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Art Sisyphusarbeit: dort rollte der Stein, den Sisyphus den Werg hinaufschleppte, wieder hinunter, während bei dem Agenten dre Spange immer wieder hinaufkriccht. Tie Natur hat jedes Geschöpf, das sie schuf, mit besonderen Merkmalen versehen, und cs ist töricht, diese zerstören zu wollen.

Als der Agent in mein Zimmer trat, machte er eine tiefe Verneigung, wobei seine Metallspange aufblitzte, und er murmelte: Verlieren Sie nicht den Mut!"

Bitte, nehmen Sie Platz," entgegnete ich.Ich freue1 mich. Ihnen mit etwas dienen zu können."

.Eines Tages kommen wir alle dorthin," bemerkte der Agent nnt unbestimmtem Ton.

Der eine früher, der andere später," fügte ich als notwendige Ergänzung hinzu.

Ja," gab er zu.Und man fragt sich: Wozu hat der Mensch gelebt t

Ich seufzte.Bon Staube bist du, zu Staube wirst du. . . so heißt es doch

Was hilft's. Sie dürfen den Mut nicht verlieren. . Er schivieg eine Weile und fragte vorsichtig, indem1 er einen un­sichtbaren Boden betastete:Es tont ein Mensch, der Muen nahe stand." ; . ! ,

Gewiß. Boni ersten Lebenslage an."

Ah! Ein Kind."

Ein wahres Kind!"

-Ein Knabe oder Mädchen?" ,

.Ntan kann wohl sagen ein Mädchen." ' '

'Es wird ihr dort besser ergehen. Tas Kind hatte noch'keine Zeit zu lundigen,, und deshalb harret seiner ein Engelsdasein."

O, wenn mir das jemand garantieren könnte," sagte ich seufzend. _Denn ich vermute, daß sie in ihrem Leben nicht wenig geiündigt, hat."

Ach, was sagen Sie! Was für Sünden können das sein? Wenn sie sie auch mit ihrer Ausgelassenheit manchmal ge­ärgert hat, haben Sie -es dem Kinde wirtlich verargt?"

Sie sind zu liebenswürdig, sie ein Kind zu nennen," be­merkte ich. _sie gab sich zwar Mühe, recht jugendlich auszusehen, aber man^ah ihr dennoch ihre 36 Jahre oft an." -

36 Jahre!" entgegnete der Agent erstaunt.Sie sagten doch, sie wäre ein wahres Kind."

wiederhole ich auch jetzt. Frauen haben sehr viel Kindisches an sich lieber Freund."

Sie dürfen den Mut nicht verlieren!" sagte der Agent. -Ter Verlust einer geliebten Frau ist ein großes Unglück, aber man darf nicht verzweifeln. Verzweiflung ist eine große Sünde."

Ich glaube nicht, daß ich diese Sünde begehe."

Wenn Ihnen aber schwer ums Herz fein sollte, so sprechen Sie ein Gebet. Ein stilles Gebet erleichtert das Herz, und auch ihr wird die Erde leichter werden."

Ich danke Ihnen. Ihre Ratschläge sind mir ein Balsam." Jeder Mensch hat seine Pflichten," sagte er bescheiden.Auch mochte ich noch hinzufügen: Leben Sie in der Hoffnung, daß, ®Te ihr emes Tages dort begegnen. Früher oder später muß jeder Mensch sterben. Stirbt er früher, so hat er weniger ge« sündlgt, stirbt er später, so wachsen feine Sünden."

Jut Verhältnis zu den durchlebten Jahren," sagte ich seüfzend.

Ja. Haben Sie Mut! Tie ersten Augenblicke des Verlusts sind sehr schmerzlich, aber allmählich wird alles vergessen. Sie tonnen eine andere finden, sie lieb getoinnm und noch glücklich werden. _ Und ich denke, daß die treue Verstorbene Ihnen ans dem jenseits ihren Segen zu einem neuen Glück geben wird . . "

.O, ich denke, sie wird nichts dagegen tzahen. Im Gegen­teil, sie wollte mich zu Lebzeiten stets verheiraten."

