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lernen, Anteil z-u nehmen an den vielen Interessen, für die nun ihr Verständnis erwacht war.
Wenn sie nur 'alle die müßigen Stunden ans ihrer Mädchenzeit hätte zurückrufen Wunen, -uni sic nun .-ffo hörig auszuiiüHen!
Manchmal, wenn sic, das Kinderwägelchen schiebend, in den Anlagen ging, fnirt eine oder die andere der jungen .Manien aus der Bernhoblerfchen Verwandtschaft an ihr vvrWer, schaute weg, öder nickte sehr wegwerfend auf ihren Muß. ' ■ . „.., r
Hildegard aber hob 'stolz den Kopf mit einem Lächeln des Mitleids über die Geringschätzung, die sie erfuhr: Wie albern sie find, mich zu verachten, weil ich mein Kind selbst spazierenfahre, Und weil ich weniger schön an- gezvgen bin. Sie ahnen gar nicht, wie arm sie mir erscheinen, diese dummen Mädels!
Einmal traf es sich auch, daß die Großmutter, die Heine Frau Walburga, die mit den Jahren immer mehr zufaminenschrumpfte, an ihr vorüberhnmpelte, so daß sic stehen blieb und die Greisin vorbei lassen wollte.
>,No, iro, Ivie geht's?" fragte diese in ihrer brüsken Art und richtete ihre scharfen Augen ans Hildegard.
Die junge Frau ward dunkelrot.
„Recht gut," sagte sie warm. „Und hier ist mein kleiner Hans," fügte sie dann hinzu und zog den Vorhang zurück, Uin das rosige, schlafende Büblein zu zeigen.
Es lag fo viel Mutterstolz, und Mutterglück in deut Ausdruck ihres Gesichts, in dem Ton ihrer Stimme, daß die alte Frau ihr 'wohlgefällig zunickte:
„Das ist ja ein Prachtkerl! No, freut mich, daß du dich so neiufind'st in das, was dir einbrockt hast. — Ta muß man Respekt haben! Gelt, da vergehen die überspannten Ideen, wenn man einmal ein Kind hat? Adieu!" ।
Mit einer gewissen Freundlichkeit schaute sie der schlau- keu Gestalt nach.
Die „Malerstochter" war ihr als Eindringling in die Familie erschienen. Sie halte Front gemacht gegen das fremde Element, das in die Verwandtschaft nicht hineingehörte. Nun aber schien ihr Hildegard wieder an ihrem Platz, und ohne, daß sie es sich vielleicht selbst eingestand, imponierte es ihr, daß diese in ihren sichtlich doch recht bescheidenen Verhältnissen keine bittende Hand ausgestreckt, bei der schwachen Mali und dem gutmütigen Adolf nicht längst um „gut Wetter" gebettelt hatte. —
H — Im dritten Winter ihrer Ehe begann Reichmann ein großes Bild'.
Er sehnte sich danach, endlich wieder zu malen, mit breiten Flächen rechnen, mit Farbe arbeiten zu dürfen.
Er war so begeistert von seiner Aufgabe, so glücklich und zuversichtlich, daß seine junge Frau, die ihren Mann so Von Herzen lieb hatte, 'fein schönes Vertrauen auf die Zukunft um keinen Preis hätte erschüttern mögen, wenn ihr auch ein wenig bange war vor der laugen Zeit, in der er nichts verkaufte und doch für die nöligen Modelle eine ganz bedeutende Summe verausgaben mußte.
Obwohl sie ängstlich vermied, sich irgend etwas anzuschaffen, und auch den Haushalt möglichst einschränkte, häuften sich im Laufe der Monate, während sie nur auf die Einnahmen ihres Vaters und ihre kleinen Ersparnisse angewiesen waren, die unbezahlten Rechnungen.
Für Hildegard eine drückende Last, die sie manchen schweren Seufzer kostete.
Ihr Mann tröstete sie freilich mit ihrer optimistischen Sorglosigkeit: ,
„Aber ich bitte dich .Schatz! Darüber brauchst du dir doch fein graues Haar wachsen zu lassen. Wenn ich mein Bild verkaufe, dann sind das doch bloß Bagatellen!"
Sie aber schämte sich unbeschreiblich vor den Leuten, denen sie Geld schuldeten, sie ward dunkelrot, .wenn sie aus der Straße einem Menschen begegnete, der nur entfernt (einem der Lieferanten glich, der noch -etwas von ihnen zu fordern hatte.
„Philisterseelchen!" lachte Emanuel.
Aber als dann sein Wild in der Ausstellung hing und zwar lobende, -zum Teil begeisterte Besprechungen, aber keinen Käufer fand, (als e§' im Herbst wieder als „Krebs" in sein Atelier zurückkehrte, da lachte^auch er nicht mehr. 1
Er zeichnete und illustrierte 'wieder, ein wahres Fieber
ergriff ihn, zu verkaufen, nur rasch zu verkaufen, wa'A seine geschickten Hände schufen.
