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heute war, war sie selber einst auch gewesen, als sie Nikr Peterniann die Hand reichte. Voll guten Mutes, voll Hoff- mtngen, voll Optimisntus.
Und welche Jammerliese war aus ihr geworden!
„Uebrigeits warst du schon bei Raffs," fragte Berta plötzlich, das Thema wechselnd. „Was sagst du dazu, wie großartig es Herta nun geht?"
Meta schüttelte den Kopf.
„Ich weiß seit langem nichts von ihr — ist sie denn in Wien?" ,
„Freilich. Draußen bei Mödling hat er die Leitung eines großen Sanatoriums übernommen. Es ist eine Aktiengesellschaft und Raff bezieht ein glänzendes Gehalt. Herta kleidet sich wie eine Fürstin, die Kinder haben Engländerin und Hofmeister — na, ich sage dir: phänomenal! Isas Mann in Japan soll auch Reichtiimer samineln. Wer ich glaube nicht, daß sie so hochmütig geworden ist wie Herta. Ich gehe gar nicht gern hinaus zu ihr — man fühlt sich immer gedrückt und geniert. Nun sage mir aber mal, wo du eigentlich wohnst? Bist du schon lange in Wien?"
„Nein. Ich wohnte bis jetzt im neunten Bezirk, aber ich will heute in irgend ein anständiges billiges Hotel garni iwersiedeln. Weißt du vielleicht zufällig eines, wo eine alleinstehende Frau mit einem Kinde wohnen kann?"
Meta sagte es ruhig ohne falsche Scham, ohne die geringste Verlegenheit. Sie hatte sich entschlossen, Bertas Offenheit mit gleicher Münze zu bezahlen. Es schien ihr Reinlich heute, wo die andere glücklich war, ihre traurige Soge irgendwie bemänteln oder verbergen zu wollen.
Die kleine Berta war sehr taktvoll. Sie stellte keine taktlose Frage nach Metas Mann, sondern sagte nur:
„In ein Hotel garni willst du? Warunt nicht in eine Privatwohnung?" — „Weil ich nicht weiß, wie lange ich bleiben werde. Ich suche eine Stellung, sowie ich für Kon- radchen einen passenden Kostplatz habe."
„Eine Stellung? Du?!"
Nun konnte Berta ihr Erstaunen doch nicht länger verbergen.
„Ja, meine Verhältüisse haben sich sehr geändert ... ich will dir gegenüber keinen Hehl daraus machen, bitte dich aber, später die Sache nickst mehr zu berühren."
Und sie erzählte mit leiser Stimme und gesenkten^ Kopf die ganze Geschichte ihrer zweiten Ehe bis zu Frau Bettinas Tod, immer mehr bemüht, Montelli so viel als möglich zu schonen.
Bau seinen Fälschungen sagte sie nichts, schob alles au? Rennverluste, uno erwähnte auch nichts von Prinz Reinsperg. Nur betonte sie immer wieder leidenschaftlich, daß sie um keinen Preis länger mit Montelli leben könne.
„Mißverstehe mich nicht, Berta," schloß sie erregt, „er hat mir vorgeworfen, daß ich die Scheidung nur anstrebe, um Mamas Erbe antreten-zu können, obwohl ich schon Ku Mamas Lebzeiten fest entschlossen war, mich von ihm Ku trennen. Tas ist es nicht, bei Gott! Mir liegt heute nichts mehr daran, ob mir rechtlich geschieden werden oder nur getrennt leben — ich will nur endlich, endlich Frieden Haben und nsich selber wieder achten können. Ich will gern arbeiten und sogar die Trennung von Konradchen ertragen, bis ich seine Schulden bei Heller und Pfennig bezahlt habe . . . all . . . alle! Nur nicht länger diese entwürdigende Gemeinschaft tragen müssen."
„Wer wenn ihr nicht geschieden seich Meta, dann hat dein Mann gesetzlich ein Recht, dich jederzeit zu sich zurückzurufen. Uno er hat auch em Recht auf deine Einkünfte."
„Mag er alles nehmen. Ich werde einen anderen Namen annehmen und mich verbergen, daß er mich nicht findet. Habe ich dir nicht gesagt, daß ich arbeiten will? Wenn ich nur wieder ich selbst sein darf."
Berta schüttelte zweifelnd den Kopf.
Diese Plane kämen ihr, die jahrelang mitten im Leben um ihr tägliches Brot gekämpft hatte, abenteuerlich und undurchführbar vor.
Was wollte die verwöhnte Meta, an der jeder Zoll „große Dame" war, denn beginnen? Gesellschafterin oder Gouvernante? Ahnte sie, welche Demütigungen damit verbunden waren?
Außerdem nahm niemand gern eine so- auffallende Schönheit ins Haus. Es gab- überall Gatten und Söhne.
Die kleine Frau kam sich mit ihren praktischen Erfahrungen der Freundin gegenüber sehr überlegen vor in diesem Moment.
