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Preußische Armee. Sie hielte» jeden Weg besetzt, aber den Pfad der Pflicht konnten sie nicht versperren, wenn Etienne Gerard ihn vor sich sah. Ich konnte nicht länger warten. Ich mußte Mfbrechen.
Der Boden hatte nur den einen Ausgang, ich mußte also tiud) jetzt wieder die Leiter benutzen. Ich guckte durch einen Spalt in die Küche und sah, daß der junge Arzt noch drin war. Aus eineni Stuhl saß der verwundete englische Offizier, und auf dem Heu lagen zwei preußische Soldaten. Die anderen hatten sich wieder alle erholt und waren 'nausgeschickt worden. Das waren meine .Feinde, durch die ich hindurch mußte, um zu meinem Pferd zu gelangen. Von dem Arzt hatte icf; nichts zu befürchten; der Engländer war verwundet und hatte seinen Säbel in der Ecke stehen; die beiden Deutschen waren halb be- w-ußtlos und hatten ihre Gewehre nicht bei sich. Was konnte da einfacher sein? Ich klappte die Falltür auf, glitt rasch die Leiter hinunter und staird plötzlich mit blankem Säbel in ihrer Mitte.
Was für 'ne Neberraschung! Was für 'n Bild! Der Arzt wußte natiirlich Bescheid, aber der Engländer ,und die beiden Soldaten müssen gemeint, haben, daß der Kriegsgott.persönlich vom Himmel heruntergestiegen sei. Bei meiner Erscheinung, bei meiner Figur, in meiner silbergrauen Uniform, und das blitzende Schwert in der Rechten muß ich wirklich einen Anblick gewährt haben, der des Sehens wert war. Die zwei Deutschen stierten mich erschreckt an. Der englische Offizier suchte sich aufzurichten, sank aber vor Schwäche gleich wieder in seinen Stuhl zurück, er sperrte den Mund auf und hatte den Arm auf die Stuhllehne gelegt.
„Was der Teufel! was der Teufel!" rief er in einem fort.
„Bitte, rühren Sie sich nicht von der Stelle," sagte ich; 7,ich will Ihnen nichts tun, aber wehe dem, der mich anfaßt und mich festzuhalten versucht! Sie brauchen keine Furcht zu haben, wenn" Sie mich ungeschoren lassen, aber Sie brauchen auch keine Hoffnung .zu haben, ivenn Sie mir in den Weg treten. Ich bin der Oberst Etienne Gerard von den -Couflansscben Husaren."
„Alle Wetter!" sagte der Engländer. „Daun sind Sie der Mann, der den Fuchs erlegt hat!" Eine schreckliche Mit stieg in ihn: auf und verfinsterte seine Zuge. Die Eifersucht der Sportsleute ist eine niedrige Leidenschaft. !Er haßte mich, dieser Engländer, weil ich ihn damals ausgestochen und ihm den Jagdsieg abgerungen hatte. Wie verschieden.sind doch die .menschlichen Naturen! Hätte ich ihn eine solche Tat vollbringen sehen, ich wäre ihm freudestrahlend um den Hals gefallen. Doch ich hatte .keine Zeit zu längeren Erörterungen.
„Es tut htir leid, Sir," sagte ich; „aber Sie haben hier Ihren Mantel liegen, ton dem ich Besitz ergreifen muß."
Er versuchte wieder aufzustehen und seinen Säbel zu fassen, aber ich war.rasche Zwischen Ihm und jener Ecke,
„Wenn ettvas in den Taschen steckt —"
„Ein Kästchen," sagte er.
„Ich will Sie nicht berauben," fuhr, ich fort; uni> als ich den Rock aufhob, fand ich iw den Taschen M» silbernes Pulverhorn, ein viereckiges Holzkästchen und einen Feldstecher. Ich bändigte ihm alles ein. Da machte der verdammte Kerl das Kästchen auf, nahm eine Pistole 'raus und hielt sie mir direkt Vor den Kopf.
„Nun, mein Lieber," sagte er, „stecken Sie Ihren Säbel ruhig ein und übergeben Sie sich."
