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Mit zwei Schritten stand Erich vor dem zurückweichenden Italiener: ... .
„Fräulein Gassen ist nieme Braut, Herr Gerasimi, wer sie beleidigt, bekommt es mit mir zu tim. Merken Sie sich das.
Der Italiener sprang, zwei Stufen zugleia) nehmend, die Treppe hinauf; vom ersten Absatz rief er höhnisch hinunter: „Ich gratulieren, Herr Sanner, zu die schone, keusche Brant. Der wievielte sind Sie denn?"
Mit einem Schrei der Wut wollte Erich dem Italiener nach, da trat der Direktor aus dem Bureau.
„Was gibt's da?" fragte er stirnrunzelnd.
„Herr Direktor, ich — Gerasimi — — er hat meine Braut geschmäht, beleidigt," rief Erich keuchend.
„Gerasimi? So! Kommen Sie einmal her, Gerasimi." Langsam, zögernd kam dieser die Treppe herunter.
„Was gab es denn, Sanner? Erstatten Sie mir Bericht."
Erich erzählte dem Direktor wortgetreu, was Gerasimi ihm zugerufen hatte. Dieser stand mit zu Boden gesenktem Blick da und wagte nicht zu widersprechen.
„Ist dem so, Gerasimi?"
Der Italiener schwieg.
„Also es ist so. Gehen Sie zum Kassierer, melden Sie ihm, daß Sie entlassen sind und in vierzehn Tagen abgehen werden, Gerasimi. Verstanden? Sie — Sie Denunziant!"
Wie ein begossener Pudel schlich der Italiener davon, während der Direktor Erich freundlich die Hand reichte und ihm nochmals Adieu sagte.
Hedwig, die von Gerasimi bereits unterrichtet war, erwartete Erich mit bleichem Gesicht an der Treppe ihrer vierten Etage. Hastig zog sie ihn, unbekümmert um die Kollegen, in ihr Zimmer:
„Du mußt fort, Erich, ist es wahr?"
„Ja. Der Direktor weiß es."
„Armer Kerl, armer Liebling. Und ich ganz allein bin schuld."
„Nicht doch, Hedwig. Ich trage die Schuld, denn ich bin der Mann."
Erich sagte es ruhig, sanft, wie etwas selbstverständliches.
„Mußt du sofort gehen, Liebster?"
Aengstlich hafteten ihre Augen auf seinem Gesicht.
„Ja, mein Liebling, sofort. Und du, hat man dir noch nichts gesagt?"
„Nein, ich wundere mich selbst darüber," erwiderte Hedwig, die Erich traurig die Hand streichelte. ■
Da tönte die Glocke zweimal, das Signal für Hedlvig.
Sie eilte davon, doch nach einigen Sekunden steckte sie das Köpfchen wieder durch die Türspalte, und rief Erich, der sinnend am Fenster stand, mit schelmischem Lächeln zu:
„Ich soll zum Direktor kommen, Schatz. Jetzt werde wohl auch ich wie die Englein das Fliegen lernen und bin doch gar kein Engel. Es geht schnurrig zu auf der Welt. Warte aus mich, Erich, ich komme sofort wieder."
Nach zehn Minuten trat Hedwig mit fröhlichem Gesicht wieder in ihre Kammer, in der Hand hielt sie ein Schriftstück wie eine Fahne hoch empor:
„Hier mein Freibrief für unsere Liebe, Erich. Wir sollen uns draußen lieb haben, sagte der Direktor lächelnd zu mir. Er schien guter Laune zu sein, denn ich erhielt weder ein Donnerwetter noch eine Predigt. Das Zeugnis ist glänzend, ich habe es schon durchflogen. Verläßt uns auf eigenen Wunsch, steht am Schluß. Ist das nicht nobel, lieber Junge?"
„Arme Hedwig," rief Erich und zog das Mädchen an seine Brust. „Und ich kann dir deine Ehre nicht einmal wieder geben, denn ich bin ja noch ein Nichts. Wenn wir uns auch jetzt verloben, so mußt du doch immer noch Jahre warten, bis ich dich heiraten kann, mein armer Liebling."
Mit weit geöffneten Augen, staunend, zweifelnd, sah Hedwig ihrem Geliebten ins Gesicht. Sie legte ihm beide Hände auf die Schultern und wiederholte fragend mit vibrierender Stimme:
„Verloben? Heiraten? Du willst mich, mich heiraten? Heiraten, wirklich heiraten?"
Erich nickte ihr zärtlich und traurig zugleich zu. Da überkam Hedwig ein förmlicher Paroxismus der Freude. Sie fiel Erich um den Hals, küßte seinen Mund, seine Augen, seine Hände, tanzte mit ihm im Zimmer umher und jauchzte immer wieder wie halb sinnlos das eine Wort: Heiraten!"
Plötzlich wurde Hedwig ernst. Sie blieb mitten im Zimmer stehen, führte Erichs Hände trotz seines Sträubens an ihre roten Lippen und während ihre Augen sich mit Tränen füllten, sagte sie schluchzend:
„Dank, mein Erich, Dank für dieses Wort. Bisher sagte cs nur einer zu mir und der war falsch. Du bist gut, ach so gut."