Aber gerade diese Ungeduld imachte sich in seinen Arbeiten geltend, und sie sanden weniger Beifall und Erfolg als seine früheren. .
Holst sah ihn zuweilen, wenn er schweigsam, vergrämt, mit dem Ausdruck tiefster Entäuschung bei Tisch saß, mit ganz entsetzten Augen au. >
Sollte sich sein Schicksal hier ein zweites Mal abspielen? Sollte fein armes Kind auch alle die Bitternisse und aufreibenden Kämpfe durchlösten müssen, die er seiner geliebten Frau nicht zu ersparen vermochte?
Run, da Emanuel so niedergeschlagen war, zeigte sich Hildegard bewunderungswürdig tapfer.
Obwohl die unbezahlten Rechnungen ihr allmählich zum Gespenst wurden, das in den friedlichsten Stunden hinter ihr saß, das sie erschreckte, wenn sie aus dem' Schlaf cr- wachte, so gab sie sich doch redliche Mühe, die Angst, die sie quälte, hinunterzudrücken und heiter zu erscheinen, uni ihren armen Mann aufzurichten.
„Es wird schon wieder anders werden! Ein unglücklicher Zufall, daß sie dir jetzt gerade ein paar Arbeiten zurückgeschickt haben! Die neue Zeichnung ist so hübsch — und Bubi ist drauf. Das bvingt dir Glück, du wirst sehen!"
Aber es war schwer, es war fast unmöglich, 'die versäumte Zeit nachzuholen um wieder in das Gleichgewicht zu kommen. Die alten Schulden, sie ließen sich nicht tilgen. ;
Ach, und der gute Papa Holst konnte und konnte nicht Nein sagen, wenn ihn ein armer Teufel um ein Darlehen bat — er mußte ein paarmal reumütig gestehen, daß er von der Summe, auf die Hildegard schon mit Besorgnis gerechnet, einen Teil verliehen hatte, weil ihn ein Kol- lege so flehentlich ersucht, weil es eben nicht anders ging.
So geschah es denn, daß', eines Tages ein ungeduldiger Rahmenhändler einen Zahlungsbefehl schickte, den Emanuel feiner Frau aus dem Gesicht räumte und dann vollständig vergaß. Er hätte die Summe ja auch unmöglich in den nächsten Tagen aufbringen können, ohne fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Nach ein paar Wochen kam dann, während Hildegard allein zu Hause war, ein Gerichtsvollzieher, der mit einer Pfändung beauftragt war und klebte einen Zettel ans den schönen Rcnaissauceschrank im Wohnzimmer und aus den Marmortisch im Salon.
Totenbleich, mit einem Gefühl, als müßte sie in den Boden sinken, hatte die junge Frau dieses Nicerlebte, Furchtbare, das ihr wie eine unaustilgbare Schmach erschien, über sich ergehen lassen.
Sie hatte sich lange beherrscht, aber nun ließ sich die marternde Angst vor der Zukunft nicht mehr bannen, nun ließen sich die Tränen, gegen die sie sich so tapfer gewehrt, nicht mehr zurückdräugeu.
' Ihre Nerven versagten an diesem Tag, nach der monate-i langen, tnühsnmen Anspannung, und als ihr Mann hercin- kam, weinte sie wie eine Verzweifelte.
Er versuchte umsonst, sie zu trösten, zu beruhigen.
Allmählich aber bemächtigte sich auch seiner eine dumpfe Verstimmung.
Er konnte dieses leidenschaftliche Weinen nicht länger mitanhören. Ihre Tränen brannten ihm auf der Seele wie quälende Vorwürfe, wie eine ätzende Aiillage gegen ihn, gegen das Schicksal, das er ihr bereitet.
Er nahm seinen Hut und stürzte fort.
Er mußte vergessen, sieh betäuben, er war in einer so unleidlichen Verfassung, daß er sich am liebsten sinnlos betrunken hätte, um nur nichts mehr von sieh zu wissen.
Und so schlug er wieder den Weg ein, den er als Junggeselle oft gegangen war, in das Kaffeehaus, in dem feine alten Kameraden ihren Stammtisch hatten.
(Fortsetzung folgt.)
Richard Wagner.
Von Dr. Adolf Weißmann.
Hundert Jahre sind es her, daß Richard Wagner gehören wurde. Dreißig Jahre, daß sein Geist vhne den Lebenden in det Welt fortwirkt.
Um ihn recht zu feiern, haben wir zunächst eines zu tun: alles, was von Hans von Wolzogen bis Emil Ludwig über ihik


