Ausgabe 
20.12.1913
 
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tollen Wirbel hinein, hatte ihm die Stirne geboten. Sehen will er, ob Anna Licht hat, ob sie Weihnachten feiert, fröhliche oder traurige!

Da ist er an den: betreffenden Hause gelandet uud starr richtet sich der Blick nach der dritten Etage. Wie lange ist es her, daß er dor ihrem Fenster Posto gefaßt? Was, schon fünfzehn Jahre? Was, schon so eine lange Zeit? Unmög­lich! Der Schnee schleudert einen Wall um den Träumen­den, aber er merkt es nicht. Es steigt der goldene Lenz,! der längst verwehte, in ihin auf, als er die junge, schöne Maid so brandend geliebt, ehe das besonnene Teil das ut ihm lag, sein Recht forderte, die Vernunft behauptete, du mußt davon lassen.

Aber jetzt, was redete nun die Vernunft? Besinne dich nicht, wirf jede Erwägung beiseite, tritt vor dein alt heiß Lieb, bitte, flehe, ringe um Anna. Sie liebt dich ja noch, warum wäre sie denn noch allein. Hat sie nicht jüngst wieder eine recht vorteilhafte Partie ausgeschlagen, warum?

Löhr macht einen Satz aus dem Schneewall und hat die Klinke einer Haustüre in der Hand. .Hu, wie die Schelle aufkreischt! Ganz erschrocken steht er. Aber nun weiter, so eine Art Hausmamsell steht schon da und forscht, wohin er will. Hatte er Anna Walter gesagt?Dritte Etage," hört er reden. Die Mamsell starrt ihm nach. Mußte etwas merkwürdiges sein. Anna war nun elternlos, allein, wer kam da um die achte Abendstunde?

- Ein feiner Mensch nicht. Brutal, rücksichtslos, unge­zogen, war die Kritik der Mamsell. Sie murrt, nein sie knurrt ziemlich laut. Das Haus, die Treppenschlucht ist für das Fest gescheuert, nun bringt der späte Abcudbesucher den Schnee haufenweise hinein, ein jeder Schritt zeigt die Spuren des Wanderers.

Löhr merkt das gar nicht. Er ist so hoch gefüllt von anderen Dinger: und weiß zur Stunde nicht, daß es Witt- ter ist.

An der Vvrtüre hält er und liest das kleine Porzellau- schild, auf den: Anna Walter steht, das bringt sein Herz in tolle Wallung.

Endlich streckt er den Finger nach dem elektrischen Knopf. Leise, ganz leise berührt er ihn. Da steht er wieder. Noch einmal. Das war wieder zu leise. Jetzt aber. Die Türe fliegt auf.

Löhr schleudert seinen Hut ab. Er will reden, entschul­digen, er hatte Anna eine ganze Ladung Schnee abgegeben. Aber kein Wort kommt. Sie merkte dies ja auch gar nicht, eine Lawine hätte sie verschütten können, jede Muskel schien erstarrt.

Er will, er muß doch etwas reden, keine Silbe kommt, wenigstens doch reden,Guten Abend".

So was, ach nein, unter diesen Umständen, wortlos eintreten das richtigste, einzig so.

Da steht er !vie ein Hund, der sich bewußt, daß er einen nicht üblen Streich verübt und nun die Peitsche erwartet.

Los, los," redete sein Blick,daß ich die Sache hinter mich kriege."

Lautlose Stille.

In majestätischer Haltung, unnahbar wortlos

Anna, nicht so. Wie habe ich gelitten, tief bereut," murmelt Löhr.Ich habe dein Leben auf das ödeste ge­staltet, dich unglücklich"

Ja, jetzt kam Leben in die Erstarrte. Die hohe Gestalt richtete sich noch höher auf, die Augen sprühten, Glut überzog das schmale Gesicht.

Mich unglücklich gemacht? Mein Leben öde? Ich bin sehr glücklich, Sie sind int Irrtum, Herr Löhr. Mein Leben hat sich gestaltet, gerade so wie ich es mir gewünscht, sch bin sehr, sehr glücklich!"

Sie stützte die Hand auf die Tischplatte, daß die Tasse Und die Teller klirrten, der Abendtisch war gerichtet.

Tann, dann kann ich gehen," er sagt das mit hoher Ruhe.

Sein Ange bohrt sich in Anna, er spricht:Es ist heute recht schlechtes Wetter, man soll keinen Hund vor die Türe jagen, eine eisige Luft. Aber doch, ich will noch ein bißchen promeuiereit, ich wandere gerne int Schnee, man ist ja auch kein Hund, man hat ja gute Stiefel au, dann lächelte er und schaute sich in dem Zimmer um.

