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dies
und
Geist nicht und
uns vor Lachen
darauf der Tod wir alle, meine
stünde.
Aber er übersetzte ausgezeichnet. Während
Mutter, mein Vater, meine Geschwister und ich ...... —------
wälzten, verzog der Männ keine Miene seines steinernen, bartlosen Gesichts und las ruhig weiter, feierlich und gemessen, bis wir ihn bitten mussten, eine kleine Panse zu machen, damit wir Uns mit neuen Taschentüchern zum Wcgwischcn unserer Lach-
Doltorsrechnungen erspart".
Und ich hab' diesen Schatz mit Hilfe eines hageren, langauf- geschossenen Kandidaten der Philologie gehoben, eines tiefsinnigen Mannes, der lange blonde Haare trug und Beinkleider, die zu kurz waren, eines Pedanten, Mister Clemens, der mit dem hlinden Taubstummen in Ihrer Leidensgeschichte: „Wie man mir in New Uork mitspielte", bis auf das Blind- und Taubstummsein eine verzweifelte Aehnlichkeit besaß: er verstand ihre Witze nicht, Mister Clemens, verstand ihren würde ihn nicht verstanden haben, selbst wenn
aufgestapelt haben und vor uns spielen lassen, als hätten Sie irog der ernsten Miene, die Ihr prächtiges Bild zeigt, selbst Ihren Spaß daran--und deshalb gestatten Sie, Mister Clemens, daß ich
Sie hiermit öffentlich anklage.
3|i) könnte mich allerdings für meine häuslichen Leiden, die Sie verschuldet, dadurch rächen, daß ich Ihnen mit dein Aufgebot aller meiner ästhetischen, geographischen und literaturwissenschaftlichen (dieses Wort empfehle ich Ihnen zur Bereicherung Ihrer famosen Bemerkungen über die „Schrecken der deutschen Sprache") Kenntnisse auseinandersetzte, warum Ihr Humor Humor genannt zu werden verdient und in welche weitere und welche engere Klasse von Humoristen Sie eigentlich gehören (wobei ich mir Vorbehalten würde, von der Erschaffung der Welt auszugehen und Genaueres über die Entdeckung Amerikas mitzuteilen) . . . Und ich könnte dies alles durch so 'dunkel erhabene, tief philosophische Bestimmungsworte ausdrücken, daß Ihnen vor sich selbst ünd Ihrer Kunst angst und bange würde--aber so sehr ich Grund habe, Ihnen übel
gesinnt zu sein, Mister Clemens, solche Folterqualen haben Sre doch nicht verdient. ' _ _.A „
Lassen Sie sich lieber erzählen, was infolge Ihrer Wer^ zwischen Käthe und mit vorgcfallen. Ich hoffe, Sie werden sich
zur Warnung dienen lassen^
's Meine Leiden durch Mark Twain.
. Offener Brief an Herrn Clemens (Mark Twain).
Bon Manuel Schnitzer.
Ohne Umschweife, Mister Clemens. Sie sind schuld an jenen Peinlichen Szenen, welche mir eine volle Woche hindurch mern sonst so friedsames Heim zu einer Art Hölle gemacht haben., Ich bin ein offenherziger Mensch und sage meine Meinung frei heraus, b. h, Männern gegenüber. Wenn cs sich um Damen handelt, zumal um Käthe, meine Frau, dann pflege ich — und ich weiß sehr wohl, warum — eine gewisse Vorsicht nicht außer 4d)t äu lassen. ,,
Indes ich schreib' Ihnen wahrhaftig nicht, um Sre mit meinen Erfahrungen über diesen heikeln Punkt bekannt zu machen, der Sie als langjährigen Ehemann ohnedies vertraut anmuten durfte.
Meine Absicht ist eine andere, Mister Clemens. Ich! will Mmen Vorwürfe machen, bittere Vorwürfe, und den Wunsch ausfprechen, Sie mögen in sich gehen und Besserung geloben für die Zukunft.
Ich konune zur Sache.
