Ausgabe 
20.12.1913
 
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Samstag, den 20. Dezember

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Der Weihnachtsonkel.

Von L. Geist.

(Nachdruck verboten.)

Es war ein rauhes Lüftchen, das da pfiff und der Schnee fegte durch die Gassen und überschüttete die Passan- ten, daß sie gleich Schneemännern dahin schoben, in der bengalischen Beleuchtung, welche von den prunkvollen Schaufenstern ausging.

Das Ungemach genierte heute nicht, es war ja Weih­nachtsabend, paßte tn die Feststimmung und die Mocken hallten so gewaltig darüber, fröhliche, selige Weihnachten!

Schob sich auch manche Figur unter die Fröhlichen, die keine Weihnachten hatten, die mit Bitterkeit die Fröh-» lichen wandern sahen, weil ihnen das Glück nicht den Zauberschlüssel ausgeliefert nut den Jauchzenden zu ziehen, gerade an dem Weihnachtsabend hat der Stachel des Leides seine härteste Spitze.

Da kam eine Figur hoch beladen mit Pack und Päckchen, das war Franz Löhr, ein Junggeselle, der so seine vierzig haben mochte. DerOnkel" für eine große Anzahl von Neffen und Nichtchen, die heute alle auf Onkels Bescherung harrten. Die Verwandtschaft nachzuweisen, wäre sehr schwie­rig gewesen, doch das tat der Liebe keinen Mtrag, es war doch ein Prachtexemplar von einem Onkel.

Löhr steht und pustet. So groß und stark er auch ist, er hat sich doch mehr aufgeladen, als er bewältigen kann, gar einen Schaukelgaul in der Hand, und alle die Sieben­fachen, die ihm bis an den Hals ragen.

Da stellt sich ihin ein Freund in den Weg und lacht laut auf, aber auch ironisch, der Helle Spott.Na Stadt­onkel, Weihnachtsengel, gehst bescheren? Wieviel Neffen und Nichten hast du denn?"

Ja, für den war der Hohn billig, Löhr musterte den Lacher zornig. Neffen und Nichten hatte der keine, wohl aber vier stramme Buben, die sein Eigentum und er konnte deren Bescherung seiner Frau überlassen, was hatte der zu höhnen?

Unwillig trabte er davon.

Ja, solche Eigentümer konnte er auch haben, wenn, ja wenn. Brauchte keine Neffen und Nichtchen, um deuj Raum auszufüllen, der so öde in ihm lag. Wenn!

Franz Löhr läuft, so gut es in dem fußhohen Schnee eben zu laufen war, den er wie Sand schöpfen mußte, als lief eine Gestalt hinter ihm her, die sich nicht hohnlachend, wohl aber fragend vor ihn sich stellte, warum hast du es! so gemacht?

O diese Auna, mit dem dunklen Flechtenkranz um das liebliche Gesichtchen, warum diese Verfolgung und zumal an dem Weihnachtsabend? Was wollte sie? O sie waren, ja auseinander gegangen, iuic zwei recht vernünftige Men­schen, die nicht für einander passen. Er hatte ihr klar gelegte daß sechs,' ja noch sieben Jahre darauf gehen könnten bis

er festes Brot habe und dann, ob die Reue nicht hinter her komme, daß sie die glänzende Partie um seinetwillen aus- geschlagen habe, eine Heirat, welche ihre Eltern sehr wünsch­ten und von dem stillen Bündnis mit Franz Löhr absolut nichts wissen wollten.

Ja, ja, darum gab er Anna, sein Lieb, frei, aber bäumt hatte sie diese glänzende Partie doch nicht gemacht. Warum?

Löhr schleudert den Schaukelgaul tumultuarisch hin und her. Ja, wenn er an diesen Punkt ankommt, diese hohe Erregung folgt stets.

Diese Anna hatte eine majestätische Haltung, eine Un­nahbarkeit angenommen, seit der Trennungsstunde, mit herber Haltung zog sie an ihm vorbei, als ob er_

Der Schaukelgaul flog und ein brüllender Schrei folgte. Was war das? Ein altes, mürbes Weib lag vor seinem! Blick.

Niedergeworfen hat er sie, der Unmensch", schrie eine Stimme.

Löhr schleuderte Pack und Päckchen in den Schnee uitb half der Alten ans die Beine und drückte ihr seine Börs<ö in oie Hand.

Es wurde jäh Frieden.

Das Weibchen wackelte fröhlich! weiter und Löhr stmnpfte davon.

Jetzt ging es leichter, Pack und Päckchen wurden durch den Zwischenfall total vergessen unb erst als der Laufende nahe seiner Wohnung entdeckte er den Verlust. Ja, wo lag die Bescherung? Vielleicht im Schnee begraben, vielleicht prunkte sie auf einem Weihnachtstisch, von kecker Hand hingeleitet. Wie es auch luar, Neffen und Nichtchen harrten umsonst, Löhr kam in miserable Stimmung.

Das Unwetter stieg, daß gegen den Wind zu laufen schier eine Unmöglichkeit wurde, so ließ er sich den auf den Rücken weiter blasen und erreichte seine Wohnung.

Kalt, lichtlos grüßte ihn seine Bude. Die Wirtiu wußte, daß Löhr nicht zu Hause Weihnachten feierte und war darum ausgegangen. Er steckte sich seine Kerze an und suchte einen Imbiß. Die Tischschublade offerierte ein Stück­chen Wurst und das harte Ende eine Brotlaibes. Hu, wie kalt die Wurst auf der Zunge lag, er hörte auf zu speisen und rieb sich die Hände. Nein, fo ein Weihnachtsabend, der war doch schauderhaft. Er trommelte an den schneebedeckten Fensterscheibeu.

Könnte auch an den Stammtisch ziehen hm wie?"

Seine Stimmung sagtenein", sein leerer Magen for­derte ihn auf. Geteilten Sinnes begibt er sich wieder in das Unwetter, Was Anna wohl an solchem Wend treiben mag? Die Frage lodert auf. So eine arme geplagte Musik­lehrerin ? Ob sie zu Hause? Ob dort Licht?

Der Schnee wälzte sich wie eine Saivine ihm entgegen und das Wetter grüßte höhnend sein Angesicht.

Ja warum gab er seinen Rücken nicht dazu, her? Der Weg zum Stammtisch war hier jetzt gut gewählt, der Wind hätte ihn hingetragen. Wer nein! Gerade erst recht in den