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Das Komitee.
Novellette von Emma Haushofer-Merk.
Bei Frau Meta von Halgreuth sollte heute die erste vorbereitende Sitzung für den geplanten Basar stattsinden. Ihr Mann war als Regierungspräsident in die Stadt versetzt, erst vor einem Jahr in_ den Ritterstand erhoben worden. So" zählte sie jetzt zu den „Spitzen" und empfand daher ein lebhaftes Verlangen, sich in ihrem neuen Glanz zu sonnen, irgend etwas zu verart- stalten, nm ihren Platz in der „Gesellschaft", zu der sie jetzt gehörte, auszugenießen. Ein wohltätiger Jmeck findet sich leicht; und ein Basar bietet die schönste Gelegenheit, eine elegante Toilette zu zeigen, und als Patrouesse eine Rolle zu spielen.
Frau Meta hate noch nie einen Basar arrangiert; darum erwartete sie noch großes Vergnügen von einem solchen Fest, und freute sich, daß ihr Plan Anklang fand. Auf dem runden Tische in ihrem neu eingerichteten Salon lag eine Liste der Damen, die in das Komitee hereingezogen werden sollten; heute versammelte sich nur der engere Ausschuß, die Auslese, gewissermaßen der hohe Rat, zu geheimer Sitzung.
Schon klingelte es draußen. Die Dame des Hauses stellte sich in Positur und wollte eben das erste liebenswürdige Lächeln hissen. Aber die Jungfer brachte nur einen Brief. Frau Meta blickte auf beit Stempel, die Schrift und runzelte die Stirn. In unwilligem Geraschel rauschte ihre Schleppe über die Teppiche, bis an das Zimmer der jungen Schwester, die bei ihr zu Besuch weilte.
„Hier! Wieder an dich, Lilly!" sagte sie ungnädig.
Das junge Mädchen streckte mit aufteuchtendem Gesicht die Hand aus.
„Wie nett! Gib her! Dank schön!" Mit glänzenden Augen und heißen Wangen riß sie das Kuvert auf.
„Natürlich wieder von diesem Kaufmann! Von diesem Herrn Schmidhuber! Ich begreife dich nicht! Ich finde diese Korrespondenz wirklich sehr überflüssig!"
„Ich ganz und gar nicht!" lachte Lilly, während sie vergnügt die Zeilen überflog. — „Hast du dich nicht auch einmal über einen Liebesbrief gefreut? Es ist wohl schon so lange her, daß du das ganz vergessen hast!"
„Ich muß schon bitten! Ich habe nicht mit Herren korrespondiert ! Ich habe keine Liebesbriefe bekommen!" bemerkte Meta mit verächtlich herabgczogenen Mundwinkeln!
„Es tut mir leid für dich, wenn dein Mann dir keinen geschrieben hat," neckte Lilly sie übermütig. „Er wird doch auch emmal--"
„Mein Mann!" unterbrach Meta die Schwester voll Stolz: „Das ist doch nicht zu vergleichen! Er war mein Bräutigam und doch auch eine andere Persönlichkeit als dieser Herr Schmidhuber!"
„Ach, geh! Damals ist er auch noch kein großes Tier gewesen, und in fünfzehn Jahren kann mein Heinz zum mindesten ein sehr reicher Mann sein; dann wird er, wenn er will, auch Kommerzienrat!"
„Dein Heinz! Um Gvttcswillen!" Meta schlug entsetzt die Hande zusammen. „Du wirst doch nicht im Ernst daran denken, dich mit diesem Kaufmann zu verloben! Ich bitte dich, Lilly als „Frau Schmidhuber" ist dir doch die erste Gesellschaft, in der ich verkehre, ganz verschlossen! Und wenn dein Mann auch einmal reich würde, aus den bürgerlichen Kreisen kämst du doch nie heraus!"
Lilly lächelte und schaute in verliebter Versunkenheit auf ihren Brief. Wieder klingelte es. Meta fuhr sich glättend über die Stirn und zwang sich zu heiterer Gelassenheit.