Gott verdamme mich, wenn ich den Kerl, der Mir vor Zähren gesagt hätte, daß ich durch Sie einmal so entsetzliche Leiden erfahren könnte, nicht zum Fenster hinausgeworsen und zu allen Teufeln gewünscht haben würde. Heute möchte mir dies^natür- lich leid tun, und ich freue inich aufrichtig, daß ich. durch «ie und Ihre Werke nicht auch in diese peinliche Lage gekommen bin, Mister Clemens. .
Als ich vor zehn oder elf Jahren Ihre werte Bekanntschaft machte, kannte ich Ihre Tücke noch nicht, und so kani es, daß ich Sie anfänglich lieb gewann.
Davon ivill ich Ihnen zunächst erzählen.
Ich lebte damals in einer kleinen Stadt und hatte keine andere Zerstreuung als ein paar Bücher. Darunter war eines von Ihnen, geschrieben in englischer Sprache, die ich nur sehr mangelhaft verstand, aber noch immer in dem Grade, daß mir eine Ahnung davon gufgehen konnte; in diesen Blättern stecke ein unendlicher Schatz von .'göttlichem Lachen und iveiser Narrheit, „ein Lachen",^— um mit den Worteii des alten Wallisers in Ihrem „Tom Sawyer" zii sprechen, — „das wie bares Geld in der Tasche ist, ivcil es lange
tränen versehen könnten.
Ich erinnere mich genau, Mister Clemens, als der Kandidat — Klötzchen hieß er — uns „Ein Interview" vorlas, mein Vater bei der Stelle, wo Sie die rätselhafte Geschichte vom armen alten Bill erzählen und daß er tot genug gewesen sei, aufsprang und Herrn Klötzchen aus Leibeskräften zu rütteln begann, damit er nicht so starr und steif dasitze, während ich und mein Bruder Vor Lachen brüllend im Zimmer umhertamnelten und schon begonnen hatten, auf einem Fuße herumzuhopsen.
Später sah ich ein, daß die Art, wie Klötzchen Ihre Geschichten Und Witze vortrug, die wirksamste ist, und ich würde ihm wahrhaftig eine dankbare Erinnerung bewahren, wenn Sie nicht — wie ich erwähnt habe — jetzt die peinlichen Szenen verschuldet hätten, die sich in meinem Heim zwischen Käthe und mir abgespielt haben.
Die unmittelbare Veranlassung dazu waren die sechs prächtig ausgestatteten Bände Ihrer Schriften in vortrefflicher deutscher Aebersetzung, welche mir der Stuttgarter Verlagsbuchhändler Herr- Robert Lutz zur Besprechung zugeschickt hatte*), und über die ich gleich, nachdem sie angekommen waren, hersiel, wie cs nur ein Mann tun kann, der in der Tretmühle seines kritischen Berufs nach einer Erquickung schmachtet, nach weisem Lachen und wahrhaft 'göttlicher Narrheit, nach etwas, wobei er den Kritiker vergißt und »um Genießenden wird, zu einem Kinde und einem Schüler, er, der sich gewöhnlich Büchern gegenüber — und es ist dies Nicht seine Schuld — sehr erwachsen fühlen muß.
Das alles habe ich nun in Ihren Werken, welche die deutsche Ausgabe enthält, gefunden . . . Ich habe mich wieder inifc wieder packen lassen von den tausend Humoren, die Sie in „Tom L-awyev , jn „Huckleberry Finn", im „Skizzenbuch" und den arideren Michern
*) 6 Bände 10 Mk. brosch., 13,50 Mk. in Leinwand geb., illustrierte Ausgabe 14 Mk. brosch., 20 Mk. geb. Hlnzugekommen ist inzwischen eine II. Serie von ebenfalls 6 Bänden zu 11« brosch., 17 Mk. in Leinwand geb. Es werden auch einzelne Bande abgegeben.
