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kaum mehr ein Baum anzutreffen, Menn man Don. beit einseitig vom Wind zersausten Nabelholzbäumen absieht, bie an das Hochgebirge erinnern. Wer aus biesen freien Höhen in ein Unwetter gerät, mag ruhig seinen Regenschirm' schließen, ehe ber Sturm ihn zerknickt, unb Gott banken, wenn er einen Lobenmantel mit sich führt, Hessen Kapuze er über bie.Ohren ziehen kann.
Wunberbar aber ist's auf biesen aussichtsreichen Punkten an schönen Sommertagen. Da atmet man, befreit vom Druck ber Tiefe, Vie r stufte Berglust, unb schaut in eine Welt voll Berge unb Täler, Städtchen unb Dörfer, über bte man sich erhoben hat.
Unb herrlich ist es auch in ben weiten Gebieten bes Ober- Malbes! Auf ben zahllosen Wiesen, bte zwischen ben Waldbestcinben liegen, unb sich wie Juwelen int Schmuck von ber Umrahmung hoher, weitüberhängenber Buchen abheben, entwickelt sich zur Zeit her hier spät beginnenben unb sehr lange andauernden Heuernte ein reges Leben. Die Heumacher aus ferne liegenden Dörfern bleiben den Tag über draußen. Ueberall sieht man ihre Feuer lodern, an welchen sie ihre mttgebrachten Mahlzeiten wärmen ober Kaffee kochen; unb zuweilen nächtigen sie auch braußen, um beim Tagesgrauen wieber mit bem Mähen beginnen zu können. Das ist bei schönem Sommerwetter ein ideales Leben! — Auch bie Beeren pslückenben Kinder beleben zeitweise ben Wald an Stellen, wo Vorher unb nachher sein Schweigen nur vom Vogelsang unb voM Murmeln ber heimlich zu Tal ziehenben Quellen unterbrochen wirb.
Die Bevölkerung des Vogelsbergs gewinnt fast alles, was ihr zur Nahrung dient, durch den Ertrag ihres Ackerbaus und besonders ber Viehzucht, welche die Haupterwerbsquelle bes ganzen Gebirges ist. Allein in der angegbenen Zeit — von welcher hier besonders bie Rede sein soll — würbe auch ihjr Hauptsächlichstep Bedarf an Kleibung aus ben, der eigenen Landwirtschaft entnommenen Rohstoffen: Flachs und Schafwolle, durch eigene Arbeit hergestellt unb zwar hauptsächlich burch Frauenarbeit. Nirgeubs habe ich fleißigere Frauen angetroffen wie in meiner Heimat, dem Vogelsberg!
Als ich in späteren Jahren sehr oft in einen nieberrheinischen Jndustriebezirk kam unb soviel Einblick in bie Verhältnisse bärtiger Arbeiterfamilien gewann, um merken zu können, baß viele ber Frauen nicht einmal orbentlich stricken konnten, und daß sie — bie keineswegs in ber Industrie mit beschäftigt waren, denn in Eisen- unb Stahlwerken gibt es nur Männerarbeit — ihren Bedars an Weißzeug und Kleidern für sich und die Ihren alle fertig ans ben Konfumanstalten holten, kamen mir meine Landsmänninnen doppelt verehrungswürdig vor.
Keinen reizenderen Anblick haben unsere Felder aufzuweisen, als das in Blüte stehende Flachsfeld. Es ist allerdings ein seltener Anblick im Hessenland geworden! Mer wo Man die Augen in das Meer von blauen Glöckchen versenken kann, erscheint es wie lauter Poesie inmitten ber Prosa ber Rüben- unb Kartoffeläcker. Die Art ber Behandlung des Flachsstengels nach einer Ernte ist jedoch sehr prosaischer Natur. Wer sie noch nicht mit angesehen hat, hat keine Ahnung davon, was er sich gefallen lassen, durch wieviel Grade ber Tortur er gehen muß, ehe er schmiegsam unb seibenweich um ben Rocken gelegt werben kann. Die mannigfaltige unb teilweise schwere Arbeit, die dazu gehört, ihn zum Spinnen vorzu- bereiten, wurde im Vogelsberg nur von Fraumhänben geleistet; unb im Spätherbst fing bas Spinnen des vorjährigen ober noch älteren Flachses an.. Da spannen alle Frauen —■ einerlei ob jung ober alt, Herrin ober Dienerin —■ in jeder Stunde des Tages, die sie erübrigen kannten, jedenfalls aber am Abend bis tief in die Nacht hinein. Nur der Samstagabend machte eine Ausnahme. Es gehörte bei den Leuten zur Heilighattung des Sonntags, daß schon am Abend vorher, zur bestimmten Stunde die Räder bei Seite gestellt werden mußten, während Nadelarbeiten gestattet waren.