Und- mit einer gewissen mütterlichen Fürsorge ergriff sie Metas Hand.
„Das alles ist nicht so einfach, wie du denkst, mein Herz. Eines aber ist sicher: in ein Hotel garni gehst du mir nicht. Wir haben drei nette kleine Zimmer und- das sogenannte „gute" ist ganz überflüssig, da wir fast nie Besuch haben. Dieses räume ich dir ein und- du bleibst bei uns, brs sich etwas Passeirdes für dich findet. Bietet sich dir etwas ganz Passeirdes, dann lässest du mir wenigstens das Kind — ich schwöre dir, daß es nirgends besser aufgehoben sein kann als bei mir. So, und nun komm gleich mit . . ." i
„Berta! Wie könnte ich?! Tu . . ."
„Still, kein Wort weiter. Du bist mir beigesprungen, als mir das Wasser bis an den Hals ging, es ist die aller- einfachste Sache der Welt, daß ich glücklich bin, das gleiche bei dir tun zu können."
„Aber dein Mann?"
„Max ist die Seele von einem Menschen, du wirst, schon sehen. Keine Idee, daß er was dagegen hätte."
Sie stand auf und nahm Konradchen, der einige Schritte entfernt im Saude spielte, an der Hand.
„Allons, Konradchen! Nun kommst du zu Tante Berta und sollst mal sehen, wie hübsch es- bei ihr ist."
Meta faßte des Kindes andere Hand und so schritten: sie schweigend hin. Ihr war das Herz so voll Rührung und Dankbarkeit, daß sie eine gute Weile fein Wort herausbrachte.
„Wir wohnen int vierten Bezirk — Luiseitstraße 7> zwei Treppen hoch. Ich hoffe, es wird dir gefallen," begann Berta, die langes Schweigen nicht ertrug, endlich wieder. „Den Belved-ere-Garten hast du ganz nahe für das Kind und dort ist es viel schöner als hier. Auch in den Arsenal-Garten können wir ihn fiihren. Dort zeigen wir ihm die Kanonen . . ."
„Sagtest du nicht, daß Herta in Mödling ist," unterbrach sie Meta, der plötzlich ein Gedanke kam.
„Ja, allerdings."
„Und . . . glaubst du tiicfji, daß in einem Sanatorium, wo doch viele Leute beschäftigt werden, vielleicht irgend eine Stelle für mich zu haben wäre?"
Berta dachte einen Moment nach.
„Hm, die Idee wäre so übel nicht. Fragt sich nur, was für eine Stelle?"
„O — ich wäre mit allem zufrieden! Meiuetwegeit auch als Krankenpflegerin."
„Fragt sich auch noch, ob Herta will? Du mußt wissen, Raff tut nur, was' sie will. Und sie ist recht eigen manchmal. Die gute Herta."
„O, Herta und Isa touren doch meine besten Frenir- bütnen. Wenn du so viel für mich tust, wird doch Herta mir den kleinen Gefallen erweisen? Gleich morgen will ich zu ihr."
„Na ja, wir werden ja sehen. Und hier sind wir an unserem neben Hause! Gott segne deinen Eintritt, Meta!" (Sortierung folgt.)
Abenteuer des Brigadier Gerard.
Von C. Doyle.
WiesichderBrigadierbeiWaterlooauszeichneter (Sortierung.)
Ich brauche Ihnen nicht weiter zu erklären, mes «mich was dies alles zu bedeuten hatte. Er hatte tatsächlich genau; ebenso gehandelt, wie ich's an seiner Stelle getan haben würde.. Von jedem Oberst hatte er sich die zwei besten Reiter tut Regiment mitgeben lassen, und so eine kleine Schar zusammengebracht,- die hoffen konnte, alles einznfangen, was sie verfolgte. De« Himmel mochte dem Kaiser gnädig fein, wenn er ohne Begleitung sein und diese Gesellschaft hinter ihn kommen sollte!
Und ich, mes chers amis — denken Sie sich das Fieber^ die Gärung, die wahnsinnige Wut in meinem Innern! Jeder Gedanke au Grouchy war fort. Von Osten her war keilt Kanonendonner zu hören, er konnte nicht in der Nähe sein. Wenn; er auch noch kommen sollte, wurde er doch nll.cht mehr recht-. zeittg eintreffen, um den Ausgang der Schlacht zu ändern-.. Die Sonne stand schon tief und es konnten höchstens noch zwei oder bret Stunden bis zum Eintritt der Dunkelheit fein. Meine ursprüngliche Mission konnte ich als zwecklos auf geben. Aber ich hatte eine andere Mission, eine dringendere, die feinen Aufschub litt, die die Sicherheit und vielleicht das Leben des Kaisers bedeutete. Um jeden Preis, durch jede Gefahr hindurch, mußte ich zurück an feine Seite. Aber wie sollte ich's anfangen? Zwischen mir und den französischen Linien befand sich jetzt die ganze