„Komm, Lilly ! ©ei vernünftig! Du hast doch hier in meinem Hause vielleicht Gelegenheit, eine gesellschaftliche Position zu er- rmgen. ^ch werde dich jetzt den Patronessen des Basars vorstellen; als Verkaufenn in meiner Sektbude, wenn du recht hübsch aus- ftshst — wer weiß? Gerade deinetwegen habe ich ja diese Geschichte arrangiert!" ---
"""So! Es hieß doch: ftir die Säuglinge und die gefallenen Mädchen! Ich bin, Gott sei Dank, keines von beiden'" lachte die ausgelassene Schwester.
,Lilly! Ich beschwöre dich! Nicht diesen srivolen Ton vor den Damen!" flehte Meta erschrocken.
Gleich darauf begrüßte sie mit lächelnder Miene eine Keine altere Dame, die aufgeregt und erhitzt in den Salon trat.
„Meine verehrte Frau von Griesheim! Wie freundlich, daß Sie kommen! Erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Schwester vorstelle!"
Das junge Mädchen machte ihren Knix. Die Dame reichte ihr zerstreut die Hand und stieß dann hastig hervor: „Ein Glück, daß ich die Erste bin! Ich habe mich so beeilt. Ich bin ganz atemlos! Aber ich muß mit Ihnen sprechen, liebe Frau Präsident! Hier_ auf der Komiteeliste, die Sie mir zugeschickt haben, steht nämlich auch Frau Steinsdorf! Sie sind ja zu kurze Zeit hier, um zu wissen, was man über sie sagt!" Fran von Griesheim beugte sich näher zu Meta heran und flüsterte: „Sie hatte doch sehr intime Beziehungen zu dem Baron vvn Grelingsheim, und dieses junge Mädchen, das nun in ihrem Hause ist, angeblich ihre Nichte, soll eigentlich sbre illegitime Tochter sein!"
„Soll ich vielleicht hinausgehen!" fragte Lilly spöttisch, da Fran von Griesheim so geheimnisvoll in das Ohr der Schwester tuschelte.
„Nein, nein! Bitte, bleiben Sie nur! Ich werde mich nicht in weitere Details einlassen. Ich erkläre nur, daß ich mich nicht an dem Komitee beteiligen könnte, wenn diese Dame — —"
„Aber liebe Frau von Griesheim! Davon kann doch gar keine Rede sein! Da streichen wir eben Fran Steinsdorf ans der Liste, "sagte Meta, und griff nach dem Bleistift.
Die Jungfer öffnete die Tür und herein kam, steif, feierlich, eine große, hagere Dame, die würdevoll und selbstbewußt auf Meta zuschritt, und sie mit herablassender Handbewegung begrüßte.
„Meine Schwester! Baronin von Tanten!"
„Guten Tag, meine liebe Frau Präsident! Guten Tag, Frau von Griesheim! Immer eifrig, immer tätig, wenn es sich um eine menschenfreundliche Sache handelt. Ach ja!" Sie setzte sich langsam und begann bann mit einem Jnguisitorblick auf Meta: „Haben Sie diese Liste auch überlegt, Fran Präsident? Wir wollen doch nur eilten ganz vornehmen Kreis von Damen vereinen, nicht wahr? Und da finde ich einige Namen — Mit der Lorgnette vor den Augen studierte sie das Blatt. „Da steht vor allem eine Frau Direktor v. Kellner! Aber haben Sie denn nicht gehört, daß ihr erster Mann sehr sonderbar zugrunde ging? Es hieß freilich, ein Schlag habe ihn getroffen. Aber man war doch kaum int Zweifel darüber, daß er sich selbst das Leben genommen hatte, wegen der großen Verschwendungssucht seiner Frau, noch mehr wegen ihrer sündhaften Neigung für diesen Herrn Direktor von Kellner, mit dem sie sich später verheiratet hat. Das geht doch nicht! Das geht wirklich nicht!"
Frau von Griesheim nickte eifrig. „Ich hatte auch daran gedacht! Aber ich wollte nicht für boshaft gelten!"
