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Lichen Zornanfall die Worte hervorgestoßen, blickte mm in jähem Schrecken auf. ,
9hm, da die junge Dame den Namen nannte, verstand sie erst, wie unvorsichtig sic gewesen, wie weit sie sich hatte hinreißen lassen. ,.
„£>, um Gottes willen, gnädiges Fräulein! Ich bitte Sie, verraten Sie mich nicht! Er sagt ja, es kostet ihm seinen Rock, seine ganze Zukunft ist ruiniert, wenn mau erfährt, daß seine Schwester in dienender Stellung ist!
„Sie sind seine Schwester? Leutnant Schmidts Schwester?^
„Ach ja, gnädiges Fräulein! Ich hab' eine Stellung! annebmen müssen, damit die Mutter mehr tun kann für den Martin. Ich .hab' nichts Ordentliches lernen dürfen, ich war immer wie das Stiefkind. Immer nur er halt, der Bruder, der Offizier hat werden niüssen. Mir ists za reckt und ich schick' der Mutter, was ich entbehren kann; ich begreif's ja auch, daß er als Leutnant es nicht an die große Glock' hängen kann, daß er so arm ist; er konitt sich auch mehr einschränken, nicht, daß die Mutter noch schulden zahlen muß. Tas Allerärgste ist mir aber, daß ich hier wieder weg soll, wo's mir gut geht. Aber rch weiß schon, daß er keine Ruh' gibt bei der Mutter. Ich weih selber nicht, wie ich dazu kommen bin, Ihnen mein Herz auszuschütten. Ach, meine Mutter schlägt mich tot, wenn sie hört, daß ich nicht meinen Mund gehalten hab'."
„Ich sage nichts, Auguste. Ich verspreche es Ihnen. Und icb glaube auch nicht, daß. Sie Ihres Bruders wegen hier fort müssen, wenn Sie gern uh Hause find. Soviel ich darüber urteilen kann, wird er nicht mehr oft hierher- kommen, nein, gewiß nicht!" meinte sie sehr bestimmt.
Sie gab Auguste die Hand und öffnete leise die Tur.
„Trocknen Sic mir Ihre Augen!" flüsterte sie ihr noch einmal zu.
Aber das Mädchen schaute der sich entfernenden jungen Dame noch in starrer Verblüffung mit weit geöffneten Augen nach. , c
„Ja, um Gottes willen!" murmelte sw dann. „Was hab' ich da angesangen."
Sie schlug sich mit der Hand vor die Stirn in reuigen, Selbstvorwürfen.
„Am Ende wär' das die gute Partie gewesen, auf die die Sutter immer hofft für Martin. Und gerade vor der hab' i über ihn losgezogen.'"
Aber dann schüttelte sie trotzig den Kopf.
„Recht aeschiehfs ihm, ganz recht! Das Fräulein ist viel zu gut für den . . . den Egoisten. Er tät sie doch mir wegen ihres Geldes nehmen. Nein! Die möcht' ich gar nicht betrügen, sie soll nur wissen, wie er ist."
Der Leutnant schaute Hildegard, die sich so lange im Kinderzimmer aufgehalten, etwas beunruhigt an, als sie mit heißen Wangen und funkelnden längen in den Salon trat, in dem Marianne nun den Kaffee eiuschenkte.
Aber er hatte sehr viel Pommery getrunken und befand sich in höchst sanguinischer Stimmung.
Hildegard war ungewöhnlich schweigsam.
Sie durfte ja Augustes Geheimnis nicht verraten, und sie wußte, daß sie in ihrer Gereiztheit die Entrüstung gegen jwn Leutnant, der seine Schwester mit so eherner Stirne verleugnete, nicht hätte verbergen können, wenn sie sich Überhaupt in ein Gespräch mit ihm eingelassen haben würde.
Er aber nahm in seinem leisen Dusel ihr Schweigen für ein gutes Zeichen, daß er ihr Eindruck gemacht. — Durch ein eigentümliches Versehen der Militärverwaltung (das übrigens in der bayerischen Armee schon häufiger vorgekommen ist) war es versäumt worden, die Angaben des Vormundes von Martin Schmidt auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Er hatte die Vermögensverhältnisse zwar nicht als glänzend hingestellt, aber wohlweislich verschwiegen, in welchen engen Grenzen sie sich bewegten, wie wenig Met soziale Stellung der Eltern und vor allem die Aushilfsmittel, zu denen Mutter und Tochter die Not zwang, mit jenen Aufforderungen im Einklang standen, die an die Familie eines Offiziers erhoben werden.
Nassaus freundliches Zunicken, seine leisen Anspielungen unterstützten noch des Leutnants kühne Hoffnungen, und Ak träumte, während er den Rauchwolken seiner Zigarre Mchblickts, schon von dem schönen Heim, in dem er einmal seine Gäste mit gutem Wein und Zigarren bewirten wollte.
