichen sanften Haug des Ebeuferners, nachdem man erst den Kegel wieder glücklich hinabgekommen war, machte selbst denk Regierungsrat ein Vergnügen. Da brauchte man sich verständigerweise mal nicht anzustrengen. Gottliebe versuchte