Die Baronin legte den Kopf zurück und sagte hochmütig: „Mit solchen Elementen kann ich natürlich schon wegen der Stellung meines Mannes nicht zusammentreffen."
„Dann bleibt nichts anderes übrig, als auf Fran Direktor v. Kellner zu verzichten." Meta machte wieder einen Strich auf der Liste. „Ich hatte nur an sie gedacht, weil sie sehr wohlhabend und sehr freigebig sein soll."
j,Ja, das ist so die Art dieser Leute! Sie wollen mit ihren Millionen den Menschen Sand in die Augen streuen," bemerkte die Baronin mit ihrer kalten Stimme, die scharf war wie ein Richtschwert. „Das darf aber in unseren Kreisen nicht wirken! Nicht in unseren Kreisen, Frau Präsident!" Sie nahm wieder die Lorgnette. „Hier lese ich auch eine Frau v. Eulcnhofer. Diese Dame schreibt! Und welche Romane! Der Buchhändler hatte die Unverschämtheit, mir ein solches Werk zuzusenden! Ich warf ahnungslos einen Blick hinein. Meine Damen, ich war ganz aufgeregt, bis dieses Buch wieder glücklich fort war aus meinem Hause. Weint es meinem Sohne in die Hände gefallen wäre! Man muß sehr viel erlebt haben, um solche Geschichten zu schreiben, und ich glaube, an Erfahrungen fehlt es dieser Frau von Eulenhofer auch durchaus nicht."
„Der Roman ist sehr gut!" flüsterte Lilly ihrer Schwester zu. „Wenn ihr Sohn nichts Schlimmeres liest!"
Meta drückte warnend den Finger auf den Mund. „Wir kennen das Buch natürlich nicht," sagte sie ergeben, „aßer unter diesen Umständen paßt Frau v. Eulenhofer freilich nicht herein." Der Name wurde mit einem dicken Strich ausgemerzt.
Die beiden Damen nickten beifällig. „Wie gut, daß Sie vrientiert waren, Baronin!" meinte Fran von Griesheim sehr befriedigt.
„Es sind da allerdings noch einige Persönlichkeiten," begann die Baronin. Aber ein neuer Besuch trat eben ein.
„Herr Major von Haller," stellte Meta vor.
„Ich soll meine Frau entschuldigen," sagte der im Ruhestand sehr rundlich gewordene Herr, der sich alle Mühe gab, würdevoll und stramm ausznsehen. „Sie ist erkältet und dann —- ■—“ Er senkte etwas den Ton. — „Es ist nämlich, — meine Jckair findet nicht alle Leute hier auf der Liste ganz cotnnte il faut. Meine Amanda ist eine geborene Gräfin von der Ecken. Sie hat begreiflicherweise sehr strenge Ansichten."
„Sehen Sie! Sehen Sie!" klangs triumphierend von den dünnen Lippen der Baronin.
„Ach, die Liste war ja nur ein Vorschlag," entschuldigte sich Meta, verzagt. „Ich bin zu jeder Abänderung bereit, die Ihre Frau Gemahlin wünscht."
„Um so besser! Um so besser!"
Der Major räusperte sich. „Da ist vor allem eine Fran Kommerzienrat Hauser. Meine Fran sagt, ihr Vater sei Kaffee- Hausbesitzer gewesen."
„Oh, oh! Am Ende hat sie selbst einmal Kaffee eingeschenkt vielleicht war sie Kaffeehauskellnerin," kicherte Frau von Griesheim. Die Baronin verdrehte nur voll Entsetzen die Augen. Meta nahm wieder ihren vernichtenden Bleistift.
„Und Frau von Feust war beim Theater!" fuhr der Major ermutigt fort. „Man vermutet, — wie soll ich es vor den Damen sagen? —, daß ihr Mann ihr schon damals sehr nahe gestanden habe, vielleicht autij noch verschiedene andere. . ."
„Das geht ja nicht! Das geht ja nicht!" riefen die Baronin und Frau von Griesheim in einem Atem.