Nun, wissen Sie das ist schließlich nicht so wichtig. Jetzt steht man solche Tinge anders an, als früher. Wenn Sie sie als Ihre Gattin geliebt haben, wird die Kirche es ihr verzeihen und sie in ihren Schoß- nehmen."

.Sie sind in einem- kleinen Irrtum befangen," versetzte ich mit einem traurigen Lächeln.Ich habe sie niemals wie eine Gattin geliebt. Sie war mir eine gute Tante."

Verzeihen Sie, ich Hatte Sie nicht verstanden. . . Sie haben also Ihre treue Tante verloren."

Leider."

Was ist zu tun ? Wir kommen alle dahin. Kein Mensch entgeht seinem Schicksal. Es- -ist natürlich sehr traurig, eine Tante Sh verlieren, aber viel schliminer ist, eine geliebte Gattin oder ern Kind zu verlieren."

Das stimmt," sagte ich mit einem wehmütigen Lächeln.

-Tanten gibt's viele, aber man hat nur eine Frau."

lxyft es nicht so?" fiel der Ment lebhaft ein.Aber eine ante ift nicht wie die andere. gibt Tanten, lieber Gott!"

Die wahren Hexen," bestätigte ich.

Haha! Das ist wahr! Ich will Ihnen offen sagen: so mancher Kunde ist froh, wenn eine Tante das Zeitliche gesegnet hat.

Was Sie sagen! Das ist spaßhaft!"

Und wie spaßhaft! Man kommt um den Auftrag entgegenzu­nehmen. sagt zu dem Kunden die üblichen Worte: Haben Sie Mut und derartiges mehr, ... da sagt er plötzlich: Haben Sie selbst Miit!"

Ha, ha, ha!"

Bei Manchen Begräbnissen geht es direkt lustig ujcn ^,rKn hat $ante md) toar ltnb ein hübsches Stimme Sie sich, Meine verstorbene Tante gehörte zu dieser Kategorie, uh habe von ihr vierzigtausend geerbt."

r" IS stud ein Spaßvogel!" sagte der Aaent und ffnoffp iA^nrnt ich löse mich auf und tröste ihn. Nun,

gratuliere ^chnen, ich gratuliere. Aber ich hoffe doch, daß bei einem solchen Vermögen alles zugeht, tote es sich gehört."

Alles, toie es sich gehört," beruhigte ich den Agenten , Sie toanbt'er5"9^1' C C bocf) nid)t "»s, toie ein untröstlicher Ver- tlI he, he! Es ist ein Vergnügen, mit solchen Kunden zu rfte müssen totsten, totr haben auch ein Herz, toir |in& aud) Menschen . Wenn ein Hinterbliebener in das offene @raö mitgehen oder sich den Kopf an dem nächsten Grabstein zer­schlagen will, so ist das auch für uns kein froher Anblick." c mein Haupt brauchen Sie nichts zu fürchten. Noch ist der Grabstein nicht gemeißelt, der mir gefährlich: werden könnte."

- Erlauben Sie, daß ich maßnehme?" Maßnehmen? . . . Wofür?"

Für den Sarg ..." >

.. 'st nicht nötig Für Mich hat es noch Zeit, für die Tante ist es zu spät." 1

Wieso denn zu spät? Die Verstorbene ist doch wahrscheinlich iM Nebenzimmer?

hier ndn' tooS rcben Sie, Gott behüte . . . Sie ist nicht

Wartet die Verblichene in, einer anderen Wohnung?" befindet" Saube sich in einem ErtoartungszustänÜ

n- dlgent erhob sich beunruhigt, sah mich an und fragte:

Erlauben Sie, Ihre Tante ist doch wirklich gestorben?"

