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Bei
Meisten seiner Geführten solche Furcht, daß sie ausrissen.
feilt er Ankunft in Sansibar erzählte dann Musa denk englischen Konsul, Livingstone sei überfallen und getötet und seine ganz« Labe geraubt worden. Er hatte seinen erlogenen Bericht so ge- Mckt erdacht und so gut auswendig gelernt, daß er sich beim! Kreuzverhör in keine Widersprüche verwickelte und allenthalben Glauben fand. 'Die englischen Zeitungen brachten schon spaltenlange Klagelieder über den Toten. Nur ein Freund Livingstones, der ihn auf seiner früheren Reise begleitet hatte und den Diener Musa genau kannte, zweifelte an der Wahrheit des Berichts. Er begab sich selbst nach Afrika, folgte der Spur des Totgesagten und erfuhr denn auch bald von den Eingeborenen, daß Livingstone Niemals überfallen worden sei, sondern sich jetzt auf dem Weg Nach dem bisher unbekannten Tanganjika-See befinde. .
Dieser Weg war weit und mühevoll und brachte Livingstone große Verluste. Tie Lebensmittel gingen aus, und ein gemieteter Träger brannte mit der Reiseapotheke durch. Infolgedessen war Livingstone aller Mittel gegen das Fieber beraubt, und seine Ge- mndheit wurde ernstlich erschüttert. Dennoch! erreichte er die Süd- spitze des Tanganjika-Sees, und ein Jahr später entdeckte er den Bangweolo-See. Zu Boot besuchte er die im! See liegenden Inseln und erregte großes Aufsehen Unter den Eingeborenen, die noch nie einen Weißen erblickt hatten.
Rings uml den See dehnten sich! große Sümpse, und Livingstone hatte die Überzeugung gewonnen, daß Man in dieser Gegend die äußerste südliche Quelle des Nils zu suchen habe. Die Frage Nach der Wasserscheide des Nils fesselte ihn so stark, daß er ein Jahr nach dem anderen in Afrika blieb, und doch war es ihm picht vergönnt, dieses Problem' zu lösen. Er hat nie erfahren, daß. der aus dem' Bangweolo-See strömende Fluß nicht zum Nil geht, sondern ein Nebenfluß des Lualaba oder oberen Kongo ist.
Am Ufer des Bangweolo meuterten die meisten seiner Begleiter, aber er wußte sie so weit zu beruhigen, daß sie ihm' noch weiter folgten. Er reiste nun in Gesellschaft eines freundschaftlich gesinnten Arabers, der Muhammed hieß!. Zu der Schar gehörten noch einige andere Araber, Mehrere Eingeborene vom Ostufer des Tanganjika-Sees und Sklaven, die Elfenbein und Proviant trugen. Und wie oft sah jetzt Livingstone große Scharen von Sklaven einherwandern, die.mit einem Gabelholz, das um ihren Hals griff, vorwärtsgestoßen wurden und, wenn sie sich nicht weiter- Meppen konnten, von ihren unmenschlichen Peinigern auf der Stelle getötet wurden, damit sie nicht anderen fgäublern zugute kamen. Einmal hörte er eine solche Schar aus voller Brust singen, und als er sie nach deM Grund ihrer Fröhlichkeit fragte, antworteten sie, daß sie Rachelieder sängen. Jetzt würden sie nach der Küste gebracht, um' sich in der Sklaverei abzuarbeiten, aber dereinst würde dieses Joch abgeschüttelt werden. Tann würden sie in ihre Wälder zurückkehren und dort ihre Tyrannen ihrerseits quälen.
Livingstone erkrankte auf dieser Reise gefährlich und Mußte auf einer Bahre getragen werden. Oft lag er bewußtlos in Fieber- tränmen und verlor völlig die Zeitrechnung. Wenn man nur glücklich zum Tanganjika-See hin gelangte und über den See hinüber nach dem Land Udjidji am östlichen Ufer; dann fand er ja wieder Ruhe, neue Vorräte und Briefe aus. der Heimät, und diese Hoffnung hielt ihn aufrecht.