An dem Stubenmädchen, das ihn mit trotzigen Augen, nun fast triumphierend und schadenfroh anblickte, druckte er sich beim Fortgehen hastig vorüber, Mb dem Diener seist
Trinkgeld und schaute noch einmal mit einem vielsagenden, heißen Blick auf Hildegard, ohne zu bemerken, mit welch abweisend kühler Miene sie sich von ihm verabschiedete.
7.
Ein paar Tage später kam Bernhobler des Abends ganz aufgeregt von einem Besuch bei seiner Mutter heim.
"„Heut' hab' ich einmal eine Neuigkeit, die euch interessieren wird!" rief er schmunzelnd. „Also morgen kommt ein x>etr zu mir, der um Hildegard anhalten will!"
„Ja, wer denn?" fragte Mali ganz erschrocken
„Na, ich meine, die Hildegard wird schon eine Ahnung haben, wer's ist. Ein schöner Offizier! Ein Leutnant! Herr Leutnant Schmidt, der, wo neulich bei meiner Mutter ein- g'laden g'wesen ist!" . r.
„Was, der? Ter kennt sie ja noch gar nicht! warf Mali ein. . ,.
„Er weiß doch, Mama, daß der Papa ein wohlhaben oer Mann ist, das genügt ihm wahrscheinlich," sagte.Hildegard! mit bitterm Ton. ,
„Jetzt, was ist das wieder für eine Bemerkung? fuhr Bernhobler zornig auf. „Meine Mutter sagt, er ist ein braver Mensch. Erne Verwandte von uns, die Frau Kleiu- meier, kennt ihn ganz genau, weil er ihr Zimmerherr ist. Na, und ich meine, ein Leutnant g'fällt jungen Madeln ndcEivcil."
„Es heißt so, wenigstens in den „Fliegenden Blättern"," meinte Hildegard bitter. „Kennt die Großmntter auch seine
Meine Mutter empfiehlt einen Menschen nicht, wenn sie's nicht mit gutem Gewissen tun kann. Er hat ihr alles g'sagt. Daß er von einfache Lent' ist, und dap er fein Vermögen hat. Er hat ihr auch eing'standen, daß er ein paar tausend Mark Schulden hat. . Das geht ja gar nicht anders heutzutage bei einem Offizier. Sein Vater ist tot. Seine Mutter zieht aufs Land 'raus. Sonst hat er niemand, das wär' mer schon sehr angenehm, daß er keinen Anhang hat. Eine fremde Verwandtschaft, um die inan ftd), uintf’ mern und die man einladen müßt', das hätt' ich dick!"
Hildegard lächelte spöttisch, aber sie sagte fein Wort.
Ihre Miene reizte Bernhobler znm Zorn.
„No, was machst denn fiir’n hochmütiges G'sicht? Möchtest vielleicht auch einen Baron wie meine Schwester? Die hat auch immer was Vornehmes wollen. Das war nachher so ein Fang, der Herr Freiherr von Nassau!"
„Daß Leutnant Schmidt aus einfacher Familie ist, wurde mich nicht hindern, ihm gut zu sein, vorausgesetzt, daß er sich seiner Leute nicht schämt."
„No, ich m ein's halt auch. Ich wüßt' gar nickst, was du an dem Leutnant auszuseHen hälfst. Mir wär' ja ein Geschäftsmann lieber g'wesen. Aber meine Mutter hat ganz recht: für einen Kaufmann trägst du die Nasen zu hoch. Auf Geld brauchst nicht z'schauen. Also überleg' dir's, bis morgen hast Zeit!"
„Ich brauche nichts zu überlegen. Ich muß dich gleich heute bitten, ihm ein Nein zu erwidern, Papa!"
„So — ? Warum denn nachher? Einen Grund mußt' doch haben?"
„Vor allem glaube ich gar nicht, daß mich der Leutnant wirklich gern hat. Er will nur eine gute Partie machen."
„No ja, das möchten die jungen Herren alle. Da kannst sitzen bleiben und eine alte Jungfer werden, wenn du auf den warten willst, der sich ums Geld gar nicht kümmert."
„Warum verheiratet denn die Großmutter nicht eine ihrer anderen Nichten mit ihm? Onkel Gustav hat ja ein halbes Dutzend !" rief Hildegard mit zornig ausblitzenden Augen.
„Sobald du von der Großmutter reden hörst, nachher wirst allemal ungezogen!" brauste Bernhobler, der sich immer mehr erhitzte, auf.
„Ich lasse mich nicht von ihr verheiraten. Lieber werde ich eine alte Jungfer, lieber will ich mir selber mein Brot verdienen. Ich kann ja Gouvernante werden oder Gesellschafterin, wenn ihr mich nickst mehr zu Haus haben wollt« aber ich lasse mich nicht von der Frau Klciumeicr an ihren Zimmerherrn verkuppeln!"
„So plag' sie halt nicht, Adolf. Es pressiert doch nicht mit dem Heiraten!" suchte Mali, die eine heftige Szene herankommen sah, ihren Gatten zu begntigeii.
Oer Bern Hobler war schon das Blut so heiß zu Kopf gestiegen, daß er die sanfte Bitte nicht mehr beachtete.
d (Fortsetzung folgt.)


