178
gestern nacht hatte er sie noch eininal vorgenommen und manches geändert- .Seinsheims Verhalten war dre Veran-- lassnna gewesen, sonst hätte es leicht einen scharfen Zusammenstoß geben 'können- So gemäßigt aber auch der Brautvater sprach, so bekam er dennoch vom Obersten, der nach ihm das Wort ergriff, einen ganz gehörigen moralischen Hieb- —
„Der alte Kürassier lenkte die Blicke rückwärts auf die große Zeit, die so viele Opfer gefordert, gerade die Besten seien draußen geblieben auf dem Felde, der Ehre — unter ihnen Hans-Wilhelms Vater, der fernen Sohn nicht mehr hätte schauen können. Und so sei er anf- gewachsen, von liebenden Mutterhänden gepflegt, ern Eben- bild des Vaters an Gestalt, und er zweifle nrcht, wenn der Kaiser rief, auch au Opfermut. Und nun erst, rm Mannesalter öffneten sich ihm durch sein Weib Vaterarme, und er glaubte, als Edelmann und Christ werde Graf Relendorff den Mann seines! einzigen Kindes nunmehr an sein väterliches Herz ziehen und ihm helfen, das Gut seiner Väter einst den Erben in einem Zustande zu hinterlassen, daß sie sagen könnten: Der vor uns wär, hat Mo- rcth mit seinem Schweiß gedüngt, er hat in diesen wahrlich für die Landwirtschaft schweren Jahren treu auf seinem Bosten ausgeharrt und ist vorwärts gekommen, weil ihm hie Erfahrung seines Schwiegervaters, des Grafen Relen- dorff, dem der Grafenverband Pommerns das höchste stVer- tranen entgegengebracht, ihn äbgeordnet in das preußische Herrenhaus, zur Seite standen.
Meine Herrschaften", schloß der Oberst, „leeren Sie, bitte, mit mir das Glas auf bas Wohl des Oberhauptes des Hauses Relendorff-Glossow, den Gott der Herr recht viel Freude an seinen Kindern erleben lassen möge!"
Herzhaft stimmte man in das Hoch ein; dann stieß man sich verstohlen an. Dieser Seinsheim hatte das dem stolzen Grafen gegeben, und er mußte ihm auch noch dankbar die Hand schütteln.
-Rede folgte auf Rede, Ernst und Witz wechselten einander äb.--
Gleich nach dem Mahle entfernte sich das junge Paar; sie wollten heute noch nach Stettin fahren, morgen nach Perlin um Einkäufe zu machen, und schon nach wenigen Tagen nach Moreth zurückkehren. Die Arbeit wartete.
Beerenonrg erwischte Hans-Wilhelm noch vor der Abreise.
„Tu' mir den Gefallen und mach' mit Deiner jungen Frau einen Abstecher rüber zu uns!"
„Es kann sein, lieber Fritze, es kann auch nicht sein; so etwas weiß man nicht bestimmt," erwiderte der übermütig.
„Leg' ein gutes Wort für Uns bei der obersten Instanz ein."
„Das werde ich, Verlaß dich darauf!"
Bei der Abfahrt wurden die Ausreißer erwischt, Telegramme, die soeben noch eingetroffen waren, wurden ihnen in den Wagen gereicht. Eines davon war vom Grasen Norde- rooa aus "Bremen, der sich gerade an diesem Tage ein- schisste, um seinen neuen Posten in Buenos-Aires als deutscher Gesandter anzutreten. —
Die Gäste blieben noch lange; es wurde sehr gemütlich. Der einzige, der sich nicht wohl fühlen konnte, war Graf Relendorff. Mancher Blick wurde ihm zugeworfen, je weiter die Stunden kreisten, den er nicht mißverstehen konnte man gönnte ihm die Slbfuhr.
Und Frau von Moreth widmete sich fast ganz Seins-
heinl.
Da schleicht in das Herz des alten, charakterfesten Mannes am Hochzeitstage seines Kindes ein bitteres Gefühl.
Düsedau und Püschkow haben sich die Nase gründlich begossen. Unter Hallo fahren sie zum Tore hinaus.
^Jochen — ich glaub', für uns beide wird's Zeit!" „Beerenburgs wohnen bei mir — scharmante Leute, wahrhaftig, die muß ich heimwärts transportieren!"
„Alter Junge, die nehm ich mit, sonst Wird es doch umgekehrt, Deine Gäste legen sich in die Federn!"
„Oho!"
„Renomier' man bloß nicht!"
„Hm — ich will Dir was sagen, Pichelkow, wir feiern hei dir weiter — da sind wir ungeniert!"
„Hab' nichts dagegen!"
Und sie fahren heimlich in Püschkows Wagen fort. —
„Schritt — sonst werde ich seekrank, Johanns"
„Das weiß der Kutscher ganz; allein; tut er's nicht/ hat er Arbeit davon. Der Weg ist durch die Ernte recht ausgefahren.
„Ja, ja," meint Jochem und legt sich bequem in die Ecke, „wie lange wird wohl unserem guten Hans-Wilhelm! die moralische Anwandlung Vorhalten?"
