Ausgabe 
21.5.1913
 
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geschrieben worden ist, zu vergessen. Denn dos Wort tötet den Geist. Wagner hatte seine Prosa höchst eifrig in bcn Dienst der eigenen Sache gestellt. Wer in der Poesie die Qnellcn seiner Musik sucht, wirb auch schneller zu dein Ausdrncksmittel des Dichters, dem Wort, greifen. Es hatte Tendenzen und Jnlcn- tionen zu erklären. Bald aber zeigte das Wort, das musikfremde, seine unheilvolle Macht. Tie Nervosität verdächtigte die Person, sobald die Sache nngezweiselt wurde. Man umgab den Meister mit Weihrauchduft, betonte seine Gottähnlichkeit und versuchte die Andersgläubigen oder aueh nur Zweifelnden zu Boden zu strecken. Das Signal also zu dieser fanatischen Wagnerliteratur hatte Richard Wagner selbst gegeben. Und konnte die Geister, die er gerufen hatte, nicht mehr bannen. Selbstverständlich aber musste der Fanatismus in sein Gegenteil Umschlägen. Wir haben es in der jüngsten Zeit erlebst daß. man den Halbgott ebenso wütend von seinem hohen Piedestal herunterzuzerren versucht, wie man ihn ehedem als die absolute Vollendung alles Erträumten begrisf und pries. So ist das Wort über Wagner, nicht nur sein eigenes und nicht nur seine Musik, zu einem Kulturfaktor geworden. So steht Fanatismus gegen Fanatismus. Uns aber bleibt nur übrig, gegen die Fanatiker der Begeisterung und des Hasses Wagner selbst als stärkste Macht auszuspielen.

Wir sollen also Wagner als Gegenwarts- und Zukunstswert begreifen. Da tritt uns der eben verabschiedete Gedankengang von neuem eutgegeu. Es geschieht das Seltsame, dass den Massen als ein Allerheiligstes gilt, was den Gebildeten bereits als an­fechtbar erscheint. Jene kennen ihn kaum und harren ihm sehn­süchtig entgegen, diese haben Wagners Musik und die Wagner­literatur in sich ausgenommen, sich an ihm gesättigt und über-, sättigt; sie haben nicht nur das Wagnerepigouentum, sondern auch seine Ausläufer erlebt und sehen der Zukunft des Musik- dramatikers ohne Enthusiasmus entgegen.

Ist das die rechte Stimmung für eine Wagnerfeser? Und doch ist es nicht eben schwer, sie zu gewinnen. Wir brauchen nur den einst über alle Masten Vergötterten in die Entwicklung einzustellen. Oder spricht eben die Tatsache, dast nun der Par­teien Hast ihn stärker trifft, als man es je für denkbar gehalten hätte, gegen die Möglichkeit, ihn historisch würdigen zu können?

Der Grund, weshalb die Leidenschaften in diesem Falle stärker ausbegehren als sonst, siegt in der aufwühlenden Macht der Erscheinung selbst. Zum ersten Male werden nicht nur die Musiker, sondern die Gebildeten der Nation zu Richtern in der Kache eines Musikers aufgerufeu. Zum ersten Male haben die Dilettanten zu entscheiden, wo die Sachkritik versagt. Versagt sie wirklich immer? Wir begreifen heute noch besser, als früher, warum sie sich gegen Wagner stemmte. Wir wissen, dast sie ihr ganzes Gebäude wanken fühlte und aus dieser Angst heraus zu offener Feindschaft gegen den Umstürzler schritt. Heute siud es aber Dilettanten, die ihm Fehde ansagen; dieselben, die zuerst pusgerüttelt worden waren. Die Musiker haben ihn nun gegen sie zu schützen.

