Ausgabe 
20.8.1913
 
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inehrfach um den Axtstiel schlingend. Sollte wirklich ettod eine Lawine niedergehen, so wär wenigstens eine gewisse Sicherheit für ihn geboten: Er vermochte sich schneller zurüazuflüchten, und es konnte ihn, im Notfall, auch nicht zu weit hinabreißen. Sie selbst toiar ja weniger gefährdet; sie stand inr Schutz eines Felsvorsprungs, der sie wohl Qcbccti

Mit angehaltenem Atem stand Gottliebe so und lauschte nach dein voraufgegangenen Gefährten hin, in jenem Ge­fühl nervenkitzelnder, höchster Spannung. Sie konnte- Mal-» inort von ihrem gedeckten Platz aus nicht sehen. So hort« sie nur den regelmäßigen Schlag seiner Eisaxt, deren me­tallischer Klang in das tiefe, ernste Schweigen der Berg­wildnis um sie her klang. Bei jedem dieser scharfen Schläge stockte ihr jedesmal unwillkürlich leise das Herz in ge­spannter Erwartung: Ob die Erschütterung der Eisrinne nicht droben die Decke gefrorenen Neuschnees lösen würde, die sich während der letzten Regentage drunten im Tal hier sicher gebildet hatte!

Mn nervenspannendes, langes Warten; aber alles blieb Gott sei Dank still. Nichts von jenem leisen Rieseln, das die heimtückischen ersten Schneebrocken herabgleitend Hervor­rufen, die Anzeichen der bald darauf donnernd hernieder­gehenden Lawine.

Aper nun ein Ruck das Seil war ab gelaufen. An ihr selbst war es jetzt, sich in die Gefahr zu begeben.

Ohne Zögern trat Gottliebe in die Rinne ein. Um sich selbst kannte sie keine Furcht. Mit fester Hand packte sie jeM ihren Pickel, um Stufen und Griffen, wo nötig, nach- zubessern. So arbeitete sie sich aufwärts, bis zu Malmorts Standort hin; in wenigen Minuten war sie bei ihm. Tann noch einmal dasselbe Warten und Nachkommen, und nun waren sie am oberen Ende des Couloirs angelangt.

Hochaufatmend trat Gottliebe zu ihm, der bereits draußen im Freien stand; die erste Gefahr des Aufstiegs war glücklich überwunden.

Sie sind schnell nach gekommen," lobte er,aber lassen Sie sich nur Zeit; übernehmen Sie sich ja nicht."

Er bat es mit warmer Besorgtheit, nach einem flüch­tigen Blick auf ihre etwas lebhaft arbeitende Brust, die sich unter der Wollblnse hob und senkte.

Aber sie lachte ihn fröhliche an.

Sie unterschätzen mich wirklich. Nun, .Sie werden schon npich sehen, was ich leisten kann."

Also keine Pause?"

Meinetwegen sicher nicht!" -

Gut weiter denn !"

lieber einen sanft ab gedachten I-irnhang ging es dem Gletscher zu, der sich, wild zerborsten, in einer gewaltigen Breite vor ihnen auftürmte, die ein Umgehen verbot.

Wie ein in wilder Brandung plötzlich erstarrtes Meer standen dräuend die hoch auf getürmten, dämonisch zerfetzten Eismassen in grauenhafter, gigantischer Schönheit vor ihnen. ein Gewirr von Schlüften, Spalten und Seracs.

DerGarten der Saligen"!

Nun verstand Gottliebe die Bezeichnung des Orts durch, den Volksmund. Freilich nicht wie ein Garten der Berg­geister, aber wie eine Zauberstadt erschien ihr dies Gewirr sonnendurchleuchteter, bläulich-grün glitzernder Eispaläste voller Türme, Zinnen und kühner Bögen wirklich wie gebaut von Geisterhand.

An Vineta mußte sie plötzlich, denken, die meerver­sunkene! Hier war eine eiserstarrte Stadt vor ihren Augen, eine Märchen- und Geisterstadt voll lockenden Zaubers, voll schauerlicher Geheimnisse *in den dunklen, gähnenden Tiefen klaffender Schlünde, über die sich- die zierlich spielen­den, sonnenglitzernden, lichtblauen Eisbrücken schwangen.

Wie sich diese Zauberpaläfte in bezarren, zackigen Li­nien, wie sie keine Menschenphantasie erfinden könnte, haus­hoch vor ihnen auftürmten und im Sonnenschein aufleuch­teten, gleißende Strahlen schießend im herrlichsten Grün und Blau, ein brennendes Farbenspiel, wie von Geisterhänden entzündet.

In verzücktem Staunen stand Gottliebe neben Malmort. Wer dann die Frage: Wie sollte sich ein Menschenfuß durch diese Geisterstadt, dieses Labyrinth von starren Ms- mauern, finden?

