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Schon bevor Vulpius seinen vielbewunderten und vielbeweinten Briganten aus dunklen Waldesklüften auftauchen ließ, hatte schon der Wuber als Romanheld die Herzen des Publikums erschauern lassen, und einen besonderen Impuls hatte dieser Zwerg der Un­terhaltungsliteratur durch Schillers Erstlingsdrama, durch fernen Verbrecher aus verlorener Ehre" empfangen. Vulpius aber schuf nun einen eigenen Stil für den Mnberroman, der für eine ungeheure Flut von derartigen Büchern vorbildlich wurde und diese von dem Spieß, Cramer, Schlenkert u. a. gepflegte Untep- strömüng der Romantik erst eigentlich entfesselte. Seinen Helden hatte der Bibliothekar nicht frei erfunden, sondern Rinaldo hat wirklich existiert, freilich nicht als verführerifcher Don Inan und edler Rächer der Unschuld, sondern als ein gefährlicher Wegelagerer und Verbrecher, der seine schimpfliche Hinrichtuim gar wohl ver--, dient hatte. Die Taten dieses italienischen Briganten waren durch den Bänkelgesang auf Jahrmärkten auch in Deutschland ver­breitet; ja es gab sogar löschpapierne Büchlein, die vonRinaldo Rinaldini, dem berühmten Briganten" berichteten. Vulpius soll auf einer seiner Reisen in Regensburg solch ein Schriftchen gefunden und die Anregung für sein Buch daraus erhalten haben. Aber nicht diese dürren Tatsachen waren es, die den Zauber und den außerordentlichen Erfolg dieses Romans begründeten. Wichtiger war es, daß der Autor, durch die italienische Vorlage verführt, seine Geschichte gurrt erstenmal in das klassische Land des Brigantentums verlegte, daß er seine Hauptfigur rührender und verführerischer machte, indem er ihr etwas von dem hochherzigen Menschenbeglückertum Karl Moors und von der lockeren Sinnlich­keit des HeinseschenArdinghello" verlieh. Liest Man heute das einst so gierig verschlungene Machwerk, so findet man, daß die rasch ermüdender Schilderung renommistischer Heldentaten und ge­fährlicher Abenteuer immer wieder durch süßliche Liebesszenen mit unzähligen Schönen unterbrochen wird und kann den Fort­schritt der Handlung nur an dem steten Wechsel der Namen, an den vorübergleitenden Gestalten der Aurelie, der Rosa, Olympia, Laura, Dianora, Sirene usw., seststellen. Die Mischung von Edel­mut und Verbrechen, vorr Unwiderstehlichkeit unb Melancholie wird noch pikanter gemacht durch ein Element des Mystischen, das der geheimnisvolle Alte von Fronteja, der sich natürlich als sein Vater herausstellt, vertritt. Die phantastische Welt der geheimen Gesellschaften spielt hinein in die mit Zigeunerinnen, Gräfinnen und Türkinnen bevölkerte Haremsstimmung des Ränberhanpt- manns.