Mit der aus dem Gespinst gewobenen. Leinewand, wurde nicht nur der ganze Hausbedarf an Weiß zeug gedeckt, sondern ein Teil derselben kam in die Färberei zum! Blaufärben und lieferte dann ben Stoff zu Alltagskleidern, besonders für Männer unb Knaben. .Auch zum Lohn aller Dienstboten gehörte ein Anteil an weißem Und Hauen Stoffen, sowie an Beiderwanb, die ein Gewebe aus) Wolle und Leinenfäden ist.
Vom November an wurden in ben Bauernhäusern bie Mahlzeiten berart vereinfacht, baß Nachmittagskaffee unb Abendessen -usammenfielen. Nachdem die Arbeit in den Ställen beendigt war — spätestens um sechs Uhr abends — kam eine aus Kartoffeln, Brot und Kaffee bestehende Mahlzeit auf den Tisch mit den Zutaten von Butter, Schmierkäse unb einem aus Dickwurzelsaft und Obst bereitetem Mus — je nach Vermögen; und danach fing das Spinnen erst recht an. Aber die Unterhaltung durfte bei dieser lange andauernden, monotonen Arbeit den gesellig veranlagten Vogelsbergerinnen nicht fehlen! Nicht nur die jungen Mädchen kamen zusammen, sondern auch Mütter unb Großmütter besuchten ein- anber mit ihren Spinnrädern, bei deren leisem Schnurren es sich so gut plaudern ließ, über häusliche |unb dörfliche Angelegenheiten, Über alles wovon bie Kunde aus der Vergangenheit ober aus der Welt braußen zu ihnen gedrungen war. Mochte es stürmen Unb schneien, ober eine Stille über bem lange, lange unter Schnee Unb Eis begrabenen Gebirge liegen, in bie selten ein Ton aus ber Außenwelt hineinklang; in ben Spinnstuben War es umso traulicher. Unb bafür, baß ber Gesprächsstoff nicht ausging — in dieser nicht nur äußerlich abgeschlossenen, fonbern auch von ben
zahllosen Anregungen ber Kulturwelt ausgeschlossenen Wett — dafür sorgte geschäftig bie Phantasie, bie eine Freundin großer Bergeinsamkeiten und matt erhellter Stuben ist. Sie kam auf leisen Sohlen unb erweckte uralte Märchen unb Sagen, um sie von Mund zu Mund, von Geschlecht zu Geschlecht fortzupflanzen; und um schltchte, natürliche .Begebenheiten wob sie ihre sltmmern- den, täuschenden Schleier, bis regelrechte Zauber- und Spuckgeschichten daraus wurden, die sich die Spinnerinnen mit eineml Gemisch von Grauen und Lust am! Wunderbaren erzählten.
Wenn hei den Familienmüttern das Ausgehen am Abend eine Abwechslung im Einerlei war, gehörte es bei allen ^erwachsenen Mädchen — mochten sie Haustöchter oder Dienstboten sein rur Regel. Es schlossen sich nach Wahl und.Atter bestimmte Greife zusammen, von denen jeder: eine Spinnstube hieß, die.ihre Zusammenkünfte den ganzen Winter über in demselben Hans.hatte/, und zwar in dem einzigen geheizten Zimmer desselben.und stets unter den Augen ber ganzen Familie. Im Laufe ,des Wends sanden sich auch junge Bursche in ben Spinnstuben.ein, aber nur einmal im Winter würbe ein Fest mit Harmonikaspiel.unb Tanz, mit Essen und Trinken gefeiert, dessen Kosten die Beteiligten gemeinsam trugen.
, Der in diesen viel beanstandeten Spinnstuben.herrschende Ton entsprach dem Bildungsgrad der Menschen, die darin zusammen- kamen — gerade wie es in anderen Kreisen.auch ist. Hier waren es Naturmenschen mit oft ungezügelten Natürlichkeiten, aber in ihnen, lebte doch noch etwas von der alten Germanetreue und von einer Frömmigkeit, der ein von Gott losgelöstes Leben leer und öde erscheint; und ihr sittlicher Standpunkt war Mu ust- endlich viel höherer als der von großen Massen.einer hohen und niederen städtischen Bevölkerung heutzutage ist.