Doch-ihr Führer kannte genau den Weg. Bald über­schritten sie so schwindelnde Klüfte auf fußbreiten Schnee­brücken, bald hieß es, tief in einen Schlund hineinsteigen, rings um,droht von überhängenden, wild zerborstenen Eis­

türmen, absturzbereit. Dann wieder galt es, solche steil sich vorlegenden, hohen Gletschertürme- und -wände auf schnei­dend schmalem Grade zu überklettern, jeden Schritt vor­wärts erkämpft mit einem wuchtigen Axtschlag, mit An­spannung aller Muskeln im Klettern und Einbohren des Fußes.

Nach einstündiger schwerer Arbeit standen die beiden endlich wieder luftschöpfend still. Der Eisgürtel !var über­wunden, der fich ringsum trotzig um das eigentliche Berg- massiv desGartens der Saligen" lagerte.

Auf ihren Rucksäcken ließen sie sich nun zu einer kurzen Rast nieder; galt es doch, neue Kräfte zu sammeln für den letzten und schwersten Teil des Ansturms auf die Zinnen da droben, deren Anblick ihnen jetzt durch vorgelagerte Türme und Kämme entzogen war.

Wenige Schritte vor ihnen bog sich die Bergflanke scharf, nach Süden, und dort stieg die gefürchtete Wand empor,- deren Bezwingung nur wenigen beherzten Männern erst gelungen war. Nun sollte Gottliebe als erste Frau an das verwegene Werk gehen. Wie würde sie dabei bestehen vor seinen Augen? Nur das setzte ihr Herz in schnellern Takt,- während sie so neben Malmort saß und seinen Erzählungen von den früheren Besteigungen lauschte. Er selbst hatte die Wand schon zweimal -gemeistert; das erste Mal mit einem Begleiter, einem Gemsenjäger aus Thalwys, das zweite Mal allein. Nun sollte sie die -erste sein, die er würdigte, mit ihm, unter seiner Führung, das ernste Wagnis zu bestehen. Kaum konnte sie daher den Augenblick erwarten, wo er wieder das Zeichen zum Aufbruch gab.

Elastisch flog sie empor, Pickel und Rucksack wurde dies­mal nicht wieder ausgenommen. Sie blieben zurück, um sie nicht unnütz zu beschweren; denn die bevorstehende Kletterei im Fels machte jedes Mehrgewicht von Bedeutung. Nur die Kletterschuhe wurden angelegt und das Seil mitgenommen.

Wenige Schritte nur noch auf dem First des plötzlich steil abfallenden Firnhangs; dann bog in scharfer Kante die Felsmauer zur Rechten herum, und ein Ausruf halb! verzückten Staunens, halb fröstelnden Grauens kam von Gottliebes Munde.

Da war die Wand die Diavolezza!

Abgrundtief, fast senkrecht, fiel sie nach unten und stieg sie nach oben, so himmelan, daß Gottliebe den Kopf weit in den Nacken zurückwerfen mußte, um hinauf schauen zu können.

Eine furchtbare, grauschwarze gigantische Mauer, wahr- hast wie von Höllengeistern ausgerichtet, noch schauerlicher! jetzt gerade durch den Schatten einer riesigen Wolke, der sie mit blauen, düsteren Tinten übergoß.

Auf den ersten Blick bot diese grauenerregende, sich' hirnmelantürmende Wand auch nicht einen Zoll breit Raum für den Tritt eines lebenden Wesens. Und angesichts diesev erbarmungslos starren, einen fast lähmenden Schrecken ein­flößenden Unnahbarkeit ihnen zu Häupten, zu ihren Füßen! eine gähnende Höhle der Vernichtung, die dämonisch, schwin­delerregend den Vermefsenen zu sich hinabzog. An die tausend Fuß tief stürzte der Berg noch weiter hinab in eine Schlucht, mit gigantischen Blöcken und Felsgetrümmer wüst besät im! -Lause der Fahrtausende von der Wand im Donnerkrachen herniederg-efahren.

So zwischen der schwindelnden Tiefe und Höhe aus- schmalem First klebend, der unmittelbar vor ihnen jäh ab- schnitt, schauten die zwei hinaus, beide stumm, aber Gottliebe mit leis pochendem Herzen. War es denn wirklich möglich, an dieser Riesenmauer hmailfzukommen, wo nur der fittich­schlagende Aar sich halten konnte, um seinen Horst im Felsen­riß zu bauen.

Aber nur einen Augenblick überwältigte sie der Ge­danke des anscheinend Unmöglichen. Dann begann sie mit festem Blick die Wand in ihrer: Einzelheiten durchzugehen, und sieh alsbald verlor sie für sie ihre Schrecken. Ge­waltige Risse dnrchfurchten sie, die Kanten abgebröckelten Gesteins boten Mud und Fuß doch die Möglichkeit, sich saugend sestzukleben an dem starren Fels. "

So ging es denn ans Werk.

Ein schmales Band leitete, nur einen halben Fuß breit,- hinüber zur Wand; es zog sich dort, vielfach zwar unter­brochen durch Längsrisse, schräg hinauf, so eine zwar stark exponierte, aber für kaltblütige Steiger doch gangbare erste Wegstrecke bildend.

(Fortsetzung folgt.) ,