Ausgabe 
20.9.1913
 
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Samstag den 20. September

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Dom Pikkolo zum Millionär.

Heitere Erzählung von 5z a r r y Nitsch.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Aus den matt erleuchteten Treppen und Korridoren des Hotels herrschte tiefes Schweigen. Aus einem der Gastzimmer hatte die Uhr mit silbernem Schlag soeben die zwölfte Stunde verkündet. Da öffnete sich leise eine Türe auf dem rechten Flügel des fünften Stockes, in dem die männlichen Angestell­ten des Hotels wohnten.

Erich Sanner ging aus ihrem Rahmen und ging mit langsamen, stockenden Schritten, wie ein Nachtwandler, bis zur Treppe. Dort blieb er zögernd stehen und lauschte. Doch es regte sich nichts und vorsichtig stieg der nächtliche Wan­derer die Treppe bis zum vierten Stock hinab- Wieder lauschte Erich, dann schlich er auf dem die Schritte dämpfenden Läu­fer über den ganzen Korridor, bis zum äußersten Ende. Dort blieb er vor einer Türe stehen, welche kleiner war als die übrigen. Ein tiefer Atemzug entrang sich seiner Brust. Lang­sam, ganz langsam griff er nach der Klinke der Türe und ließ die Hand sofort wieder sinken. Eine Weile stand er unschlüssig, dann kehrte er hastig um und eilte den Weg, den er ge­kommen, bis zur Treppe wieder zurück. Dort machte er vou neuem Halt und sann und sann. Noch einmal machte er kehrt und eilte zu der kleinen Tür. Die Klinke ruhte in seiner Hand, er wollte darauf drücken, doch die Hand versagte ihm den Dienst. Jeder Nerv an ihm war Aufregung, die große, kräf­tige Hand zitterte. Unschlüssig hielt er die Türklinke immer noch fest, doch mit plötzlichem Entschluß wollte er den in seiner Hand brennenden schwarzen Griff fahren lassen, aber die Türe gab seinem ungewollten kräftigen Druck nach--

sie öffnete sich mit einem leisen Knarren.

Kaum war Erich eingetreten, als die gegenüber befind­liche Tür, welche zum Badezimmer führte, leise und vor­sichtig geöffnet wurde. Zögernden Schrittes trat Gerasimi aus dem Türrahmen heraus, schlich an die gegenüber lie­gende Tür und legte das Ohr an das Schlüsselloch. So blieb er lange in gebückter Haltung stehen. Plötzlich raffte er sich mit einem leise gemurmelten italienischen Fluch, der wie das Zischen einer Schlange klang, auf und ging langsam, schlei­chenden Schrittes den Korridor entlang und die Treppe zum fünften Stock hinauf, in dem sich auch sein Zimmer befand.

Es war zehn Uhr morgens. Erich hatte soeben das Frühstücksgeschirr aus dem Zimmer eines Gastes geholt und im Office eingestellt. Mit einem seltsamen, halb verträumten Ausdruck im Gesicht blieb Erich sinnend an dem kleinen Tisch stehen. Da wurde die Tür aufgerissen, Erichs Chef d'stage, Gerasimi, trat hastig ein und fuhr den jungen Mann in seinem mangelhaften, schwer verständlichen Deutsch an:

Was stehen hier rum und halten feile Maulckffen? He? Haben nichts arbeiten zu tun wohl! Sollen sofort zu

Direktor kommen, Ihnen sprechen will. Gratulieren, sich freuen können."

Erich erschrak, als er den hämischen, lauernden Gesichts­ausdruck des Italieners sah. Doch er nahm sich zusammen und ging ruhig, mit festen Schritten, ohne Gerasimi einer Antwort zu würdigen, die Treppen hinab, in das Bureau des Direktors Neuhofer.

Dieser war ein sehr liebenswürdiger, leutseliger Mmm, aber er hielt auf strenge Disziplin und duldete keine peber- tretung einmal getroffener Anordnungen. In solchen Fallen kannte er nur ein Entwederoder, es kam selten vor, daß er ber Verstößen gegen die Hausordnung Nachsicht übte.

Als Erich eintrat, saß der Direktor an seinem Schreib­tisch und las eingegangene Briefe. Flüchtig blickte er auf Erichs schüchternesGuten Morgen" auf und brummte etwas, das wieMorgen" klang. Doch plötzlich blickte er Erich scharf ins Gesicht, zeigte auf den Stuhl neben dem Schreibtisch und sagte sehr höflich:

Bitte, setzen Sie sich, Herr' Herr"

Sanner," fiel Erich mit zitternder Stimme ein. Er wußte, daß er entlassen war, seine Kollegen hatten schon zu oft über das höflicheBitte, setzen Sie sich" des Direktors ihre Witze gemacht.

Sie kennen unsere Hausordnung, Herr Sanner?"

Ja, Herr Direktor."

Schön, mein Sohn. Hier sind Ihre Papiere. Das Zeug­nis über Ihre Tätigkeit liegt bei. Gehen Sie zum Kassierer und lassen Sie sich Ihren Gehalt auszahlen, er hat Anwei­sung. Adieu, Herr Sanner."

Herr Direktor, ich bitte um Verzeihung" wie Schluchzen kam es über Erichs Lippen.

Neuhofer blickte sichtlich überrascht empor, sein eben noch so strenges Gesicht nahm einen freundlichen Ausdruck an.

Es tut mir leid. Sie fortschicken zu müssen, Sanner, ich war mit Ihnen immer zufrieden. Aber Sie wissen, ich, dulde nicht, daß meine Angestellten sich im Hause mit dem weiblichen Personal einlassen. Außer dem Hause mögen sie machen was sie wollen, im Hause leide ich es nicht."

Es war das erste--"

Lassen Sie nur, Sanner," unterbrach der Direktor Erich lächelnd,ich bin Ihnen nicht mehr böse. Es kommt nicht oft vor, daß mich einer der Kellner, die ich in dieser Weise entlassen muß, um Verzeihung bittet. Geben Sie mir Ihr Zeugnis zurück, ich will Ihnen ein anderes ausstellen, in dem der Grund der Entlassung nicht genannt ist. Ich will Sie nicht in Ihrem Fortkommen hindern. Sie können sagen: Sie gingen auf eigenen Wunsch, um sich anderweitig auszu­bilden. Nun gehen Sie, Sanner, ich wünsche Ihnen recht viel Glück für Ihre fernere Zukunft. Adieu."

Erich schlich hinaus. Am Treppenaufgang stand Gera­simi und grinste ihn spöttisch an.

Nun, was haben Direktor gewollen? Gehaltszulagen gegeben oder Oberkellner geworden? Dann können ja schöne Hedwig heiraten. Ich treten sic Ihnen gerne ab."