O, dafür bürge ich Ihnen."

Sie muß also eine Beerdigung und einen Sarg haben?"

Wie soll ich ^hnen sagen... An einer Beerdigung wird Ihr wohl kaum etwas liegen, aber einen ©arg, einen schönen, neuen Sarg könnte sie wohl gebrauchen. Ich weiß übrigens- nichts wie das bei- Ihnen Sitte ist. ."

Erlauben Sie, bei uns sind alle Särge neu . . ."

. . i I hne n . Ja, das glaube ich. Aber dort bei ihnen

wohl nicht, denke, sie wäre ganz froh, ihren mörschen, alten Bretterkasten gegen einen neuen Sarg zu vertauschen"

Verzeihen Sie, verzeihen Sie," sagte der Agent zerstreut, iw, dem er Den Kopf zu verlieren begann.Sie sagten doch, Ihre Tante sei gestorben. Wann ist sie gestorben?"

Vor drei Jahren! Haben Sie MUt!" ; :

Warum haben Sie mich denn herberufen?"

Wer hat Sie herbemfen? Ihr Institut hat bei mir aw­gerufen und nur vorgeschlagen, Sie herzufchicken."

Aber Sie halten mich ja von der Arbeit ab . . ."

Ihr Institut hat mich ebenfalls von der Arbeit abgehalten Uebrigeiis verstehe ich Sie nicht. Anstatt sich zu freuen, daß bei Mir alles tu bester Ordnung ist, schreien Sie mich an und scheli- ten mit mir, weil ich feinen Toten im Hause habe. Verlierest Sie nicht den MUt!" '

Noch einmal toird's Ihnen nicht gelingen, mich herzulocken," brummte er wütend, während er feinen Hut aufsetzfe.

r wünschte ich das! Sie sehen doch, daß unsere Ge­

schäfte zu sehr ausemanöergehcu: was für uns schlecht ist, daraus ziehen Sie Ihren Vorteil."

Ein Hundeleben!" brüllte der Agent, drehte sich utol und verriet mit seiner Metallspange noch ein übriges Mal seinen Beruf.Em Hundeleben!"

5- enn£d ist «s besser als der Tod," entgegnete ich philot- sophisch, indem ich ihn zu Tür begleitete.

Der Verfasser des Rinaldo Rinaldini-

I (Zum 150. Geburtstag vöu CH. A. !Vnlpiu s.)-

Die launische Göttin des Nachruhms, die ihre Gaben an Gerechte und Ungrechte verteilt, hat ans der Zahl der kleinen und kleinsten Literaten, die in der Glanzzeit von Weimars ßiteraturMüte neben den leuchtenden Sonnen unserer Klassiker ihr kümmerliches Lichtlein entzündet hatten, einen der unbedeutendsten zu ihrem besonderen Liebling auserkoren. Der Sekretär an Der herzoglich- toeimari-schen Bibliothek Christian August Vulpius würde in der Literaturgeschichte nur als der Schwager Goethes, höchstens noch als ein vi-elgeschäftiger Bearbeiter von Theaterstücken und Opv- rettentexten fortleben, die Kulturhistoriker svürden seinen Namen noch kennen als den des Herausgebers der auch «heute noch un­entbehrlichen großen MaterialsammlungKuriositäten der physisch­literarischen, artistisch-historischen Vor- und Msttwelt", wenn der eifrige Federheld nicht bei feinen verschiedenartigsten Versuchen, durch Schriftstellerei sein kümmerliches Einkommen zu vermehren, den klastz ischen Räuberroman _ in die Welt gesetzt hätte, denRinaldo Rinaldini". Nur dieses Buch noch hält die Erinnerung an den Bruder von Goethes Christiane wach, dessen 150. Geburtstag auf den 22. Juni fällt. (Nach anderen Angaben ist er freilich schon 1762 geboren.) . i