Zn dem Bekanntwerden des Romans, der 1798 zunächst in drei Bänden erschien, trug die überall herumgeflüsterte Mär bei, Goethe habe dem Schwager bei dieser Geschichte geholfen, gerade so wie Marr später erzählte, Vulpius sei der eigentliche Ver­fasser der Xeniert. Natürlich ist davon kein Wort wahr, sondern Vulpius war der alleinige Vater des Ro-Mans und stolz konnte er sich auf dem Titelblatt seiner späteren RomaneVerfasser des Rinaldo Rinaldini" nennen. Die in den Text -eingestreuten Liedchen und Romanzen wurden rasch poprrlär, wie überhaupt der Bearbeiter vielgespielter Operettentexte Manch hübsches von Dittersdorf, Hummel und Hänsler komponiertes Liedchen ge­schrieben hat. Am bekanntesten Ivnrde die auf eine Volksmelo­die gesungene RomanzeIn des Waldes finsteren Gründen, Und in Höhlen tief versteckt", die selbst bis in unser Jahrhundert noch hereintönt. Sogar die Kritik nahm den Roman freundlich auf; er wird in der allgemeinen deutschere Bibliothek eineangenehme Unterhaltung" genannt; der Verfasser verstehe die Kunst, Charak­tere zu zeichnen und Begebenheiten zu ordnen, seine Sprache sei rein, edel, reich und biegsam'. Irr der elften Auflage des Buches stirbt Rinaldo den Heldentod in den Armen einer seiner vielen Geliebten. Als er nun überall so populär wurde, schien es dem praktischen Vulpius rrnklng, ihn so früh sterben zu lassen, und so ließ er ihn in der FortsetzungFernando Fernandmi" wie­der aufieben. Eine zweite Fortsetzung folgte dann erst zwanzig Jähre später. Unterdessen aber hatte Vulpius noch einen ähnlich klingenden RomaniOrlando Orlandiui, der wunderbare Abente»- rer" geschrieben, und seine Nachahmer konnten sich nicht genug tun in ähnlichen Titeln, wieConeino Coneini",Roeeo Roeeini",Ro­lando Rolandini" oder inSeitenstücken" unbGegenstücken" zu'M Rinaldo. Auch bramatisiert würbe ber Stoff in ellenlangen vielaktigen Schauspielen, unb so war bnrch bieses eine Werk eine ganze Literaturmode, eine Jahrzehnte anhaltende Frenbe an Räubergeschichten hervorgernsen iöoibert.

Vermischter.

* Als eine ber glänzendsten Waffentaten des deutsch-französischen Krieges darf wohl der Sturm auf bas Schloß Chamborb vom 9. .Dezember 1870 gelten, bei dem 51 Mann unter Führung zweier Offiziere ohne jeden Verlust über 3000 Mann -aus dem* festen Schlosse vertrieben und außer 200 Ge- fangenen reichliche Beute machten. Sie wirb uns eben wieder lns Gedächtnis zurückgerufen durch die vorr Oberst Weimer gegebene Biographie des Hauptmanns und späteren Majors Kattrein, des Führers jener kleinen- Heldenschar, in benr vor kurzem erschienenen ersten Hefte der im.Auftrag der Historischen Kommission fiir das Großherzogtum Hessen herausgegebenen Hessischen Biographien.

* Der LvLn einer guten Tat. Ein Darlehen von .7 00 Dollar, väs Dr. S- Higley aus Wellston in Ohio vor einem Biertreljahrhundert entern damüls Hart ums Leben kämpfen-i den Farmerburschen Charles Froelich gab, hat nunmehr dem Darleiher mehr als tausendfältige Frucht getragen. Mit dem; geliehenen Gelbe Verschaffte sich ber junge Froelich eine gute Ausbildung ünb ging dann als Bergwerks-Ingenieur nach Llustra- tien. Hier hatte er Glück unb konnte nach 8 Jahren seinem Wohl­täter bte Schuld mit Zinsen itrtt> 'Zinseszinsen zurückzahlen. 'Froe­lich besuchte damäls Dr. Higley, -erzählte, daß er tn Australien Mehr etKepbe, als er in seinen kühnsten Träumen gehofft, und wär voll Dankes für feinen Men Gläubiger. Dann hörte dieser,- der unterdesserr älter tourbe Und jetzt, tob er -das 70. Jähr erreicht hat, in bescheidenen Verhältnissen lebt, lange nichts mehr v-ost Froelich, bis dieser Tage -ein Rechtsanwalt aus Melbourne in Wellston eintraf und Higley die Mitteilung Machte, daß Froelich gestorben sei und ihm sein ganzes Vermögen von etnerMilliou Dollar Hinterbassen habe.

