Ausgabe 
20.10.1913
 
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M3 - Nr. M

Montag, den 20. Oktober

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Lsurrnblut.

Pwntan von Gerhart ti. Amyntor (Dagobert v. Gerhardt).

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Der Rittmeister stand am Wagenschlage, bereit, ebenfalls einzusteigen, wenn Just wieder ausgestiegen sein würde, und fragte:Nach demKaiserhofe"?"

_Nein, lieber Tollen", erwiderte Brank,ich denke, ich fahre unverzüglich nach Hause es sind gute Pferde in zwei Stunden kann ich in Giesdorf sein. Nicht wahr, Herr Doktor, Sie gestatten die Fahrt?"

Ich kann Sie leider nicht begleiten, Herr von Brank, möchte aber doch darauf bestehen, daß Sie wenigstens nicht ganz allein fahren."

Hm, hm", bedauerte der Rittmeister,wenn ich doch nur nicht um 11 Uhr Dienst hätte?"

Und ich bin leiden gleichfalls gebunden", erklärte Go­tenberg,das trifft sich wirklich gar zu schlecht."

Meine Herren", rief Just, der noch aufrecht im Wa­gen stand,ich habe Zeit, ich werde Herrn von Brank be­gleiten; mit der Pflege Verwundeter weiß ich Bescheid!"

Der Arzt nictte; er billigte das Anerbieten.

So setzen Sie sich zu mir, Herr Just", sagte Brank, sichtlich befriedigt,ich kann mir keinen angenehmeren Bei­stand denken. In der Wagentasche steckt Rotwein und kalte Küche; Sie sollen nicht um Ihr Frühstück kommen."

Danke, danke", versetzte Just, indem er dem Freiherrn gegenüber Platz nahm,ich habe keinen Hunger; wenn Sic aber gestatten, zünde ich nlir meine Pfeife an."

Und ich eine Zigarre."

Just griff in des Freiherrn Rocktasche, holte ihm seine Zigarrentasche hervor, schnitt ihm die Spitze einer Havanna ab und entflammte ein Zündhölzchen.

Ich hoffe, mein Pfeifcheil wird nicht schlechter riechen," schmunzelte er dann, indem er ein kurzes, schon ganz schwarz gerauchtes Tonpfeifchen hervorbrachte und es mit gelblichem Maryland sorgsam stopfte.Es ist echter Bay ich rauche keine andere Sorte."Nachdem er den Tabak in Brand ge­setzt hatte, hob er behaglich an:So, jetzt wären wir fer­tig. Wenn Sie gestatten, Herr von Brank, kann es losgehen. Der Kutscher weiß doch den Weg?"

\Ich komme morgen hinaus", rief noch der Arzt in den Wagen:der Verband bleibt bis auf weiteres unberührt liegen!"

Glückliche Fahrt! Gute Besserung!" klang es von allen Seiten.

Brank streckte noch einmal den gesunden Arm zum Wa­gen hinaus und bot dem finster dreinschauenden Staatsan­walt die Hand:Wir bleiben die Alten, nicht wahr?"

Der Staatsanwalt erwiderte den Händedruck und sagte beschämt:Gott mit Ihnen, Herr von Brank! Ich bleibe dauernd Ihr Schuldner."

Ein Kavalier vom Scheitel bis zur Sohle!" rief der Maler begeistert, als der Wagen mit dem Freiherrn und seinem Begleiter entschwunden war.

Nun, meine Herren", bat lustig der Rittmeister,gön­nen Sie uns tvohl ein Plätzchen in Ihrem Wagen Go­tenberg, Sie müssen sich auf den Bock setzen! Ich nehme einen der Herren Aerzte auf den Schoß nur bis zur Sta­tion Grünewald wir benützen von dort die Stadtbahn."

Die reinste Arche Noah", scherzte er tveiter, als alle sechs Tell und der Maler, die beiden Offiziere und die Aerzte aus das Fuhrwerk kletterten;allerlei Getier hat hierdrin Platz. Ein Glück, daß wir sämtlich gut in Kondition und ohne anspruchsvollen Fettansatz sind; so einen dick ge­mästeten Faulenzer könnten wir hierdrin gar nicht brauchen; wir müßten ihn gleich vor Professor Schweningers Haustür abladen."

Aus der bald erreichten Station verließen die Offiziere und Aerzte den Wagen, und Tell fuhr allein mit Völker nach der Stadt zurück.

Die Sonne war höher gestiegen, und ein wärmerer Odem tvehte zu den offenen Wagensenstern herein. Völker schwelgte in dem Farbenbacchanal, das der Lenz da draußen feierte.

Sehen Sie nur", rief er entzückt aus,diesen köst- lichen Fernduft, in dem die Gebäude der Riesenstadt ver­schwimmen! Wer solch ein Sfumato nachmachen könnte, beim Zeus, der wäre ein Künstler!"

Was hätte er davon", seufzte trübselig der Staatsan­walt;dem Gesetze des Unsinns, das dieses Leben zu beherr­schen scheint, bliebe er doch untertan!"

Ho, ho, Teuerster, nur nicht so pessimistisch! Machen Sie das Leben nicht für Dinge verantwortlich, an denen Sie selbst ganz allein schuld sind. Sie haben nun doch wohl einge­sehen, daß der ritterliche Freiherr kein Wüstling, kein aristo­kratischer Verbrecher ist?"

Der von Reue und Verdruß Geguälte nickte mit dem Kopfe.

Der Maler fuhr fort:Ich liebe die Aristokraten. Was wären wir Künstler, wenn sich die Menschheit nicht glück­licherweise in verschiedene Arten gespalten hätte? Wenn es nur einen einzigen gleichmäßigen Urbrei von steuerzahlen­den Banausen gäbe? Wir brauchen die Vornehmen, denn unser Metier selbst ist ein vornehmes."

Für ein freies, gebildetes Volk, in dem eine vornehme Gleichheit herrschte, künstlerisch zu schassen, wäre vielleicht noch dankbarer."

Falsch, mein Bester! Eine vornehme Gleichheit? Ich bitte Sie, das ist ja ein Widerspruch im Beiwort, ein voll­kommenes Unding! Kann die ganze Masse eines Volkes je- mals gebildet sein.? Kann sich der große Haufe stumpfer, gefühlloser, brutaler Verdauer denil jemals veredeln? Ist das WortVolt" in diesem Sinne nicht eine leere Phrase? Ich kann nur den Einzelnen, den Bevorzugten, den mir Kongenialen lieben in der Masse steckt immer die Hyä- nennatur. Ich must aber lisbeu können, wenn ich schaffen