Ausgabe 
21.6.1913
 
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Linthardt sein, mein Erstgeborener? An lvelchem Wacht­feuer mag er sitzen? Ich kann und darf ihm nicht zürnen, daß noch keine Nachricht von ihm da ist. In diesen harten Krieqszeiten, wer soll da für sichere Post bürgen!"

Gisela trat hinter ihres Vaters Stuhl und preßte ihr Tuch vor den Mund. Sie hätte sonst aufschreien müssen vor Weh und Scham, Vor Weh um den Bruder, vor Scham, daß sie dem alten Vater so schändlich die Wahrheit vorent­halten mußte. Tempel sah betreten zu Boden. Ta klopfte es an die Tür, und er benutzte diese Gelegenheit, sich abwenden zu können. Er ging hin und öffnete.

Herr Pfarrer, Sie sollen doch mal zu Etzinger kommen!" Ls

Skeht's so schlimm um den jungen Etzinger?"

Ich weiß es nicht," sagte der Bote,aber vielleicht." Laßt mich nochmals mitgehen! vielleicht kann ich der Schreinersfrau hilfreich zur Hand gehen!"

Geh, mein Kind, und schau dich nochmals um, ob du etwas von Werner erfährst!"

Der Pfarrer und Gisela eilten nun nach Etziugers Haus. Da stand der alte Stelzfuß davor und sagte fast barsch zu Gisela:Sie rief ich nicht, Baroneß^, ich muß mit dem Pfarrherrn allein sprechen!" Und er zog diesen in das Haus.Mein Junge..."

Geht's ihm so schlimm?"

Nein, er ist ganz vergnügt. Das Fieber hat nach­gelassen, aber er hat mir nun erzählt, was die Baroneß nicht hören darf!"

Um Gottes willen, von Werner?" .

Ja, er ist schwer verwundet!"

Unser Werner?"

! ,Mas ist mit Werner?" rief Gisela, die vor dem Hause den erschrockenen Ausruf des Pfarrers gehört hatte. Sie faßte den alten Etzinger hart an und bat flehend:Ach, was ist mif Werner, sagen Sie es mir! Sic sehen zu Boden, er ist schon tot?"

Mein, nein, er lebt! Nur nicht gleich so kopf­los. Er ist verwundet tote hundert andre, Fridolin sah, wie ihn Träger forttrugen, wahrscheinlich in das Schloß !"

Ach, Herr Pfarrer, kommen Sie, wir wollen ihn suchen, damit wir ihn heimbringen können!" Und nun eilten sie wiederum in das Schloß.

Da lag einer im heftigsten Fiber, nnb an seinem Lager kniete Toinette von Bourgee. Mit einem Schwamm kühlte sie ihin die glühenden Hände, und dann legte sie ihm kalte, feuchte Tücher auf die Stirn. Wenn der Ohnmächtige auf (Augenblicke zu sich kam, faßte er nach der Pflegerin Hände und fuhr kosend darüber hin, und ein glückliches, fast fröh­liches Lächeln glitt, über sein Antlitz. Und nun fragte er mit matter Stimme:Wer sind Sie?"

Sie müssen ganz, ganz ruhig liegen, mein Freund, und kein Wort sprechen, sonst muß ich gehen!" Da hielt er sie mit beiden Händen fest und schloß die Augen.

.! Pfarrer Tempel und Gisela traten an das Lager. Toinette wollte sich erheben, aber der Kranke hielt sie fest, und seine Lippen bewegten sich, und ein Schatten des Unmuts und der Trauer zeigte sich auf seinem bleichen Besicht. Gisela ließ sich auf die Knie nieder und beugte sich ßber das Lager, und mit tränenerstickter Stimme sagte fle:Es ist Werner!" Sie hauchte einen Küß! auf die Stirn, u nd als sie die Bemühungen Toinettes sah, sich sanft aus den Händen des Fiebernden zu winden, sagte sie leise:Lassen Sie, Fräulein, vielleicht sind Sie sein letztes Glück!"

Der Kranke fuhr beim Klange dieser Stimme em­por.Gisela, meine Gisela, endlich kommst du!"

du Blutstrom aus dem Munde überschüttete Hemd und Lager. ! Toinette, die der Kranke bei diesem Anfall frei- gegeben hatte, stand auf unb holte den Arzt, mit dem sie leise sprach. Pfarrer Tempel trat hinzu:Können wir den Aermsten nicht überführen in das Haus, wo fein Vater wohnt?"

Wer ist das?"

Freiherr von Altenlohe, der frühere Herr dieses Schlosses!"