Von allem entblößt und elend erreichte er wirklich Udjidji, einen der Hauptpunkte des arabischen Sklavenhandels. 'Mer die erwarteten Vorräte waren spurlos verschwunden, und von den zahlreichen Briefen, die er an den Sultan von Sansibar und in feine Heimat geschrieben hatte, ist niemals ein einziger au gekommen. Die Stämme an der Ostseite des Sees lagen gerade miteinander in Fehde. Dennoch ließ Livingstone den Mut nicht sinken. Kein Geschick erschien widrig genug, um' die Widerstandskraft dieses Mannes zu brechen. Mit Susi und einer Schar neuangeworbener Träger brach, er aufs neue auf, um westwärts über den See zu gehen, wo das Land Manjema fein Ziel sein sollte. Durch dessen Randgebiet strömte der Lualaba, und wenn es ihm gelang, festzustellen, wo dieser mächtige Fluß blieb, ob er dem MitteWndisch«n Meer oder dem! Atlantischen Ozean zuströmte, dann wollte er mit ruhigem Gewissen in seine Heimat tzurück- kehren. Er hatte sich vorgenomMeu, den schwarzen Weltteil picht «her zu verlassen, als bis er dieses Problem! gelöst habe, und diesem Entschluß hat er vergeblich fein Leben geopfert.
Auch im Manjema-Lande führten die Schwarzen Krieg mit ihren Nachbarn, verspeisten ihre erschlagenen Feinde, beteten Götzen an, die sie selbst ans Holz schnitzten, und glaubten au Beschwörungen und ähnlichen Hokuspokus. „Sterben bei euch die Leute auch oder kennt ihr Beschwörungen, die gegen den. Tod helfen?" fragten sie. „Wo bleibt der Mensch, wenn das Leben erloschen ist?" Und Livingstone versuchte, ihnen dies alles zu erklären.
In westlicher Richtung zog er dann weiter. Ter Lualaba ließ, ihm 'keine Ruhe. Die Eingeborenen der Gegenden, die er durch- toanberte, hielten ihn für einen Sklavenhändler gleich den andern Fremdlingen und unterstützten ihn daher in keiner Weise. Aber welch ein märchenhaftes Land durchwanderte er! Auf den Hügeln schwankten die Palmen im Wind, und Kletterpflanzen, so dick wie Kabeltaue, wanden sich, NM Riesenbäume, auf denen kreischende Papageien von Ast zu Ast flogen. Ganze Heerscharen munterer Affen lebten in den grünen Laubgewölben, und die Tierwelt wett- tiferte mit der Vegetation an Mannigfaltigkeit uitb Reichtum,.
Seltsame Pflanzen, die Insekten und selbst Seine Fische, die sich in das nasse Gras hinaufschnellten, an sich zogen und verspeisten, wuchsen an den Ufern der Flüsse, und für all solche Naturerscheinungen hatte Livingstone ein immer offenes Auge.
Durch den Eintritt der Regenzeit verlor er mehrere Monate, und als er sich zur Weiterreise anschickte, hatte er nur noch drei Begleiter, darunter die beiden Getreuen. Susi mtb- Tschuma. JU den dunklen Gestrüppeen des tropischen Waldes zerriß er sich die Füße, über umgestürzte Baumstämme und morsche Aeste kletterte er vorwärts, durch hochangeschwollene Flüsse Mußte er waten, während zwischen den Kronen der BäuMe und in dem dichten Unterholz die Fieberdünste schwebten gleich kaum sichtbaren Schleiern. Abermals erkrankte er und mußte lange in einer dürftigen Hütte auf einem! Grasbett liegen, wo er seine Zeit damit zubrachte, immer wieder feine schon ganz zerlesene Bibel zu studieren oder sich von den!Eingeborenen über ihre Kämpfe mit Menschen und Menschenaffen berichten zu lassen; denn auch der Gorilla hauste dort im Wüldd.
So verging ein Jahr nach dem andern, ohne daß auch nur das schwächste Echo des WeltgetüMmels an Livingstones Ohr drang, und er selbst war für die europäische Welt verschollen! Was ihn festhielt, war immer noch der Lualabä-Fluß. Ergoß sich fein unerschöpfliches Wasser in das große Meer im Westen oder floß es! langsam durch Wälder, Sümpfe und Wüsten nach Aegypten hin?