Ich war über diese niederträchtige Hmrdlungsweise so erstaunt, daß ich wie versteinert vor ihm stand. Ich versuchte ihm von Ehre und Dankbarkeit zu sprechen, aber ich sah, daß seine Augen hart und kalt auf die Pistole gerichtet blieben.,
„Machen Sie keine Redensarten!" sagte er. „Den Säbel weg."
Konnte ich mir eine solche Demütigung gefallen lassen? Der Tod war besser, als in dieser Weise entwaffnet zu werden. Das Wort /Schießen Sie zu!" war mir schon auf der Zunge, als der Engländer vor meinen Augen verschwand, und sich an seiner Stelle ein großer Heuhaufen auftürmte, aus dem ein roter Arm und zwei _ große Reiterstiefel - herausragten und um sich schlugen. O, diese wackere Wirtsfrau! Mein Schnurrbart hatte mich gerettet.
„Flieh'» Sie, Soldat, flieh'» S'!" rief sie und warf immer neue Heubündel' auf den zappelnden Engländer. In einem Moment war ich draußen im Hof, hatte Violetta aus dem Stall geführt und saß auf ihre;» Rücken. Vom Fenster pfiff eine Pistolenkugel an mir vorbei, und ich sah ein wütendes Gesicht hinter mir hergucken. Ich lächelte nur verächtlich und gab Violetta die Sporen. Die letzten Preußen waren vorüber, und mein Weg und meine Pflicht lagen frei und klar vor mir. Siegte Frankreich, so war alles gut, verlor Frankreich, so hing's ton mir und meiner kleinen Stute ab, was mehr als Sieg und Niederlage bedeutete — die Sicherheit und das Leben des Kaisers. „Voran, Etienne, voran!" rief ich aus. „Von allen deinen hervorragenden Taten liegt jetzt die größte vor dir, selbst tvenn's deine letzte sein fönte-!"
II. Die Geschichte ton den neun preußischen Reitern.
Als wir das vorigeinal beisammen saßen, mes amis, habe ich Ihnen von dem wichtigen Auftrag erzählt, den ich voni Kaiser für den Marschall Grouchy bekommen hatte. Miß 'der Plan fehlschlug, war, wie Sie wissen, nicht meine Schuld. Ich habe Ihnen auch auseinandergesetzt, wie ich einen ganzen langen Nach- mtttog auf den: Boden eines Wirtshauses eingeschlossen war und nicht 'raus konnte, weil rundum alles voller Preußen war. Sie werden sich noch erinnern, Messieurs, daß ich bei «dieser Gelegenheit erfuhr, wie der preußische Generalstabschef dem Grafen Stein WeisuugM gab, und ich von hem gefährlichen Plan Kenntnis erlangte, Der daraufabzielte, im Falle einer französischen Niederlage den Kaiser gefangen zu nehmen, sei es tot oder lebendig. Anfangs konnte ich diesen Fall nicht für möglich halten, aber nachdem den ganzen Tag geschossen worden war, und mir der Donner der Kanonen nicht Näher kam, war's klar, daß die Engländer wenigstens Stand gehalten und alle unsere Angriffe abgeschlagen hatten.
Ich sagte schon, daß es an jenem Tag ein Kampf war zwischen dem Herzen Frankreichs und dem „Beef" Englands, aber ich »ruß zngeben, daß wir das „Bees" sehr zäh fanden. Ich sah sehr ivohl ein, daß, wenn der Kaiser die Englänger allein nicht schlagen konnte, es ihm dann tatsächlich schlecht ergehen müßte, wenn er noch sechzigtausend von diesen verfluchten Preußen auf dem Hals hatte. Auf jeden Fall mußte ich doch-, wo ich dieses Geheimnis kannte, an seine Seite kommen.