Ach der? Ja, ich habe gehört von ihm. Sein Aeltester weigert sich beharrlich, zu kämpfen, nicht wahr? Ja, ja. Aber den Junker müssen Sie lassen, wo er liegt!" Und flüsternd führ er fort:Er stirbt unterwegs. Die ge­ringste körperliche Erschütterung reißt seine Lungenwünde theiter!"

Wird er genesen?"

Der Arzt schüttelte den Kopf. Pfarrer Tempel kämpfte seine Erschütterung nieder. Nun trat er wieder zu Gisela, die mit sanfter Stimme dem Todwunden Trost und Mut zu­sprach.

Werner schien dadurch ganz zur Besinnung gekonrrnen zu fein.Wie geht es dein Vater?" Das zweite Mal, daß die Schwester an diesem Abend von einem Bruder nach des Vaters Ergehen gefragt wurde. Die Antwort mußte notgedrungen anders ausfallen, als das erste Mal.

,Gut, mein Werner, wir wollen ihn herholen oder dich zu uns tragen!"

Das geht nicht, Gisela, ich muß sterben!"

Nein, mein Werner, du mußt und wirst nicht sterben. Schau, ich pflege dich gesund!"

Du, Gisela? Tu willst es tun, Und nicht mein Engel?"

Welcher Engel?"

Der mir vorhin so wvhlgetan, der mich gekühlt, der mir Wasser und Wein gegeben hat. Wer ist dieser holde Engel?"

In Gisela kämpfte es hart. Sollte sie dem Bruder sagen: Sie gehört zu denen, die uns die Heimat nehmen! Sie sah in Werners Augen, sie sah, toie sie in seliger Erinnerung glänzten. Nein, hier wäre Wahrheit grausam, hier war eine Unwahrheit linder Balsam und machte das Sterben fröhlich. Und sie sagte:Dein Engel ist eine Krankenschwester, ein gutes, liebes Wesen!"

Hab sie lieb um meinetwillen!"

Gisela schlug die Augen zu Boden und schwieg.

Tu willst sie nicht lieb haben, Gisela, du willst nicht?" und er erzitterte und weinte.

Da hauchte sie:Ja, ich will, ich will sie lieb haben um Deinetwillen!"

Er zog ihren Kopf nieder und küßte sie auf die Stirn und flüsterte:Ich kenne einen, der hat dich auch (ie'b; Gisela, lieber als sein Leben. Grüße ihn von mir/ wenn er je wiederkehrt!"

Paul Wintzer?"

Er nickte und lächelte fröhlich.

(Fortsetzung folgt.) ' *

Der Tod.

Skizze von Aw ert scheu ko.

Deutsch von Stefanie G o l d e n r i n g (Berlin).

Ich kann es nicht vertragen, wenn ich bei der Arbeit gestört werde. Heute würde ich telephonisch angerufen.

Hallo! Was ist los?"

Hier BeerdigungsinstitutSchlicht Und Freudvoll"."

Was wünschen Sie?"

Wir haben soeben erfahren, daß bei Ihnen ein Unglück passiert ist."

Bon welchem Standpunkt aus?" fragte ich zartfühlend/ von Ihrem oder von meinem?" ' -

Wie meinen Sie? Ich höre nicht."

Ich frage, wer es Ihnen gesagt hat." .

Ich weiß nicht, es wurde uns soeben mitgeteilt; wahrschein­lich von Ihnen. Verlieren Sie nicht den Mut!"

Wieso Heun?"

Ich bitte Sie, ein solcher Verlust . . . Wir verstehen . .

Also was wünschen Sie?"

Dürfen wir unseren Agenten schicken?"

Bitte sehr! Natürlich, wenn er Nichts Dringenderes zu tun hat, und über ein freies Stündchen verfügt. . ."

Ich bitte Sie! Unsere Losung lautet: Alles für unsere Kunden!"

Eine schöne Losung!"

Wer einmal mit uns tun hatte, bleibt für immer unser Kunde."

Zweifellos," bestätigte ich.Ich glaube, daß ich diesem! Schicksal nicht entrinne."

Was sagen Sie?"

Ich sage: Auf Wiedersehen!" %

*

Der Agent kam. Einen B eerdigung siü sti tu tragen tc n kann man von einem gewöhnlichen Menschen nur von hinten unter­scheiden; von vorn sieht er genau so aus wie alle andern Menschen. Betrachtet man aber seine Rückseite, so findet man sofort das besondere Merkmal des Agenten: die metallene Spange der schwarzen Halsbinde sitzt mindestens fünfzehn Zentimeter höher auf dem Kragen, als es angemeffen märe. Manchmal bemerkt es die Frau des Agenten, oder sein Freund, und sie sagens Komm' mal her, ich will dir dis Spange znrtzchtrücken . . . Sis tft herausgekrochen." Mer das ist ein fruchtloses Bemühen, eine