Ein nervöses Ich drängt plötzlich in die Musik ein. Nicht so plötzlich übrigens, wie es scheint. Bon dem letzten Beethoven über die Romantik zieht sich die Linie ganz folgerichtig zu Wagner Hin. In der Romantik ist die Herrschaft des Ich!, der Nerven idealisiert. In dem Deutschen Schuhmann vielen bereits die poetischen Vorstellungen befruchtend, aber auch als Hem- Iviungen gegen die Form; und der französierte Pole Chopin ver­mag bei allem Idealismus der KunstanschaUiiug nicht die Erotik in seiner Kunst zum Schweigen zu bringen. Ja, von ihr aus ist Wesen und Macht seiner Musik erst zU verstehen. Von Frank­reich, durch Berlioz eingeleitet, ist indes auch die neue Jnstrumental- jmüsik heraüfgezogen. Die anspruchsvollere Poesie verlangt eine glänzendere inftrunientok Hülle. Die MUsik der Spannungen, die Vorhaltmusik also liegt vor; und dort sind auch die Mittel vorbereitet, den Nervemnenscheu mit beit Errungenschaften eines Wetten, reicheren Orchesters zu berauschen. Das Zentrum der Musikmenschen ist allmählich verschoben. Und es bedarf nur eines Universellen Geistes, uni alle Spannungen, alle Erregungsmög­lichkeiten zusaminenzUfassen. Liszt, der geistvolle Kosmopolit, war äußerster Sammlung unfMg. Aber er begreift sofort das Genie Wagners, wie er das Chopins begriff. Von diesem hat er Anregungen Mtlichen, jenem hat er sie gegeben. TrotzalledeM beugt er sich vor dem Unbeirrbaren Willen dieses Menschen, der Uns dem Wege zu seinein Ziele hin alles aufhäuft. Also: diese Erscheinung, das sehen wir rückschauend jetzt, mußte kommen. (Aber sie mußte auch, da sie alle in Bereitschaft liegenden Mittel der Spannung mit innerer Glut und mit umfassendem Geist aufgriff, die stärkste Erschütterung Hervorrufen. Jin' guten und im schlimmen Sinne mußten erstaunliche Wirkungen von hier tzusgeheir.

Sprechen wir von denk guten zuerst. Ahnen wir glücklichen Besitzendeit jetzt, was es um die Mitte, um das Ende des ueun- zch'nten Jahrhunderts hieß, einen deutschen dramatischen Kom­ponisten zu besitzen, der die musikalische Bühne mit neuen und starken Bühneuwercken versorgte? Dem italienischen und fron« Wischen Opernimport ein eigenes Schaffen entgegensetzte? (Ich will nicht so weit gehen, es als national zu bezeichnen; biet Quellen dieser Musik sind trübe, mindestens nicht sovölkisch"

klar, wie man annimmt. Wir haben ja gesehen, daß sie einen Teil ihres Glanzes aus Frankreich bezog.) Dieser Manu hat den Mut, die ganze musikalische Bühne von sich aus reformieren, den Schlendrian bekämpfen, den Primadonnenkult höhnen zu wol­len. Er predigt ein Ideal von Kunst, die das Leben durch­dringen soll. Er möchte das Theater vergeistigen und ver­edeln. Er theoretisiert wie ein echter Deutscher und wird darum verstanden; aber er schafft dabei wie ein echter Künstler, in bcn Nerven ein Kind feiner Zeit.und doch ein Beherrscher seiner Zeit. Eine Periode politischer Erhebung kommt ihm zu Hilfe. Der große Künstler wird zum Erzieher seines Volkes.

So scheint es. Ein Rausch erfaßt die künstlerisch empsiudeu- ben Deutschen, die Vertreter der Schwesterkünste, die reinen lAestheten. Alles folgt dem Rufe des Meisters; alles sieht Welt, Wissen und Kunst von ihm äus. Die Musiker folgen nach. Sie können sich der Wirkung dieses farbenprächtigen und übermächtigen Orchesters nicht entziehen, sie müssen es nachahmen. Liszt hat im Hinblick auf Wagner die sinfonische Dichtung ausgebaut. Die ersten nachwagnerschen Komponisten, die Schöpfer sinfonischer Dichtungen, sind blasse Epigonen, unfähig, sich von der Wagner- scken Stimmung und Farbe zu befreien. Sie haben beit Sinn für Diatonik, für Linie, für die Zeichnung verloren. Wir sind bereits mitten in den schlimmen Folgen des Wagnertu.ms. Wir bemerken, daß niemals ein Musiker so berauschend und so ver­heerend zugleich wirkte, weil niemals ein Musiker soviel Menschen und Dinge außerhalb der Tonkunst umfaßte.