K.-K. Vom Frauenschuh. Der fast wie ein Tropen­gewächs aussehende Frauenschuh (Cyprip6dium calcSolus) ist viel zu farbig, zu seltsam geformt, um unbemerkt zu bleiben. Seine grell­gelbe, blasig aufgetriebene Lippe, an Form einem Holzpantoffel nicht unähnlich, zeigt oben eine kleine, eirunde Oeffnung, die durch die Narbe beinahe verschlossen ist. Kommt mm ein kleines Insekt an den Rarrd dieser Kesselfalle, so gleitet es leicht an der glatten Innen- waird der Höhlung hirruirter. Selbst eine Fliege, die sich dach sonst an Glas festzuhalten versteht, rrruß diese unsreiwillige Schlitteirfahrt mitmachen. Nun ist sie aber in dem Kessel nicht ganz hil-los ge­fangen, fortberit an einer Stelle ist die Wand dicht mit Haaren bewachseir, an denen sie mm emporfleftern kann zur goldenen Frei­heit. Zuvor aber muß sie ein kunstvolles Türchen passieren: die Antheren versperren ihr beit Weg, und wenn sie das Hindernis nun beiseite schiebt, beschmiert sie sich über und über mit dem kleb­rigen Blütenstaub. Besucht sie dann später einen zweiten Frauen­schuh, bann kann es nicht ausbleiben, baß sie dort die der Be­fruchtung harrende Narbe bestreicht. So vollbringt sie ganz nebenbei, während sie uaeh süßen Blütensästen sucht, eine für den Fortbestand des Frauenschuhs außerordentlich wichtige Ausgabe. Es ist noch nicht allzu lange her, da verwendete man den Frauenschuh an Stelle der teueren, tropischen Orchideen zum Schmuck der festlichen Tafel und zum Anstecken. Das waren Zeiten, in denen der Frauenschuh noch in allen Mittelgebirgen Süddeutschlands ziemlich häufig vor- kam. Heute ist das alles vorbei. Tie Naturverwüstung hat das Ihre getan, den Frauenschuh zu dezimieren, ja ihn da unb dort auSjurotten. Heute ist er eine Seltenheit geworden, ist im Aus­sterben begriffen. Mit Freude ist es daher zu begrüßen, daß sieh staatliche Behörden der Sache angenommen haben. In den meiften süddeutschen Staaten sowohl wie in bet Schweiz und in Frankreich ist das Abreißen, Ausgrabeit, sowie das Feilhalten der schönen Pflanze bei Strafe verboten. Jeder, der feine Heimat liebt, sollte es als Ehrensache betrachten, dafür zu sorgen, daß diese Gebote nicht verletzt werden.

Viichertisch.

Das literarische Echo. Halbmonatsheft für Site- ratnrfrennde (Begründet von Dr. Josef Ettlinger. Herausgegebeit von Dr. Ernst Heilborn. Verlag: Egon Fleische! u. Co., Berlin W. 9). Das 2. Juniheft ist soeben mit folgendem Inhalt er­schienen: Martin Brusot: Einiges über Erotik. Hans Friede- berger: Ein deutsches Epos. Ernst Heilborn: Caroline. Richard Schaulal: Französische Briefe. Hermann Uhde-Bernays: Kn- rteufe -Geschichtsklitterungen. I. E. Poritzky: Humoristtka. Else Lasker-Schüler: Zwei Gedichte. Walter von Molo: Das Künstler- drama. Echo der Zeitungen und Zeitschriften. Echo des 'Auslands. Kurze Anzeigen. Notizen. Nachrichten. Michermarkt.

Tauschrätsel.

Magd Esche Sichel Bier Regen Leber Ost Keller Zopf.

Die Anfangsbuchstaben vorstehender Wörter sind mit anderen Buchstaben derart zu vertauschen, daß man ebensoviele neue Wörter erhält, Seren Anfangsbuchstaben beit Namen eines Erfinders ergeben.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung der Schach-Aufgabe in voriger Nummer: Weiß. Schwarz.

1. Df 8 c 5 Tdl c 1, bl ob. al

2. T d 4 c 4, b 4 ob. a 4 beliebig.

3. D c 5 g 1 f tt. matt.

A.

1. Tdl d 2:

2. T d4 d 2 : Ke 1f 1

3. D c 5 g 1 f u. matt.

B.

1. Kelflob. f2

2. T d 4 f 4 f beliebig.

3. D c 5 g 1 s- n. matt.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen«