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bttt Herrlichkeiten des Buches zu erzählen, uoit beit Witzen linb hundert Schwänken,
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' Käthe, bie bisher ruhig zugehört hatte, sagte letzt:
„Ich finbe es doch nicht hübsch, dreses Buch.
„Haha," meinte ich, um sie zu überzeugen — denn ich kenne «e 21; „du findest es nicht hübsch . . . haha . du wurdest, es qseich hübsch finden, wenn du wüßtest, daß Mark Twain an btclem Buche seine halbe Million Mark verdient hat, Käthe. . .
Sie blickte mich überrascht an, schwieg eine Weile still, dann sagte sie mit eigentümlicher Schärfe:
So ein Buch würdest du doch nicht zusammenürmgen, und wenn du's auswendig lerntest . . . Nein, ich mag es nicht . . . Es gefällt mir ganz und gar nicht. .
Merkwürdig war nur, daß sie mich von letzt an ruhig lewn ließ, mehrere Male fragte sie sogar, ob ich Nicht bald fertig fei <3» ihrem Ton lag etwas, das mich mit dieftr Bemerkung versöhnte.
Als ich zu dem Kavitel gelangt war, in welchem Tom den armen Huck Finn bestimmt, zu der ihn bemutternden Witwe ziiruck- zukehren und ein anständiger Mensch zu werden, weit nur ein solcher in eine — Räuberbande ausgenommen werden kann, hielt ich'z nicht länger aus. Ich mußte jemanden haben, der sich mit mir an den köstlichen Perlen aus Kindermund, an diesen blutigen Phantasien einer Kinderseele ergötzen konnte, und ich machte Käthen den Vorschlag, sich diese Stellen von mir vorlesen
zu lassen. . , . ., ... ... r .
Sofort erhob sie sich, tat beleidigt und meinte schross, sie sei nicht neugierig. Hierauf verließ sie das Zimmer und begab sich in die Küche. Ich mit dem Buche ihr nach, immer vorlesend, ^n der Küche begann sie Kartoffeln zu schälen. Ich las vor. Sie zwang sich, nicht zu lachen. Sie ging in die Speisekammer, ich folgte ihr. Ich war doch neugierig, ob teilt Lachen ans ihr herauszubringen sei. Sie wirtschaftete herum und sang dabei. Dann öffnete sie den 'Kleiderschrank und machte Vorbereitungen, auszugehen — — schließlich aber übermannte sie der Humor, sie warf sich ans» Sofa und lachte dreiviertel Stunden lang.
Als sie damit fertig war, sagte sie:
„Ich weiß nicht, wozu du das liest... Du wirst natürlich keine halbe Million Mark mit deiner Schreiberei verdienen . . . obwohl wir," setzte sie wehmütig hinzu, „obwohl wir's wahrhaftig brauchen könnten..." ,
Diesen Borwurf macht sie nur seitdem täglich zweimal, Mister Clemens, und ich setze dies auf Ihr Schuldkonto.
Aber noch etwas anderes.
Am Abend desselben Tages fing Käthe an, Ihre Schriften zu lesen, und seitdenr leide ich entsetzlich, Mister Clemens.
In der Küche läuft die Milch über . . . meine Frau liest und lacht . Der Geldbriefträger läutet . . . Küthe rührt sich nicht. Sie hat sich zurückgelehnt und lacht und verlangt von mir, der ich gerade den sechsten Band lese, daß ich anfstehe und öffne. Ich tue es nicht, weil ich weiß, daß sie sich über das Buch stürzen wurde, um zu wissen, ivorüber ich gelacht habe. . . lind sie stört mich fortwährend, indem sie anführt, was ihr so unsägliches Vergnügen Macht . . . und wenn sie mir diese Stellen vorgelesen hat, setzt sie hinzu, daß ich niemals solche Einfälle haben würde, solche Einfälle, mit denen man Millionen verdienen kann, und die noch viel mehr wert sind. ... , , =
Können Sie ermessen, Mister Clemens, lute bitter weh mir das tun muß ? Mit jeder Seite Ihrer Schriften beschämen Sie mich . . machen Sie mich unglücklich ....
Aber das ist wahrlich noch nicht alles.
Seitdem Käthe Ihre Werke liest, haben wir keine einzige Mahlzeit regelmäßig eingenommen . . . und dieses Essen . . . brr . . . schauderhaft. Glauben Sie, Mister Clemens, daß man anstatt des Zuckers Salz in den Tee tun kann, ohne das Gemüt eines sein Weib ehrlich liebenden Mannes und deutschen Schriftstellers zu vergiften? Glauben Sie, daß es ein Segen für die Liebe ist, wenn der Braten verbrannt und das Gemüse nicht gesalzen ist? Meinen Sie, daß es befruchtend auf den Humor wirkt, wenn eine Frau in ihrem Lese- ünd Lacheifer den Kaffee zubereitet, ohne Kaffeebohnen zu benützen und das heiße Wasser zu Tisch bringt?
Ich glaube nicht. Alle diese Dinge aber sind in meinem Hause, seitdem Sie darin erschienen sind, so alltäglich, daß ich mich lächerlich machen würde, wenn ich mit meiner Frau darüber spräche. Ihre Antwort wäre, daß es niemand verstünde, von den Frauen so unendlich zart zn sprechen wie Sie, und daß ich von Ihnen lernen sollte ...
Oh, Mister Clemens, welches Leid haben Sie über mein armes Haupt gebracht! Seitdem Käthe Sie so liebt, wie,ich Sie früher geliebt habe, seitdem bin ich der Trostlosigkeit verfallen, aus der mich leider nur noch die Lektüre Ihrer Werke reißen kann.
Nur einen Vorteil habe ich durch Sie erlangt. Ich erzählte meiner Frau, daß Sie so leidenschaftlich rauchten. Eine Folge davon ist, daß sich Käthe nicht niehr darüber beklagt, ich ruiniere ihr die Gardinen . . . Sie hat mir sogar eine Schachtel Zigarren und eine Tonpfeife gekauft und mich dabei gefragt, wann ich die Million . . . Lassen Sie mich darüber schweigen, Mister Clemens.
Den sechsten Band habe ich übrigens versteckt. Neben bett „Reisebildern" ist in demselben Ihre Lebensgeschichte enthalten, und darin steht, daß Sie auch verschiedene Dinge erfunden haben,
Wenn Käthe .-*=£ lesen würde, möchte sie wahrscheinlich auch von mir verlangen, daß ich etwas erfinde, ich, dem sie erst gestern ernstlich vorgeworfen hat, er habe nicht einmal das Pulver erfunden.
Sie begreifen, Mister Clemens, daß ich Ihnen dies alles mitteilen mußte, damit Sie wissen, welches Unheil Sie angestiftet 'haben, hoffentlich sind Sie noch besserungsfähig und schreiben keine Geschichten mehr, derengleichen ich nicht kenne an Mutterwitz, Geist und Lebensfreude und jener Weisheit, die nicht dem Kopfe eines Küglers entstammt, sondern dem Herzen eines klaren und souveränen Menschen, einer Natur voll heiterer Liebenswürdigkeit und dem hellen Lachen, das in diese trüben Tage hineintönt wie befreiende Glockenklänge.
llnb ich wünschte sehr, Mister Clemens, daß Ihre Bücher in der schönen Ausgabe von Robert Lutz in Stuttgart in jeder deutschen Familie zn finden seien.
Und damit möchte ich herzlichst Ihre Hand geschüttelt haben, Mister Clemens ...
Vücherttsch.
— Das literarische Ech o. Halbmonatsschrift für St» teraturfreunde (Begründet von Dr. Josef Eittinger. Herausgegeben von Dr. Ernst Heilborn. Verlag: Egon Fleischel n. Co., Berlin W. 9). Das 2. Oktoberheft ist soeben mit folgendem Inhalt erschienen: Johannes Reichel!: Unveröffentlichte Briefe von Caroline und Gottfried v. Herder. Hermann Herrigel: Novelle und Roman. Rudolf Pechel: Freytag und Stosch. F. Schott- hoefer: Die jungfranzösische Kritik. Wolfgang Schumann: „Jg- norabimns". Ernst Lissauer: Lyrik. Edgar ©teiger„Der Held des Westerlands". Echo der Bühnen. Echo der Zeitungen und Zeitschriften. Echo des Auslandes. Kurze Anzeigen. Notizen, Nachrichten. Vorlesungs-Chronik. Büchermarkt.
— Leibl - Monographie. Zwar nicht hinsichtlich des Umfangs, wohl aber hinsichtlich,der glänzenden illustrativen.Ausstattung ist ein ,im neuesten Heft der Monatsschrift „Die Knust (Verlag Bruckmanu, München) enthaltener Leibl-Anffatz wohl btp schönste bis jetzt herausgekommene Leibl-Monographie. Die außerordentlich reiche und schöne Zeitschrift eröffnet damit ihren Io. Jahrgang aufs glücklichste und verheißendste; das Heft zeigt alle die Vorzüge, der „Die Kunst" ihre große Bedeutung und Belieb thett verdankt: bei mäßigem Preis — 6 Mk. vierteljährlich — eilte beispiellose Fülle erlesensten, technisch unübertrefflichen Budermaterials und größte textliche Mannigfaltigkeit. Nachdem „Dse Kunst" in einigen Ausstellungsauffätzen der letzten Hefte die Moderne z T. in sehr radikalen Vertretern hat zu Wort kommen lassen, stellt sie mit dieser glänzenden Leibl-Publikation (besonders erwähnenswert die farbigen Wiedergaben) wieder einen Künstler in den Vordergrund, an dessen unerhörter Meisterichaft und großem künstlerischen Ernst gemessen manche ErschemilNg unserer Tage versinken muß. Einem heute wieder mehr zu Ehren komineiiden Kunstzweig, der Miniaturmalerei, redet Prof. SchMid- Aachen in einem zweiten Aufsatz der Zeitschrift das Wort: dm Leitung der Zeitschrift hat den Aufsatz mit .zahlreichen köstlichen Proben (farbig und schwarz) dieser köstlichen Kunst ausgestattet. An weiteren Auffätzen aus dem Heft seien erwähnt: R. Riemer- schmidS Haus Schwalten bei Füssen, architektonisch wie ui seiner Inneneinrichtung ein schönes Beispiel Rtemerschmidscher Kunst» Plaketten von F. Wysocki: Der Berliner MÄrchenbrunnen mit den vielen plastischen Arbeiten von I. Taschner und G. Wrba,' Schmncksachen von K. Pfeiffer: Die Farbe im Blniiiengartenr Wiener Keramik usw. — Wir wünschen der „Kunst , die m bet Tat mit jedem Heft dem Kunstfreund ein Fest bereitet, daß sw in ihrem 15. Jahrgang in jedem kimstfreundlichen Hause Elst- gang finde. j .
VilderMsr!.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Ergänzungsrätsels in voriger Nmnrnee • Proben gibt es zwei, darinnen Sich der Mann bewähren muß: Bei der Arbeit recht Beginnen, Beim Genießen rechter Schluß.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universttäts-Vuck» und Steindrucketei. R, Langs, Giehe»,