Erich streichelte ihr das blonde Haar.
„Aber nun laß uns von der Zukunft reden," sagte Hedwig, ganz unvermittelt zu ihrer alten, heiteren Art zurückkehrend. „Was denkt mein Herr und Gebieter zu beginnen? Wollen wir zusammen den Wanderstab ergreifen? Oder ist er meiner schon überdrüssig und wandert allein in die weite Welt?"
„Sieh, liebe Hedwig, ich möchte es jetzt recht schnell zu einer guten Stellung bringen, deinetwegen. Und da, dachte ich, ist es am besten, wenn ich erst ein paar Monate in ein Institut oder in eine Familie gehe, uni richtig Französisch und etwas Englisch zu lernen und mir einige kaufmännische Kenntnisse zu erwerben. Mir haben dies mehrere Kollegen geraten, und glaube ich selbst, daß dies der beste und schnellste Weg ist. Geld habe ich noch genug, nm sechs oder mehr Monate leben zu können. Dann gehe ich einige Zeit nach England, und in vier bis fünf Jahren hoffe ich dann so weit zu sein, daß wir heiraten können. Wirst du aber auch so lange warten wollen?" setzte Erich mit besorgter Miene hinzu.
„Und ob ich warten will, du lieber, guter, großer Junge. Vierzig, fünfzig Jahre will ich auf dich warten. Aber jetzt — ja, aber Erich," rief das Mädchen bekümmert, „wenn du in ein Institut gehst, dann können wir uns ja gar nicht mehr sehen?" Laut aufschluchzend warf sie sich ihm an den Hals.
„Ich glaube — das dürfen — wir auch nicht wieder — Hedwig, so wie--wie gestern," glühende Röte überzog
sein jugendfrisches, hübsches Gesicht. „Du bist jetzt meine Braut, Hedwig, als solche sollen die Leute dich ehren und achten, und da muß ich es doch zu allererst."
„Wie du willst, Geliebter," erwiderte Hedwig traurig. „Aber, ehe du in ein Institut gehst, nur ein paar Tage, die gönnen wir uns noch, nicht wahr, mein Liebster?" setzte sie schmeichelnd hinzu. „Ich hatte mich schon so darauf gefreut, Hand in Hand mit dir ein Stückchen des schönen Schweizer Landes genießen zu können, mit dir vereint die herrlichen Ufer des Genfer Sees, den wir beide bisher nur von weitem kennen, zu bewundern, mit dir auf einem der schönen Dampfschiffe die glitzernde, smaragdgrüne Flut zu durchschneiden — und nun, nun soll ich dich so lange, lange nicht mehr sehen? Erich, mein Erich!"
In Erichs Gesicht arbeitete es. Er kämpfte einen harten Kampf mit sich selbst, mit dem Blut, das wild und stürmisch durch seine Adern rollte und mit dem, was er als seine Pflicht erkannt hatte. Da klang es noch einmal süß und lockend an sein Ohr:
„Nur ein paar schöne, wunderschöne Tage, Erich, mein Liebster!"
Ernst zog er das Mädchen an seine Brust. Sie sah ihm fragend in die dunklen Augen. Träumerisch, wie abwesend, nickte er. Da schlang sie die weichen Arme um seinen Nacken und jubelte wie ein reich beschenktes Kind.
*
Die herrlichen, sonnigen Tage, die Erich gemeinsam mit Hedwig an den wundervollen Gestaden des Genfer Sees verlebt hatte, waren ihm im Fluge vergangen. Sie hatten beide getollt und gejubelt, wie Kinder, die in die heiß ersehnten Ferien gegangen sind. Erich lebte wie im Traumland. Er, der nie aus seiner kleinen Heimatstadt herausgekommen war, genoß mit seinem warm empfindenden, für alles Schöne begeisterungsfähigen Herzen die Wunder Gottes mit einer wahren Andacht. Bon jedem schönen Punkt sandte er der Mutter eine Karte mit Ansichten heim, von Hedwig mit unterzeichnet, damit auch die in der Ferne Weilende an seinem Glücke teilnehmen könne.
Erich hatte der Mutter sofort nach dem Verlassen seiner Stellung von seiner Verlobung Mitteilung gemacht, ihr Hedwig geschildert, wie lieb sie ihn habe und die Mutter um ihren Segen gebeten. Davon, daß auch er das Mädchen liebe, hatte Erich sonderbarerweise nichts geschrieben. Er war in ihrem seltsamen Liebesverhältnis überhaupt viel mehr der Empfangende als der Gebende. Auch war er sich über seine eigenen Empfindungen kaum klar geworden, er hatte auch gar nicht versucht, sich Rechenschaft darüber abzulegen.
Für sein grades, ehrliches, noch so kindliches Gemüt gab es nur Eins und nur einen Weg: Hedwig war seine Braut, er mußte sie heiraten und würde deshalb auch nur sie. lieb haben. (Fortsetzung folgt.)