Als ich von dem Buche aufsah — es waren die „Abenteuer und Streiche von Tom Sawyer" — stand meine Frau vor mir sagte in einem traurigen Tone:
„Es ist das fünftemal, lieber Männ, daß ich dieses Zimmer betrete und dich zu Tische rufe. Du hast bisher weder aufgeblickt, noch mich einer Antwort gewürdigt. Einmal hast du mich durch ein rnerklvürdiges Lachen unterbrochen, das mir ms Herz schnitt- Es kam mir vor, als schüttle dich dabei das Fieber . , . Bist du
krank, Mann?" . , _ „ t
Ich muß sagen, daß mich die Storung nicht gerade freute^ Trotzdem erwiderte ich nicht unfreundlich:
„Nicht im geringsten krank, Käthe. Im Gegenteil. War nie Jo vergnügt, sollte ich denken. Ich lese Mark Twain, und ich hatte von Herzen gewünscht, daß du mich dabei ließest. . . .
„Ah," meinte meine Frau entrüstet, „du lieft. . . und ich Närrin lasse die Suppe kalt werden, weil ich denke, daß du krank
Ich' wurde ärgerlich, weil es durchaus nicht in meiner Ansicht gelegen war, mir meine Zeit durch einen vom Zaune gebrochenen Streit rauben zu lassen. Ich hatte wahrhaftig Wichtigeres °‘l ^,Jch finde deine Bemerkung," sagte ich mürrisch, „etwas unlogisch, Käthe ... Du hast die Suppe kalt werden lassen weil du glaubtest, ich sei krank . . . haha . . . als ob kalte Suppe . .
Sie siel mir ins Wort, während es in ihren sanften Augen zornig zu glimmen begann. ,
„Du kannst ja deine Witze nach dem Essen machen. Es handelt sich gar nicht darum, daß du krank bist . . ." , .
,6m," erwiderte ich mit nachdenklicher ^roiue, „mir kains so vor, als würdest du seit einer Stunde von nichts anderem ftirecbcit 11
Während ich das sagte, drückte Käthe auf den Knopf der elektrischen Glocke und sagte zu dem erscheinenden Dienstmädchen:
„Tragen Sie die Suppe auf, Anna." ,
.Wenn sie. doch kält ist," versnchtc ich emzuwenden, aber meine Frau schnitt meine Widerrede dadurch ab, daß sie ziemlich stieng^sortsichr^uld^ ni(^ ^Mun, daß du deine albernen Bücher auch "bei Tische liest . . . Ich dulde es nicht." .
Ich dachte gerade an Tom Sawyers Triumph, als er rnfoche einer Zahnlücke, die er Tante Polly zu verdanken hatte, m die Lage kam, auf eine neue, noch nie dagewesene Weise auszuspucken, die ihm die Bewunderung feiner Zeit- und Lpielgenossen eintrug, und mußte hellauf lachen.
„Und auslacheii lafse ich mich auch iricht," Motz Käthe energisch, worauf ich ihr klar machen wollte worum es sich handle und daß sie gut daran tun wurde, ihr Verbot zu Ihren Gunsten, Mister Clemens, zurückzunehmen. Das tat sie Nickü, und die Folge war, daß ich bei Tische trotzdenr weiterlas und.ungeachtet des verächtlichen Schweigens meinet Frau leise vor mich hiulachte.
Ich weiß nicht, welche Zeit vergangen, und was wahrend derselben geschehen war, als Käthe mich mit heftrauriger stimme
^Was ist denn an diesem Buche, Männ, daß du es nicht einmal für eine Minute aus der Haiid legst?"
Sofort war ich versöhnt. Käthchens Interesse rührte mich. Oh," sagte ich (und cs tut nur leid, Mister Clemens, daß Sie es hören müssen), „es ist das Herrlichste, baS Humor- und Gemütvollste, was ich kenne. Die Träume meuter Kindheit. . . all das närrische und weise Zeug, das mit .einmal durch den Kops geqanqen . . . hier ist es . . . die Donguichotereien. . . hier in Tom Sawyer sind sie verkörpert . . . Ich muß lachen und weinen bttiüber . . . höt7 cinnicit . . ~
llnb ich erzählte ihr, wie Tom, ber wrebergekehrte ^urch- brennet, nach dessen Leiche man bereits gesucht, zu seiner Tante, auf den armen Waisenknaben Huck Finn zeigend, sagt.„Tan« Polly, das ist nicht recht und nicht, schön Es muß sich auch ‘ jemand freuen, daß Huck wieder da ist und ich fnlst fort, von