Ich war, tüte ich,Jhuen das letztemal geschildert habe, auf ganz verwegene Art ins Freie gelangt und ließ den englischen Adjutanten ruhig eine Faust hinter mir hermachen. Ich mußte nur lache», als ich mich umdrehte und ihn mit seinem wütenden, roten, heuumrahmte» Gesicht am Fenster stehen sah. Sobald ich auf 'der Chaussee war, richtete ich mich in «Jöen Steigbügeln in die Höhe und warf seinen schönen, schwarzen, rotgebrämten Reiter- mautel über mich her. Er fiel bis auf die Stiefel 'runter und bedeckte meine Uniform vollständig. Was meinen Tschako betrifft, so ist diese Art Kopfbedeckung bei den Preußen gar michts seltenes/ und es lag kein Grund vor, daß sie auffallen sollte. So lange mich niemand anhielt und mich zum spreche» veranlaßte, konnte ich getrost durch die ganze preußische Armee reiten; aber, obwohl ich ganz gut deutsch konnte, denn, ich hatte während der Zeit,- wo ich in diesem Lande gefochten hatte, viele Freundinnen erworben, so sprach ich doch mit esivas Pariser Akzent, der zu dieser rohen, unmusikalischen Sprache nicht recht paßte. Ich wußte, daß diese Aussprache auffallen würde, mußte also hoffen und wünschen, schweigend durchzukommen.
Der Pariser Wald war so groß, daß ich nicht d'ran denke» tonnte, d'rum 'rum zu reiten, ich faßte also Mut und galoppierte die Straße hinunter, hinter der preußischen Armee her. Ihre Spur war nicht leicht zu-verfehlen, denn der Weg zeigte von den Wagenrädern zwei Fuß tiefe Einschnitte. Ich trat bald auf die erste» Vernmudeten. Sie lagen an beiden Seiten des Weges, Preußen und Franzosen, es war wahrscheinlich an der Stelle, wo die ersten Vorposten Bülows mit den Marbotschen Husaren zusamiuengestoßen waren. Ein Alter mit einem langen, weißen Barte, ein Arzt vermutlich, schrie mich an und lief schreiend hinter mir her, aber ich drehte mich nicht um und nahm weiter keine Notiz von ihm, als daß ich mein Tempo beschleunigte.. Ich hörte ihn noch« eine ganze zeitlang schreien, als ich ihn schon längst nicht mehr sehen konnte.
Gleich darauf kam ich an die preußische» Reserven. Die Infanterie stand auf ihre Gewehre gelehnt oder lag erschöpft auf der feuchten Erde; die Offiziere standen in Gruppe» zusammen, hörten dem mächtigen Donner der Geschütze zu und diskutierten die Berichte, die sie von der Front erhielten. Ich sauste in rasende!» Galopp dahin, aber einer der Offiziere stürzte vor mir auf den Weg und hob zum Zeichen, daß ich halten sollte, die Hand in die Höhe. Fünftausend Preußen richteten rhre Augen auf mich. Das war ein Moment! Sie werden blaß, me§ amis, bei dem Gedanken d'ran. Nun. stellen Sie sich vor, wie mir damals die Haare zu Berge standen. Aber deinen Augenblick hat mich je mein Witz und mein Mut verlassen. „General Blücher!" rief ich. War's nicht mein Schutzengel, der mir diese Worte eingeflüstert hatte? Der Preuße sprang mir rasch aus'dem Weg, salutierte und deutete vorwärts. Sie sind fein diszipliniert,- diese Preußen, und wer hätte es wagen sollen, einen Offizier aufzuhalten, der eine Botschaft für den General hatte? Es Ivar ein Talisman, der mich aus jeder Gefahr ziehe» wurde, und ich freute mich riesig über diesen Einfall. Ich war so wohlgemut, daß ich gar nicht erst wartete, bis ich gefragt wurde, sondern, als ich durch die Truppe» durchritt, einfach »ach rechts und links immer „General Blücher! General Blücher!" rief; und überall deutete man nach vorne und machte mir Platz, um mich passieren zu lasse». Es gibt Zeiten, wo die größte Unverfrorenheit die höchste Weisheit ist. Aber immerhin »ruß eine gewisse Diskretion dabei fein, und ich muß, zugeben, daß ich zu weit ging. Denn als ich weiter ritt und der Gefechtslinie immer näher kam, erwischte ein preußischer Ulanen-Offizier meine Zügel und deutete auf eine Gruppe Männer, bie_ in der Nähe eines brennenden Bauerngehöfts standen. „Dort ist Marschall Blücher. Uebergeben Sie ihm Ihre Botschaft!" sagte er, und wahrhaftig,-