Mer nicht nur Deutschland, die ganze künstlerische Welt wird vom Wagnerrausch ergriffen. Die Italiener betätigen ihn im Verismus; die Franzosen hindert ihr Formeugeist nicht, sich ihm zu ergeben; die Russen, die ihre nationale Frische für den europäischen Wettbewerb mitbrachteu, werden in den Strudel hin- ;eingeriffelt. Beweis genug, daß diese musikalische Sprache ans ihrem nervöse» Kosmopolitismus ihre werbende Kraft schöpft«.

Alle haben sich nun mit dem Problem Wagner abzufinden. Keiner vermag ihn zu überwinden; nur einer, Brahms, hält sich mit Glück abseits uud folgt bühueufremd der klassischen Linie. Heute sind wir im zweiten Stadium des WagNerepigouen- tums. Teile seiues Werkes sind weiterentwickelt.. Stimmung und Kolorit suchen sich neben der Zeichnung zu behaupten. Die sogenannte absolute Musik wird eifrig bebaut. Neue Ausdrucks- gebiete sind bei alledem der Musik gewonnen. In der Oper ist das strenge Leitmotivische überwunden; man empfindet (wie im Liede), baff durch die Weiterentwicklung des Sprechgesanges die menschliche Stimme entweder vergewaltigt ober zur reinen Deklamation gezwungen wird, und man sehnt sich von der un­endlichen nach der endlichen Melodie zurück. Mau, nicht wir.

Sind wir demnach richtig im Birne, den Wagnerransch ab­zuschütteln? Noch find wir nicht so weit. Noch leben wir int Banne der Nerven. Noch fehlen die dramatischen Komponisten, die den Wagucrschcu Schöpfungen nur annähernd gleichwertige und zugkräftige entgegensetzen konnten. Ihr Gegenwarts- Und darum ihr Zukuuftswert hat sich wohl verändert, aber er bleibt unbestritten. Geben wir für die Opernbühne andere Möglich­keiten (als die des Musikdramas zu, dann bekennen wir Uns zu einer Toleranz gegen die Buntheit des Spielplans, die schon ans materiellen Gründen geboten ist. Tie Primadonna ist nicht entthront; von der Kunst als Zweck des Lebens haben sich weite Kreise wieder zur Knust als Spiel bekehrt. Wir sind duld­sam gegen die Oper als ewigesKompromiß". Wer eine M- neigung gegen alles geradezu Sinnlose auf der Musikbühne ist uns als Gewinn geblieben. Ter Naturalismus hat uns freilich auch gegen alles Undramatische empfindlicher gemacht. Diese Stim­mung wendet sich nun allerdings gegen Wagner. Allmählich ist uns klar geworden, daß eine Kunst, die mit der .Aufführung so steht und fällt wie die Waguersckx, Brüche zu verdecken hat. Wir dulden die lieberspanunug des Pathos nicht mehr, wenn es nicht Dingen gilt, die uns menschlich berühren. So ist derRing" in Gefahr; hier scheint uns die Unnatur bis ins Musikalische zu gehn; die Phantasie lehnt sich gegen das Leitmotiv auf; lyrische Schönheiten bezaubern, aber Längen ermüden. So stehen wir zum Ring. Aber die Masse wird sich zunächst von ihm blenden lassen; dann wird auch sie Striche fordern und vielleicht noch Mehr. Doch felbst wir Kinnen denSiegfried" noch nicht auf­geben.

An beitMeistersingern" und amTristan" aber hängt Wagners Zukunft. Hier blüht jene wundervolle erotische Lyrik, die uns noch immer bezwingt. Hier hat die theatralische Poesie ihren Höhepunkt erstiegen. Wir werden mit geriffelt auch ohne die raffinierte Stimmung von Bayreuth, die allein den sonst für den Konzertgebrauch bestimmtenParsifal" hält, und die auch den Ring halten kann. Wie sinkt überhaupt, Um es noch einmal zu sagen, alles seit Wagner Geschaffene vor ihm.in den Staub! Wo ist der Geist, der sich ihm nicht zu eigen gäbe, der seinen Bann ganz abgestreist hätte!

Was Wagner, der Philosoph, Wagner, der Bvlkserzieher, erträumt hüt, ist nicht erfüllt, ja unerfüllbar. Und doch diese Ungeheuren Wirkungen! Dem Musiker Wagner ist noch rin Säkulum ungebrochener Lebenskraft zu prophezeien.