Albrecht Püschkow brummt etwas Unverständliches. Aber dann wird er mobil.
„Der Seinsheim ist doch ein großartiger Kerl!" j„Will ich meinen! 'ne heillose Freude hab' ich gehabt, wie er dem Relendorff die Leviten gdefen!"
„Und was man heute alles von dem guten Hans Moreth zusammengequasselt hat! Der muß sich ja reineweg im Grabe 'rumgedreht haben wie 'ne Windmühle! Ta fällt mir übrigens 'ne nette Geschichte von ihm ein."
„Schieß los> wenn Dir's heute nicht zu schwer fällt!"
„Ree, es wird schon gehen! — Hoppla, der verdammte Weg! — Also damals Ende der Sechziger — ich war gerade in den Lümmerljahren — kommt eines Tages Hans! Moreth angeritten; er will meinem Vater 'nen Schinde« äbkäufen. Der hatte so'n Tausendtalerpferd dastehen. Moreth sagt: „Mehr wie siebenhundert zahl' ich nicht!" —< Mein Vater geht auf achthundertfünfzig. Der lange Kerl lacht ihn aus: „Keinen Dreier mehr, wie ich gesagt!" — Zwei Stunden brüllten sie sich an, dann setzt sich der gute Hans auf seinen Schinder und reitet weg. Weiß der Himmel, mein Vater wollte den Gaul los sein, wahrscheinlich! brauchte er Geld, also er ruft über den Wirtshof: „Acht- huudertzwanzig!" Moreth hält an und dreht sich langsam um: „Mein letztes Wort sind siebenhundertfünfzig." Mein Vater streikt, da will Hans zum Hoftor 'raus. „Meinetwegen," brüllt ihm mein Vater nach, „wenn Tu's Geld einstecken hast!" Und richtig — er macht kehrt und bezahlt. Und wie er aus dem gekauften Schinder^ sitzt, sagt der Gemütsmensch: „Ich hätte ganze tausend Taler gegeben, wenn du dich auf den Pferdehandel verständest. Durch's Hoftor wirklich hinaus wäre ich nur auf Deinem! Braunen geritten, ich bin nun mal verliebt in ihn." Ein geistreiches Gesicht hat mein Vater damals nicht gerade gemacht — ich besinne mich noch ganz genau darauf!"
„So 'n Mordskerl!"
„Ja, mein lieber Jochem, das war er, und die sterben nach und nach aus." —
Püschkow bleibt über Nacht bei Düsedan; sie haben den ganzen großen Schnapsschrant einer eingehenden Musterung unterzogen. Der eine schläft ans der Chaiselongue, der andere liegt malerisch hingegossen auf dem Teppich, unter dem Kopfe das aufgjeschlagene Wirtschaftsbuchs (Fortsetzung folgt.)
Afrikas Apostel.
Von Sven Hedi n.*)
Im Jahre 1866 lanbete Livingstone abermals in Sansibar und diesmal in der Eigenschaft als britischer Konsul von Jnner- afrika. Er durchquerte das Snnb nach dem Nhassa-Sce; als er aber in den Booten der Eingeborenen nach dem Westufer dieses Sees übersetzjen wollte, hinderten ihn Araber daran, die ihn als gefährlichsten Feind des Sklavenhandels kannten. Er mußte deshalb zu Fuß um den See herumgehen und eroberte Schritt für Schritt dem menschlichen Wissen neue Gebiete, arbeitete Karten; aus, schrieb Aufzeichnungen nieder und legte Sammlungen au. Nochmals näherte er sich Gegenden, die er von der u-.>ri >en Reise her schon kannte, wo die Weiber der Schwarzen an den Ufern des Flusses von Krokodilen weggeschleppt wurden, wo- er feilte Gattin verloren hatte und wo alle Missionare, die män auf seinen Vorschlag dorthin geschickt hatte, am Fieber gestorben waren!
■ Nur siebenunddreißig Leute hatte er bei sich; einer von ihnen,- Muss, hatte ihn schon früher begleitet, und viele von den Dienern waren Inder. Bald stellte sich aber heraus, daß seine Begleitung elendes Gesindel war. Die Inder mutzte er entlassen, und von den übrigen konnte er nur wenigen Vertrauen schenken. Die besten waren Sufi und Tschuma, die später in Afrika und Europa als Vorbilder der Treue berühmt wurden. Mufa dagegen war eüj Schuft. Als er von einem arabischen Sklavenhändler erfuhr, das ganze Land, durch das Livingstone vordringen wolle, werde von kriegerischen Stämmen bewohnt, die kürzlich eine Schar von vierzig Arabern überfallen und nieder-gemacht hätten, packte ihn.und die
*) Wir entnehmen mit Erlaubnis des Verlags F. A. Brock- haus, Leipzig, diesen Aufsatz dem trefflichen Volks- und JUgend- buche von Sven Hedin „Von Pol zu Pol" (Bd. II: VoiH Nordpol zum Nequqtvr; geh, 3 Wk,).