Gegen Ende Januar war gewöhnlich der Vorrat an Flachs aufgearbeitet. Dann fingen die weiblichen .Glieder der Familie — auch die Schulmädchen — an, die schon am Beginn des Winters von der Mütter oder der Großmutter gesponnene Wolle zu verstricken; und zwar .nicht nur zu Strümpfen, sondern auch zu Jacken und Wamsen, bte mit feinest Nadeln sehr dicht und kunstvoll gestrickt würben. Auch Kinberkleider, Halstücher, Röcke und Handschuhe entstanden unter ihren emsigen Händen.
Erst wenn bie Tage lang geworben waren, holte die Hausfrau Ballen hausgemachter Seinewanb aus ber Kiste, um neue Wäsche für ben Haushalt davon anzufertigen. Die Stiche brauchten bei bem kräftigen Stoff nicht eben fein zu sein, aber die Aermel- bündchen ber Männerhemdeu wurden mit einem Zierstich aus- gestattet. Auf diese Art verwandelten sich bie aus der Landwirtschaft gewonnenen Rohstoffe: Wolle .und Flachs, hauptsächlich durch den Fleiß der Frauen in die Alltagskleider .ber Bauersleute. Nur der Weber und der Färber.hatten nebst dem Dorffchneider einige Beihilfe zu leisten. Der Beiderwollrock, die nach der Figur gestrickte Jacke und die .Blaudruckschürze- genügten den Frauen, so lange alles noch in gutem Zustand war, auch für den Sonntag- uackMlttag. Bei jungen Mädchen sah man anstatt ber leinenen Schürze vielleicht eine solche aus buntem Wollstoff und ein ebensolches Halstuch, und bei kleinen Kindern auch einmal ein Stoff- kleibchen; aber ber Anzug aus schwarzem Tuch, mit welchem bie Brautpaare zum Traualtar unb später nur zur Kirche unb zst feierlichen Veranlassungen gingen, reichte bei ben meisten fürs ganze Leben aus, und mit ihm bekleidet, wurden sie auch zu Grabe getragen. — Aber trotz, alles häuslichen Fleißes ber Fra liest unb allgemeiner Sparsamkeit War der Wohlstand. in ber angegebenen Zeit nicht groß. Das Jam von ben niederen .Preisest und schlechten Absatzgelegenheiten aller durch die Viehzucht ge- faonnenen Produkte. Au Milchversandt wat nicht zu denken, so lange bie Fahrt zur Eisenbahn einen halben Tag in Anspruch nahm, unb bie Butter hatte einen mäßigen Preis, und ebenso das Schlachtvieh. Noch in den sechsziger Jahren kam.im Sommer zuweilen das Pfund Kalbfleisch bis auf sechs, ja.sogar vier Kreuzer herunter. .
Trotzdem gab es Leute im Gebirge, bie sich eines durch ihre .Bedürfnislosigkeit bedingten Wohlstandes erfreuten; aber größer War bie Zahl derjenigen Bauersleute, die fich mit schweren Sorgen durchs Leben schlugen. Das war besonders bann ber .Fall, wenn sie Juden zu Gläubigern hatten! .
In manchem Haus konnte ber Hosjude, ohne den.Eigentümer zu fragen, die Tischschublabe aufziehen und sich von bem da auf- bewahrte.n Brot einen Ranken abschneiden; ober die Leute mußtest tränenbett Auges zuseheu, wie .er die beste Milchkuh fortführts unb eine magere dagegen einstellte; die er aber.ebenfalls Wieder Wegnahm, sobald sie gut herausgefüttert war. Es war .nicht zu verwundern, daß bie unter solchen Verhältnissen häufig vorkom- menbe Verarmung, manche Familie dahin brachte, mit bem letzten Rest ihrer aus bem Schiffbruch geretteten Habe nach^Amerika aus- zuwanbern. , ,
Allein von Auswanderungen nach Paris — Wo so .viele Hessen als Straßenkehrer ihr Dasein fristeten — aus den mir bekannten Orten des hohen Vogelsbergs, habe ich zu meiner Zeit nichts gehört.
Im Lauf der Zeiten haben sich — wie schon gesagt — im Vogelsberg bie Verhältnisse total geändert, und feine Bewohner Machen fein Hehl daraus, daß sie in besseren.Verhältnissen leben als ihre Vorfahren. Von vielen bäuerlichen Familien kann.man hören, daß sie nicht nur einen schuldenfreien Besitz, sondern auch


