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bedroht hatte?
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soll — verflucht jede Zeile, die ein Dichter schreibt, wenn er keine Liebe im Herzen trägt! Verflucht dre Lemwand, dre em Maler bepinselt, dem nicht liebeheißes Wut durch die Adern rollt!" , r r,
„Sie scheinen ein Nrehscheaner vom reinsten Wasser, Sie predigen eine Herrenmoral."
„Meinetwegen! Wenn es schon zwei Sorten von Moral geben soll, dann lieber eine Herren- als Sklavcnmoral. Mit alten Weltbeglückungsphrasen wird man aus einem anarchistischen Mordbuben keinen echten Edelmann, kemen adelig Denkenden machen — wo wahre Liebe ist, da muß auch heftige Abneigung sein; kein Licht ohne Schatten; ich Hape dre Gleichgültigkeit!" r , rei-
Der Staatsanwalt war ut Schweigen versunken. Ehrlich gab er sich selbst zu, daß er den Frecherrn vorschnell und grundfalsch beurteilt hatte. Der Zweikampf war ja aber, dem Himmel sei Dank, verhältnismäßig iivch günstig genug abgelaufen; hätte man da ilicht zufrieden sem müssen? Und beit» noch fühlte sich Teil bedrückt, unbefriedigt, gedemutigt; ihm war, als ob ein fernes Glück, das er von der Gunst der Zukunft immer iwch erhoffen zu dürfen geglaubt hatte, ihm uuu für immer und ewig entschwunden wäre/'
Ellen! Durfte er je wieder seme Bücke zu ihr erheben, nachdem er ihreil von ihr so heiß geliebten und so innig bewunderten Vater mit der tödlichen Wasfe uit Zweikampfe
Die Anzeigenteile der Berliner Zeitungen füllten sich mit allerlei Bäder-Empfehlungen; der Lenz hatte endgültig über den Winter gesiegt. , ™. , .
Im Wirtshausgarten der in wenigen Minuteii mit der Bahn zu erreichenden Vororte blühten die Kastanien und der Flieder; die an der südlichen Wand des Wirtshauses gezogenen Pfirsichbüumchen standen in reichster Blüte, ^ctzt freilich hatten die Blüten ihre Kelche träumend geschlossen, denn der fast volle Mond schwamm am wolkenreinen Himmel. Er goß sein magisches Silberlicht über ein frohes, munteres Völkchen, das sich um die Tische im Garten in dichten Gruppen niedergelassen hatte und unter Scherz und Gelachter, auch unter mancherlei boshaften, nur leise geflüsterten Bemerkungen über den lieben Nächsten, dein zieniltch unichul- digen, in hohen Stangengläsern schäuinenden Biere wacker znsprach. Die Schauer der Mainacht waren doch nicht streng genug, um den Gesangverein „Harmonie" von seinein jährlichen Stiftungsfest abzuhalten; der Tag war nun einmal wiedergekommen, an dem vor zehn Jahren vier sangesfrohe, brave Handwerker ihre im Winter eingeübten, vierittmmtgen Lieder zum ersten Male vor einem Kreise geladener Freunde und Freundinnen vorgetragen hatten, und dieser Tag, der eigentliche Gründungstag, der bald auf einige hundert Mitglieder angewachfenen „Harmonie", mußte auch diesmal festlich begangen werden. . m .
Das Lokal war für den heutigen Abend vom Verein gemietet und für das größere Publikum unzugänglich. Zur Deckung der Kosten ntußten die Mitglieder ein kleines Eintrittsgeld erlegen. Peter Dechner, der Polier, stand mit der Weißen, ihn als einen der Festredner kennzeichnenden ^chleise auf der Brust mit an der Kasse und begrüßte Männlem und Weiblein mit scherzhaften, meist leicht ironischen Bemerkungen. Er war nur seinem Bruder Adolf, dem Instrumentenmacher, zuliebe, der den ersten Tenor in dem sich heute produzierenden Quartett zu singen hatte, mit „in die Harmonie eingesprungen"; so versicherte er wenigstens jebeitt, der es hören wollte; eigentlich verachtete er das ganze Vereinswesen dieser Bourgeois, das doch nur dem schalen Vergnügen satter Ausbeuter galt und niemals hohe, menschenwürdige Ziele verfolgte; besonders die Vereinssucht des modernen Berliners erschien ihm als eine Art Drehkrankheit, wie sie Schafe befällt. Für ihn gab es nur eine einzige Sorte von Vereinen, die er billigte, das waren die radikalen politischen Vereine. „
„Guten Abend, Mutter, guten Abend, Herr Pslege- vater!" begrüßte er das Lampertsche Ehepaar, hinter dem ein schlankes, rosiges Mädchen im Gedränge stand, das geduldig auf die Lösung der Eintrittskarten wartete. Als er jedoch hinter denn Rücken des sein Geldtäschchen hervorholenden Goldschmiedes die Schutzbefohlene der Frau Lampert entdeckt hatte, warf er ihr eine Kußhand zu und sagte galant: „Guten Abend, mein schönes Fräulein Schwägerin! Er (er meinte seinen Bruder) wird sich heute mit Ruhm bedecken — eine Stimme, so rein wie eine Glocke! Er hat den ganzen
Tag nur Eidotter geschluckt und nicht einmal zu rauchen ge* wagte' Ein spöttisches Kichern schloß diese Bemerkung. !