Livingstone hatte eine Tochter namens Agnes'. Sie ist noch aM Leben, und in ihrem gastfreien Hanse in Edinburgh sind noch die Tagebücher ihres Vaters zu sehen, feine alte Bibel und seine Instrumente. Als junges Kind hatte sie ihrem Vater geschrieben, er solle sich nicht beeilen henNzukehren ihretwegen, sondern es sei weit besser, wenn er erst ruhig sein Werk vollende, auf daß er selbst damit zufrieden sei. Solch eine Aufmunterung von feiten seiner eigenen Tochter konnte ihn natürlich in seinem! Entschluß "zu bleiben nur bestärken, und in einem! Brief aus Manjemia schrieb er ihr, daß er auch seinen jungen Landsleuten ein Beispiel von Ausdauer geben wolle. In diesem Briefe erzählte er auch, wie alt, grau und zahnlos er geworden sei, daß er eingefallene Wangen und eingefitnfene Augen habe. • Em Häuptling hatte ihm einen jungen Gorilla geschenkt, über den er schreibt: „Wenn das Tier sitzt, ist es beinahe zwei Fuß hoch, und es ist der klügste, aut wenigsten alberne Affe, den ich gesehen habe. Er streckt seine Hände bittend aus, damit Man ihn aufhebe und umhertrage, und wenn man sich dann weigert, verzerrt er sein Gesicht toie ein weinender Mensch und ringt die Hände genau so wie ein Mensch! Manchmal streckt er dabei noch eine dritte Hand aus, um die Aufforderung noch dringlicher erscheinen zu lassen. Mich nahm er sogleich zum Freund, und wenn ihn jemand neckte, suchte er bet mir Schutz; auf meiner Matte hat er sich eine Lagerstatt aus Gras und Blättern gemacht, und wenn es Schlafenszeit ist, deckt er sich mit der Matte zu. Leider kann ich ihn nicht mit nach! Hause bringen, denn ich fürchte, er wird sterben, ehe ich Heimreise.. Aber recht struppig fieht er aus; solange seine Mutter lebte, die ihn sauber pflegte, war fein langes schwarzes Haar hübsch und fein. Aber wozu soll ich ihn auch mitbringeu? Ich werde schon allein genug begafft — zwei Gorillas, er und ich, würden gewiß nicht zufrieden gelassen werden!" —
IM Februar 1871 verließ bann Livingstone Manjema und begab sich nach Njangwe am Ufer des Lualaba, einem der Hauptnester des Sklavenhandels. Wieder zeigten sich die Eingeborenen ihm feindlich, weil sie auch ihn für einen Sklavenhändler hielten, und vergebens versuchte er Boote zu erhalten, um' den großen Fluß hinunterzufahren. Einem der Araber-Häuptlinge namens Tugumbe bot er reichliche Bezahlung an, wenn er ihm behilflich sein wolle, aber während Tugumbe sich das Anerbieten überlegte, wurde Livingstone Augenzeuge einer Begebenheit, die an Scheußlickfteit alles übertraf, was er in Afrika erlebt hatte.
Es war an einem' schönen Julitag am User des Lualaba; fünf zehnhundert Schwarze, besonders Frauen, hatten sich- in einem Ufer» darf zu einem Markt versammelt. Livingstone streifte braunen ttn Freien umher, als er auf einmal sah, mie zwei Kanonen aus die Menge gerichtet und abgefeuert wurden. Tie Sklavenhändler waren am Merk! Viele der Uebcrfallenen stürmten zu ihren Booten, aber die Bande der Sklavenjäger schnitt ihnen den Weg ab und überschüttete sie mit einem Pseilregen, und die Boote am User lagen zu dicht nebeneinander, UM in Elle abgestoßen zu werden. Das Geschrei der Verwundeten erfüllte die Lüft, und alles ramite in Verzweiflung durcheinander. Auf dem Spiegel des Flusses wate sich eine Menge schwarzer Köpfe; vrele der VersoLgten vernichten schwinnnend eine andertpatd Nitometer entfen^te .^nset zn erreichen, ader die Strömung war ipnen entgegen. Einige gingen still unter, andere süeßen laute Rufe des Entlehens ans und streckten die Arme gen Himmel, ehe sie nt tue dunklen Kristallfale der Krokodile hinuntersanken. Drei Kähne, die zu stark besetzt waren, gingen unter, und ihre ganze Besatzung ertraut Allmählich wurde die Zahl der über dem Wasser sichtbaren Kopfe immer kleiner, und nur noch wenige Menschen kämpften um ihr Leben, als sieb- der Häuptling Tugumbe endlich ihrer erbarmte unb die letzten einundzwanzig retten lieh. Eine tapfere Frau toeigerfe sich aber, seine Hilfe anznuehmen und zog die Krokodile der Gnade des Sklavenkönigs vor. Die Araber selbst schätzten die Um gekommenen auf vierhundert Mann. Tie Beschreibung solcher szeneii, die nachher durch die ganze englische Presse ging, erregte m Europa einen solchen Sturm des Abscheus, daß eine Kommission eingesetzt