Nette Einrichtung, ah, hier auch ein Kanarienvogel, pfeift er schön? Und hier einen Blumenkorb"

Da richtet sich Löhr kerzengerade auf, es wollte mit der Lügenzunge nicht mehr gehen, die Stimme kam in das Schwanken.

Rote Rosen was?" Wer gab die, die Partie, von der man in der Stadt redete?

Das Blut prallte nach dem Kopfe, sein Auge raste ou den Wänden hin und verschlang jedes Bildchen.

Anna hatte sich vor den Teetisch gesetzt und strich sich' in anscheinend hoher Ruhe ein Butterbrot.

Ein großer, ditukler Lampenschirm bedeckte schier ihr Gesicht, aber da Löhrs Hand schleuderte die grüne Seide zu Boden. .. c

Er hatte in der Ecke des Zimmers ent Portrat entdeckt, das mit einem Fichtenkranz umwunden, welcher auch noch die roten Rosen hatte, mit denen der Blumenkorb gefüllt.

Da steht Löhr hochatmend vor dem geschmückten Btld, dann dreht er sich langsam um.

Reden kann er nicht. Er nimmt sich einen Stuhl und läßt sich stumm neben Anna nieder.

Und warum sollte ich es nicht wissen, daß du mich heute noch so lieb hast wie vor fünfzehn Jahren? Keines Komödie mehr, Anna, dit bist überführt, mein Porträt, das gekränzte Bild redet stumm alles"

Nun war es vorbei mit der majestätischen .Haltung.

Wie int Traum saß sie neben Löhr ttnd goß Tee in) seine Tasse und er erzählte die Begebenheit des Abends. Uitd nun harren die Neffen" und Nichten," schloß er, lachend. .

Weißt was, Lieb, wir gehen morgen yt|ointcit Hut."

Und nächstes Weihnachtssest laden wir diese zu uns ein", meint Anna.

Ja, das war ein fröhlicher, seliger Weihnachtsabend,s

Der schwarze Hund.

Eine vberhessische Gespenstergeschichte vor 40 Jahren von K. M o h r in B.

Wer von bett geehrten Lesern, wie ich, auf deut Lande! geboren und erzogen wurde ttnd dazu das mittlere Lebens­alter längst überschritten hat, wird sich von seiner Jugend her noch mancher Erzählung aus dem Münde der alten Großmutter oder einer Base erinnern vom schwarzen oder feurigen Hunde, vom W ä r w o l f oder vott anderen gespenstischen Tieren des Aberglaubens, und wer irgend eine Dorfgeschichte schreiben will, dürfte unter dem Kapitel:Aberglauben und Gespenstergeschichten" gewiß an irgend einer unheimlichen Stelle innerhalb des Dorfes oder in dessen nächster Umgebung von einemschwarzen Hunde" zu erzählen haben.

Es ist bemerkenswert, so schreibtDr. Adolf Wuttke" in seinem bedeutungsvollen Werke aus dein Jahre 18 '0, daß die einzelnen deutschen Volksstämme an den äußersten Grenzeit sowohl, als auch in der Mitte Germaniens, obwohl! in ihren Sitten ttnd Gebräuchen oft so grundverschieden, eine merkwürdige Uebereinstimmung in ihrem Aberglauben und ihren Gespenstergeschichten tundgeben, besonders auch, was die Tiergestalten ihrer Erzählungen anlangt.

Vor 40 und mehr Jahren, als mein Heimatsdorf O. noch nicht wie heute eine verkehrsreiche Eisenbahn halten stelle besaß, mußte man auf der hier über, den Bahnkörper führenden Straße über das 10 Minuten entfernte Dorf N, nach der nächsten Bahnstation B. wandern.

Da überdies das Eisenbahnfähren damals bei den Torf«! bewohnern sehr spärlich vorkam uud erwähnte Straße in der Hauptsache nur als Feldweg benutzt wurde, so ist es wohl erklärlich, daß sie zeitweise ganz still dalag und der einsame Wanderer auf ihr mit sich und setneu Gedanken allein blieb.

Etwa in der Mitte zwischen dem Bahnübergang und dem Dorfe N. hatte man eine Brücke zu überschreiten, deren düstere, mit Erlen und Weidengebüsch wild um­wachsene Umgebung dem phantasiebegabten Wanderer recht wohl alsErlkönigs unheimliches Reich" erscheinen konnte, besonders itoch bei Nacht und Nebel. Und wir wollen es darum auch nicht gerade als Feigheit deuten, wenn en hier in mitternächtiger Stuitde seine Schritte beschleunigte, um möglichst rasch dein Bereich derUnholden" zu ent­kommen. Wohnen hier doch die schwarzen Seelen verstör-' beiter Bösewichter, die im Grabe keine Ruhe finden. In allerlei Tiergestalten begegnen sie den Lebenden in der Geisterstunde, um durch das rechte Erlösungswort oder