Sabina Meerholt, die Braut des Instrumentenmachers, errötete, vielleicht im stolzen Vorgefühl des Triumphes ihres Bräutigams, vielleicht in leisem Verdruß über die ironische Art und Weise, in der ihr zukünftiger Schwager von seinem! üngesfreudigen Bruder sprach; aber sie erwiderte nichts und nahm mit nur stumm dankender Kopfneigung die Eintrittskarte aus Frau Julie Lamperts Hand entgegen. Die dicke Goldschmiedsgattin aber wandte sich gutmütig tadelnd gegen Peter: „Wenn du nur mitsingen wolltest! Es würde der nichts schaden, du hast eine so prächtige Stimme, em Jammer, daß du sie dir in der politischen Versammlung heiser schreist!" Nicht ohne Wohlgefallen betrachtete sie den hübschen Pslegesohn, der, den Zylinderhut etwas schief auf dem Kopfe, sie aus seinen dunklen intelligenten Augen pfiffig anblinzelte.
„Ja, ja, Peter", sagte der Goldschmied mit seiner sanften, etwas lispelnden Stimme, „der liebe Gott sieht alles, was du tust, uud du wirst einmal für jedes unnütze Wort, das aus deinem Munde geht, Rechenschaft abzulegen haben.
Der Getadelte lächelte überlegen, als ob es sich gar Nicht lohnte, auf diesen Vorwurf zu antworten, und deutete mit der Hand nach dem Garten: „Dort hinein, mein verehrter Herr Pflegevater; das Konzert wird gleich beginnen; mein Bruder Adolf stimmt schon seinen Kehlkopf." Er schnitt mit dieser Aufforderung jede weitere Auseinandersetzung ab und wandte sich einer Gruppe neuer Ankömmlinge zu, denen er geschäftig die Eintrittskarten verabfolgte.
Herr Wilhelnr Lampert seufzte und bot seiner besseren Hälfte würdevoll den Arm. Beide segelten, wie zwei in Flaggengala paradierende Fregatten, stolz und selbstbewußt in den Garten hinein; Sabine folgte ihnen wie ein leicht beweglicher, schlanker Aviso, und ließ die hübschen Augen als kundige Späherin über die schon versammelte Menge gleiten.
„Dort, dort hinein!" flüsterte sie ihrer heutigen Beschützerin zu (sie hatte die leicht erkrankte Mutter, eine Be? amtenwitwe, zu Hause zurücklassen müssen), „da steht die Tribüne! Wir wollen uns dicht davor setzen; ich glaube, Adolf hat uus eineu Tisch reserviert."
Der Instrumentenmacher hatte seine Pflegeeltern nebst seiner Braut schon herankommen sehen. Er eilte ihnen entgegen (auch er trug eine weißfeidene Schleife im Knops? loch), grüßte das Lampertsche Paar mit herzlichem Hände- schütteln, warf der Braut einen etwas unsicher fragenden Blick zu, und erst, als sie ihm unbefangen zugenickt hatte, bot er auch ihr die bewillkommnende Rechte. Er führte alle drei an einen kleinen Tisch zu Füßen der SängertribüNH und sagte: „So, hier werdet ihr am besten sehen könnest. Wir sangen gleich an." Er bückte sich zu seiner Braut, ditz schon Platz genommen hatte, uud rannte ihr ins kleine Ohr: „Bist du mir noch böse, Sabine?"
Diese schüttelte den Kops, aber ein leises Schmollest zuckte doch noch um die Winkel ihres reizend geschnittenen Mundes. Sie blickte aus, sah dem Bräutigam in sein ehrliches Antlitz und sagte nicht unfreundlich: „Mache deine Sache gut, damit auch Peter begreifen lernt, was du Kunst/'
Adolf lächelte: „Was geht uns der Peter an. Nur für dich werde ich singen, und wenn ibir'S gefällt, dann klatsche mir tüchtig Beifall; das wird mein schönster Lohn fein."-
Er war schon wieder fortgeeilt nnd stand nun mit seinen Quartettgenossen auf dem hölzernen Tritt, wo er die Stimmgabel erklingen ließ, um den richtigen Ton anzugeben.
Es waren nicht gerade ausschließlich die gehaltsvoll,ten Kompositionen für vierstimmigen Männergesang, die der Verein „Harmonie" in sein Verzeichnis ausgenommen hattef aber es waren altbekannte volkstümliche Weisen, die immerhin dem Ohre schmeichelten nnd auch den Herzen ber anspruchslosen Zuhörer etwas zu sagen hatten; hin und toteber wurde auch eilte echte Perle deutscher Sangeskunst zum besten gegeben. Mit einem patriotischen Liede wurde der Abend eröffnet, und nach einem inehrfachen „Picht! pscht! , das mahnend durch den Garten scholl, schwiegen die plappernden Zungen, und alles lauschte itach den vier Männern, die ist schwarzen, feierlichen Tuchröcken und mit etwas unzeitgemäß ßen weißen Handschuhen auf der Tribüne standen und ihr? Kehlen im Dienste der heiligen Cäcilia so weidlich anstrengten, daß ihnen die Adern am Halse schwollen und dem dicken Bassisten die Fischaugen aus dem Kopfe traten.
(Fortsetzung folgt.)


